Jazz Today - QLH - Organ Trio, Black Box Münster, 19.12.2021







Bühne frei für Quentin Tolimieri (Orgel), Jasper Stadhouders (Gitarre) und Luca Marini (Schlagzeug). Sie bilden das QLH-OrganTrio. Zu diesem schrieb der Veranstalter des Konzerts im Vorwege: „QLH geht von der Orgel-, Gitarren- und Schlagzeug-Instrumentierung der klassischen Hammond-Orgel-Trios der 1960er Jahre aus, orientiert sich aber letztlich allgemeiner an einer Reihe von vielfältigen und manchmal widersprüchlichen Einflüssen und Ansätzen. Zu diesen Ansätzen gehört vor allem das Interesse an einer Art groove-orientierter, minimalistischer Wiederholung, gemischt und kombiniert mit der Abstraktion und Komplexität zeitgenössischer frei improvisierter Musik.“


Wer angesichts der Ankündigung nun an Jimmy Smith oder Keith Emerson dachte, der wurde bereits nach den ersten Takten der Konzerteröffnung eines Besseren belehrt. Zudem agierte Jasper Stadhouders mit seiner E-Gitarre eher wie Terje Rypdal als Pat Metheny. Da waren dann während des gesamten Konzerts eher The Clash, The Ramones, Can, Kraftwerk, Embryo und Amon Düül mit ihm Spiel. Ab und an musste man auch an die von Jimi Hendrix persiflierte amerikanische Nationalhymne denken, die während des Woodstock-Festival eine ganz eigenwillige Klangfärbung erfuhr, oder?


Auf alle Fälle bebte die Black Box gewaltig, als das Trio aufspielte. Derartiges hatte der Berichterstatter seit Jahren nicht mehr in der Black Box erlebt, auch einige Anwesende nicht, die in Gesprächen untereinander u. a. vom Aufleben des Geistes der 1970er Jahre redeten. Elektronisches war auch präsent, aber zurückgenommener als bei Jean Michel Jarre oder Mike Oldfield. Vielmehr röhrte, hämmerte, wimmerte, kreischte, zirpte, flirrte und vibrierte der Klangschwall, der sich im Raum ausbreitete.

Der Fluss des Improvisierten wurde zum reißenden Strom mit zu umschiffenden Klippen und Stromschnellen, die dahin rauschten. Das, was wir hörten, changierte zwischen Vulkaneruption plus Aschewolke und einem Inferno jenseits von Dante. Zurückgenommene Passagen mit durchaus melodiösen Ausformungen, auch solchen die an Songs erinnerten, gab es auch, aber eben nur als klangfarbliche Einsprengungen in einem gestischen Farbauftrag mit reliefierten Strukturen.


Hin und wieder meinte man, sich als Zuhörer auf einer Party von Ravern oder in einer Post-Techno-Welt zu befinden. Heavy Metal und Hard Rock schienen hier und da durchzuscheinen. Das war im Kern dem Drummer Luca Marini und dem Gitarristen geschuldet, derweil der Organist an einer Viscount- und nicht an einer ehrwürdigen Hammond B3 für stete Klangschwaden sorgte, die sich wie Bodennebel ausdehnten.

Wellengänge des Klangs konnte man bildhaft gesprochen ausmachen. Flachwasser wurden durchwatet, kabbeliges Wasser durchpflügt. Blechschwirren breitete sich ebenso aus wie das Wimmern der Gitarre, die aber auch röhrte, grunzte, brummte, polterte, rotzig frech daherkam. Saitenschläge waren vorhanden. Sie erinnerten an sich überschlagende Wellen mit Gischtkronen. Nach und nach entwickelten sich Klangekstasen, die sich entluden. Insgesamt fiel ein starkes rhythmisiert geknüpftes Klanggewebe auf. Das typische Wah-Wah einer Hammond B3 fehlte. Eher musste man beim Spiel des Organisten an dahin treibenden Dünensand denken, den der Wind stetig abträgt, sodass die Düne gleichsam auf Wanderschaft geht.


