Pascal Schumacher & friends: Münsterland-Festival - Vorhang auf

Das Eröffnungskonzert des diesjährigen Münsterland-Festivals fand leider nicht vor ausverkauftem Haus statt, obgleich mit Pascal Schumacher ein Jazz-Vibrafonist von europäischer, wenn nicht gar von Weltklasse auf der Bühne stand. Neben seinen Bandkollegen, mit denen er ein Quartett formt, das sehr erfolgreich insbesondere den Fernen Osten für Konzertauftritte bereiste und bereist, hatte Pascal Schumacher vier Gäste eingeladen: Mirjam Rietberg aus Amsterdam an der Harfe und dazu drei belgische Jazzmusiker, die zumindest in Belgien mit der Jazzgroßformation MikMâäk für Furore sorgen und gerade bei dem in Brügge beheimaten De Werf Label eine Doppel-CD veröffentlicht haben. Im Eröffnungskonzert des Festivals standen Jeroen van Herzeele (Tenorsaxofon), Laurent Blondiau (Trompeter) und Quentin Manfroy (Querflöte) auf der Bühne des Theaters am Wall. 

Pascal Schumachers eigene Band besteht aus seinem Landsmann Pol Belardi (Bassgitarre), dem in Köln beheimateten Drummer Jens Düppe, der gerade mit einer Tour auch sein Debütalbum „Anima“ vorstellt, und der aus Deutschland stammende, aber in Amsterdam lebende Pianist Franz von Chossy.


Vorgestellt wurden während des Konzerts Stücke aus dem jüngsten Album von Pascal Schumacher, das Schumachers Japanerfahrungen reflektiert. Es trägt den Titel „Left Tokyo Right“. Zu hören war in der Quartettbesetzung unter anderem „Decoy“. Bei „Nambu-Tekki“ kam noch die Harfenspielerin, die Amsterdamerin Mirjam Rietberg mit hinzu. „Wabi-Sabi“ – das hat so Pascal Schumacher nichts mit Wasabi und Sushi zu tun, sondern bezeichnet die zwei Seiten der japanischen Kultur, Tradition und Leben in der Hightech-Welt – sah auch die drei Mitglieder von MikMâäk auf der Bühne des Theaters am Wall. „Matcha Desire“ gab es ebenso zu hören wie auch ein sehr intimes Duett zwischen Pascal Schumacher und dem belgischen Flötisten Quentin Manfroy. Mit „Left Tokyo Right“ war dann aber längst nicht Schluss. Der Applaus war so überwältigend, dass Pascal Schumacher und seine Gäste noch zweimal auf die Bühne zurückkehrten, um ihre Zugaben zu präsentieren. Jazz was in the air – maybe a bit Jazz Rock too! Jazzliebhaber wussten das sehr zu schätzen.

Decoy, Nambu-Tekki, aber kein Wasabi

Aufgemacht wurde das Konzert mit einem Titel, den man, so Pascal Schumacher, eher bei Miles Davis verorten würde. „Decoy“. Diese Charakterisierung würde ich nicht teilen. Wahrnehmbar war ein überaus dynamischer Tempowechsel. Lyrisches hatte seinen Platz, jedenfalls ab und an. Wie aufblitzende Neonlichter, die die Großstadt bunt färben, erschienen die springenden und tanzenden Töne, die den Theatersaal füllten. Behutsam glitten die Schlägel in den Händen von Pascal Schumacher über das Metall seines Vibrafons. Jens Düppe tätschelte derweil die Felle seiner Trommeln mit aller Behutsamkeit. In den Harmonien drängten sich Vergleiche zu einigen klassischen Jazztrios auf, darunter triosence, die sich ganz und gar auf das Geschichtenerzählen verlegt haben, wenn auch mit Noten und nicht mit Worten. Lautes und Leises wechselten sich ab, auch dann, wenn Jens Düppe über die Ränder der verschiedenen Becken strich. Zwischendrin dachte ich aufgrund der Harmonieschemata und Themen an Maria Baptists Komposition „Gate 29“. Man hatte beim Zuhören einfach das Gefühl des Unsteten, des vergeblichen Suchens und der Desorientierung. Außerdem verspürte man Eile und Verharren. Als Pol Belardi seine Bassgitarre dank des Einsatzes von Effekten zum Singen brachte, meinte man, man sei in einer Grotte gefangen und lausche sphärischen Klängen. Dazu schellten dann Glöckchen und Pascal Schumacher vermittelte bei seinem Spiel den Eindruck, er würde Regentropfen auf Regentropfen aufs Pflaster platschen lassen. Ein Regenschauer breitete sich aus; Menschen versuchten dem zu entfliehen und stellten sich unter – so das Bild, das sich im Kopf des Berichterstatters entwickelte.

