Amants de Lulu und Jan Prax 4tet im Hofgarten

Düsseldorf 11.8.2018


Es war ein sehr bunter, sehr kontrastreicher Nachmittag, den die überaus zahlreich erschienenen Zuhörer bei milden Sommertemperaturen erlebten. Jahr für Jahr laden die Jazzschmiede Düsseldorf und das Eine-Welt-Forum zu kostenlosen Sommerkonzerten im Musikpavillon zwischen Schauspielhaus und Schloss Jägerhof ein. Das heutige war das vorletzte der Reihe in diesem Jahr.


Zwischen Vivaldi und Hava Nagila


Zum Aufgalopp betrat die katalanische Folkgruppe Amants de Lulu die Bühne. Sie verband Balkanova mit katalanischer Volksmusik, driftete aber auch in die Klassik ab und präsentierte Isaak Albeniz. Bisweilen schien auch irischer Reel mit im Spiel zu sein. Gitarrenmusik von Paco de Lucia wurde für das Quartett – zwei Geigen, eine Gitarre, ein Kontrabass – umgeschrieben und  zu einer Hommage an den südspanischen Gitarrenvirtuosen, der nicht mehr unter uns weilt. Auf Vivaldi – man präsentierte einen Teil der „Vier Jahreszeiten“ - und auch auf das hebräische Volkslied „Hava Nagila“ verzichteten die Musiker nicht. Das Mitklatschen des Publikums war ihnen spätestens dann gewiss, als der bei uns durch die Ofarims populär gemachten Song erklang. Nun ja, man muss einen solchen Parforceritt durch die Volksmusik und Klassik wirklich mögen. Aus Sicht des Berichterstatters fehlte im Vortrag der stringente Bezug zur katalanischen Heimat der Band, die nur hier und da und dann auch nicht sortenrein Musik ihrer Heimat vortrug.


Coltrane, Miles and more


Nach diesem Potpourri europäischer Volksweisen und Klassik war das Jan Prax 4tet weit weniger darauf aus, beispielsweise mit eingängigen Jazzstandards das Publikum in seinen Bann zu ziehen. Im Vorgespräch zum Konzert stellte der Alt- und Sopransaxofonist Jan Prax klar, das seine Kompositionen sicherlich von Coltrane, Miles, aber auch von Parker beeinflusst sind. Das spiegelt nicht allein ein Titel wie „Chatching the trane“ wider, eine Anspielung auf John Coltranes „Chasin‘ the trane“.

Auszüge aus dem jüngsten Album des 4tets war das, was an diesem lauschigen Nachmittag zu hören war, angefangen von „It‘s time for 6“ über „Catching the trane“ und einen Rap-Jazz ohne Rapper namens „Lift up your soul“. Keine Frage, das Publikum bekam auch eine Zugabe nach lang anhaltendem Schlussapplaus: „Mr PC“ von John Coltrane war dann für die, die Jan Prax und seine Mannen kennen, wirklich keine Überraschung.


Kein Bop-Remix


Dabei gab es an diesem Nachmittag keinen Bop-Remix zu hören, sondern bis auf die Zugabe ausschließlich eigene Kompositionen, frisch, aufgebürstet, aufmüpfig und teilweise auch in den Free Jazz abwandernd. Dass dabei der Jazz der 50er und 60er Jahre von besonderer Relevanz war, konnte jeder miterleben, der dabei war. Diese Zeit ist halt, so sieht es auch Jan Prax, wie er in einem Gespräch „gestand“, das Goldene Zeitalter des Jazz.

Furios ging‘s mit „It‘s time for 6“  und einem solistischen Beginn auf dem Altsaxofon los. Alle Blicke waren dabei auf Jan Prax gerichtet, der ein exaltiertes, provozierend eingestimmtes Saxofon spielte und dabei alle Register zog. Doch von Beginn an wurde auch deutlich, dass der Bandleader Jan Prax seinen Mitmusikern stets Raums zur eigenen Entfaltung gab, sich zurücknahm, sich ganz aus dem Spiel ausblendete und am Rande verfolgte, was Martin Sörös am Piano, Tilman Oberbeck am Bass und Michael Mischl am Drums „wortgewaltig“ und „wortgewandt“ zu sagen hatten.


