JazzLuck mit Joscho Stephan, Museum für Lackkunst Münster, 11. Okt. 2018

Beethoven, Schumann und Django waren auch dabei


In der Vorankündigung zum Konzert war Folgendes zu lesen. „Joscho Stephan prägt wie kein anderer mit seinem Spiel den modernen Gypsy Swing: Durch seinen authentischen Ton mit harmonischer Raffinesse und rhythmischem Gespür, vor allem aber mit seiner atemberaubenden Solotechnik hat er sich in der internationalen Gitarrenszene einen herausragenden Ruf erspielt.“ Joscho Stephan kam jedoch nicht alleine nach Münster, sondern gemeinsam mit dem Pianisten Marcus Schinkel, einem „Wanderer“ zwischen Jazz, Rock und Klassik sowie  mit dem Bassisten und Komponisten Walfried Böcker, der unter anderem bereits mit The Weather Girls und Jermaine Jackson zu hören war.


Vor ausverkauftem Haus spielte das ad-hoc-Quartett ein sehr abwechslungsreiches Programm zwischen Klassik und Swing sowie Jazzstandards. Zusammengekommen waren die Musiker auf Einladung von Ben Bönniger, der seit acht Jahren die Reihe JazzLuck betreut. Bei dieser Reihe kann man dann Ensembles erleben, die man als Unikate bezeichnen kann, denn in der Besetzung in Münster werden sie wohl kaum ein zweites Mal irgendwo zu hören sein!


Nicht nur Herr Beethoven


Klassik meets Gipsy Jazz – so könnte man einen Teil des Konzertabends überschreiben. Eröffnet wurde dieser mit einem Solo des Pianisten Marcus Schinkel, der aus Bonn Herrn Beethoven musikalisch mitgebracht hatte. „Swinging Pathetic“ gab es zu hören. Kleine musikalische Springfluten ergossen sich  anfänglich im Untergeschoss des Museums für Lackkunst. Über diese wurde phrasiert und paraphrasiert, stets aber das Thema geschickt eingewoben und hörbar gemacht. Stark rhythmisch agierte dazu Joscho Stephan auf seiner akustischen Gitarre mit dem D-förmigen Schallloch. Doch damit begnügte sich der Gitarrist keineswegs, sondern ließ uns auch an klassischem Swing, europäisch geprägtem Swing im Geiste von Django Reinhardt teilhaben. Fingerschnelligkeit war wahrzunehmen, auch mit kaskadierenden Akkorden wurde gearbeitet. Besen kreisten über Snare und Toms. Mit Feinschliff umspielte Marcus Schinkel am Flügel das Thema, nachdem ihm das musikalische Zepter wieder übergeben worden war.

Gleich beim ersten Stück spürte man die starke Interaktion zwischen Pianisten und Gitarristen, die die Musik gleichsam brennen ließen, derweil der Bassist sich über das behäbige Wesens seines bauchigen Saiteninstrument hinwegsetzte.


Latin Swing, Bossa im Kern, prägte das zweite Stück des Abends, das den Titel „Nachklänge aus dem Theater“ trägt und eine Verneigung vor Robert Schumann war. Lauschte man den leichtfüßigen, tänzelnden Akkordfolgen, so sah man vor dem geistigen Auge Tänzer mit Spreiz- und Ausfallschritten über den Parkettboden schweben. Man dachte an Unbeschwertheit, an Cuba libre und Barcadi Rum, an azurblaues Meer, an Traumstrände, an „Leben und Leben lassen“. Aber auch der Hot Club de France war zugegen. Dies war ein reines Saiteninstrument-Ensemble rund um den Gitarristen Django Reinhardt und den Geiger Stéphane Grappelli. Diese machte das bekannt, was nunmehr als Gipsy Swing in aller Munde ist.


Es ging auch ohne Theremin

Eigentlich sollte das nachfolgende Stück namens „Debussy‘s Reverie“ mit Theremin, dem „ersten Synthesizer der Welt“ begleitet werden. Doch das Instrumente verweigerte den Dienst, kein Wunder, denn es ist ja ein sehr altes Instrument und nicht HighTech, wie Marcus Schinkel verschmitzt anmerkte. Im Gegensatz zu den vorherigen Stücken musste man sich nun auf eine balladenhafte Form einlassen.


