Trinkhallentour: Treffpunkt Duisburg, Zigarrenhaus Gerhardt am 29.7.2016

In der Vorankündigung war Folgendes zu lesen: „Mette Marie und Shane haben Felix und Florian dieses Jahr bei einem Projekt in Polen kennengelernt. Mette Marie kommt aus Dänemark und Shane aus Irland. Die beiden sind im Duo der Hammer und deshalb war ziemlich schnell klar, dass wir sie zum Abschluss der diesjährigen Trinkhallen-Tour dabei haben müssen. Ohne den großen Pathos-Hammer rauszuholen: Die Tatsache, dass das überhaupt ohne nennenswerten Aufwand möglich ist, zeigt uns ein weiteres Mal, dass Europa alles in allem eine ziemlich gute Sache ist. Das scheinen leider nicht immer alle so zu sehen, deshalb soll es hier zumindest noch einmal gesagt sein.“ Klare Worte in Richtung von Brexit und rechten Europahassern von FN bis AfD am Ende dieser Konzertankündigung für den 29. Juli 2017 – und das ist auch nötig.

Es war einer dieser lauen Sommerabende, der zahlreiche Zuhörer in die Fußgängerzone der Duisburger Oststraße lockte. Einige Autofahrer hatten allerdings das Wort „Fußgängerzone“ nicht verstanden, sodass während des Konzerts immer wieder Zuhörer an den Rand der Straße zurückweichen mussten, um die eigentlich verbotene Durchfahrt zu ermöglichen. Das störte den Hörgenuss nur wenig, denn die fünf Musiker waren gut aufgelegt und das anwesende Publikum auch.

Vor der abgehängten und eingerüsteten Fassade des Hauses Oststraße 149 hatten sich die Musiker aufgereiht, stets dabei auch den Kontakt mit dem Publikum suchend. So schabte Mette Marie Ørnstrup eine kleine Klangschale nicht nur auf dem Pflaster hin und her, sondern rollte diese auch in Richtung Publikum.

Eröffnet wurde der frühe Abend mit einer Ouvertüre, wie stets, so betonte Florian Walter, der ebenso an der Bassklarinette zu hören war wie Felix Fritsche und Lutz Streun, der allerdings eine bis aufs tiefe C verlängerte Bassklarinette spielte, wenn ich ihn richtig verstanden habe. An diesem Finaltag der Tour hieß es nicht nur „Steven Seagull“ und „Group of Death“ - ein Begriff, der sich auf eine sehr schwere Gruppe in einem Fußballturnier bezieht, so Shane Latimer – sondern auch  „Send a link to my heart“. Letzteres sollte sich nicht als romantische Liebeserklärung erweisen – doch dazu später mehr. Es ging auch um Jehova, einen Titel, den Mette Marie mitgebracht hatte. Am eigentlichen Schluss des Abends stand „Ich würde hier jetzt besser nicht hupen“. Die fünf Musiker ließen sich nämlich nicht lumpen und spielten noch eine Zugabe.

Zu Beginn vernahm man einen Glockenschlag, der sich wiederholte. Schloss man die Augen, so meinte man zischenden Dampf zu vernehmen und rauchende Schlote vor sich zu sehen, als die drei Bassklarinettisten, ihren Atemrohren die entsprechenden „stählernen Tonfolgen“ entlockten. Begleitet wurden sie dabei von einem schrägen Gitarrenschwall. Zwischenzeitlich zeigten sich alle Musiker melodisch gestimmt, und man meinte gar, ein „Lalülalu“ zu hören. War es ein Martinshorn aus der Ferne oder waren es doch die Fünf auf der öffentlichen Bühne Oststraße 149? Sphärenklänge – dank sei Shane Latimer und seinen elektronischen Wunderkästchen – füllten die Oststraße und ebenso ein steter tiefgründiger Tonfluss der Bassklarinetten.

Kreischten die Möwen über unseren Köpfen, als „Steven Seagull“ erklang? Ja, man meinte es zumindest, folgte man den stimmlichen „Eskapaden“ von Mette Marie Ørnstrup. Die drei Klarinettisten, Florian Walter, Felix Fritsche und Lutz Streun, hatten sich hingegen dem Sirenenhaften hingegeben. Shane Latimer wiederum erinnerte uns eher an die Möwenschwärme aus Alfred Hitchcocks „Die Vögel“, oder? Geschrei und Geschnatter, Gezänk und Streit – so klang das, was man geboten bekam. Aufregung war gegenwärtig, aber dann auch wieder Entspannung. Sang dazu nicht Mette Marie auch „Seagull! Seagull!“? Gezielte Kontrollverluste und Kontrolle im Wechsel erlebte wir, zudem einen eher plötzlichen Ausklang.

