CONTRASTE - Improvisierte Musik aus Münster

Black Box Münster, 2.1.2022






Was erwartete uns: die Power Münsteraner Musiker_innen unterschiedlichsten musikalischen Hintergrunds auf Basis spontaner Improvisation in unterschiedlichen (Corona-gerechten) Ad-Hoc-Besetzungen. Mit dabei waren: Frank Ay (Tenor- und Sopransaxofon, Bassklarinette, Perkussion), Gregor Bohnensack (Piccolotrompete, Dämpfer, Klangschalen, Plastiktüte und anderes Zeugs), Thomas König ((Sub?)Bassklarinette), Michael Kolberg (E-Gitarre) und Anja Kreysing (Akkordeon, Somapipe). Übrigens vorab: Somapipe ist ein oral spielbarer Synthesizer und Effekt-Prozessor im Pfeifenformat mit 12 Algorithmen!


Ehe wir uns dem ersten Konzert des neuen Jahres in der Black Box widmen, noch eine Vorbemerkung: Die pandemische Lage ist nach wie vor vorhanden. Das Reisen, auch das Reisen von Musikern, ist eingeschränkt, wenn nicht gar unmöglich, zumal überall Hochrisikogebiete ausgewiesen werden. Dabei übertreffen sich einzelne europäische Länder in der Schnelligkeit, sich gegenseitig zu Hotspots der Pandemie zu erklären und die Einreisebestimmungen zu verschärfen. Angesichts dieser äußeren Umstände wundert es nicht, dass nunmehr das Internationale Jazzfestival Münster eine für den 9.1. geplante Veranstaltung abgesagt hat. Ist es daher nicht naheliegender das Regionale und Lokale statt das Globale in den Mittelpunkt von Musikveranstaltungen, auch von Jazzkonzerten, zu rücken, sprich darauf zu setzen, Musikern aus der Region Münsterland und umzu eine Bühne zu bieten? Genau das passierte am ersten Sonntag im neuen Jahr in der Black Box. Und das war gut so und braucht dringend die Unterstützung auch derer, die sonst in Massen zum Internationalen Jazzfestival strömen, aber bisher die Black Box für sich (noch) nicht entdeckt haben!


Kontrastreiches und von der Instrumentierung Unerwartetes war zu erleben, in Trio- und in Duo-Formationen sowie in einem abschließenden Tutti. Gregor Bohnensack gehörte gemeinsam mit Frank Ay zunächst die Bühne. Perkussives der besonderen Art präsentierte Gregor Bohnensack, der eine dünne Plastiktüte herumwirbelte, schüttelte und kreisen ließ, sodass ein sanftes Knistern zu vernehmen war. Ein Dämpfer wurde kurzer Hand mal in ein Blasinstrument verwandelt. Atemluft rauschte durch den Dämpfer. Auch Frank Ay war anfänglich perkussiv unterwegs, ehe er dann zum Sopransaxofon griff. Welliger Klang breitete sich aus. Ab und an meinte man, sanft plätscherndes Wasser zu hören. Das Blech von Klangschalen flirrte. Hörte man da nicht auch einen brunftigen Hirsch, sobald Gregor Bohnensack einen Trichter an den Mund legte? Zungenschläge trafen auf Gurgeln. Atemströme verbreiteten sich ebenso wie ein Tutütutütutü und dann war alles gesagt.


Nachfolgend trafen ein tieftöniger Holzbläser, eine E-Gitarre, die mehr Effektgerät war, und ein Zuginstrument aufeinander. Im Bass bewegte sich gelegentlich nicht allein Thomas König mit seiner Bassklarinette, sondern auch Anja Kreysing, die ihr Instrument gänzlich vom klassischen Akkordeon-Musette gelöst hatte und eher rhythmisierend einbrachte. Metallisches Geschabe war Michael Kolberg zu verdanken, der mit seiner Gitarre über weite Strecken Effekte produzierte und eine Klang-Melange servierte. Kristalline Klangmodule trafen auf sanfte Basslinien. Hier und da meinte man, einen Springbrunnen mit tröpfelndem Wasser wahrzunehmen. Röhrend und guttural gab sich die Bassklarinette im weiteren Verlauf. Fingerschläge trafen Gitarrensaiten, die in Schwingungen kamen, ohne sich im ausschließlich Melodischen zu verlieren.


