Jazz Today: Die Hochstapler

Black Box Münster, 6.3.2026




 



„Seit 2011 arbeiten Pierre Borel, Louis Laurain, Antonio Borghini und Hannes Lingens als Die Hochstapler zusammen. Die kollektive und egalitäre Arbeitsweise des Quartetts spiegelt sich in einer Spielfreude wider, die sich vom ersten Moment an auf das Publikum überträgt. Die gemeinsam komponierten Stücke werden live neu zusammengesetzt, Konventionen neu ausgehandelt und Verabredungen auf den Prüfstand gestellt. Bedingungslose Experimentierfreude ist dabei ebenso Teil des Konzepts wie augenzwinkernde Bezugnahme auf die Jazzgeschichte. Für ihr neues Programm haben Die Hochstapler sich der als „Monk’s Advice“ kursierenden von Steve Lacy notierten Zitate Thelonious Monks angenommen.“ So las man es in der Konzertvorankündigung.



Hm, eine Band, die international besetzt ist, nennt sich Hochstapler. Da liegt es ja nahe, mal dem Begriff auf den Grund zu gehen: Beim Hochstapler handelt es sich um eine Person, die in betrügerischer Absicht den Eindruck erwecken möchte, eine höhere gesellschaftliche Stellung innezuhaben. Also, will uns die Band sagen, sie schmücke sich mit fremden Federn? Vor dem Gespräch sprach ich kurz mit Pierre Borel darüber. Die Bandmitglieder, die zeitweilig in Berlin gelebt haben und nunmehr teilweise in Paris/Berlin, Südfrankreich und Halle heimisch geworden sind, so Borel, haben in der Vergangenheit viel von Braxton und Coltrane übernommen, aber auch Albert Ayler, der Grande des Free Jazz, sei eine Bezugsgröße. Man unternehme halt Streifzüge durch die Genres des Jazz und durch die Geschichte des Jazz. Allerdings würde all das in einer improvisierten Melange serviert. Es sei angefügt, dass man schon über eine Jazz-Enzyklopädie und ein brillantes Gedächtnis verfügen müsste, um die zu hörenden Fragmente und Additive jeweils einem Jazzmusiker oder Titel zuordnen zu können.

     


So verwundert es nicht, wenn der eine oder andere Zuhörer an Marching oder Brass Band denken musste, wenn die vereinten Bläser, Trompeter und Altsaxofonist, zu hören waren. Kleinkunst gab es zu Bestaunen. Aktion und Interaktion stand auf dem Programm. Das Quartett wurde nicht allein für Solos in seine Bestandteile gebrochen, sondern man erlebte auch Paar-Gruppierungen. Der Saxofonist war nicht immer als solcher zu hören, sondern brachte auch mit dem Schlägel eines der Becken des Drumset zum Schwirren, derweil der Drummer Hannes Lingens im Raum herumlief, sich ein Klangholz nahm und darauf spielte. Der Trompeter Louis Laurain manipulierte nicht nur die Ventile seines Instruments, sondern auch die anderen Bestandteile der Trompete, sprich präparierte zeitweilig sein Instrument. Er war aber auch mit kleiner Handtrommel und Tröten zu hören. Ein kleines Blech brachte der Saxofonist Pierre Borel in Rotation auf dem Boden der Black Box. Glöckchen schob der Drummer dem Saxofonisten zu und umgekehrt. Das hat schon etwas von Vaudeville und Zirkus, oder? Übrigens, der Bassist Antonio Borghini führte beim Spiel Drehungen mit dem Bass aus und zupfte gelegentlich die Saiten jenseits des Stegs. Das machte dann eher Plomp-Plomp.

       


Gleich zu Beginn schien sich das Quartett in ein veritables Brass-Ensemble zu verwandeln. Doch eigentlich fehlten dazu noch ein paar Bläser. Zu den gestrichenen Tieftönen des Basses gesellten sich die hohen Laute einer kleinen Kalebasse-Flöte (?), die der Trompeter ins Spiel brachte. Atemschwall füllte die Black Box. Fragmentarische Melodielinien waren die Sache des Saxofonisten. Intensiv und aufdringlich war die Basstrommel, die unter den Tritten von Hannes Lingens zum Schwingen gebracht wurde. Mehrstimmiges wurde auch geboten. An Feuerwalze und Turbulenz musste man dabei denken, auch wenn der Bass gezupft wurde, der unverstärkte Bass.

