2. Sommerjazz-Festival, Bochum 5.7.2018

Tatort Jazz Hausband traf Frederik Köster, Philipp Sauer und Ansgar Mayer-Rothmund


„Es erwartet Euch ein facettenreicher, sommerlicher Konzertabend rund um den Jazz, mit großartigen Musikern der Jazz- und Klassikszene Rhein-Ruhr. Es ist ein Kooperationskonzert mit Tatort Jazz & Musikschule Bochum. Schon beim 1. Sommerjazz Fest im letzten Jahr, hatte unser Jazzfest bereits “übergroße” Publikumsresonanz mit Standing Ovations am Ende der Veranstaltung.“ So hieß es im Vorfeld der Veranstaltung.

Und die Bochumer Jazzliebhaber waren in Scharen ins Bochumer Musikforum gekommen. Der große Saal war zwar nicht bis auf den letzten Platz gefüllt, aber im Parkett und Hochparkett gab es keinen freien Sitzplatz mehr. So lauschten etwa 700 Zuhörer dem Auftritt der Tatort Jazz Hausband, sprich dem Pianisten Matthias Dymke, dem Bassisten und Tubisten Alex Morsey sowie dem Drummer Uwe Kellerhoff. Als Gäste kamen der Echo-Jazz-Preisträger und Trompeter Frederik Köster, der Saxofonist Philipp Sauer und der Tubaspieler der Bochumer Symphoniker Ansgar Mayer-Rothmund auf die Bühne.


Und schließlich ließ es sich die Organisatorin der TatortJazz-Reihe und dieses Festivals, die Sängerin Milli Häuser, nicht nehmen, im zweiten Teil des Konzerts nicht nur „Woman“ von Neneh Cherry, sondern auch zwei Kompositionen von Blood, Sweat & Tears mit ihrer vollen Stimme zu bereichern. Das gab es bluesige Melangen und Scat-Gewisper zu hören – ein Hochgenuss. Übrigens, auch der Bassist und Tubist Alex Morsey stellte bei der Zugabe sein Gesangstalent unter Beweis. Er überraschte dabei den einen oder anderem im Saal mit tiefgründigem Scat-Gesang.

Der Anfang des Abends gehört der TatortJazz-Hausband. In einer Verbeugung vor John Coltrane spielte das Trio „Softly, As In A Morning Sunrise“. Dabei gehörte dem Pianisten Matthias Dymke die Klangbühne über weite Strecken allein. Sein Spiel kam einem Spagat zwischen konzertantem und improvisiertem Jazz gleich. Zwischendrin hatte der eine oder andere Zuhörer den Eindruck, es erklinge hier und da eine Etüde. Im Verlauf des Stücks swingte es obendrein gewaltig. Dass Coltranes Saxofon fehlte, vermisste wohl keiner im Saal. Weniger Schlagkraft der Basstrommel wäre sicherlich dem Klanggenuss förderlich gewesen. So fiel es zeitweilig schwer, sich auf das quirlende, flirrende, schwirrende Tastenspiel einzulassen, ohne vom „Paukenschlag“ aus dem konzentrierten Zuhören gerissen zu werden, zumal streckenweise durch die Schlagkraft des Schlagzeugers auch die Feinheiten des Tieftöners zugedeckt wurden.


Nachfolgend war es dann an Philipp Sauer die Klangfärbungen mit seinem Sopransaxofon und Tenorsaxofon zu bestimmen. Alex Morsey gestattete sich dabei den Hinweis, dass Philipp Sauer nicht etwa eine vergoldete Klarinette spiele, sondern eben ein hochtöniges, nicht geschwungenes Sopransaxofon. Mit weichen Klangwellen nahm uns Philipp Sauer auf eine sommerliche Exkursion mit, als er seine Eigenkomposition „Dodo's Dance“ spielte. Geschrieben habe er dieses Stück, so Sauer in einer Zwischenansage, für seinen Neffen. Man könne sich nun, so Sauer leicht verschmitzt, selbst einen Reim darauf machen, ob es sich um ein ruhiges oder eher sehr aktives Kind handele. Nein, an Sydney Bechets Spiel erinnerte nichts, auch wenn Philipp Sauer den Saal „in behutsame Schwingungen“ versetzte. Ähnlich wie zuvor im ersten Stück hatte Matthias Dymke seine „klangvolle Stunde“ – im übertragenen Sinn –, da er neben Sauer die Klangpalette mit neuen Farben anreicherte und dem Pointillismus gleich bunte Farbtupfer setzte. Tanzende Klangstränge trafen so auf weiches Gebläse, im Ansatz sehr lyrisch, sehr bedacht gesetzt, wie aquarellierte Schlieren auf einer Leinwand verlaufend.


Mit „Night Light At the Crossroad“ ging es weiter, geschrieben, so Sauer, als zu Ostern die Familie grippekrank war. Beim ersten Höreindruck tauchten Bilder von einzelnen Nachtschwärmern auf, die langsamen Schrittes nach Hause gingen. Man dachte auch an Schlafwandler und an eine Nacht ohne Stadtlärm. Suggerierte der gestrichene Bass nicht, dass da gerade ein Radfahrer auf seinem reparaturbedürftigen Drahtesel unterwegs war? Nachträumereien schienen sich außerdem zu einem nächtlichen Abgesang auf einen stressigen Tag zu entwickeln.

