Altfrid M. Sicking und Band - "I AM"

Dachtheater Warendorf, 21.3.2024








Mit „I AM“ hat sich der Vibrafonist Altfrid M. Sicking in der pandemischen Zwangspause einen lang gehegten Wunsch erfüllt. Nach Jahrzehnten als Sideman, fester Solist in der Götz-Alsmann-Band sowie Hochschuldozent in Münster und an der Folkwang-Universität in Essen hat der Vibrafonist und Marimba-Spezialist ein paar Lieblingskollegen zusammengetrommelt, um unter eigenem Namen ein Album überwiegend mit Eigenkompositionen aufzunehmen … . Weiter lesen wir in der Konzertankündigung: „Das Basisquartett à la Modern Jazz mit vollgriffigen Piano-Voicings, Walking Bass und sehr swingenden, mitunter funky akzentuierten Drums wird ergänzt durch zwei geschmeidige Bläser (Trompete/Flügelhorn und Tenorsax). Sicking verpasst dem klassischen Ambiente zwischen Swing und Neo-Cool ein stilsicheres Update: Balladeskes, Up-Tempo-Nummern mit Bop-Appeal und bewegungsfördernde Latin-Infusionen.“

   


Im Dachtheater waren neben Altfrid M. Sicking der Trompeter Christian Kappe, der Tenorsaxofonist Martin Classen, der Pianist Sebastian Altekamp, der Kontrabassist Ingo Senst, der Drummer Christian Schoenefeldt und der Perkussionist Markus Paßlick zu hören. Na dann mal die Ohren gespitzt. So hieß es für die, die gekommen waren und das Dachtheater bis zum letzten Platz füllten. Einige vermissten die sonst üblichen Arrangements mit Tischgruppen. Doch die Nachfrage war so groß, dass der Veranstalter sich für Stuhlreihen entschieden hatte. Altfrid Sicking hatte aus Platzgründen zudem darauf verzichtet, sein mehroktaviges Marimbafon nach Warendorf mitzubringen. Bei dem einen oder anderen Stück mit Latin -Flair hätte es durchaus eher in der Instrumentierung gepasst als ein Vibrafon. Doch durch die Spielweise machte der Vibrafonist dieses Manko wett, ließ die Klänge auch durch intensives Pedalspiel miteinander verschmelzen.

Armin Düpmeier begrüßte die Anwesenden vor dem Konzertbeginn und stellte auch das Programm der Saison 24/25 vor, in der unter anderem das belgische Ensemble um Olivier Chavet und das Satie-Projekt des niederländischen Bassisten Caspar van Meel zu hören sein werden. Nachfolgend erwähnte er, dass bis auf Altfrid Sicking alle anderen Musiker des heutigen Abends in unterschiedlichen Formationen schon einmal bei JazzLive aufgetreten sind.

   


Bis auf zwei Kompositionen - „Et La Vie Continue“ (Eric Truffaz) und „Poinciana“ (Nat Simon) – stammten alle anderen, die zu hören waren, aus der Feder des Vibrafonisten. Doch um es vorwegzunehmen, dieser stand nun nicht im Fokus, sondern alle Musiker hatten Räume der Entfaltung. Zudem wurde das Septett auch bei einigen Titeln zu einem Quintett und Quartett verwandelt. Auch das brachte neben den vielfach temporeichen Stücken Abwechslung in den Farbfächer des Klangs.

Aufgemacht wurde der Abend mit einem Stück, das Altfrid Sicking einem Freund gewidmet hat: „Song for Alf“:  Tanzende Schlägel brachten die Klangstäbe des Vibrafons zum Schwingen, derweil im Hintergrund drei Congas mit einem Bong-Bong zu hören waren. Nicht gar so bewegt, aber immerhin folgte der Bassist Ingo Senst den Phrasierungen, die der Vibrafonist zuvor entfaltet hatte. Mit zurückgenommenem Röhren und weichen Klangzügen meldete sich der Saxofonist zu Wort. Ähnlich wie Altfrid Sicking „zeichnete“ der Saxofonist radiale Linien. Christian Kappe schwang sich bei seinem Trompetenspiel in höhere Sphären auf. Dazu gesellte sich ein Drumming-Intermezzo mit Beckenrausch.  Und zum Schluss erlebten wir ein Tutti. Nachhaltig im Ohr blieb die Wortgewalt der  beiden Bläser des Ensembles, oder?

