Esslingen Jazzfestival Oktober 2018


Egberto Gismonti, Ralph Towner & Pablo Held Trio sowie das Carla Bley Trio


Zum vierten Mal fand in diesem Jahr das Jazzfestival in Esslingen am Neckar statt, diesmal in Kooperation mit dem Label ECM. Das erklärte u. a. auch die Auftritte von Gismonti, Bley und Towner, die alle bei ECM veröffentlicht haben. Das Pablo Held Trio hat gerade zum 10-jährigen Bestehen von Edition Records bei diesem britischen Label einen Vertrag gezeichnet. Umso erstaunlicher war es auf den ersten Blick, dass eine Klangmelange dieses Trios mit dem Gründer der legendären Band Oregon, Ralph Towner, zustande gekommen war. Doch im Konzert „lüftete“ Pablo Held das Geheimnis. Towner sei sein „Held“ von Kindesbeinen an gewesen, gleiches gelte für die Musik von Oregon, die im musikaffinen Hause Held präsent war. Auch sie habe ihn von Anfang an fasziniert. Als es nun die Möglichkeit ergab, im Vorfeld des Festivals mit Towner ausführlich zu proben, sei er darüber hoch erfreut gewesen. So bringen halt Festivals auch Musiker zusammen, die sich außerhalb solcher Events wohl kaum begegnen würden.

Schirmherr des Festivals war der bekannte Jazzbassist Eberhard Weber, der allerdings seit mehr als einem Jahrzehnt infolge eines Schlaganfalls den Tieftöner hat aus der Hand legen müssen. Weber ließ es sich jedoch nicht nehmen, den Konzerten des Festivals beizuwohnen.

Aus den im Rahmen des Festivals organisierten Konzerten sollen nachstehend drei besonders herausgehoben werden. Ja, das hat Geschmäckle, aber auch der Berichterstatter darf sich mal Vorlieben erlauben!



Spotlight 1 - Inspirationen aus Samba, Bossa und …: Egberto Gismonti


Wer Brasilien hört, der denkt an Samba und an Bossa Nova, der denkt an Karneval und Sambadrome, der denkt an eingängige Rhythmen, an Favelas und Multikulti. Auf Letzteres verwies der brasilianische Gitarrist und Pianist Egberto Gismonti während seines Konzerts. Ja, die kulturelle Vielfalt des Landes mit seinen 220 Millionen Einwohnern – die meisten seien eh Musiker, fügte Gismonti mit Augenzwinkern hinzu – habe es auch ihm angetan, mal abgesehen von Antonio Jobim und Heitor Villa-Lobos.

Bei uns verbindet sich Jazz und Brasilien zumeist mit Astrud Gilberto, Baden Powell und Gilberto Gil, mit Stan Getz und Toots Thielemans, die beide eine Vorliebe für lateinamerikanischen Rhythmen hatten und zum Beispiel mit Astrud Gilberto Platten aufnahmen.

Gismonti offenbarte in dem Konzert in der Esslinger Stadtkirche – die Bühne war vor dem Lettner platziert worden –, dass er eine eigene Klangsprache gefunden hat, nicht nur auf der 10-saitigen als auch auf der 12-saitigen akustischen Gitarre. Wer reinen Samba und Bossa Nova erwartet hatte, der wurde enttäuscht, wer allerdings eine Mischung unterschiedlicher Stile, auch freier Formen, schätzte, der konnte den musikalischen Vortrag in vollen Zügen genießen.


Ein Solokonzert, insbesondere im Kontext von Jazz, einem sehr interaktiven Genre, ist sicherlich kein leichtes Unterfangen, auch weil die Gitarre Beschränkungen hat, vergleicht man sie mit dem Flügel und dem zweihändigen Tastenspiel.

Ob man die Einschätzung teilt, Gismonti sei der „wahre Nachfolger“ von Heitor Villa-Lobos muss jeder für sich entscheiden. Seinen internationalen Durchbruch feierte Gismonti mit dem Album „Dança das Cabeças“, das er gemeinsam mit dem legendären brasilianischen Perkussionisten Nana Vasconcelos aufnahm. Aber auch seine Trio-Arbeit mit Charlie Haden und Jan Garbarek brachte ihm weltweit verdiente Aufmerksamkeit.

