20. Jazztage Emsdetten #1

Sebastian Studnitzky KY organic:
Free Jazz, Klassik, elektronische Musik und die Suche nach der Schönheit des Melodischen



Gut besucht war der erste Abend des Festivals, das es nunmehr im 20sten Jahr gibt, eine lange Zeit und ohne das ehrenamtliche Engagement der Mitglieder des Vereins emskult e. V. überhaupt nicht denkbar. Gewiss, die Stadt gibt Zuschüsse und auch eine Reihe von Sponsoren unterstützt das Festival, aber die genuine Arbeit wird durch Ehrenamt bewältigt. Spielstätte ist nach wie vor der Lichthof von Stroetmanns Fabrik, ein Raum, der aus Sicht von Musikern so seine Herausforderungen mit sich bringt, wie der Pianist und Trompeter Sebastian Studnitzky am ersten Abend auch richtig bemerkte.

Er stellte sein Projekt KY Organic vor und ließ es sich dabei nicht nehmen,  Minimalistisches mit Elektronischem, Klassisches mit Free Jazz zu mischen. Stets stand aber das Melodische im Fokus. Solistisches wurde nicht als Selbstdarstellung zelebriert, sondern war harmonisches Detail eines Ganzen. Wer allerdings Studnitzkys orchestrales Werk „Memento“ mit Streichersatz erwartete, der wurde enttäuscht, denn der aus dem Schwarzwald gebürtige, als Professor in Dresden lehrende und in Berlin lebende Sebastian Studnitzky kam mit seinem Quartett nach Emsdetten.


Vorgestellt wurden von KY Organic überwiegend Kompositionen aus dem jüngsten Album, darunter auch „Luba“, „Watergate“ und  „Anemos“, Dabei war es so, als ob man ständig im Flow war, also im Fluss, im Fließen, im Dahinfließen, durchaus von der kontemplativen Musik eingefangen.

Studnitzky hatte aus Berlin den Bassisten Paul Kleber ebenso nach Emsdetten mitgebracht – er reiste mitsamt Kontrabass wie auch alle anderen per Bahn ins kleinstädtische Emsdetten. Am Schlagwerk agierte, mit Bedacht und bisweilen sich ganz und gar auf Hi-Hat konzentrierend, Tim Sarhan. An den sechs Saiten der akustischen Gitarre hörten wir Laurenz Karsten.


Dass das „Vierergespann“ von Gegenwartsmusik, aber vor allem Paul Kleber und Sebastian Studnitzky von elektronischer Musik beeinflusst sind, konnte man während des Konzerts hautnah miterleben. Studnitzky verwies in einer kurzen Zwischenansage sowohl auf diesen Umstand als auch darauf, dass der Band Techno und Artverwandtes nicht fremd seien und daher auch Eingang in die Kompositionen gefunden habe.

Dass Studnitzky immer wieder aber „Zugriffe“ auf klassische Formen und Linien nahm, wurde an einigen Passagen des Vortrags deutlich. Dabei hatte der Berichterstatter hier und da den Eindruck, dass bezüglich der Harmonien auch Lars Danielsson und dessen Veröffentlichung „Liberetto“ ein gewisse Rolle spielten. In einem kurzen Pausengespräch räumte Sebastian Studnitzky ein, dass das durchaus der Fall sein könnte, da er viel mit dem Bassisten Lars Danielsson zusammengespielt habe.

Mit „Luba“ vom aktuellen Album eröffnete das Quartett den Abend, an dem zwei Sets gespielt wurden. Und am Ende gab es nach lang anhaltendem Beifall mit „Quiet“ auch eine Zugabe, nach der es trotz des nachfolgenden Beifallgetöses keine weitere Zugabe mehr gab.


Tanzende Sticks auf Blechen waren zum Konzertbeginn wahrzunehmen, ebenso ein aufgedrehter Bass. Sacht, samten und mit Sinn für die Weite bis zum Horizont so ließ Sebastian Studnitzky seine Trompete erklingen, deren Trichter sich über das Mikrofon schob. Studnitzky wechselte im Verlauf zwischen Trompete und schwarz-weißen Tasten hin und her.

Samplings gab es obendrein. Sie schienen eine passende erzählerische Ergänzung zum vollen Trompetenklang und den kaskadierenden Folgen der schwarz-weißen Tasten. Es klang wie „Es war einmal ...“ Fantasien schufen sich Raum, uferten aus, immer melodisch gestimmt und nie kakophonisch oder schräg, Nicht nur mit dem Griff am Basshals zeigte sich Paul Kleber dem Publikum, der eben auch mal die Saiten über dem tieftönigen Bauch griff und zupfte. Bilder von Meereswellen, vom Wolkenrausch, von losgelöst tanzenden Schritten, vom südlichen Licht drängten sich musikalisch auf, folgte man dem Gang der Linien und Skizzen, die das Quartett für die Hörer zusammengefügt hatten. Rockiges gab es als Zwischenschritte und stets auch ein „Es war einmal ...“, ohne märchenhaft daherzukommen.


„Watergate“ hatte nichts mit dem politischen Skandal zur Nixon-Ära gemeinsam, sondern bezog sich auf einen Berliner Techno-Club. Kein Wunder also, dass Techno vor allem in der rhythmischen Anlage der Komposition von besonderer Bedeutung war. Insbesondere Paul Kleber und auch Laurenz Karsten legten sich dafür mächtig ins Zeug. Aufdringlich zeigte sich die Bassdrum, an der Tim Sarhan agierte. Der „präparierte Flügel“ war wesentlicher Bestandteil der Technoadaptation, die ky organic vortrug.