   


Statt eines Septetts erlebten wir bei „So Far“ ein Quartett. Mit lyrischen Folgen auf dem Flügel wurde die Komposition eröffnet. Bilder eines Rinnsals mit kristallklarem Wasser drängten sich auf, waren doch Klänge im Diskant zu hören. Eine „Klang-Ganache“ folgte, dank an den Vibrafonisten. Die Klangbreite des Basses reizte der Bassist in seinem nun folgenden Solo vollständig aus. Ein wenig wie Bar-Jazz mutete an, was der Pianist im Hintergrund zum Arrangement des Stücks beitrug. Sickings Spiel schien sich im Duktus und in den Harmonien an den klassischen Jazzstandards der 1940er und späteren Jahre zu orientieren. Jedenfalls hatte man den Eindruck, man unternehme eine Zeitreise in die Geschichte des Jazz. Und auch der Jazz, der im Film „The Fabulous Baker Boys“ zu hören ist, schien überaus präsent.


Eric Truffaz stand mit einer Komposition als Nächstes auf dem Programm: „Das Leben geht seinen Gang“, so lautet der Tracktitel in der deutschen Übersetzung. Truffaz, Jahrgang 1960, ist ein Trompeter, der im Hip-Hop ebenso zuhause ist wie im Jazz oder in der Pop- und  elektronischen Musik. Gedämpftes Trompetenspiel drang an das Ohr der Anwesenden. Einige der in zwei Reihen angeordneten Klangstäbe des Vibrafons  flirrten. Dabei nahm Sicking in seinem Spiel auf, was Kappe zuvor motivisch entfaltet hatte. Sonor meldete sich der Tenorsaxofonist. Rasseln waren hintergründig auszumachen. Eher rhythmische Notierungen lagen in der Hand des Basses, wenn es auch kein Saitenslapping zu erleben gab. Und auch eine Art Vibra Slap kam im Verlauf des Stücks zum Einsatz. Der Saxofonist seinerseits nahm uns mit in die Tiefen des Tenorsaxofons. Dabei schienen auch „orientalische Muster“ Teil seines Spiels. Suk und Kasbah waren für Momente sehr nahe. Wie eine Verschmelzung von Klangtropfen mutete das an, was uns Sicking auf seinem Instrument im Weiteren präsentierte. Doch ohne Frage brillierte Christian Kappe über weite Strecken, auch mit dem untergelegten Hall, dessen er sich bei solistischen Einlagen und in der „Führungsstimme“ bediente.  Ein Ohrenschmaus war obendrein das Zwiegespräch zwischen Trompeter und Saxofonisten, das wir erleben durften.

Im Titel und nur darin angelehnt ist „Adam's Battle“ - siehe Wayne Shorters „Adam's Apple“. Die Melodielinien kamen bekannt vor. Doch welchem Standard kamen diese nahe? Zugleich meinte man, die Musiker würden uns in die Welt der Karibik und des Calypso entführen. Man muss ja dabei nicht gleich an Harry Belafonte denken, oder? Vor der Pause spielte das Ensemble als letztes Stück „Sad Song“, der gar nicht so traurig und niederschmetternd klang, wie man wohl erwartete. Jedenfalls war kein Hauch von Lamento vorhanden. Und auch Melancholie fehlte gänzlich. Wieso also hieß der Track dann „Sad Song“?

    


Nach der Pause verbreiteten die Musiker in einem Quintett Latin-Flair. Man wähnte sich zwischen karibischem Strand und Zuckerhut. Wer beim Hören an Tito Puente und Arturo Sandoval sowie deren Musik dachte, lag wohl nicht ganz falsch bezüglich „I Love These Days“. Flott war das Tempo des Stücks, auch dank des Schlagzeugers und dessen Timing. Ob, wie Altfrid Sicking“ im Nachgang formulierte, eigentlich nur zwei Akkorde im Fokus stehen und dann der kreative Prozess darin bestand daraus etwas zu machen, lassen wir mal dahin gestellt. Bei „Time is ...“ griff der Trompeter Christian Kappe zum, Flügelhorn. Doch einen wesentlichen Unterschied zu dem Ansatz, mit dem er Trompete spielte, war nicht unbedingt zu erkennen. Bisweilen hatte der eine oder andere auch eher den Höreindruck, dass eine Posaune erklinge. Altfrid Sicking schien auf seinen Klangstäben im übertragenen Sinne zerfließendes Aquarellrot,- gelb und -grün zu mischen.