Nachdem Philipp Sauer statt des hochtönigen Sopransaxofons zum Tenorsaxofon gegriffen hatte, stimmte das Quartett eine weitere Komposition des Saxofonisten an: „Move on“. Anlass für dieses Stück war ein Schüler, der aufgrund schlechter Schulnoten, die Übungsstunden in der Musikschule aufgeben wollte. Doch da hatte er die Rechnung ohne Sauers Lehrerehrgeiz gemacht. Das Motto konnte nur „Move on“ lauten. In diesem Stück rappte Sauer auch ein wenig, mal abgesehen davon, dass dem Stück auch Funk beigemischt wurde.


Anschließend trat dann der Tubist der Bochumer Symphoniker auf die Bühne und das war, so Ansgar Mayer-Rothmund, zugleich eine ganz neue Erfahrung. Nun stand er im Mittelpunkt vor der Rhythmusgruppe und nicht im Hintergrund der Bühne, wie gewohnt. Ein wenig Ballroom-Atmosphäre tat sich auf, als das Quartett „There Will Never Be Another You“ (Nat King Cole) spielte. Neben der Behäbigkeit der sehr tieftönigen und melodisch agierenden Tuba fiel beim Vortrag auch das Spiel des Bassisten Alex Morsey ins Gewicht.


Dass ein Tubist das Stück eines Tubisten auswählt, scheint nicht außergewöhnlich. So  war im ersten Konzertteil mit der Komposition von Howard Johnson namens „Funk In Deep Freeze“ zu hören. So flott wie in der Einspielung von Hank Mobley ging es im Musikforum nicht zu, zumal sich vor Ort gleich zwei tieftönig gefärbte Bläser in einen Dialog begaben. Alex Morsey griff nämlich zum Sousaphon. Im Verlauf des Stücks vermeinte man, Gospelhaftes und Anmutungen von New Orleans Jazz sowie von Musik einer Street Band, die in einer Straßenparade klanggewaltig umherzieht, präsentiert zu bekommen.


Im zweiten Konzertteil war es an dem Trompeter Frederik Köster eine neue Klangnuance einzubringen. Auch er hatte eigene Kompositionen mitgebracht, so „Ocean Park“ und „Alone“. Doch ehe Frederik Köster zu hören war, eröffnete Milli Häuser mit „Woman“ das „Finale“. „This is a woman's world“ hieß es in einer Zeile von „Woman“. Dabei mischte sich Soul mit Gospel, eine Stimme voller „rauchiger Beifärbung“ mit feinstem Scat Vocal zum knarzenden Bass. Danach konnte man sich treiben lassen, dachte an Wind, Surfen, Wellen, Meer, Strand, Weite und Blicke zum Horizont, als „Ocean Park“ auf dem Programm stand.

Dass ein Trompeter auch eine gute Stimme hat, um Gedichte vorzutragen, unterstrich der Kölner Trompeter Frederik Köster, der sich zu seiner Vorliebe für Singer/Songwriter wie Joni Mitchell bekannte, mit der Vertonung eines Gedichts von James Joyce. So konnte man Verszeilen wie „The noon's greygolden meshes make / All night a veil, ...“ folgen. Sehr lyrisch ausgerichtet war dann auch die Melodielinie, die in den Händen Kösters lag. Man konnte beim Zuhören an Nordlichtschwaden denken, an Wetterleuchten, an ungehinderte Blicke in die Ferne.


Fürs große Finale hatten sich die Musiker zwei Kompositionen von Blood, Sweat & Tears ausgesucht, arrangiert von Alex Morsey, der auch bei beiden Stücken ganz deutlich durch seine Körpersprache Regie führte. Geprägt waren „When I Die“ und „God Bless the Child Blood“ durch den vereinten Bläsersatz von Tuba, Trompete und Tenorsaxofon. Dabei ging es nicht um die möglichst nahe Annäherung an das Original, sondern um das Aufnehmen der Gebläse-Klangwucht, die schon Blood, Sweat & Tears auszeichnete, als sie in den 1980er Jahren mit ihrer Rockmusik die Bühnen der Welt bespielten. Balladenhaftes vermischte sich filigran mit einem Hauch von Blues. Hier und da musste man wie bei „God Bless the Child Blood“ an Cuban Jazz denken, ganz wie beim Original.


Der nachfolgende Beifall war herzlich und lang anhaltend. Das Publikum hatte auch während des Konzerts nach Soloauftritten nicht mit Beifall gegeizt. Nahm es da Wunder, dass es noch eine Zugabe gab? Wohl kaum. Mit „Bernie's Tune“ - Gerry Mulligan hat das Stück bekannt gemacht - fiel dann schließlich der Vorhang für einen sommerlichen Jazzabend. Man darf hoffen, dass auch im nächsten Jahr ein Sommer-Jazz-Festival in Bochum stattfinden wird!

Text und Fotos © ferdinand dupuis-panther Text und Fotos sind nicht public commons!




Informationen

www.tatort-jazz.de
http://milli-haeuser.de/
www.musikschule-bochum.de

Frederik Köster
http://www.frederikkoester.de/

Blood, Sweat & Tears




Howard Johnson Funk in the Deep Freeze by Chet Baker




Bernie's Tune by Gerry Mulligan


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