Gleichsam mit dem Winde verflog auch der Tompetenrausch im steten Technorhythmus. Ein wenig Theatralisches gab es als „Beigabe“ zu bestaunen: Tim Sarhan zerdrückte und zerquetschte eine PET-Flasche und trug so zu einer Klangerweiterung bei. Verschobene Frequenzen, wie sie für Lang- und Kurzwelle typisch sind,  machten Teil der Samplings aus. So etwas wie Tschtschbr drang ans Ohr, ehe ein Gitarrensolo für einen wahren Ohrenschmaus sorgte. Und zum Schluss brachte Tim Sarhan auch sein großes Blech zum Schwirren.

„Anemos“, eigentlich in der griechischen Mythologie Windgötter, waren in Emsdetten auch präsent, jedenfalls musikalisch. Wie auf den Boden fallende Glasperlen klang das, was Sebastian Studnitzky seinem Tastenmöbel entlockte. Angesichts der frostigen Temperaturen Anfang März dachte der eine oder andere im Saal auch an knackendes und brechendes Eis oder an knirschenden Raureif, aber niemals an Winde unterschiedlicher Beaufort. Wurde da nicht Winterende und Frühlingsanfang von der Band „besungen“? So jedenfalls konnte man das interpretieren und assoziieren, was Sebastian Studnitzky anspielte.


Hart gesetzte und rockige Saitengriffe trafen auf den geschmeidigen Saitenfluss der Gitarre und aufs zarte Blechgetrommel. Nicht übermäßig energetisch und bissig zeigte sich Sebastian Studnitzky, der tief gebeugt über den Tasten des Flügels agierte. Der lyrische Fluss lag ihm wohl am Herzen. Neben Bass und Drums war es auch der Gitarrist Laurenz Karsten, der mit zwei Fingern für einen eindrücklich haften bleibenden Rhythmus sorgte. Sebastian Studnitzky dagegen bediente mit der einen Hand seine Trompete und mit der anderen die Tasten des Flügels. Das hatte schon etwas von großem Kino!


Im nachfolgenden Stück vernahm man ein Klicken und Knarren, dank an den Schlagzeuger Tim Sarhan. Im weiteren Verlauf fühlte man sich mehr und mehr in die Welt von Alan Parsons Project versetzt und an Mike Oldfield‘s Tubular Bells erinnert, oder?


Bisweilen hatten man den Eindruck, Geräuschrausch stehe im Mittelpunkt des musikalischen Unterfangens, unter anderem auch als Paul Kleber einen zittrigen Bogenstrich praktizierte. Mit seinem Trompetenspiel schien Sebastian Studnitzky ganz und gar zu entschweben. Klänge von Samt und Seide erfüllten den Lichthof. Dazu gesellten sich zerrissene und zerspringende Tastenfolgen. Übrigens,  entspannt konnte man sein, und zwar bis zum letzten Akkord von „Organic“.

Jazz mache neugierig, so der gut aufgelegte Bandleader in einer kurzen Ansage. Man verliere sich gerne in der Welt der Musik und schaue, was es alles so gebe. So verwurste man eben auch elektronische Musik. Damit seien zumindest Paul Kleber und er, Sebastian Studnitzky, aufgewachsen.


Auch vor Scarlattis „Katzenfuge“ machten die Vier von KY Organic nicht Halt. Nein, sie improvisierten über diesen „Klassiker“, nicht wissend, wie er anfangen und enden sollte, ganz zu schweigen von der Mitte, so Sebastian Studnitzky mit ein wenig Augenzwinkern. Dance Floor war dann eigentlich angesagt und weniger das Fugenhafte. Dabei mutierte die Trompete flugs mal zum reinen Atemrohr, gab sich die Gitarre überaus rhythmisch, beschränkte sich der Schlagzeuger auf die Sticks, die das Hi-Hat traktierten. Hörte man da nicht auch ein wenig Ragtime and Funk, als Studnitzky mit Elan und Verve in die Tasten griff?

Bei „La Cuna“ konnte man Karibikfieber entwickeln, mit und ohne Barcadi-Rum. Klischees von azurblauer und smaragdgrüner See, von Palmenstränden, von purem Freizeitbadespaß drängten sich auf. Dass hin und wieder beim Komponieren auch kein passender Name für einen Song gefunden wird und einfach der Arbeitstitel bestehen bleibt, das war bei „Sieben“ so der Fall. Aufbruch schien der Song zu signalisieren, der frühlingshafte Harmonien verarbeitet zu haben schien. Ohne elektronische Komponenten kam übrigens auch Nr. Sieben nicht aus. Sie dienten der Weichzeichnung, die auch in anderen Komposition durchaus ein Rolle spielte.

Schließlich hörten wir in der Schlussphase des Konzerts musikalische Eindrücke vom südlichen Licht. Irgendwann war dann auch der Abend zwischen schönen Melodielinien, Free Jazz, Impro, Klassik und Elektronischer Musik zu Ende. Alle Anwesenden waren bestimmt auf ihre Kosten gekommen.


Text/Photos: © ferdinand dupuis-panther / text and photos are not public commons! Respect the copyrights.


Informationen

Sebastian Studnitzky
https://www.instagram.com/studnitzky/
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Laurenz Karsten
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Paul Kleber
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Tim Sarhan
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