Stefan Bauer - Life Between Plagues

Stefan Bauer - Life Between Plagues

S

JHM

Der 1956 in Recklinghausen geborene Vibrafonist Stefan Bauer bezeichnet das vorliegende Album als das musikalische Vermächtnis seiner Zeit in Brooklyn von 2001 bis heute: Er verarbeitet im vorliegenden Album als Zeuge dramatische Ereignisse unterschiedlichster Art (9/11, Afghanistan- und Irak-Kriege, Hurricane Sandy, Finanzblase 2008, Zivilistenmorde durch die Polizei, Covid bis hin zur derzeitigen „Orangefarbenen Seuche“) zeitgeschichtliche Extreme. Sie haben in seinem musikalischen Schaffen deutliche Spuren hinterlassen. „Life Between Plagues“ ist Stefan Bauers Freund, dem jüdischen Armee-Veteran und Holocoust-Zeitzeugen Seymour Kaplan gewidmet, einer der eindrucksvollsten Figuren bei Bauers Begegnungen der letzten Jahrzehnte. Seymour war für Bauer ein Mentor und half, wie durch ein Prisma die derzeitigen Geschehnisse insbesondere in den USA differenziert zu betrachten. Stefan Bauer hat zu seinem Projekt „Life Between Plagues“ nicht nur musikalische Weggefährten aus Brooklyn eingeladen, sondern mit den elektroakustischen Beiträgen seines Sohnes, Lukas Bauer, das Klangbild und das Ausdrucksspektrum dieser Produktion um eine maßgebliche und aufregende Komponente erweitert.

Den Anfang des Albums macht „Nice Try“ gefolgt von „Message From Minneapolis“, eine musikalische Reflexion der Massenproteste gegen die brutalen Aktionen von ICE, einer us-amerikanischen „Geheimpolizei“, die Jagd auf Migranten macht. Dabei wird stets erst geschossen und dann gefragt. Wobei die Tötung nie geahndet wird. Es ist Business as usual in einem Land, an dessen Spitze ein narzisstischer Autokrat das Sagen hat. Wie, so fragt man sich vor den ersten Takten, bekommt man solche Geschehnisse in eine musikalische Form? Ja, schrille Klänge vernehmen wir, zudem allerdings auch den weich gezeichneten lautmalerischen Gesang von Tammy Scheffer. Repräsentiert sie die Stimme der friedlichen Demonstranten? Hier und da unterliegt der Klang des Vibrafons der stimmlichen Darbietung. Anklage oder Wehklage ist in den Saxofon-Passagen zu sehen, oder? Intensiv ist das Schlagwerk gemeinsam mit dem Vibrafon. Man könnte diese Sequenzen des Stücks als Form für den Widerstand sehen, aber auch für den Aufruhr und die Empörung. Müsste man für die Aktionen von ICE nicht stärkere dissonante Klangflächen hörbar machen? Nach dem Stück „Bonne nuit, maman!“, an ein Chanson denken lassend und mit Klangbildern, die ausschließlich der Vibrafonist Stefan Bauer gestaltet, und „A Nice Place“ folgt erneut Bauers Fingerzeig auf die Machenschaften von ICE in dem Stück „ICE Age“. Eiszeit und die Zeit von ICE zugleich – so jedenfalls ist der Titel zu sehen. Hinter dem Kürzel steht die Bundespolizeibehörde des US-Heimatschutzministeriums. Das klingt harmlos. Doch die Wirklichkeit ist wenig harmlos. Elektronische Effekte und Schellenklang dringen an unser Ohr. Orgelklang ist zu hören. Eine Klanglandschaft wird gestaltet, die an Schrecken denken lässt. Die Marimbafonschläge (?) könnte man gleich setzen mit den Attacken von ICE-Mitgliedern in den Straßen der us-amerikanischen Großstädte. Kriegsgeheul macht sich breit, so signalisieren die Musiker. Dramatik wird in der Musik arrangiert.

Den Alltag in Brooklyn hat Stefan Bauer in dem Track „Brooklyn in Grey“ eingefangen. Die Färbung des Stücks wird im Kern von der stimmstarken Vokalistin, aber auch von einem der Flötisten der Band bestimmt. Nachfolgend hören wir das Titelstück des Albums namens „Life Between Plagues“. Bei Plage und Seuche denkt man ja bisweilen an Pest und Cholera des Mittelalters und späterer Jahrhunderte. Doch wir sind auch mit Plagen konfrontiert. Weiter oben sind die Kriege und Heimsuchung durch Viruserkrankungen aufgeführt. Im Duktus ähnelt das Stück schon dem Stück „Brooklyn i Grey“. Weiter geht es unter anderem mit „Seymour“ und „Cathedral“. Stefan Bauer und seine Mitmusiker widmen sich allerdings auch „Forgotten Rituals“. Wir hören ein Gedicht rezitiert zu Beginn, ehe sich dann Vokales nach und nach erhebt. Es ist das Gedicht „At Dayrise“ von Br Norman Rosenberg, der hierzulande eher ein Unbekannter ist. Was allerdings erlebbar ist, ist der Tagesanbruch, mit Trommelwirbeln, Gesangskapriolen, Vibrafonklängen eingefangen. Mit „New York Minute“ steht dann der Lebensmittelpunkt von Stefan Bauer ein weiteres Mal im Fokus. Zugleich rundet dieser Titel auch das Album ab.

© ferdinand dupuis-panther 2026


Info

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Musicians
Stefan Bauer - vibraharp, marimba, piano, keyboard
Chris Bacas - soprano sax
Tammy Scheffer – voice
David Bindman - tenor sax, flute
Michel Gentile - alto flute, piccolo flute
Lukas Bauer - electronic sound generation and processing
Jerome Harris - half-acoustic e-bass
Michael Sarin - drums

Tracks
01. Nice Try (4’12)
02. Message From Minneapolis (6’08)
03. Bonne nuit, maman! (3’49)
04. A Nice Place (2’55)
05. ICE Age (3’26)
06. Brooklyn in Grey (4’07)
07. Life Between Plagues (3’08)
08. Seymour (4’09)
09. Cathedral (5’09)
10. Forgotten Rituals (7’29)
11. Deconstructed Vibe (3’00)
12. New York Minute (3’15)


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