Der wunderbare Klangsalon: Felix the (Jazz)-Cat!

neben*anMünster 3. März 2019





Modern Jazz mit Felix Petry (sax), Hervé Jeanne (bass), Kym Hatton (git) zusammen mit Sebastian Netta (dr) stand auf dem Programm an einem verregneten Sonntagnachmittag, an dem auch die Jecken in Münster schon unterwegs waren. Nun ja, wer vor dem Ansteuern des „neben*an“ die Vorstellung eines bürgerlichen Salons des ausgehenden 19. Jahrhunderts im Sinne hatte, der wurde angesichts des Ambientes wohl eher ernüchtert und wunderte sich vielleicht auch. Aber wer braucht Ambiente, wenn das musikalische Programm zu überzeugen weiß?

In der Vorankündigung lesen wir: „Die 4 hatten bereits im September 2018 das Vergnügen auf der "Bonsai Bühne" zusammen zu spielen und stellten fest, dass sie gut zusammen passen. Im Stile von Wayne Shorter/ Herbie Hancock, moderne Adaptionen bekannter Standards und Jazz-Klassikern, bieten die Musiker ein Höchstmaß an kultiviertem Jazz.“

Nein, um es vorwegzunehmen, es gab nicht alleine Standards zu hören, sondern der Hannoveraner Saxofonist Felix Petry, der in der niedersächsischen Landeshauptstadt regelmäßig in der dortigen Tonhalle Jazzkonzerte veranstaltet, hatte einige Kompositionen mitgebracht. Die übrigen „Session-Bandmitglieder“ hielten sich diesbezüglich bedeckt. Schade eigentlich, oder?

Zu den Kompositionen von Felix Petry zählten „American Dream“, eine „Ode“ an den an einem seltenen Blutkrebs erkrankten und viel zu früh verstorbenen Saxofonisten Michael Brecker, „May The Groove Hit You“, „Coming Home Blues“  und „May Soul Be With You“.


Mit Sonny Rollins‘ „Doxy“ wurde das Konzert, das von der Zahl der Zuschauer durchaus einem Hauskonzert nahe kam, eröffnet. Gleich bei dem ersten Stück kam dem Berichterstatter die Formel „Jazz gleich Saxofon, Saxofon gleich Jazz“ in den Sinn. Und das galt für den gesamten Abend, auch wenn das Saxofon nicht immer im Fokus stand, sondern rotierende Solos für eine klangliche Auflockerung sorgten.

Blechigkeit traf bei „Doxy“ auf einen überaus beschwingten Bass, der sich ja als Tieftöner zumeist nicht als Ausgeburt von Dynamik und Bewegtheit zeigt. Doch Hervé Jeanne versetzte die Basssaiten in gekonnte Schwingungen. Wandernde Saxofonpassagen konnte man über weite Strecken vernehmen. Stets lag das Thema in den Händen von Felix Petry. Bei Kym Hattons Phrasierungen war bisweilen nachzuvollziehen, wo die Wurzeln des Rock ´n Roll und von Artverwandtem zu suchen sind. Feinsilbiges Spiel auf der Gitarre überzeugte. Hier und da gab es rhythmische Einschübe mittels Hi-Hat und großem Blech. Im wesentlichen gehörte die Aufmerksamkeit jedoch dem Saxofonisten, auch wenn dieser auf die sonst übliche „Marktschreierei des Saxofons“ verzichtete.


Den Herbst inszenierte das Quartett auch für uns, bestand aber nicht auf lyrischen Linien, die den sonst gängigen Arrangements von „Autumn Leaves“ innewohnen. Selbst Eric Clapton hat sich 2010 an diesem Standard versucht und dabei den sehr lyrischen, langsamen Fluss der melodischen Konturen nicht verlassen. Ganz im Gegenteil, durch das Beifügen von Streichern bekam die Interpretation Claptons noch einen sehr starken Hauch von Tristesse hinzugefügt. Obendrein ist eine gewisse kitschige Note und Schnulzigkeit bei Clapton trotz eines bluesigen Solos nicht zu überhören. Ganz anders agierten Felix the (Jazz)-Cat!: Die Band ließ eher einen Herbststurm aufkommen. Vor dem geistigen Auge sah man Wind gepeitschte Bäume, die sich mit ihrer Laubkrone neigen, sah schnell im Wind tanzende Blätter. Das war im Kern Felix Petry zu verdanken, während Kym Hatton doch eher einer erzählerischen Lyrik folgte und dabei auch in „klassische Muster“ driftete. Zart gestimmt war der Bass in den Händen von Hervé Jeanne. Ihm war dann auch die eher melancholische Note von „Autumn Leaves“ geschuldet.

