Jazz Today - tunnel & meadow

Black Box, Münster 4.3.2022






Unbekannt in der hiesigen Szene und darüber hinaus sind die vier Musiker nicht, die den Abend in der Black Box bestritten. Da war zum einen der Saxofonist Jan Klare; zum anderen gehörten zum Quartett der Gitarrist Serge Corteyn, der Bassist Johannes Nebel und der Drummer Marvin Blamberg.  Was konnten die Anwesenden angesichts nachstehender Ankündigung zum Konzert erwarten? In der Vorankündigung hieß es: „The „Joy of Repetition“ wie Prince es nannte, ist der Grundparameter dieses klassisch besetzten Quartetts. Konventionelle Klänge werden über lange Strecken stetig wiederholt und mäandern, metamorphosieren, morphen. Mit krasser Physis erreicht die Band über den „Tunnel“ die „Wiese“.“

Schon allein der Name der Band irritiert, verwirrt, lässt aufhorchen. So fragte ich den Bassisten Johannes Nebel und den Gitarristen Serge Corteyn nach dem tieferen Sinn eines solchen Bandnamens. Beide hoben sinngemäß hervor, dass der Tunnel, den Blick einschränkt, die Sinne reduziert, da es kein links und rechts gibt, sondern nur den Blick ans Ende des Tunnels. Die Wiese sei eigentlich auch etwas Reduziertes, wenn auch etwas Weites. Sie ist etwas Wiederkehrendes, sei mit Schraffuren zu vergleichen.


Schon der Beginn des Konzerts war sehr emotional. Jan Klare kündigte das erste Stück mit den Worten an, diesbezüglich sei man die eigene Vorband. Die vier Musiker spielten aus aktuellem Anlass die Nationalhymne der Ukraine. Das war fürwahr ein Statement gegen den Überfall Russlands auf die Ukraine, die Flucht und Vertreibung, die wir aktuell erleben, mehr oder minder hautnah. Es ist hier nicht der Ort der Debatte über ein etwaiges Für und Wider, für mehr oder minder fadenscheinige Erklärungsversuche oder gar Rechtfertigung. Es ist Krieg in Europa, Krieg in unserem Vorgarten und die Musiker bezogen dazu Stellung, musikalisch und obendrein ergreifend.


Danach ging es in Medias Res, in den Tunnel und auf die Wiese. Dabei schienen die Titel der Stücke frei assoziiert und nicht so wesentlich, also nicht gedacht für Assoziationen im Kopf der Zuhörer, so Jan Klare in einer seiner kurzweiligen Kommentierungen und Ansagen. Und noch etwas änderte sich. Wir erlebten ein wenig Mummenschanz, trugen die Musiker fortan doch „Federmasken“ in Schwarz und Weiß. Welche Assoziationen sollte das eigentlich auslösen? Sollte man an Mummenschanz und Maskerade im Karneval denken? Sollte man an den Kopfschmuck indigener Völker in Nord- und Südamerika denken? Sollten sich die Zuhörer einfach nur auf die Klänge konzentrieren und nicht auf die Gesichter der Musiker? Sollte kein Mienenspiel den Klangfluss bestimmen, sondern allein aus dem Gehörten heraus ein Spielfluss erwachsen?


Nun gut, zunächst nahmen uns die vier Musiker nach „Davos“ mit. Jan Klare war an der Bassklarinette zu hören; Johannes Nebel ließ den E-Bass rumoren, dröhnen und brummeln; Serge Corteyn verstieg sich in wiederkehrende Akkorde und der Drummer Marvin Blamberg zelebrierte keine filigrane Schlagwerkkunst, sondern hämmerte auf sein Drumset ein. Dabei beschränkte er sich vielfach auf Bassdrum, Hi-Hat und Snare, um dem Rhythmus ein Gesicht zu geben.

Roh gehauene Sequenzen und stampfende Rhythmik waren charakteristisch. Raver hätten ihre wahre Freude an den Klangeskapaden gehabt, die in einem destilliertem Schema zu erleben waren. Nein, es waren keine Loops im eigentlichen Sinne zu hören, aber Klangwellen und Kaskaden, bei denen sich Jan Klare an der Klarinette und Serge Corteyn  ergänzten. Als würde man aus mehreren Seilen ein Tau drehen, so erschien das Gehörte, verwickelt, verdreht, linear. Eine gewisse Monotonie war auszumachen. Nur selten vernahm man „Ausreißer“ und Ausbrüche, so im Spiel von Klare. Er schien in einen schnatternden Modus zu verfallen, in ein permanentes Jasagen, bisweilen auch in die Imitation des Gesangs von Singschwänen, oder? Ein sonorer Klangteppich wurde durch den Gitarristen und den Bassisten in der Black Box ausgerollt. Gab es da nicht auch unterdrückte Schnalzlaute zu vernehmen? Krautrock – oder was? Das blitzte als Gedanke bei dem einen oder anderen Anwesenden auf. Auch an The Clash und Ramones konnte man denken. Ob das beabsichtigt war?


Wie gesagt von Varianzen war im ersten Stück kaum etwas auszumachen. Wollte man einen Bezug zur bildenden Kunst herstellen, so war man eher geneigt, an Cy Twomblys Glyphen oder an Arnulf Rainers Übermalungen zu denken. Zugleich aber gab es auch Bezugspunkte zu wilden Malhappenings von A.R. Penck oder von den Malaktionen eines Hermann Nitsch, der in diversen Aktionen und im künstlerischen Alltag mit den bloßen Händen die Farbe auf den Malgrund klatschte und dort verschmierte. Doch nun zurück zur Musik.

