Accordion Affairs: Nectar for the Ears

Dachtheater Warendorf, 17.1.2019





„Trio oder Quartett? Beides trifft bei „Accordion Affairs“ zu: Jörg Siebenhaar (Akkordeon & Klavier), Konstantin Wienstroer (Kontrabass) und Peter Baumgärtner (Schlagzeug). Ein besonderer eigener Sound entsteht durch Siebenhaars synchrones Bedienen von Akkordeon und Piano, was die Möglichkeiten von Arrangement und Improvisation erheblich erweitert. Akkordeon und Piano werden eins.“ Das war im Vorwege des Konzerts zu lesen, gleichsam eine Vorbereitung auf ein Spiel mit Drei, spiel Vier! Dabei wurden während des Konzerts vor allem Songs aus dem Album „Elle“ vorgestellt, das beim Label JazzSick erschienen ist.

Trotz widrigen Wetters war das Dachtheater überaus gut besucht. „Akkordeon-Liebeleien“ standen auf dem Programm, zwischen Tango, Weltmusik und Musette mit einer Melange aus Jazz anzusiedeln.

Gleich zu Beginn präsentierte das Trio Kompositionen von Richard Galliano, der seine Vorliebe für Astor Piazzollas Tango nuevo nicht verhehlen kann. Im Gegensatz zu Galliano spielte der blinde Akkordeonist Jörg Siebenhaar ein Tasten- und kein Knopfakkordeon. Zudem verzichtete Jörg Siebenhaar weitgehend auf die Basslinien des Akkordeons, da er teilweise simultan Akkordeon und Flügel spielte. Dadurch gab es vor allem im ersten Konzertteil den Verzicht auf die Basslinie des Akkordeons. Das Erdige und Tieftönige lag daher gänzlich in den Händen des Kontrabassisten Konstantin Wienstroer.


Beide Stücke, die wir zu Konzertbeginn hörten, waren als Hommage an Piazzolla zu begreifen. Buenos Aires kam also musikalisch nach Warendorf, was die Anwesenden einnahm und zu sehr herzlichem Applaus anregte.

Wer allerdings die Klangform des Akkordeons in all ihrer Breite erwartet hatte, wurde eines Besseren belehrt, da die Linke von Jörg Siebenhaar über die Tasten des Flügels glitt. Das geschah teilweise suchend und teilweise mit einem Ansatz, der für das Zuginstrument angemessen gewesen wäre, für das Tastenmöbel eher weniger. Bisweilen hatte man den Eindruck eines „verwaschenen Klangs“, einer fehlenden Akzentuierung. Das kontrastierte zu dem sehr präzisen und akzentuierten Spiel auf dem Tastenakkordeon.

In beiden Stücken, „Tango pour Claude“ und „Laurita“, agierte der Drummer Peter Baumgärtner sehr verhalten, mit zartem Schlag auf Becken und Felle. Der Bassist füllte tiefgründig das Dachtheater, schien aber gegenüber dem sehr dominanten Akkordeon immer nur „zweite Wahl“ zu sein. So richtig zum Tanzen brachte er seine Saiten nicht. Nun ja, man sagt ja den Bassisten eine gewisse Introvertiertheit nach, sodass das mit zur klanglichen Konstellation beigetragen haben mag.

Im Verlauf des Abends stand eine Melange aus französischem Chanson und Musette sowie Modern Jazz auf dem Programm. Über weite Strecken wurde dem Publikum jedoch ein klanglicher Café au Lait mit Croissant serviert. Dabei dürften diejenigen, die Jazz mit Improvisation, mit Aufbruch, Ausschweifungen und Entladungen erwartet hatten, nicht so recht auf ihre Kosten gekommen zu sein. Bedächtigkeit und auch ein wenig Kontemplation waren angezeigt. Das muss man mögen – und das taten die Konzertbesucher.


Der Bassist Konstantin Wienstroer schien sich nach und nach warm gespielt zu haben und entlockte seinem dickbäuchigen Streicher auch feinste Töne, stricht ihm dabei über den Bauch – im übertragenen Sinne. Besonders Wienstroers solistische Einlagen zeigten, dass er durchaus für ein Klangtänzchen zu haben und nicht allein das eher Erdige und Schwermütige seine Sache ist.

Dem Jazzbassisten Charles Fambrough ist „Don Quixote“ zu verdanken. Dies ist auch ein Titel, der für die  CD „Elle“ eingespielt und nun in Warendorf vorgestellt wurde. Wider Erwarten, schließlich war der Komponist ein Bassist, stand nicht der Bassist des Trios im Fokus, auch wenn er durch eine wiederkehrende Linie deutlich in Erscheinung trat. Eher balladenhaft war der Song angelegt. Allerlei Beckengeschwirr war wahrzunehmen, vor allem aber das Zuginstrument, das der Schönheit der Melodie verpflichtet war. Dabei konnte man als Zuhörer nicht ausblenden, dass das französische Chanson die klanglichen Färbungen bestimmte. Dazu gab es eine „sehr rhythmische Kommentierung“ durch den Bassisten.

Einen Ausflug in die Weltmusik unternahm das Trio mit einem traditionellen Stück aus der Türkei namens „Koca Kavak“. Saz, Oud und Daburka vermisste der eine oder andere vielleicht. Doch auch mit der vorhandenen Besetzung rückte der Orient in den Okzident und ins winterliche Münsterland.

„Entschleunigt sei das energiegeladene Stück von ihnen angelegt worden“, so Jörg Siebenhaar in einer Ansage. So entführte eine Ballade die Zuhörer nach Istanbul, an den Taksim-Platz oder zur Blauen Moschee. Statt „schiefer Takte“ vernahm man einen 4/4 Takt. Entfesselung gab es dann bei „Crusade“ zu erleben. Da bemerkte man rege Interaktion und auch eine gewisse klangliche Rotation.


Im weiteren Verlauf des zweiten Konzertteils hätte man auch Tango tanzen können. Doch niemand der Anwesenden ergriff die Gelegenheit. Mit der Zugabe einer Miles-Davis-Komposition, nämlich mit „Teo“, endete der Konzertabend. Ursprünglich wurde das Stück vom Miles Davis Quartet mit John Coltrane 1961 eingespielt und lebt von Miles genialem Spiel auf der „säuerlich-spitz gestimmten“ Trompete. „Accordion Affairs“ wandelte das Stück in einen „English Waltz“ um, bei dem Jörg Siebenhaar ganz stark im Bass des Akkordeons agierte und auf die tieftönigen Linien des Kontrabasses traf. Das gleichzeitige Spiel auf dem Flügel trat dabei eher in den Hintergrund, ganz im Gegensatz zu den anderen Songs, die wir an diesem Abend hörten. So steht rückblickend die Frage im Raum, ob Accordion Affairs wirklich einen Flügel braucht!

Text und Fotos: © ferdinand dupuis-panther – Text und Fotos sind nicht public commons!




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Jörg Siebenhaar - Akkordeon, Klavier
Konstantin Wienstroer - Kontrabass
Peter Baumgärtner - Schlagzeug

www.peterbaumgaertner.com


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