Während des Konzerts verzichtete Gismonti weitgehend auf Erläuterungen zu den Titeln seiner Kompositionen. Es sei müßig sie zu erwähnen, weil sie in Portugiesisch gehalten seien und er wolle nun nicht jeden dieser Titel übersetzen, mit allen Tücken einer Übersetzung fügte er an.


Klassische Anmutungen nahm man wahr, als Gismonti in die Saiten griff. Hier und da schienen Etüden durchzuscheinen. Gab es da nicht auch einen Anflug von Flamenco? Redundante Linien verschränkten sich mit hohen Registern. Flageoletttöne füllten das Kirchenschiff. Arpeggios drangen ans Ohr der sehr zahlreich Gekommenen.  Hier und da sah man vor dem geistigen Augen einen Vorhang feinster Regentropfen. Kristallines bahnte sich obendrein den Weg zu den sehr aufmerksamen Zuhörern. Klangwirbel im Diskant waren auszumachen. Spannungsbögen wurden nach und nach abgeschliffen.

Assoziationen reiften und bisweilen glaubte man, Passagen aus dem legendären „Concierto de Aranjuez“ als Zitate zu hören. Zufall? Täuschung? Irritation? Zitat? Donnergetöse mischte sich nachfolgend mit feinsten Klangwolken. Entführte uns Gismonti nicht auch zeitweilig in den Orient? Hätte er statt der Gitarre arabische Laute gespielt, die Antwort wäre wohl mit einem Ja ausgefallen. So aber schien er uns eher mit nach Al Andalus zu nehmen.


Schloss man die Augen, so sah man leichtfüßige Paare tanzen, zu Ansätzen von Bossa Nova. Bluesiges machte die Runde. Lyrisch-verspielt schien das Credo, dem Gismonti weitgehend folgte. Dabei klang auch Schwermütiges durch, so wie wir es aus dem Fado kennen.


An den schwarzen und weißen Tasten „malte“ Gismonti, Jobim folgend, ein Porträt in Schwarz und Weiß, voller Tragik und Melancholie. Teilweise meinte man, die Musik sei von Griegschem Pathos überlagert. Musikalisch gab es Parallelen zu der Malerei des Symbolismus, der sich mit der menschlichen Entfremdung beschäftigt. Doch auch Frühlingshaftes entlockte Gismonti seinem Flügel. Am Ende verneigte sich der brasilianische Virtuose vor Villa-Lobos.  Der anhaltende Schlussbeifall war nicht zu überhören und forderte ein Mehr.




Spotlight 2 Die Gitarre vom Piano her gedacht: Ralph Towner


Zu den Granden des Jazz gehört gewiss Ralph Towner, der mit seinem vielschichtigen Spiel die Klangfärbungen seiner Band Oregon über Jahrzehnte geprägt hat. „Von Pat Metheny bis zu Al DiMeola geraten Gitarristen ins Schwärmen, wenn die Sprache auf Ralph Towner kommt.“, so las man es in der Ankündigung des Konzerts.  Dieser „Seigneur der Jazz-Gitarre“ – man muss ihn in einem Atemzug mit Jim Hall, Joe Pass und Attila Zoller nennen – brillierte im Konzert vor allem in einem Solostück. Im Übrigen war er in das Pablo Held Trio eingebunden, zeitweilig für ihn wohl kein einfaches Unterfangen, so der Eindruck.


Das Pablo Held Trio war nicht zum ersten Mal auf dem Esslinger Festival zu hören. Pablo Held schien wohl schon lange den Wunsch gehegt zu haben, einmal mit Towner gemeinsam auf der Bühne zu stehen. Neben einer Komposition von Pablo Helds Vater und einem aus Pablo Helds Feder – gespielt wurde  „Investigations“ – standen nur Kompositionen Towners auf dem Programm. 

Das Konzert fand in der SpardaWelt in Stuttgart statt. Gewiss gibt es heimeligere Orte für intimen, konzertanten Jazz, den das Quartett zum Besten gab. Auch war die im Hintergrund eingeblendete Videowand mit dem nächtlichen Stadtpanorama Esslingens kein Hingucker, sondern lenkte eher von der Musik ab. Derartige visuelle Inszenierungen scheinen aus Sicht des Berichterstatters überflüssig, ebenso wie die häufig überbordende Lichtgestaltung. Das Akustische steht doch im Fokus, oder?