Was Mette Marie stimmlich zu bieten hat, unterstrich sie bei „The maybe pile“(?). Man hörte Hüahihi und Jätja sowie Rrrh und Hähahöhilohä oder Ähnliches. Dazu gab es ein Dong und Dong von der Gitarre. Wir hörten allerlei Frequenzspiele, die uns Shane Latimer nahebrachte. Ein vorbeifahrender Radfahrer stimmte in seiner ganz eigenen Art auf die Lautspiele von Mette Marie ein, die wiederum darauf entgegnete. Ja, das macht die Tour halt aus, dass eher zufällig Vorbeikommende ins musikalische Geschehen kommentierend „eingreifen“.

Es gab auch ein jüngeres Paar, das die Oststraße entlangging. Sie zu ihm: „Was machen die da? - Er zu ihr: „Das ist moderne Kunst. Das verstehste nich. Komm weiter!“ Zudem fanden auch zwei Hundebesitzer im weiteren Verlauf des Konzerts den Weg zum Zigarrenhaus Gerhardt. Bello und Fiffi kläfften und bellten mit den Bassklarinetten um die Wette. Doch Florian Walter, Felix Fritsche und Lutz Streun brachte das nicht aus ihrem Klangkonzept, ganz und gar nicht.

Technoverwandtes hörten wir bei „The Group of Death“ gepaart mit Stakkatoklangwellen der Bassklarinetten. Zwischendrin intervenierte Mette Marie mit unnachahmlicher Stimme. Liebesgeflüster vermutete man beim Titel „Send me the link to your heart“, ein Stück, das durchaus einen theatralischen Charakter hatte und teilweise elegisch daherkam. Irgendwie schienen die fünf Musiker, dem „missing link“ auf der Spur, ohne jedoch die Herzensangelegenheit positiv lösen zu können. Zwischenzeitlich fühlte man sich im Übrigen an Minnegesang erinnert, zumindest aber an Volksliedartiges, lauschte man insbesondere Lutz Streun sehr aufmerksam.

Als Mette Marie dann mit Jehova – man denke an die dogmatisch-sektiererischen Zeugen Jehovas - „abrechnete“, kam ein deutliches „Nein, nein, nein“ über ihre Lippen. Dieses wiederholte sich mehrfach, gefolgt von einem „Überhaupt nicht!“. Von Fußstampfen begleitet war das „Rrrh“. Dazu äußerten sich natürlich auch die Klarinettisten auf ihre Art. Zum Schluss schrillten dann beinahe die Alarmglocken.

Mit „Ich würde hier jetzt nicht hupen“ sowie einer Zugabe verabschiedete sich das Quintett von seinen Zuhörern. Mit viel Applaus entließ man die Fünf.

Zum Schluss: Eine solche Veranstaltungsreihe ist ohne öffentliche Förderung nicht möglich, vom Engagement der beteiligten Musiker mal ganz abgesehen. Die Trinkhallen-Tour-Ruhr wird gefördert vom Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen, Landschaftsverband Westfalen-Lippe, von den Kulturbüros der Städte Essen, Dortmund, Gladbeck, Oberhausen, Mülheim, Gelsenkirchen, Witten, Duisburg, von der Allbaustiftung und von den Gagenpaten 2016. Zu hoffen ist auf weiteres Engagement der Förderer, damit es auch in 2017 heißt: Trinkhallentour ist wieder angesagt zwischen Essen, Bottrop und Dortmund, woll. Die Musiker der Verwechslung waren davon überzeugt, denn sie versprachen dem Publikum in der Oststraße: „Nach der Trinkhallentour ist vor der Trinkhallentour.“ Gut zu wissen!

text und fotos: © ferdinand dupuis-panther

Informationen

Veranstaltungsort
Zigarrenhaus Gerhardt
Oststr. 149
47057 Duisburg

Musiker

Shane Latimer (Gitarre)
http://www.improvisedmusic.ie/artists/details/shane-latimer
https://www.facebook.com/shane.latimer.5

Mette Marie Ørnstrup (Stimme)
http://mettemarie.io/

Florian Walter
http://www.jazzhalo.be/reviews/cd-reviews/w/wellness-und-tobias-herold/
http://www.jazzhalo.be/reviews/cd-reviews/k/knu-my-horse-doesnt-give-a-shit/
http://www.jazzhalo.be/articles/die-verwechslung-trinkhallen-tour-ruhr-2016/

Felix Fritsche
http://www.jazzhalo.be/interviews/felix-carlos-fritsche-interview-mit-dem-essener-altsaxofonisten-und-klarinettisten-u-a-the-dorf-fc-fritsche/
http://www.jazzhalo.be/reviews/cd-reviews/f/fc-fritsche-raum/

Lutz Streun
https://www.facebook.com/people/Lutz-Streun/100004781537641


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