Mit „Poinciana“ tauchten wir in die 1930er Jahre ein. Benannt ist dieser zum Standard gewordene Song nach dem Flammenbaum Delonix regia. Der Text des Stücks strahlt eine gewisse Erotik aus, lautet er doch: „Poinciana, deine Zweige sprechen zu mir von der Liebe. ... Poinciana, irgendwie fühle ich die Hitze des Dschungels, in mir wächst ein scharfer Rhythmus. ...“ Darauf bezog sich Sicking auch in seiner Ankündigung der Komposition von Nat Simon. Afro-Rhythmisches schien sich mit Latin-Flair zu mischen. Shaker brachte der Perkussionist ebenso ins Spiel ein wie einen „Schellenbaum“. Beim Spiel von Christian Kappe hatte man nicht so sehr Latin-Flair im Kopf als vielmehr Musicals und Broadway.


Mit „Coming Home“ fand das Konzert eigentlich seinen Abschluss. Doch der Beifall des Publikums war lang anhaltend und nachhaltig, sodass noch eine Zugabe folgte, bei der man eine Mischung aus Funk und Soul ausmachen konnte: „On The Road Again“ war dann der „Rausschmeißer“ und das Ende eines Abends, der allen Zuhörern im Gedächtnis bleiben dürfte.

© Fotos und Text ferdinand dupuis-panther


Line-up
Altfrid Sicking - Vibrafon
Sebastian Altekamp - Piano
Ingo Senst - Bass
Christian Schoenfeldt - Drums
Christian Kappe - Trompete, Flügelhorn
Martin Classen - Tenorsaxofon
Markus Passlick – Percussion

https://found.ee/iam

Play List
(alle Stücke von A.M. Sicking, außer wenn anders angegeben)
- Song For Alf
- So Far
- Et La Vie Continue (Eric Truffaz)
- Adam´s Battle
- Sad Song
--------------
- I Love These Days
- Time Is…
- Poinciana (Nat Simon)
- Moonsand
- Coming Home
- On The Road Again


In case you LIKE us, please click here:




Foto © Leentje Arnouts
"WAGON JAZZ"
cycle d’interviews réalisées
par Georges Tonla Briquet


our partners:

Clemens Communications


 


Silvère Mansis
(10.9.1944 - 22.4.2018)
foto © Dirck Brysse


Rik Bevernage
(19.4.1954 - 6.3.2018)
foto © Stefe Jiroflée


Philippe Schoonbrood
(24.5.1957-30.5.2020)
foto © Dominique Houcmant


Claude Loxhay
(18/02/1947 – 02/11/2023)
foto © Marie Gilon


Special thanks to our photographers:

Petra Beckers
Ron Beenen
Annie Boedt
Klaas Boelen
Henning Bolte

Serge Braem
Cedric Craps
Christian Deblanc
Philippe De Cleen
Paul De Cloedt
Cindy De Kuyper

Koen Deleu
Ferdinand Dupuis-Panther
Anne Fishburn
Federico Garcia
Robert Hansenne
Serge Heimlich
Dominique Houcmant
Stefe Jiroflée
Herman Klaassen
Philippe Klein

Jos L. Knaepen
Tom Leentjes
Hugo Lefèvre

Jacky Lepage
Olivier Lestoquoit
Eric Malfait
Simas Martinonis
Nina Contini Melis
Anne Panther
Jean-Jacques Pussiau
Arnold Reyngoudt
Jean Schoubs
Willy Schuyten

Frank Tafuri
Jean-Pierre Tillaert
Tom Vanbesien
Jef Vandebroek
Geert Vandepoele
Guy Van de Poel
Cees van de Ven
Donata van de Ven
Harry van Kesteren
Geert Vanoverschelde
Roger Vantilt
Patrick Van Vlerken
Marie-Anne Ver Eecke
Karine Vergauwen
Frank Verlinden

Jan Vernieuwe
Anders Vranken
Didier Wagner


and to our writers:

Mischa Andriessen
Robin Arends
Marleen Arnouts
Werner Barth
José Bedeur
Henning Bolte
Erik Carrette
Danny De Bock
Denis Desassis
Pierre Dulieu
Ferdinand Dupuis-Panther
Federico Garcia
Paul Godderis
Stephen Godsall
Jean-Pierre Goffin
Claudy Jalet
Bernard Lefèvre
Mathilde Löffler
Claude Loxhay
Ieva Pakalniškytė
Anne Panther
Etienne Payen
Jacques Prouvost
Yves « JB » Tassin
Herman te Loo
Eric Therer
Georges Tonla Briquet
Henri Vandenberghe
Iwein Van Malderen
Jan Van Stichel
Olivier Verhelst