Der Berichterstatter ist kein „Star Wars“-Kenner, doch die Kompositionen „May The Waltz Roll Your Soul“, „May The Groove Hit Your Soul“ und „May Soul Be With You“ – alle aus der Feder von Felix Petry – beziehen sich, so Petry, auf dieses „Science-Fiction-Epos“. Mit klangvoller Wortgewalt war das Saxofon zu Beginn von „May The Waltz Roll Your Soul“ zu hören. Doch wo war das „Rollen der Seele“? Gewiss Soul im weiteren Sinne setzte sich nach und nach durch. Heftiges Schlagwerk vereinte sich mit stetem Dumdumdum des Tieftöners. Als es an Kym Hatton war, das Klangzepter zu schwingen, war auch Blues jenseits von John Lee Hooker und B. B. King mit im Spiel. Der Walzer wurde zwar nicht getanzt, aber „die Seele wurde schon gestreichelt“.

 


„American Dream“, als Ballade konzipiert, schien einem Lamento gleich zu kommen. Klanglicher Nachtschatten vereinte sich mit der „Blauen Stunde“. Besonders gelungen war das Gitarrensolo, das wir hörten und bei dem hier und da auch Erinnerungen an „Friday Night in San Francisco“ aufblitzten, oder?

Horace Silvers „Song For My Father“ stand auch auf dem Programm, ehe es nach einer kurzen Pause mit „May The Groove Hit Your Soul“ weiterging. Dem Song schien ein Teelöffelchen Funk beigegeben worden zu sein. Groovige Klangmuster konnten wir wahrnehmen und auch ein Solo von Kym Hatton, bei  dem man meinte Pat Metheney habe John Mclaughlin getroffen. Umtriebig zeigte sich der Verlauf des Stücks, auch wenn das Saxofon mal schwieg. Fulminant war das „Duett“ von Saxofon und Gitarre, gleichsam ein fetter Ohrenschmaus.

Alle Tragik und Dramatik des  Blues bündelte sich in „Coming Home Blues“, ein „Lieblingsstück“ von Felix Petry, wie er während des Konzerts bekannte: „Ich spiel‘s zu gerne, auch wenn es von mir ist.“ Die Last des Alltags brachte Hervé Jeanne am Bass zum Ausdruck, auch ohne „gezogene Saiten“. Dezentes Klickklick des Drummers Sebastian Netta begleite das Bassspiel. Am Ende schien dann Felix Petry wie entfesselt zu spielen. Aufbruch schien sein Credo.

Weit in die Geschichte des Jazz entführte uns das Quartett mit  „Softly, As In A Morning Sunrise“ , geschrieben 1928 für die Operette „The New Moon“;  und auch diesen Standard konnten die Anwesenden in vollen Zügen genießen, ehe mit „Chameleon", komponiert von keinem Geringeren als Herbie Hancock, der Jazznachmittag seinen furiosen Schluss fand. Dabei brillierte Sebastian Netta mit einem eingestreuten Triangelspiel, vernahmen die Zuhörer schnalzenden und wimmernden sowie wabernden Gitarrenklang, erinnerte man sich hier und da an „Shaft“, waren elektronische Effekte mit im Spiel, aber nicht zu vergessen waren die Klangzeichnungen des Saxofons. Die dominierende Stimme des Jazz?


Text und Fotos: Ferdinand Dupuis-Panther – Text und Fotos sind nicht Public Commons!


Informationen

Kym Hatton
https://www.facebook.com/kym.hatton.7


Felix Petry
https://www.facebook.com/felix.petry.7


Hervé Jeanne
http://www.hervejeanne.de


Sebastian Netta
http://www.netta.de


Hörproben

Sonny Rollins - Doxy




Larry Adair Quartet - Autumn Leaves




Horace Silver (comp) - Song for my father




Herbie Hancock (comp) - „Chameleon“ by Maynard Ferguson (1974)







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