Soulcrane feat. Laurent Derache – DARK
S
Klaeng Records
Ein schlagzeugloses Ensemble stellt sein aktuelles Album vor. Dabei stellt man sich die Frage, ob ein Schlagwerker als Taktgeber notwendig ist oder nicht, haben doch alle Musiker den Takt im Blut. Der Titel des Albums verführt zu allerlei Assoziationen wie schwarz wie die Nacht, schwarz wie der Kumpel untertage, der die Kohle gebrochen hat, schwarz wie ein Schornsteinfeger, der heute längst nicht mehr in der Hauptsache verrußte Kamine kehrt, aber auch schwarz bzw. dunkel wie ein Wald, in dem man nur pfeifend unterwegs sein will, wenn man denn muss. Achten wir mal beim Hören, ob wir „schwarze Töne“ wahrnehmen können.
Zum Album ein O-Ton von Matthias Schwengler, dem Bandleader und Trompeter des Trios Soulcrane. „Ich war auf diesem Album auch stark von Balkan-Klängen beeinflusst. Meine Partnerin kommt aus Bulgarien, weshalb ich mich intensiv damit beschäftigt habe. Ich liebe es, auf einem einzigen Instrument so viele Kontraste auszutesten und mit so vielen Möglichkeiten zu spielen.“ Übrigens, das Trio Soulcrane erweitert sich von Mal zu Mal um einen Gast. Diesmal ist das der Akkordeonist Laurent Derache.
Getragen ist der Eröffnungssong. Der Trompeter Matthias Schwengler scheint ein Wehklagen auf den Lippen zu haben. Der Akkordeonist hingegen versteht sich auf rhythmische Konnotationen und der Bassist Reza Askari dringt in dunkle Tiefen vor. Beinahe wie im Diskant eines Glockenspiels hört sich das an, was der Gitarrist Philipp Brämswig in „Dark“ zu sagen hat. Aus dem Dunkel, dem Schwarzen heraus erhebt sich nachfolgend die Stimme des Trompeters, jedoch immer noch in einem bedächtigen Tempo. Ob man allerdings von Lamento dabei reden kann, ist eine Frage. Man könnte bei der Äußerung des Trompeters auch an eine Ode an den Herbst denken, bei der sich die üppige Natur nach und nach auf den „Winterschlaf“ vorbereitet, oder? Das Zwischenspiel gehört ganz und gar den Klangfärbungen, die ein Akkordeon auf die musikalische Bühne zaubert. Das hat etwas von Kammermusik jenseits der klassischen Instrumentierung und Notierung. Der Zuhörer hat durchaus auch den Eindruck, der Akkordeonist knüpfte an Tango nuevo an. Das wird dann in „Quiet Little Place“ mit vielen Abwandlungen umgesetzt. Der Akkordeonist ist dabei eine „führende Stimme“ in der Tiefe des Klangraums, neben dem Bassisten. Matthias Schwengler ist eher für das Beschwingte und die Facetten von Frühlingsfarben zuständig. Der Gitarrist schwelgt mit seinem Saitenspiel in Klangströmen mit Pastelltönen. Trompeter und Gitarrist versuchen musikalisch das umzusetzen, was den Pointillisten gelungen ist: das Erfassen von Licht. So könnte man angesichts des Gehörten formulieren.
Neben dem „Accordeon Interlude“ finden sich auf der Einspielung außerdem ein „Bass Interlude“ und gegen Ende auch ein „Guitar Interlude“, aber zwischendrin auch ein „Trumpet Interlude“. Das ist eine sehr gelungene Idee, den jeweiligen Instrumentalisten Raum für ihre Stimme zu geben, ohne dies als Solo in ein Stück einzupassen. Ein Windgeschwirr ist zu vernehmen, wenn das Bass-Solo beginnt. Man könnte auch von einem konstanten Signalgesang reden, über den sich die Bassstimme setzt. Dabei reizt Reza Askari gänzlich den Klangumfang seinen Tieftöners aus und setzt auch zarte Töne. Das Solo geht dann nahtlos in „Walk of the Mummer“ über. Also, nun sind wir beim Umzug eines Vermummten dabei. So ist jedenfalls eine Deutung des Begriffs „Mummer“.