     


Übrigens, unplugged galt für das gesamte Konzert. Und noch etwas fiel auf: Notenständer und fliegende Notenblätter fehlten. So war auch Platz im Raum für Bewegungen. Und die Musik bewegte, auch die Musiker. Der Bass trat aus dem Licht nach vorne und platzierte dort den Bass. Der Drummer stellte sich hinter den Bassisten, ein anderer Moment während des Konzerts. Gedämpft wurde die Trompete angestimmt. Schnalzen des Saxofonisten war zudem an einigen Stellen des Konzertverlaufs auszumachen. Zu den Akkorden, die durch Saitenzupfen zu hören waren, neigte der Bassist Antonio Borghini seinen Oberkörper nach vorne, führte eine Art Jaktationen aus, stereotype, rhythmische Hin- und Herbewegungen. Er schlug obendrein auf die Saiten ein, versuchte also, den Bass perkussiv einzubringen. Saxofonist und Drummer stellten sich zu einem Paar auf. Hm, welches Zitat aus der Jazzgeschichte stand da wohl auf dem Programm?

     

Hörten wir Bop oder Modern Jazz reloaded und durch improvisierte Interventionen mit einem Facelifting versehen? Ja, das musste man denken. Hin und wieder schienen Coltrane, Webster, Ayler und die Adderley Brothers im Geiste anwesend zu sein. Bei der Spielart des Trompeters blitzten Miles Davis und Don Cherry auf, so jedenfalls war es zu vermuten. Gedämpftes Hi-Hat wie nachdrückliches Bassgetrommel war dem Drummer zu verdanken. Wer war dafür Referenz, fragte sich unter Umständen der eine oder andere Anwesende? Perkussives, sprich laute Klappenbewegungen mit Auf und Zu, jenseits des Gebläses, verantwortete Pierre Borrel als einen seiner Beiträge zum Gesamtkonzept des Quartetts.

Teilweise war Tanzbares in der Black Box gegenwärtig. Ab und an meinte man, man sei bei einem Leichenzug mit Bandbegleitung in New Orleans dabei. Auch die Adderleys jenseits von „Merci, Merci, Merci“, schienen in einigen Stücken durch. Man dachte gar, die Musik beim Mardi Gras oder auch von Kid Ory sei abgekupfert bzw. zitiert worden. Doch es blieb ja nicht bei den Zitaten. Immer wieder wurden die entnommenen Fragmente „durch den Schleudergang der Improvisation gedreht“.  


Der Rhythmus Nordafrikas und der Klang einer Somay waren ein weiterer Teil der Inszenierung der Hochstapler. Sie schienen vor keinem Musikgenre zurückzuschrecken. Auch sanfte Saxofonpassagen, die einem Flötenkonzert ähnelten, drangen an die Ohren der Zuhörer. Marschmusikrhythmus schlug der Drummer in einem der zahlreichen Stücke an, die an diesem Abend gespielt wurden. Die beiden Bläser begaben sich in einen Dialog bzw. Kontroverse. Phrasierungen und Paraphrasierungen waren bei allen anwesenden Instrumentalisten auszumachen. Musikalische Punkte wurden gesetzt und Debatten aufgegriffen. Übrigens, bei einem Solo des Trompeters schien auch Satchmo ganz präsent zu sein.


Wie im ersten Set ging es dann auch im zweiten Set weiter. Dabei wurde weiterhin neues Material vorgestellt, was bisher nicht auf einer CD gepresst wurde. Das betonte der Schlagzeuger eindringlich. So ging es weiter mit Marching Band, Chicago Jazz und im übertragenen Sinne mit „Stompin at the Savoy“. Calypso-Andeutungen waren zu hören. Blue Note war gegenwärtig und immer wieder das freie Spiel und die Spielfreude aller Musiker. Diese hätten im Übrigen mehr Zuschauer verdient als die, die gekommen waren. Für die, die einen Freitagabend in der Black Box verbrachten, war es ein musikalischer Leckerbissen, mit Action gepaart. Eine Frage blieb aber für die Anwesenden offen: Was hatte das alles mit dem Meister des Bebop Thelonious Monk – siehe Konzertankündigung – zu tun?

© fotos und text ferdinand dupuis-panther


https://www.diehochstapler.com

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Musicians
Pierre Borel – Saxophon
Antonio Borghini – Kontrabass
Louis Laurain – Trompete
Hannes Lingens – Schlagzeug


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