Wer die Malerei des Informel und deren große Gestik sowie die tektonischen Farbaufträge auf den Leinwänden kennt, der hat unter Umständen ein Bild dessen im Kopf, was das Trio als musikalische Klangcollage an diesem Sonntagabend in der Black Box schuf. Kristall-Weiß traf auf Tannengrün, breite Pinsel-Schläge auf figurativ-abstrakte Farblandschaften, um beim Bild der Malerei des Informel zu verbleiben und eine Parallele zum Gehörten zu ziehen.

Noch ein anderes Bild drängte sich beinahe auf: fallende metallene Mikado-Stäbe, die auf den ersten Blick Chaos beinhalten, zumindest aber Zufall. Ja, Metallisches gab es auch zu hören. Zufall? Planung? Vorsehung? Dialogisches wurde angestrebt, so von Anja Kreysing und Thomas König, die sich stufig in ihren Klangsequenzen annäherten.


Übrigens, die Paarungen waren vorher ausgelost worden und so hörten wir am Ende des ersten Sets die Akkordeonistin und den Gitarristen der ad-hoc-Formation vereint im Klangspiel. Organisches Geschwirr war auszumachen, als die ersten Klänge die Black Box füllten. War nicht auch eine „singende Säge“ klanglich anwesend? Oszillierend entwickelten sich die folgenden Klangströme. Sinusklang drang ans Ohr der Anwesenden. Klangeffekte wie eine Reihe von Mud Bubbles waren wohl auch auszumachen. Geothermie musikalisch – oder was? Dunkles Windgezurre vermischte sich mit aufblitzenden Klängen. Gurgeln traf auf dampfendes Zischen. Knattern und Knarzen hörten wir. Bassschläge vereinten sich mit Krrkrrkrrr. Defektes Frequenzrauschen traf auf Saitenwimmern. Aufsteigende Winde in Felsschluchten hatte man beim Zuhören ebenso vor Augen wie Wasserfontänen, die aus Felsröhren emporschießen. Und auch die Frequenzverschiebungen einer Somapipe waren mit im Spiel.


„Scharf und klar“ hieß es nach einer kurzen Pause. Eher selten haben Improvisationen einen Titel, aber nun ja, es gibt auch Ausnahmen. Zu hören waren zu Beginn Gregor Bohnensack, Frank Ay und Thomas König. Schrilles vermischte sich mit Geerdetem; die Piccolotrompete jauchzte, überschlug sich im Klang, blies Fanfaren. Gezeter drang an unsere Ohren und ein beschwichtigender Klang der Bassklarinette ,dank an Thomas König. Eine Klangschale fiel zu Boden. Eine andere wurde zum erweiterten Schallkörper für die Trompete gemacht. Ein Zwiegespräch wurde begonnen. Dabei traf Frank Ay mit dem Tenorsaxofon auf den Trompeter Gregor Bohnensack. Sonores mischte sich mit Ätzendem. Textpassagen wurden eingestreut: „Du hast doch keine Ahnung.“ Und weiter: „Ich habe gleich gesagt, dass das nicht funktioniert“. Tucholskys Schnipsel schienen sich mit der Dichtkunst von Christian Morgenstern zu paaren. Doch die Frage war auch: Absurdes Theater ohne Warten auf Godot, oder was?


„Kann mir einer mal die Gabel geben.“
Derweil wird ein Hocker zum Schlagwerk. Kettenschläge sind zu vernehmen. Halali und Fanfarensequenzen drängen sich auf. „Ich weiß, wo man das kriegen kann.“ - „Hahahaha.“ Auffrischende Winde und Bläser-Gebrause werden in den Textfluss eingeschoben. „Gar nichts weißt du, gar nichts …“. Und dann rezitiert Frank Ay auch auf Französisch, was leider nicht genau zu verstehen war. Nachfolgend erweitert sich das Trio zum Quintett. Nun sind auch die Akkordeonistin und der Gitarrist mit dabei, wenn es um „Scharf und klar“ geht. Glöckchen- und Schellenklang vereinen sich mit langen Akkordeonklängen. Zwei Bassklarinettisten – Frank Ay und Thomas König – loten Tiefen und Untiefen aus. Was machte denn da Gregor Bohnensack? Er kroch über den Boden und schlug mit einer Rassel auf den Boden.


