Jazz und Weltmusik im Hofgarten

Philipp van Endert & Björn Thoroddsen + special guest Christian Kappe „trafen“ auf TAN, Düsseldorf 18.8.2018


Zwei Gitarristen und ein Trompeter, ein bass- und schlagzeugloses Trio, sicherlich ein sehr seltener Klangkörper gebildet von Björn Thoroddsen (git), Christian Kappe (tp) und Philipp van Endert (git). Diese drei Musiker hatten in der Besetzung noch nie zuvor gemeinsam auf der Bühne gestanden. Der isländische Gitarrist Björn Thoroddsen, der eher im Stil von Folk und Country Music das Saitenspiel auf einer akustischen Gitarre zelebrierte, traf erst zwei Tage vor dem eigentlichen Konzert zu Proben in Düsseldorf ein. Zu Dritt, so verriet es mir Philipp van Endert, habe man etwa 1 ½ Stunden vor dem Konzert gemeinsam geprobt. Doch Vollblutmusiker sind das gewohnt.


Divergente Stile

Mit großer Spannung durfte man sich auf das Zusammentreffen dieser beiden Gitarristen freuen, vor allem wegen der unterschiedlichen Spielweisen, hier Folk und Country – bisweilen dachte man beim Zuhören an J. J. Cale und Crosby, Nash & Young – und dort die „klassische Jazzgitarre“ in den Traditionen von Jim Hall und anderen Giganten des Gitarren-Jazz. Eine zusätzliche Klangvariante schuf Christian Kappe, der nicht samtenes Flügelhorn, sondern einen eher „säuerlich-spitzen“ Trompetenschwall zur Abrundung des Dreierklangkörpers beisteuerte.

Feinstes Saitengewebe

Bereits beim ersten Riff und Takt wurde deutlich: handgemachte Musik ohne Effekthascherei stand auf dem Programm. Fein gewirktes Saitengewebe traf auf fedrige Klangwolken, die an Cirruswolken erinnerten. Es schien, als hielte Christian Kappe die Kettfäden in der Hand, während das Schiffchen von den beiden Gitarristen hin- und hergeschoben wurde, nur um mal bildhaft zu beschreiben, was musikalisch präsentiert wurde. In Fragen der Rhythmik und Melodiekonturen wechselten sich Björn Thoroddsen und Philipp van Endert ab. Zudem übernahm Thoroddsen auch hier und da die Basslinie. Ausufernd erschien die Klangwelle, die Christian Kappe auf seinem Horn erzeugte. Bildlich sah man einen sich sammelnden und auseinander fliegenden Vogelschwarm vor sich, folgte man Kappes Klanglinien, ob gedämpft oder ungedämpft gespielte Trompete wahrzunehmen war.


Nach dieser „Einführung“ stand eine Komposition von Thoroddsen auf dem Programm: „The Hammer“. Thoroddsen war auch im weiteren Verlauf nicht nur für die Auswahl der Stücke verantwortlich, sondern auch für die kurzweiligen Zwischenansagen, die mit Augenzwinkern und Grinsen vorgetragen wurden, zum Beispiel auch dann, wenn Duke Ellington kurzerhand zu einem isländischen Jazzer gemacht wurde.

Lauschte man den Grundlinien, die Thoroddsen spielte, dann schienen ab und zu auch John Denver und Co. nicht sehr fern zu sein. Manchmal hatte man auch den Eindruck die legendäre Begleitband von Bob Dylan, einfach und schlicht „The Band“ genannt, stehe im Geiste mit auf der Bühne im Hofgarten. Thoroddsen mischte Rock ‚n Roll mit Square-Dance-Anmutungen, wenn er mit flinkem Fingerspiel über die Saiten streifte. Die Antwort aufs eher „Folkloristische“ blieb nicht aus, wenn immer Philipp van Endert an der Reihe war. Phrase und Paraphrase gaben sich ein Stelldichein, was auch auf das Spiel von Christian Kappe zutraf.


Ein Klassiker unter den Standards ist Ellingtons „It don‘t mean a thing ...“. Dazu gab es einen „kleinen Einführungskurs“ von Thoroddsen, auch gesanglich bis hin zu Duaduaduab. Und es swingte heftig und fortwährend als das Dreigespann diesen Standard vortrug: „It don't mean a thing, if it ain't got that swing / It don't mean a thing, all you got to do is sing / It makes no difference if it's sweet or hot / Just give that rhythm everything you've got.“ Gelegentlich drängte sich der Eindruck auf, Django wäre zugegen, vor allem beim „Duett“ zwischen van Endert und Thoroddsen. Christian Kappe hingegen entführte uns mit seinem Spiel in Sphären jenseits des Swing. Er ließ es schwirren, brodeln, köcheln.

Auf die rhetorische Frage, woran man denn denke, wenn man an Island denke, antwortete Thoroddsen mit einem Wort: „Tango“. Nun ja, finnischen Tango mag schon der eine oder andere der Anwesenden erlebt haben, argentinischen auch getanzt haben, aber isländischen … „Black Frost Tango“ war wirklich ein Tango, auch ohne Bandoneon und Streicher. Melancholie wurde zelebriert, Sehnsüchte wurden geweckt, an einem überaus herrlichen Sommertag. Man sah vor seinem geistigen Auge Paare übers Parkett gleiten. Es knisterte. Köpfe wurden hin- und hergeworfen, Bewegungen im Stakkato bis zur Perfektion ausgeführt. Taktgefühl war gefragt.