Gospel inspiriert


Kristalline Klangpassagen waren im weiteren Fortgang zu hören. Dazu gab sich der Bass stoisch-gelassen. Wie zu Boden fallende Perlen einer langen Kette klang das, was Martin Sörös seinem Tastenmöbel entlockte. Immer wieder erdete Tilman Oberbeck seine Mitmusiker, derweil Michael Mischl die Bleche seines Schlagzeugs antickte und auch und gerade das Timing vorgab. So ergaben sich Kontraste, auch und vor allem, weil Jan Prax am Altsaxofon für Aufgeregtheit und Rastlosigkeit sorgte, sich auch vorlaut zeigte, während u. a. Tilman Oberbeck für die „Erdnähe“ sorgte.


Inspiriert von einem Gospel, wenn auch ohne „Glory, Glory, Hallelujah“ war „Nowhere to go“. Statt einzuzählen begann der Drummer mit der Eröffnung, gefolgt vom Bassisten, der die Tiefen des bauchigen Klangkörpers auszuloten verstand. Getragener als der Eröffnungstitel war dieses Stück allemal. Bop-Anmutungen waren alledings nicht wegzuwischen. Wollte man zu den gehörten Sequenzen aus einer Farbpalette Farben wählen, so wären Lindgrün, Azurblau und Hellrot die erste Wahl. Irgendwie trug der Song auch Momente von Swing in sich, wenn auch nicht im Sinne von Goodman‘s „Swing, swing, swing“. Sommerliche Harmonien drangen ans Ohr der Zuhörer. Bilder von Strandläufern, muskulösen Rollerskatern, plantschenden Kindern im seichten Wasser und BMX-Freaks auf einer Buckelpiste wurden hier und da evoziert.


Verloren in Erinnerungen und ...


Ohne Frage, auch beim nachfolgenden Stück schienen Parker und Coltrane als geistig-musikalische Paten zugegen zu sein. In beinahe epischen Phrasierungen wurde das „Goldene Zeitalter“ des Jazz zu neuem Leben erweckt. Das Quartett unter Führung von Jan Prax schien ein Feuerwerk des Klangs zu entfesseln, ließ Lava fließen, lies es brodeln, kochen, simmern und köcheln. Freie Formen suchten ihren Raum. Die allerhöchsten Töne entlockte Jan Prax seinem Saxofon, dabei auch verdeutlichend, dass Jazz Körperarbeit beinhaltet.


„Verloren in Erinnerungen“, so lautete übersetzt der nächste Titel, der zu hören war. Wie die meisten Stücke auf dem Album „Ascending“, das den Düsseldorfer Jazzfreunden vorgestellt wurde, war auch dies ein Stück aus der Feder des in Karlsruhe beheimateten Jan Prax. Er wechselte für diese Komposition die Tonlage und griff zu seinem Sopransaxofon, das sanftmütig und schmeichlerisch daherkam. Urbane Ruhe wurde für Momente ausgestrahlt. Gedankenspiele konnten ihren Lauf nehmen. Eher im Bass gründete sich Martin Sörös am Tasteninstrument und Michael Mischl tauschte die Sticks gegen Besen, die über Bleche und Felle strichen. Zum Ende des Stücks hin war es erneut Jan Prax, der uns mit vollmundigen Klang-Erinnerungen umgarnte.


Gerappter Jazz oder was?


Vermisste man eigentlich den Rap von Soweto Kinch, als „Lift up your Soul“ auf dem Programm stand? Ich meine nein. Jan Prax und auch Tilman Oberbeck taten alles, um ihre Instrumente rappen zu lassen. Und das gelang vortrefflich, analog und ohne aufwändige elektronische Effekte. Für Jazzfeinschmecker mag dieses Stück gewöhnungsbedürftig gewesen sein, aber an dieser Stelle sei daran erinnert, dass bereits in den 90er Jahren  Bradford Marsalis mit der Crossover-Band Buckshot LeFonque den Spagat zwischen Jazz und Rap erfolgreich wagte.


Ein gelungener Nachmittag ging zu Ende mit einem sehr kompakten und in sich stringentem Programm von Jazz today. Danke an Jan Prax und seine Mitstreiter, von denen zu hoffen ist, das weitere derartige Konzerte und ein neues Album mit und ohne Rap folgen werden.


Text und Fotos: © ferdinand dupuis-panther – Der Text und die Fotos sind nicht public commons oder domain!


Informationen

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https://www.jazzhalo.be/reviews/cdlp-reviews/j/jan-prax-4tet-ascending/
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