Springende Pingpongbälle waren zu hören. Eine Tischplatte und ein Tischbein verwandelten sich in ein Perkussionsinstrument. Ein Tamburin schwirrte und traf auf das Feingewebe eines Sopransaxofons. Knacken und Knarzen entlockte Anja Kreysing ihrem Zuginstrument. Kurz mal war auch eine Vogelpfeife mit im Spiel. Und selbst ein Luftballon spielte in der weiteren Improvisation eine Rolle. Und irgendwann war dann alles scharf und klar und ein denkwürdiger Abend fand sein Ende!

© ferdinand dupuis-panther


Infos

Konzertmitschnitt



Programm Black Box


Mi-02.02.22-20:00
JazzToday NU-Band
Thomas Heberer – Trompete
Kenny Wessel – Gitarre
Joe Fonda – Kontrabass
Lou Grassi – Schlagzeug

The Nu Band ist eine klassische New Yorker Working-Band, bei der hochkarätige Musiker, allesamt selbst namhafte Bandleader, am Werke waren und sind. Tief verwurzelt in der Jazz-Tradition überträgt The Nu Band alte Idiome in das Hier und Jetzt. Klassischer Bebop, Gospel, Soul, Free und viel improvisatorische Freiheit: Manche nennen es „Free Bop“.

Sa-05.02.22-20:00
JazzToday Handsome Couple feat. DJ Illvibe
St. Kirchhoff – Banjo
Simon Camatta – Schlagzeug
& DJ IllVibe – Turntables

Einige Stichworte:
hip hop beats with banjo & drums
"...äußerst gediegender instrumental Hip-Hop...leichtfüßig und extrem chillig." (freiStil Juli/Augut 2018) - "Instrumentale Hip-Hop Musik" in der richtigen Mischung von Kreativität  und Kaputtheit." (Westzeit)

Fr-11.02.22-20:00
JazzToday JULIE SASSOON & WILLI KELLERS
Julie Saasson – Klavier
Willi Kellers – Schlagzeug & Perkussion
 
Dieses Duo ist eine transzendente Einheit fast meditativer Improvisationen. Lyrische Melodien und perkussive Ausbrüche, die sich mit Schlagzeugrhythmen aus Bartoks oder Strawinskys Welt überlagern, Jazz, Afrika, Wildheit wechseln mit sehr leisen, fast unhörbaren atmosphärischen Sequenzen ab. Julie Sassoon kommt aus der Klassik, hat eine Ausbildung als Konzertpianistin und ist über den Jazz zur improvisierten Musik gekommen. Willi Kellers hat, neben unzähligen Großen des Jazz, mit Keith Tippett und Marylin Crispell gespielt, und Julie steht diesen beiden mit ihrer ungeheuren Emotionalität in nichts nach.

Fr-04.03.22-20:00
Jazz Today tunnel & meadow
Jan Klare - reeds
Serge Corteyn - guitar
Johannes Nebel - bass
Marvin Blamberg - drum
 
The „Joy of Repetition“ wie Prince es nannte, ist der Grundparameter dieses klassisch besetzten Quartetts. Konventionelle Klänge werden über lange Strecken stetig wiederholt und mäandern, metamorphosieren, morphen. Mit krasser Physis erreicht die Band über den „Tunnel“ die „Wiese“.

Do-24.03.22-20:00
STAGE off LIMITS Kodian Trio
Colin Webster – Altsaxophon
Dirk Serries – E-Gitarre
Andrew Lisle – Schlagzeug

Kodian Trio have been together since 2015. The trio of Colin Webster on alto sax, Andrew Lisle on drums, and Dirk Serries on electric guitar has been touring extensively ever since their inception. The shared experiences of the road, studio, travel, evinces a group sound which is constantly shifting, solidifying, and disappearing completely - true to the essence of free improvisation.



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