Jens Düppe 4tet auf „Seelentour“ im Blue Note Osnabrück

Auf die Präsentation des Debütalbums des Jens Düppe 4tets wurde das Publikum mit so bekannten Jazzkompositionen wie „So What“ von Miles Davis eingestimmt, aber auch Aufnahmen mit Freddie Hubbard und den Adderley Brothers waren vom Plattenteller zu hören. Die Bühne war in nicht unbedingt vorteilhaftes Blau sowie Gelb und Rot getaucht. Wer sich im Blue Note umschaute, entdeckte im Übrigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen der Giganten des Jazz, so auch von Herbie Hancock.

Jens Düppe (dr), Frederik Köster (tp), Lars Duppler (p), Christian Ramond (b) betraten gut aufgelegt pünktlich die Bühne, um ihr Album „Anima“ vorzustellen. Anima? Denkt man da nicht an „animieren“? Diejenigen mit humanistischer Bildung, also mit Griechisch und Latein in der gymnasialen Oberstufe, wissen es besser: Anima bedeutet Seele, Lebenskraft, Leben oder Atem. Warum der aus Schwäbisch-Gmünd stammende und nun in Köln beheimatete Schlagzeuger und Bandleader Jens Düppe diesen Albumtitel gewählt hat, ließ er das Publikum nicht wissen, auch wenn er sonst immer wieder das Publikum ansprach. Dass beim Zuhören während des Konzerts stets die Begriffe „Lebenskraft“ und „Seele“ präsent waren, war auch der ausgesprochenen Spielfreude des Quartetts zu verdanken. Alle spielten mit Seele, sprich aus vollem Herzen.

Im Blue Noten waren die Silberrücken in der Minderheit. Die Generation 20 Plus war überaus zahlreich vertreten und geizte während des Konzerts auch nicht mit Zwischenapplaus. Aus aufgeschnappten Gesprächen konnte man heraushören, dass es sich bei den jungen Zuhörern zum Teil um Musiker und Musikstudenten handelte. Fachwissen war also an diesem Abend im Blue Note geballt vereint.

Die Präsentation der Debüt-CD erfolgte weitgehend entsprechend der vorliegenden Pressung, wenn auch einzelne Stücke miteinander verschmolzen wurden. Obgleich es ja abends war, servierten Jens Düppe und seine Mannen gleich zum Konzertbeginn einen leckeren morgendlichen Brotaufstrich: „Peanut Butter & Jelly“. Anschließend standen bis zur Pause noch „Allemande“, „7 und 4“, „Scirocco“ und „ Kaa“ auf dem Programm.

Bevor der erste Titel jedoch erklang, erzählte Jens Düppe, dass die Band sich drei Tage lang in Sardinien „eingeschlossen“ habe, um in einem Raum, was ganz ungewöhnlich ist, und nicht in Einzelkabinen für jeden Musiker die Musik einzuspielen. Das war genau am Geburtstag von Johann Wolfgang von Goethe, so fügte Jens Düppe hinzu. Der Aufnahmeraum sei im Übrigen etwa so groß wie die Bühne im Blue Note, ergänzte der Kölner Schlagzeuger noch.

Man musste bei den ersten Klängen nicht unbedingt an ein ausgiebiges Frühstück mit Freunden denken, sondern auch an einen Sommermorgen am Meer, vielleicht bei Kaffee auf der Terrasse eines Strandhauses sitzend und aufs Meer schauend. Mit gedämpfter Trompete bestimmte Friedrich Köster über weite Strecken die Hörfarben von „Peanut Butter & Jelly“. Beschwingt kam der Titel daher. Lars Duppler steuerte dazu am Piano mit einem durchaus energetischen Duktus entscheidend mit bei. Dabei fühlte man sich an das Gemurmel aufbrausender Wellen erinnert. Im Verlauf des Stücks kam nach und nach immer mehr Fahrt auf. Energiegeladen, beinahe exstatisch ging es zu. Von meiner Hörposition am seitlichen Bühnenrand ging der Bass in seiner „Behäbigkeit“ allerdings beinahe unter, als sich Lars Duppler und Jens Düppe musikalisch die Bälle zuwarfen. Energie und Lebenskraft wurden also gleich zu Beginn des Konzerts versprüht, ehe mit „Allemande“ die eher konzertante, beinahe kammermusikalisch zu bezeichnende Seite des Quartetts zum Vorschein kam. Sehr behutsam und mit viel Einfühlungsvermögen spielte Jens Düppe seine Becken und Trommel. So kam auch der Bassist Christian Ramond wirklich zu Wort und verschaffte seinem Tieftöner entsprechendes Gehör. Als Friedrich Köster anhob, auf der Trompete zu spielen, verstärkte sich der Eindruck des Konzertanten. Der Eindruck einer gewissen Etüdenhaftigkeit des Stücks drängte sich auf. Sehr gelungen war das Zwiegespräch zwischen Piano und Drums. Schloss man die Augen, so fühlte man sich in die verrauchten Klubs von Paris versetzt, in denen Sydney Becher, Dexter Gordon und andere Titanen des Jazz einst aufspielten. Die Nacht, so ein weiteres Bild zur Musik, war wohl bereits weit fortgeschritten. Cocktails wurden geschlürft, und man hatte den Eindruck, die letzten Barbesucher wollten gar nicht mehr den Heimweg antreten. Nichts allerdings war von einem barocken Tanz zu spüren, den der Titel „Allemande“ implizierte.