Perlende Klangflüsse wurden verflochten, hier Towner, dort Held. Felle wurden behutsam von Jonas Burgwinkel mit rührenden Bewegungen gewischt. Inbrünstige Schwingungen des Basses – dank an Robert Landfermann – gesellten sich dazu. Fein gewobene Saitengespinste präsentierte uns Ralph Towner im weiteren Verlauf. Unablässige Tastenrinnsale strömten. Der gestrichene Bass erweckte den Eindruck, als würden ab und an kreischende Möwen über unseren Köpfen kreisen.


In seinen Solos unterstrich Towner sein ganzes Können, mischte auch ein wenig Bossa bei, ließ es swingen. Wie zu Boden fallendes Laub klang das, was Pablo Held am Piano beisteuerte. Er entwickelte aber auch einen Strudel aus Klangfolgen, ließ uns an einen steten Wasserstrom denken.


Als das ad-hoc-Quartett eine Komposition von Pablo Helds Vater, Peter Held, vortrug, war Poesie allgegenwärtig. Sie zeigte sich in klanglichen Nebelschwaden, in der aufgehenden Sonne – man folgte dazu Towners virtuosem Gitarrenspiel – und dem ersten Zucken der noch schläfrigen Stadt. Stiegen da nicht Vogelschwärme auf und ab? Alles schien im Fluss. Doch irgendwie wartete man auf den dramaturgischen Höhepunkt, der jedoch ausblieb, denn es war ja alles im Fluss, im steten Fluss.

Bei „Investigations“ - ohne Ralph Towners Gitarrenspiel – hatte man den Eindruck, dass ein eher von A bis Z festgelegtes Klangkorsett abgestreift wurde. Da gab es offene Passagen, ein klangliches Hin und Her, wurde das Vorhersehbare gänzlich in den Hintergrund gedrängt.


Ein Höhepunkt war der Solovortrag Towners. „Dolomiti Dance“ war mitreißend. Da mischten sich elisabethanischer Reigen mit italienischem Volkstanz sowie irischem Reel, für Momente jedenfalls.

Im Ohr blieb wohl noch nach Konzertende: „The Prowler“, ein Stück, das Towner seiner Katze auf den Leib geschrieben hat. Sicherlich auch dank des Titels vermeinte man, den Stubentiger durch die Wohnung „schleichen“ zu sehen, eher auf den Spuren von „Tom und Jerry“ unterwegs. Während des Duos von Pablo Held und Ralph Towner vergaß man allerdings, wer eigentlich der „Hauptakteur“ der Komposition ist. Gegenseitig stimulierten sie sich zu beeindruckenden Klangkaskadierungen.




Spotlight 3 - Ohne die „Grande Dame de Jazz“: Carla Bley


Mit Carla Bley sollte die „Grande Dame des Jazz“ beim Jazzfestival Esslingen auftreten. Eine akute Bronchitis fesselte sie jedoch ans Hotelbett, sodass Steve Swallow und Andy Sheppard ein „kompaktes Trio“ im Sinne Carla Bleys formten und im Konzert fast ausschließlich Kompositionen von Bley präsentierten, sieht man einmal von Monks „Misterioso“ ab, das allerdings im Arrangement Bleys Handschrift trug.

An diesem Abend war die SpardaWelt nicht gänzlich ausverkauft, eigentlich angesichts der Namen der Musiker sehr überraschend. Vielleicht war der eine oder andere aber auch enttäuscht, dass Carla Bley nicht auftreten konnte. Doch die beiden Herren, die die Bühne einnahmen, enttäuschten keineswegs, auch wenn sich der eine oder andere Zuhörer vielleicht gewünscht hätte, dass sie auch eigene Kompositionen vorgestellt hätten.