Schließlich verabschiedete sich das Dreigespann mit einem Bossa Nova, den Philipp van Endert geschrieben hatte. Doch wer da glaubte, eine Zugabe gäbe es nicht, der irrte. So bestiegen wir den „Caravan“, erneut eine Komposition von Duke Ellington, den Thoroddsen, so bekannte er, besonders schätze.


Eine musikalische Reise vom Schwarzen Meer nach Anatolien

Im zweiten Teil des vorerst letzten Konzerts der Reihe „Jazz und Weltmusik im Hofgarten“ wurde das Publikum mit einer musikalischen Reise durch die Türkei konfrontiert, ohne dabei gängige Muster türkischer Kunstmusik oder türkischer Schlager- und Popmusik zu erleben. Zu hören war die aus meiner Sicht als Fusion-Band zu bezeichnende Band namens „TAN“ mit Musikern aus Neuss, Köln, Mönchengladbach und Düsseldorf, von denen einige „türkische Wurzeln“ haben.


Fusion, Fusion, Fusion

TAN besteht aus den nachstehend genannten Musikern: Jürgen Dahmen (p/keys), Ergün Aktoprak (voc/perc), Yavuz Duman (tp), Rupi Schwarzburger (b), Iwan Harlan (keys/electronics) und Selman Sezek (perc). In der Vorankündigung hieß es: „Das Panorama musikalischer Bilder und Atmosphären wird verwoben mit westlich-urbanen Klängen. Nicht nur Rhein und Bosporus werden hörbar näher gerückt.“ Es war schlicht Fusion, denn eine bessere Bezeichnung für den vorgetragenen „Musikmix“ gibt es nicht, na ja vielleicht Weltmusik, aber was sagt das schon aus!


Auffallend war, das keiner der Musiker Saz oder Ud spielte. Ja, der Perkussionist Selman Sezek ließ seine Hände über die Rahmentrommel schnellen, „bediente“ Kastagnetten ebenso wie eine Darbuka und brachte auch die Kistentrommel zum Schwingen. Doch all die anderen Musiker spielten „klassische nicht-orientalische“ Instrumente wie Flügelhorn und Trompete, Bass, Rhodes oder eine Art Synthesizer. Außerdem ließen sie elektronische Effekte in die Musik einfließen. Und Ergün Aktoprak sang auf Türkisch, auch vom Seelenschmerz, aber nicht nur.

Die Schöne von Erkilet ...

Als die Musiker die Bühne betraten war die Morgendämmerung – das ist die Übersetzung für den Bandnamen TAN - schon lange vorüber, aber für eine musikalische Reise war es noch nicht zu spät. Sie begann am Schwarzen Meer, ehe die „Schöne von Erkilet“ besungen wurde. Da mischten sich Beat-Box-Anmutungen mit den harten Beats der Darbuka, rumorte und wimmerte das Rhodes. Furios war das Trompetensolo, fern ab der Klischees von orientalischer Musik, aufgewühlt und aufrührerisch klingend. Stoisch gelassen war der Bassist am Werk und sorgte für eine stete Erdung. Derweil hatte man mehr und mehr den Eindruck, dass auch House und Techno der Musik beigemischt waren, dank der Effekte, für die Iwan Harlan zuständig war.


Aus der alevitischen Mystik wurde auch ein Stück vorgetragen. Dabei schienen die elektronischen Effekte beinahe überbordend zu sein. Farbige Klangteppiche wurden durch die Hörner ausgelegt. Samtenes war allerdings nicht auszumachen, auch dann nicht, wenn  Yavuz Duman dem Flügelhorn der Trompete gegenüber den Vorzug gab. Zwischen Nu Jazz und Acid Jazz bewegte sich das Stück, dem so gar nichts Sakrales innewohnte, jedenfalls in der Art, die wir als sakral begreifen.

Zum Schluss sei noch auf ein Lied über die Trennung hingewiesen, das von einer gewissen Schwermut geprägt war, insbesondere in der gesanglichen Interpretation von  Ergün Aktoprak.


Nach dem letzten Schlussakkord wünscht man sich auch im nächsten Jahr wieder ein derart farbenreiches Programm der musikalischen Kontraste im Hofgarten Düsseldorf. Vielleicht ist die Stadt Düsseldorf dann auch mal in der Lage und Willens, einige Konzerte mehr als in diesem Jahr finanziell zu fördern. Ein Publikum für die Musik ist allemal vorhanden, wie die Vielzahl der Besucher an allen Veranstaltungen unter Beweis gestellt hat.

Fotos und Text © ferdinand dupuis-panther – Text und Fotos sind nicht Public Domains/Commons!


Informationen

Philipp van Endert
www.pve.de

Björn Thoroddsen
www.bjornthoroddsen.com

Christian Kappe
https://www.jazzhalo.be/interviews/christian-kappe-im-gespraech-mit-dem-trompeter-und-fluegelhornisten/

TAN
https://www.oriente.de/de/tan


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