Nachdem der Bassist in dieses Stück eingeführt hat, tritt nachfolgend der Trompeter mit weichgezeichneten Klangformen an dessen Seite. Der Ansatz, den Matthias Schwengler pflegt, lässt in den Klangformen hier und da an eine Posaune denken. Beschwört der Trompeter die Weite des Klangraums? Zeichnet er den Weg des Vermummten nach? Eigentlich steckt in dem Begriff „Mummer“ auch etwas Komödiantisches. Doch so ausgelassen und mit musikalischem Mummenschanz versehen ist die Musik nicht. Eher das Feingliedrige steht im Fokus, auch wenn man bedenkt, dass der Bassist mit stetem Basston und der Akkordeonist mit diskanten Klangäußerungen das Bild eines Umzugs ausfüllen. Ausgelassen geht es im zweiten Teil des Stücks zu. Da hat man im Zusammenspiel zwischen dem Gitarristen und dem Trompeter bzw. Akkordeonisten und Trompeter den Eindruck, ein Umzug mit und ohne Narrenkostüme bewege sich leichtfüßig durch die Gassen einer mittelalterlichen Stadt. Man denke dabei auch an den Baseler Morgestraich, oder? Aufgehellt sind die Klangfarben, umtriebig das Tempo. Und danach lauschen wir dem „Trumpet Interlude“. Diese übernimmt die Klangfarben des Mummenschanzes im vorherigen Stück, ehe dann „Change of Scenery“ auf dem Menüplan steht.
Doch widmen wir uns vor dem Gitarrenzwischenspiel der Komposition, die sich mit Räumen befasst:“Spaces“. Das Zuginstrument hat im Klang Anmutungen eines Harmoniums, das die Räume ebenso füllt wie das Saitenspiel von Philipp Brämswig. Schwebende Klangwolken schafft der Trompeter. Diese liegen über den Melodielinien von Akkordeon und Bass mit kurzen Tonfolgen im „Dunkelfeld“. In Kontemplation kann man sich ergehen, wenn man insbesondere dem Gitarristen und dem Akkordeonisten folgt. Teile des Tracks haben Anmutungen von französischer Chansonmusik, Musette und akustischer klassischer Gitarrenmusik, oder?
Etüde oder was? Das ist Frage beim „Guitar Interlude“. Jedenfalls ist es klanglich wie die anderen Zwischenspiele auch ein ganz besonderer Ohrenschmaus. Nach „When She Was Minus Three“ folgt zum Schluss „Reason Implement“. Fazit: ein sehr gelungenes, facettenreiches Album, an dem alle vier Musiker auf Augenhöhe beteiligt sind. Nebenrollen gibt es nicht, in den Zwischenspielen eh nicht. Und die Musik lädt zur Kontemplation ein, lässt im Kopf unterschiedliche Bilder entstehen, von aufsteigenden Lenkdrachen am blauen Himmel, von Kitesurfern mit waghalsigen Wendungen, von Flaneuren, von Frühlings- und Herbstatmosphäre und selbst vom Baseler Morgestraich. Es ist halt eine Musik abseits von Melancholie, sieht man von „Dark“ ab. Und das ist gut so!!!
© ferdinand dupuis-panther 2026
Info
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Musicians
Matthias Schwengler – Trumpet
Laurent Derache – Accordion
Philipp Brämswig – Guitar
Reza Askari – Bass
Tracks
1 Dark 03:55
2 Accordion Interlude 01:12
3 Quiet Little Place 05:03
4 Bass Interlude 01:25
5 Walk of the Mummer 07:54
6 Trumpet Interlude 00:59
7 Change of Scenery 07:01
8 Spaces 06:01
9 Guitar Interlude 01:14
10 When She Was Minus Three 06:17
11 Reason Implement 07:20
Compositions
Matthias Schwengler: 1, 3, 5, 6, 8, 10
Laurent Derache: 2
Reza Askari 4
Philipp Brämswig: 7, 9, 11
