Die Konzertkritik ist allerdings noch nicht an ihrem Ende angelangt. Dazu war die Konzertdramaturgie zu abwechslungs- und spannungsreich gestrickt. Außerdem gelang es Pascal Schumacher, sich in sehr charmanter und unterhaltender Weise dem Publikum gegenüber zu öffnen und zu einzelnen Titeln auch Schmankerl zum Besten zu geben. Auf diese Weise und natürlich auch durch die mitreißende Musik, die von Lebenslust und Aufbruch kündete, sprang der Funke schnell von der Bühne aufs Publikum über.
Welche Rolle eine bestimmte Whiskey-Bar in Tokyo für das Quartett spielte, zeigte sich im Verlauf des Konzerts mehrfach. Zunächst jedoch einmal stellte Pascal Schumacher seine Musikerkollegen. „Ich bin heute hier, weil ich LUX bin“, meinte Pascal Schumacher gut aufgelegt. Auch einer seiner Kollegen, Pol Belardi, ist Luxemburger. Die beiden anderen, Franz von Chossy und Jens Düppe, sind nicht aus Beneluxstaaten, obgleich Part8 des Festivals den Schwerpunkt Benelux gesetzt hatte. Jens stammt aus dem Schwabenland, lebt in Köln, hat aber auch in Amsterdam studiert. Franz von Chossy kommt aus dem schönen Bayern, studierte gleichfalls in Amsterdam und ist in der Stadt der malerischen Grachten unterdessen heimisch geworden.
Zu diesen Musikern gesellte sich mit Mirjam Rietberg eine waschechte Amsterdamerin, die als Harfenspielerin eher als eine Außenseiterin im Jazz anzusehen ist. Von Haus aus ist sie eine klassisch ausgebildete Musikerin. Jazz und Improvisationen sind für sie eher noch ungewohnte Welten, wie sie mir im kurzen Zwischengespräch verriet. Doch beim Stück „Nambu-Tekki“ erweiterte sie mit der klassischen, wenig verstärkten Harfe die Klangfarben des Quartetts. Zu Beginn ihres Spiels meinte man, einer Glasharfe zu lauschen. Die Töne klangen zerbrechlich, zart, schienen nur für einen kurzen Moment zu existieren. Im weiteren Fortgang changierte das Spiel Rietbergs ein wenig in die Welt der bogenförmig geformten chinesischen Zither. Während die Schlägel auf die Metallplatten des Vibrafons niedergingen, agierte Jens Düppe am Schlagzeug mit einem hintergründigen Tickticktick und Dumdum, auch im Wechselspiel mit Pascal Schumacher, dessen Instrument ja auch durchaus Qualitäten eines Schlagwerks hat.
Mit dem belgischen Dreigespann von MikMâäk kamen schließlich „Windinstrumente“ beim erweiteren Spiel zum Zuge. Sie vervollständigten die Hörfarben von „Wabi-Sabi“ durch das röhrende und schnalzende Tenorsaxofon, die teilweise schmutzig-spitz klingende Trompete und die zart flirrende Querflöte. Bevor es allerdings losging, richtete Pascal Schumacher noch einige erläuternde Worte ans Publikum. Bei „Wabi-Sabi“ handele es sich um eine Art Philosophie des Unperfekten. Dieses Nicht-Perfekte wie eine Porzellanvase mit abgesplittertem Rand oder eine Tasse mit angeschlagenem Goldrand zelebrierte das Oktett, das auf der Bühne stand. Solistisch zeigten dabei van Herzeele, Blondiau und Manfroy ihr ganzes Können. Mal hörte man dunkle Warnrufe, mal spitze Schreie und mal ein Säuseln. Perlend erschienen die Tonfolgen, die Franz von Chossy auf seinem E-Piano hervorzauberte. Teilweise gab es dramatische, teilweise auch elegische Passagen, zu denen sich auch der Flötist Manfroy einfand. Ohne Frage drückten die drei Brüsseler Musiker dem gesamten Stück über weite Strecken ihren Soundstempel auf. Wie bei MikMâäk war ein freier und ungebundener Geist zu spüren.