„7 und 4“ lautete der Titel des folgenden Stücks, das nichts, aber gar nichts mit einem Kartenspiel zu tun hatte. Das sei für diejenigen gesagt, die an 17 und 4 dachten. Jens Düppe erklärte kurz, dass es sich die Komposition aus vier 7/8-Takten und sieben 4/4-Takten bestehe und eigentlich nur geschrieben wurde, um alle in der Band zufriedenzustellen. Gedämpfte Klangwolken sandte die Trompete aus. Sie lagen flauschig über den Pianosequenzen und dem Streichen über die Felle des Schlagwerks – dank sei Jens Düppe. Im Verlauf des Stücks konnten die Zuhörer im Übrigen den Eindruck gewinnen, man höre einen Güterzug durch ein schmales Tal wie dem Mittelrheintal rattern.

Zu den drei Improvisationen auf dem Album gehören drei Winde, die man auf Sardinien erleben kann. Da ist zunächst der feuchte Scirocco, der aus der Sahara kommend über das Mittelmeer hinweg nach Sardinien kommt. Daneben gibt es, so Jens Düppe in seinen einleitenden Worten zu der Komposition „Scirocco“, noch den starken, aus Frankreich herüberwehenden Maestrale, der auch mal Sonnenschirme umpustet, und schließlich den Grecale, ein Schönwetterwind, der von Griechenland aus nach Italien streift.

Nein, ein tosender Wind bei den ersten Takten von „Scirocco“ nicht zu vernehmen. Jens Düppe wirbelte auch nicht „orgiastisch“ auf seinem Schlagzeug herum, und auch Frederik Köster nutzte sein Instrument keineswegs als Windmaschine, sondern bevorzugte die leisen, gedämpften Töne und ein eher lyrisch anmutendes Spiel. Beinahe wie aus dem Off mutete dabei das Spiel von Frederik Köster an, der allerdings mittig am Bühnenrand stand. Die Trompete ließ er im weiteren Verlauf wimmern und schnarren, bisweilen auch flirren. Der Bass in den Händen von Christian Ramond schien so zu tun, als ob jeder Saitenschlag dem Sand der Sahara gleiche, der über das Mittelmeer getragen wird. Die feuchte Schwere und die Langsamkeit des Windes fing Jens Düppe mittels gekonnt eingesetzter „Schneebesen“ ein. Nahtlos ließ das Quartett den Wind aus der Sahara schließlich in das Stück „Kaa“ wehen. Damit endete das erste Set des vielversprechenden Abends.

Wie hört sich eigentlich ein „Puzzle“ musikalisch an, fragte sich gewiss der eine oder andere Zuhörer. Mit diesem Titel nämlich wurde das zweite Set eröffnet. Dass Jens Düppe nicht nur am Tomtom und an der Basstrommel zu Hause ist, sondern auch am Glockenspiel, unterstrich er mit den melodischen „Glöckchensequenzen“, mit denen der musikalische Reigen eröffnet wurde. Dazu ließ sich Lars Duppler mit einer auf- und absteigenden, verhaltenen Klavierpassage vernehmen, der Frederik Köster mit seiner gedämpften Trompete folgte. Beinahe trötend hörte sich die Trompete in der Folgezeit an, als sie sich in das Zusammenspiel von Bass und Piano einmischte. Der Trompete war am Ende ein „Triumphgesang“ vorbehalten, als sollte damit signalisiert werden, dass das letzte Puzzleteil nun auch am richtigen Fleck sei .

Gewaltig treibend agierte Jens Düppe, als es um die Komposition „400“ ging. Dieses Stück, so Düppe in seiner Zwischenansage, nimmt Bezug auf eine Metronomeinstellung aus seiner Studienzeit. Gegenüber der Dynamik des Schlagzeugs verfielen Bass und Piano in einen eher „schleppenden Gang“, der so gar nicht an ein überaus hastig tickendes Metronom denken ließ. Was spielte denn Frederick Köster da? Es klang wie ein munteres Tänzchen.

Auch das allererste Stück, das Jens Düppe während seiner Studienzeit in Amsterdam schrieb, wurde im Blue Note zum Besten gegeben. Nach einem Radunfall konnte Jens Düppe weder Rad fahren noch Schlagzeug spielen. Doch da war ja noch ein Keyboard, auf dem er dann „Toast & Salty Butter“ komponierte. Klangformen zauberte Jens Düppe bei diesem Stück nicht nur an Ridebecken und Floortom hervor, sondern er ließ auch farbige Plastiktüten übers Blech und das Fell streichen. So geriet das Musikalische bisweilen auch zu einer Form des Theatralischen.

Abschließend strichen nochmals Mittelmeerwinde durch das Blue Note, ehe mit „Magnolia“ ein sehr stimmiges Konzert mit unterschiedlichen auditiven Farbverläufen sein Ende nahm.

Jens Düppe 4tet auf „Seelentour“ im Blue Note Osnabrück

Text und Fotos: © ferdinand dupuis-panther

Informationen

Musiker

Jens Düppe
www.jensdueppe.de

Interview
http://www.jazzhalo.be/interviews/jens-dueppe-interview-mit-dem-schlagzeuger/

Lars Duppler
http://www.duppler.de/

Christian Ramond
https://de.wikipedia.org/wiki/Christian_Ramond

Frederik Köster
http://www.frederikkoester.de/

CD Anima
Titel
Peanut Butter & Jelly
• Allemande
• 7 und 4
• Scirocco
• Kaa
• Das Puzzle
• Maestrale
• Toast And Salty Butter
• Grecale
• 400
• Magnolia

CD-Review
http://www.jazzhalo.be/reviews/cd-reviews/j/jens-dueppe-anima/

Venue
Blue Note im Cinema Arthouse Osnabrück
http://www.cinema-arthouse.de/content/news.php?bereich=3&event=1


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