Stephen Godsall - Tingling skin, buzzing wires
S
Jazz'halo
Zum Hintergrund des Musikers und seiner Intention für das vorliegende Album diese einleitenden Zeilen: „The banjo and I have a long history. My very first paid gigs were playing banjo ukulele in a Ceilidh band – an old calf-skin model whose resonance changed dramatically with the weather, one of the challenges and joys of the instrument. My favourite player in those days was Earl Scruggs and I still love bluegrass, as well as Irish banjo music. More recently Bela Fleck is one of today's most interesting musicians, expanding the banjo's territory; his duet albums with Chick Corea are just wonderful.“ (Stephen Godsall)
Banjo und Ukulele sind ähnlich wie der akustische Kontrabass ohne Verstärkung Saiteninstrumente mit geringer Resonanz. Vielfach klingt das Banjo, das vor allem im Bluegrass und in der Country Music von Bedeutung ist, nach einem kurzatmigen Plong-Plong, eher nach Plonk-Plonk. Da ist der Bass schon eher mit einem Saiten-Schnalzen und -schwirren zu vernehmen. Und die Ukulele mit zierlichem Korpus ist auch nicht ein Instrument, das den Klangraum wirklich einnimmt. Nun also liegt ein Album eines Banjo-Spielers vor, der durchaus auch im Jazz bewandert ist, auch wenn das Banjo eher im Genre Dixieland zu finden ist. Durch die Kombination mit anderen Instrumenten mit mehr Klangvolumen wie Saxofon und Posaune jedoch findet das Banjo eine Nische, vor allem in Richtung auf Perkussion und Rhythmik.
Eröffnet wird das Album mit dem Track „Erratic“: Zu hören sind Banjo, Bass und Perkussion, dabei eine Zinnkeksdose verwendend. Sehr rhythmisch kommt das Stück daher. Das Banjo hört sich streckenweise wie eine Daumenharfe (Kalimba) an. Die Klänge sind trocken. Voll dagegen erscheint in seinen Klangäußerungen der Bass. Auf unterschiedlichen Klangbahnen bewegen sich Banjo und Bass. Das ist reizvoll, vor allem angesichts eines durchaus tempostarken Spiels mit wiederkehrenden Modulen. Sie lassen an Tap-Dancer denken, die mit ihren „Nagelschuhen“ für Rhythmus sorgen. Beim zweiten Stück namens „Helium“ fällt auf, dass das Banjo ähnlich klingt wie eine Saz oder Guembri. Eine „jaulende Trompete“ im Geist von New Orleans Jazz ist zu hören und eine „zartbesaitete“ Gitarre. Nach Aussage von Stephen Godsalls sei in dem Stück eine Melange konzipiert worden, die Horace Silver und Steely Dan vereint.
Herbstlich geht es im musikalischen Sinne bei „Deciduous“ zu. Ian Ellis am Tenorsaxofon fällt es in Klangbildern zu, für die Herbstwinde und das niederfallende Laub der Bäume zu sorgen. Sonor ist sein Spiel. Bei den Weichzeichnungen des Saxofonisten ist man geneigt an Indian Summer zu denken und nicht an garstige Herbststürme, die den kommenden Winter ankündigen. „Outside“ wurde mit den Brüdern von Stephen Godsall, Richard Godsall (piano/organ) und Andrew Godsall (drums), eingespielt. Für die Lyrik des Songs ist die Vokalistin Laura Taylor zuständig, die allerdings hier und da stimmliche Schwächen offenbart und sich auch nicht definitiv für eine Tonlage entscheiden konnte. Manchmal hat der Zuhörer den Eindruck, die Vokalistin sucht nach den Tönen! Inspiration für das Stück ist der Roman von Emily Brontë namens „Wuthering Height“, so erfahren wir aus den Liner Notes. Übrigens „Wuthering Height“ gilt heute als das Beispiel für den britischen Roman des 19. Jahrhunderts.
„Welsh Highland“ lässt den Zuhörer mit einer Schmalspurbahn durch rollende Hügel reisen. Die Instrumentierung des Stücks ist außergewöhnlich: elektronisches Fagott, Orgel, Bass, Piccolo-Flöte und akustische Gitarre mit Nylon-Saiten. Und auch das Banjo hört man hier und da. Flötentöne, die eingewoben sind, lassen uns an die Signale der historischen Eisenbahnen denken, wenn sie sich einem Bahnübergang näherten. Sehr melodisch agiert die Gitarre im Wechselspiel mit Flöte und Banjo. Oder hören wir statt Banjo einen Bass oder die Gitarre? Im Hintergrund wird durch die Orgel ein zart gewebter Klangteppich ausgerollt. Und dann ist auch das rau sowie heiser klingende Fagott wahrzunehmen. Und weiter geht die Reise, immer weiter mit und ohne Piccolo-Passagen. Der Piccoloflöte gehört im Übrigen der letzte Ton der Bahnfahrt!
Nach „Hitting the small time“ mit Anlehnungen an den Stil für den Hendrix in der Rockmusik stand, folgt „The last hillwalker“. Übrigens, bei „Hitting the small time“ weiß der Drummer Andrew Godsall, was die Zeit schlägt. Und Stephen Godsall lässt Hendrix im Geiste mit dabei sein, verfolgt man seinen Stil auf dem Banjo. Das Duett von Banjo und Flügelhorn, gespielt von Steven Waterman, ist der musikalische Leckerbissen im Stück „The last hillwalker“. Teilweise muss man beim Hören an sakrale Musik in einer gotischen Kirche denken. Zugleich versteht Waterman auch, die Weite der Landschaft in Klangfärbungen zum Ausdruck zu bringen, auch jenseits von Gabareks Fjord-Sound.
„The Force“ nimmt teilweise Bezug auf die Musik vom Hot Club de France, insbesondere in den Gitarrensequenzen. Einst war es der legendäre Django Reinhardt, der in diesem Ensemble spielte und die europäische Art des Swings kultivierte. Und nun erleben wir mit eigener Spielauffassung, aber mit Bezug zu dem oben genannten Gitarristen Stephen Godsall.
„Forest Fugue“, eine Erinnerung an eine Wanderung in Grizedale Forest in heftigem Regen und durch Godsalls Gitarrenspiel im Muster einer Fuge konzipiert, ist ebenso auf dem Album zu finden wir „Beacons“. Fingerpicking Style oder was? - das kommt dem Zuhörer nach wenigen Takten in den Sinn, zugleich muss man an die Rhythmik von Irish Folk Music denken, besonders an Reels. Hier und da blitzt der Gedanke auf, es werde eine Sitar zum Klingen gebracht. Doch es ist wohl n u r ein Banjo mit speziellem Saitenschlag.
Zum Ende dann nimmt Godsall für „Birthday Yodel“ Anlehnungen an traditionelle englische und österreichische Musik. Von Jazz ist dann gar keine Spur zu finden. Das ist dann zum Mitsingen, da das bekannte „Happy Birthday“ auf Jodelklang trifft. Fazit: Die Hard Jazz-Jünger müssen für das vorgelegte Album offene Ohren haben, da hier und da doch Folk und nicht Jazz die Tracks bestimmt, Impro hin oder her.
© ferdinand dupuis-panther, 2026
BANDCAMP
Musicians
Stephen Godsall, banjo, ukulele, guitar, bass, synths, percussion
Laura Taylor, vocal
Steve Waterman, flugelhorn
Ian Ellis, tenor sax
Richard Godsall, Wurlitzer piano, Hammond organ
Andrew Godsall, drums
Diane Annear, piccolo
Composed and produced by Stephen Godsall