Aufgemacht wurde das Konzert mit einer „norwegischen Komposition“, eine Art „Auftragswerk“, das Carla Bley angenommen hatte. Zugleich hatte sie sich aber über das Ansinnen, „norwegische Musik“ zu komponieren, geärgert, da sie ja Musik und nicht norwegische oder schweizer Musik komponiere. Was zu hören war, war nun nicht Gabareks „Fjord-Sound“, aber die Weiten des Hardangerviddas und der Hochebenen von Femundsmarka wurden musikalisch durch Andy Sheppard schon eingefangen. Volksliedhaftes gab Steve Swallow bei, der zwar Bass spielte, aber bisweilen erfreulicher Weise auch ins Hochtönige abglitt. Windzirkulationen füllten den Raum, als Sheppard sein Tenorsaxofon zum reinen Atemrohr umwandelte. Derartige Resonanzen wären natürlich besser in einem gotischen Kreuzgewölbe aufgehoben gewesen und nicht in einem von Säulen verstellten niedrigen Raum ohne jede Atmosphäre.


Als Sheppard im zweiten Stück das Sopransaxofon die ersten Noten spielen ließ, dachte der eine oder andere vielleicht an Degas‘ Tänzerinnen, an Ausdruckstanz, derweil der E-Bass eher die männlichen Tänzer einfing. Stets wurde auch in dieser Komposition der Fokus auf die Schönheit der Melodie gelegt. Ab und an überkam den Zuhörer die Vorstellung vom Licht des Nordens, von Supernova und Nordlicht.


Wer die Aufnahme von „Sidewinders in Paradise“ auf dem Album „4x4“ kennt, der musste sich im Konzert mit einer sehr abgespeckten Version zufrieden geben, musste u. a. auf Larry Goldings und Lew Soloff verzichten. Stattdessen waren ja nur zwei aus der Formation in Stuttgart zugegen, die eine sehr intime Version präsentierten. Beinahe klassisch mutete Sheppards Saxofonpart an, derweil Swallow immer wieder „feurige“ Bassintermezzos einblendete.


Erinnerungen an das legendäre Banana Quintet wurden wach, als „Three Bananas“ erklang. Nachfolgend präsentierte das „kompakte Trio“ dann Monks „Misterioso“, arrangiert von Bley, ganz in der Bebop-Tradition verwurzelt. Weich, sehr weich kam das Tenorsaxofon daher, nie den Bass wegwischend und übertönend. Schraffierte Klangcirruswolken schwebten dahin. Und Plink, Plonk, Monk war mit ihm Spiel, vor allem wenn Swallow in die Saiten griff und das Thema anspielte.


Dass man das Publikum auch ein wenig zum Narren halten kann, indem ein Stück ein „fake ending“ enthält, bewiesen Sheppard und Swallow an diesem Abend auch noch. Das war aber nun kein billiger Gag, sondern entstammt Bleys Feder, die in den 1950er Jahren als „Zigarettenmädchen“ in einem Jazzclub arbeitete und Count Basie hören durfte, der u. a. Abend für Abend„April in Paris“ in einem Thad-Jones-Arrangement spielte. Und dieses Stück besitzt gleichfalls ein „fake ending“, das Bley zu einem ähnlichen Schluss in einer ihrer Kompositionen anregte. Dabei hört man ein vermeintliches Ende, das sich als Pause erweist, nach der das Thema wieder aufgegriffen wird. Mit „ups and downs“ –  so genannt, weil die Melodielinien auf – und absteigen - wurde der Abend schließlich abgerundet.  Und was wird das nächste Festival 2019 bringen? Mehr Jazz aus Deutschland und Europa? Zu wünschen wäre es, oder?



Text und Fotos © ferdinand dupuis-panther – Text und Fotos sind nicht public commons!


Informationen

Egberto Gismonti


https://www.ecmrecords.com/artists/1435045864/egberto-gismonti
https://de-de.facebook.com/Gismonti.Egberto/



Ralph Towner


http://www.ralphtowner.com




Pablo Held Trio

https://editionrecords.com/artists/pablo-held-trio/


Carla Bley

https://www.ecmrecords.com/artists/1435045695/carla-bley



Steve Swallow

https://www.bassplayer.com/artists/steve-swallow-the-jazz-bass-pioneer-meets-iggy-pop
https://en.wikipedia.org/wiki/Steve_Swallow



Andy Sheppard

http://andysheppard.co.uk


Jazzfestival Esslingen

http://www.jazzfestival-esslingen.de





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