Das erste Stück war, so Jan Klare, eher kurz geraten und das schien weniger Intention gewesen zu sein. Weiter ging es mit „Saas-Fee“: Für die rhythmische Durchdringung des Stücks sorgte der Gitarrist, der eben nicht das Melodische aus seinem Instrument hervorzauberte. Dafür war dann Jan Klare am Altsaxofon zuständig. In einem nachhaltigen Dreiersatz bewegte sich der E-Bassist an seinem langhalsigen Instrument. In der Farbgebung wählte Johannes Nebel dunkle Sandtöne und Umbra aus, wenn das Bild erlaubt ist. Ein Sprudeln wie bei einer Wasserfontäne konnte man bildlich dem zuordnen, was Jan Klare vortrug. Bisweilen meinte man, die Band wollte analog elektronische Klangschlieren zum Besten geben, ohne den Klang eines Synth, ohne Distortion oder Delays oder gar Klangmodulationen der einzelnen Instrumente. Nein, das Saxofon war klanglich ein Saxofon und ähnliches galt für alle anderen Instrumente. Von den rhythmischen Setzungen her meinte man, man sei auf einer Technoparty ohne typischen Technosound, aber mit Rhythmen, die durch Mark und Bein gehen. Rockige Bodenhaftungen bestimmten das Spiel, das ohne Verschiebungen, Auswürfe, Eruptionen auskam. Wenn überhaupt gab es steten klanglichen Lavastrom, feurig, dynamisch, überwältigend.


Schleichend veränderte sich das Tempo, steuerte die Musik auf einen Höhepunkt zu, schien es, als würde der Deckel eines Druckkochtopfes gleich abheben. Da war sehr viel Dampf und Bums im Spiel, ohne Frage. Aufgrund der wiederkehrenden Schraffuren schien man sich als Hörer in einen gewissen Trance zu begeben. Standen da vier "Sufis des Krautrocks" auf der Bühne der Black Box?


Nach der Pause ging es dem in ähnlichem Duktus wie zuvor weiter. In einem kurzen Austausch mit Erhard Hirt, der guten Seele der Black Box, fiel auch der Name Booker T and the MG im Kontext der Redundanzen der schematisch anmutenden Musik. Also dann, auf zum zweiten Teil des Konzerts: Wenn der Berichterstatter es richtig verstanden hatte, dann begaben wir uns ins italienische „Livigno“, so der Titel des Stücks, das den zweiten Set eröffnete. Angesichts der Tatsache, dass Jan Klare kurz bemerkte, das sei alles nicht so wichtig, konnten sich die Anwesenden eher spontan auf das Stück einlassen. Jan Klare nahm einen erneuten Instrumentenwechsel vor und spielte bei diesem Stück Querflöte. Eher seidige und samtige Klänge erfüllten die Black Box. Doch da drängten sich auch die dunklen Schraffuren des Basses auf. Leicht und beschwingt kam die Querflöte in ihren Klangformen daher. Man vermochte gar an das Zwitschern von Vögeln zu denken, sah die schnell schwirrenden Flügel von Kolibris vor seinem geistigen Auge. Nur selten gab es Flötensequenzen zu vernehmen, wie wir sie von Jethro Tull her kennen. Wollte man ein Bild zitieren, dann bewegte sich Jan Klare mit seinem Instrument in der Welt der Gouachen und der Pastellfarben. Zum Schluss des Stücks bemerkte Klare, dass das ja nun mal mehr Jazz war.


Zum Schluss ging es dann nach „Zermatt“. Wir erlebten Farbumschläge und -wechsel. Es dröhnte, rumorte, explodierte – und die Black Box bebte. Der Saxofonist Jan Klare ließ sein Instrument nervös flirren, schwirren und zittern. Schummerungen gab es keine. Auch auf Weichzeichnungen verzichtete die Band. Große Gesten erlebten wir, so wie es im Informel auch das Gestische gibt. Der Bassist überzog die Anwesenden mit einem Klangdonner. Tempi wurden aufgefächert. Geschlossene Formen verloren ihre Geschlossenheit. Klangliche Farbklecksereien erlebten wir bis zum Schluss. Und den Schlusspunkt des Konzerts setzten die vier Musiker dann mit einer Zugabe, wie zu erwarten war, oder?

© ferdinand dupuis-panther


Infos

http://www.cuba-cultur.de/index.php?id=49

Gespräch mit Serge Corteyn
Gespräch mit Jan Klare



Diese Berichterstattung stellt Fragen, und jede Antwort ist richtig.

Das ist das Wesen der Kunst, dass sie mit dem Zuhörer kommuniziert und jede Frage, jede Antwort ist legitim.
Natürlich gibt es bei Kunstwerken (ich bezeichne das was wir machen, jetzt mal als Kunst) Deutungen oder Manipulationen für bestimmte Zwecke, damit sie eine bestimmte Ideologie untermauern, das ist eine andere Dimension.

In diesem Fall stimmt alles.
Das Wort Mummenschanz ist ein wenig abwertend, aber von mir aus…….
Aus meiner Sicht öffnen wir mit dieser Musik einen Bewusstseinsstrom und thematisieren auf unsere Art und Weise das Thema Zeit und Zeitempfindung. Die Masken nehmen uns ein Stück aus der profanen Individualität heraus… Man könnte mehr darüber erzählen, aber letztlich frustriert es auch immer ein bisschen, wenn man erklären muss, was man tut.

Herzliche Grüße,
Jan Klare


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