Lyrische Konnotationen waren auszumachen. Durchatmen statt Tempo stand auf dem Programm. So konnte man dann auch beschauliche Klangwasserspiele verfolgen, hier und da Klangfontänen erleben. Das war besonders dann der Fall, wenn Marcus Schinkel seine Finger über die Tasten legte. Lauschte man den Gitarrensequenzen, so meinte man hin und wieder für einen kurzen Augenblick eine Hawaii-Gitarre zu hören, wenn auch der Swing allgegenwärtig war. „Bass-Serenaden“ drangen ans Ohr der Anwesenden und schienen zu verheißen, dass der Tag zur Neige gehe. „Enthasten“ schien angesagt zu sein.


Diesmal nicht Django, aber doch mit Swing


Zur Gibson-Gitarre griff Joscho Stephan, als es um „7 come 11“ ging, einem Stück aus der Feder von Charly Christian, der die elektrische Gitarre im Jazz in Amerika popularisiert hat. Doch ehe es losging, unterhielt Joscho Stephan das Publikum mit „Anekdotischem“ zu Django Reinhardt, der wohl etwas knauserig war und seine Mitmusiker sehr schlecht bezahlte. Davon konnte auch Roger Chaput ein Lied singen. Honorarerhöhungen seinerseits wurden abgelehnt. Als Django jedoch im Billard gegen ihn verlor, so Joscho Stephan, habe er ihm 30000 Francs ausgezahlt. Das geschah aber mit Roger Chaputs Verpflichtung, nie wieder nach einer höheren Gage zu fragen. Und noch eine Geschichte erzählte Joscho Stephan, diesmal zu Charly Christian und seinem Vorspiel bei Benny Goodman, der eigentlich keinen Banjospieler – das sei etwas für Dixieland Jazz - und keine Gitarristen in seiner Band haben wollte. Doch Christian überzeugte Goodman mit seinem 45minütigen Vortrag.

Nach diesem Exkurs hieß es dann „7 come 11“. Wer genau hinhörte, konnte schon heraushören, woraus denn der frühe Rock `n Roll schöpfte. Da schienen sich Jive und Lindy Hop ein Stelldichein zu geben. Baute da Joscho Stephan nicht auch Fragmente aus dem Film „Der dritte Mann“ in sein Spiel ein? Es war eine wahre Freude, mit anzusehen, wie sich Marcus Schinkel und Joscho Stephan gegenseitig musikalisch anfeuerten und forderten, immer mit einem breiten Lachen im Gesicht.


Das „Bandoneon für Arme“ kam auch zum Zuge

Zu den Klassikern unter den Standards gehört gewiss „Caravan“. Auch dieses Stück hatte Joscho Stephan mit nach Münster gebracht, mal abgesehen von „Reunion Blues“ von dem berühmten Vibraphonisten Milt Jackson komponiert oder der Filmmusik aus „Der Pate“.


Beim Arrangement der Filmmusik sah man Marcus Schinkel das „Bandoneon für Arme“ spielen, ein Mischung aus Harmonika und Melodica. Hier und da hatte der eine oder andere Zuhörer den Eindruck, da würden sich dann auch italienische Volksweisen unter die Filmmusik mischen,  drifteten die Musiker auch zur Filmmusik von „Dr. Schiwago“ ab. Übrigens, bei „Four Brothers“, eigentlich für vier Saxofonisten geschrieben, schien Joscho Stephan Zitate in sein Spiel einzubauen, so kurze Passagen aus „The Girl From Ipanema“ und dem „Pippi Langstrumpf-Song“. Oder war das alles nur ein Missverständnis?

Nicht fehlen durfte beim Konzert in Münster „Nuages“ von Django Reinhardt, der aufgrund eines Handikaps nur mit zwei Finger spielen konnte. Umso mehr ist bis heute dessen Spielwitz und -technik zu bewundern! Letzteres Stück schien auch dem Bassisten Walfried Böcker entgegen zu kommen, der nachhaltig um ein langsames Stück gebeten hatte. Und so erlebten wir an einem das Publikum mitreißenden Abend einen klanglichen Schneefall, derweil sich der Oktober von seiner milden Seite zeigte, Altweibersommer in Münster.


Text und Fotos © ferdinand dupuis-panther – Text und Fotos sind nicht public commons!



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