Speiende Feuer entzündete das Trio, das in den Improvisationen auch die Dramatisierungen nicht vernachlässigte, sprich das Ansteuern von Höhepunkten. Nichts war es mit einer Gaußschen Normalverteilung des Klangs, denn die Vorhersage von Klangausschlägen im Normalmodus war nicht möglich. Dialogisches zwischen Organist und Gitarrist konnte man skizzenhaft erkennen. Dabei muss auch hervorgehoben werden, dass das Trio keine monolithische Einheit bildete, sondern sich nicht nur in Solos aufsplitterte, sondern auch in Duos. Der Drummer wanderte nicht nur mit seinen Sticks über die Felle der Trommeln hin und her, sondern bediente zeitweilig lediglich Hi-Hat und Becken, dabei durchaus auch dem längeren Blechschwirren Einhalt gebietend. Gelegentlich wurde der Schlag mittig auf ein Blech gesetzt, sodass nur ein kurzer Blechklang ans Ohr drang. Häufig wurde mit der Hand das Schwirren abrupt gestoppt. Derweil wanderte die Linke des Gitarristen mit und ohne Bottlenecks unablässig von Bund zu Bund. Handschläge trafen den Gitarrenkopf. Für Momente wurde der Gitarrensattel gezogen. All dies führte zu eher ungewohnten Klängen, zumal auch das „elektronische Zauberkästlein“ per Fußpedal für Verfremdungen sorgte.


Malströme wurden heraufbeschworen. Ein tosender Orkan fegte durch den Raum. Schrille Tonlagen  waren dem Gitarristen Jasper Stadhouders zu verdanken. Tastenflüge zeigte der Organist Quentin Tolimieri. Dabei schien er bisweilen wie auch der Gitarrist auf eigenen klanglichen Umlaufbahnen unterwegs zu sein. Hörten wir da nicht auch Vogelgezwitscher und -piepen?  

Metallgeräusche vereinten sich mit einem dunklen sandfarbenen Klangteppich. Stetig war der Trommelklang mit Tok und Tok sowie angetippten „Blechtellern“ wahrzunehmen. Ebenen wurden verschobenen. Flächen wurden schraffiert, und dann gab es immer wieder auch Zäsuren. Das Gesagte war gesagt, musikalisch gesagt.


Dumpfe Klangarabesken erlebten die Zuhörer. Gab es da nicht auch Loop-Anwandlungen? Maschinengeräusche schienen präsent zu sein. Redundant agierte der Organist, der in einigen Momenten die Ruhe vor dem Klangsturm repräsentierte. Auflösungen der Formen schien über weite Strecken das Prinzip des musikalischen Agierens. Ein Mistral des Klangs traf, so hatte man den Eindruck, einen heißen Schirrokko auf der Sahara. Doch auch herbstliches Sturmbrausen schien inszeniert zu werden.

Das, was wir hörten, war ganz und gar nicht fragil oder transparent, sondern erdig gegründet, solide, aber zugleich auch im Fluss wie ein sich ergießender Lavastrom. Klangschichtungen wurden dargeboten und zu einer Collage gefügt. Klang-DADA wurde zelebriert, oder? Furios war das, was wir hörten, auch in mehreren Crescendos mündend. Doch es gab auch immer wieder einen Punkt der Ruhe, nachdem alles gesagt worden war.

Dieses Konzert dürfte den Anwesenden gewiss im Gedächtnis bleiben. Nur schade, dass die Pandemie nur eine sehr eingeschränkte Zahl von Zuhörern zugelassen hat. Übrigens im neuen Jahr geht es am 2.1.2022 mit CONTRASTE - Improvisierte Musik aus Münster im Programm der Black Box weiter!!!

© text und photos ferdinand dupuis-panther


Infos

https://jasperstadhouders.wordpress.com/about/
https://www.lucamarini.org/about
http://www.quentintolimieri.com
https://soundcloud.com/quentin-tolimieri
http://www.blackbox-muenster.de/index.php?id=programm


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