Die in diesem Stück wieder mitspielende Harfenspielerin Mirjam Rietberg war teilweise angesichts des Klangvolumens der übrigen Musiker nur stellenweise zu hören, was sicherlich sehr schade war. Doch die Harfe konkurrierte in gewisser Weise mit dem Vibrafon um die Harmonie- und Klanghoheit auf der Bühne. Ins Schwärmen konnte man beim Flötensolo von Manfroy geraten. Unerwartetes gab es dann zum Schluss, als die drei „Windinstrumente“ wirklich viel heiße Luft entwickelten, im besten Sinne.

Nach der Pause hatte Pascal Schumacher zunächst einmal, auch ohne Besuch einer Whiskey-Bar, Probleme seine Schlägel zu finden. Jens Düppe half ihm gerne bei der Suche. Dann ging jedoch alles den gewohnten Gang, mit sehr starker Rhythmisierung und redundanten Sequenzen. Dazu brachte Pol Belardi seine Bassgitarre zum „Wimmen“, ehe es dann auch ein wenig ins Sphärische hinüberglitt. Mit viel Fantasie konnte man sich beim Zuhören einen Walgesang vorstellen. „Matcha Desire“ hieß das Stück, das das zweite Set eröffnete. Dabei lernten die Zuhörer die zwei Seiten Japans kennen, das Spirituelle und Traditionelle, wie es sich im Kimono und im Taiko-Spiel widerspiegelt, und auf der anderen Seite die Postmoderne mit glitzernden Hochhäusern, ausgeflippten Teenagern und der Allgegenwart von Super-Hightech.

Dass Pascal Schumacher durchaus ein Geschichtenerzähler ist, unterstrichen die Musiker bei der Komposition „Sakura San“. Hierbei stand die Dame im Mittelpunkt, die die Band auf ihrer Japantour bestens mit Whiskey versorgt hatte. Warum eigentlich nicht mit Reiswein? Oder nährt das nur ein weiteres Klischee von Japan?

An den anwesenden Botschafter Luxemburgs in Deutschland richtete sich Pascal Schumacher bei der Ansage von „Ichigaya“, einem sehr vornehmen Teil Tokyos, in dem sich auch die Botschaft Luxemburgs befindet. Er solle sich doch mal überlegen, ob er sich nicht als Nächstes auf den Posten eines Botschafters in Japan bewerben wolle. Beim Zuhören dachte ich weniger an Urbanes, sondern eher an Sonnenstrahlen, Frühlingsluft und den betörenden Duft von Kirschblüten. Als jedoch Jeroen van Herzeele begann, mit kurzen Delays seinen Holzbläser zum Klingen zu bringen, war dann eher Großstadtgewusel im Theater am Wall zu verspüren. War da nicht das typische Stop-and-go des Feierabendverkehrs zu vernehmen? Setze Jens Düppe mit seinem Tacktacktack nicht das Klicken der Ampelanlagen um? Dumpf klangen dann die Schläge auf eine große Blechdose für Kaffee – ein Geschenk an Jens Düppe durch die Münchener Unterfahrt und, wie ich es sehe, eine Art Tabla-Ersatz. Zum Schluss guckten wir in Tokyo nach links und nach rechts, musikalisch natürlich. Frenetisch war der Applaus derer, die den Weg ins Theater am Wall gefunden hatten. „Die Belohnung“ am Ende: noch zwei Zugaben.

Man wünschte sich mehr derartige Konzerte in der ehemaligen Hansestadt Warendorf, die sich allzu sehr darin verrennt, sich als „Stadt der Pferde“ zu vermarkten“. Kultur wird dabei weitgehend vernachlässigt. Ohne Ehrenamt gäbe es in dieser Stadt keine Galeriekonzerte und auch keine Reihe „Jazz Live“. Doch das sind aus meiner Sicht nur musikalische Tröpfchen auf den heißen Stein.

Kontemplativ ging es beim Duett Schumacher-Manfroy zu, als eine Komposition des Altmeisters des brasilianischen Jazz, Milton Nascimento, erklang: „Lilia“. Nach all der Energie und Kraft, nach Überschwang und rhythmischem Wechselspiel kam das Duett gerade zur rechten Zeit, um sich ein wenig fallen lassen zu können. Niemand ahnte, dass mit „Metamorphosis“, einer Komposition des Pianisten Franz von Chossy, ein Parforceritt musikalischer Art folgen sollte. Ein Hingucker war bei der Performance Jens Düppes Spiel mit raschelnden farbigen Plastiktüten, die er auch teilweise in die Luft war. Ob die Zuschauer und Zuhörer wohl bemerkten, dass dabei die Farben der Niederlande und Luxemburgs durch die Luft segelten?
Text und Fotos: © ferdinand dupuis-panther

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