Im Spotlight (1): Belgian Jazz Meeting 2017 in Brüssel

Für die vierte Ausgabe dieses Events standen zwei Spielstätten zur Auswahl das Theater Marni und das ehemalige Rundfunkhaus Flagey, beide in der Brüsseler Gemeinde Elsene/Ixelles unweit der Weiher von Ixelles gelegen. Zwölf Bands konnten sich jeweils in einem der genannten Spielstätten einem sachkundigen Publikum vorstellen. Im Gegensatz zur Jazzahead waren die Showcases nur für ein eingeladenes Fachpublikum zugänglich. Das ist unverständlich, denn Raum gab es genug. Also, warum wurde nicht wie in Bremen der allgemeinen Öffentlichkeit gegen einen gewissen Obolus die Chance auf Zutritt gewährt?


Vom Black Rainbow zu Back Home


Aufgemacht wurde die Präsentation dessen, was belgischen Jazz – eigentlich schon ein Unbegriff, da Jazz keine nationalen Grenzen kennt – aktuell ausmacht. Zunächst war es am Gitarristen Lorenzo di Maio sich und seine Mitmusiker wie Antoine Pierre (drums), Jean-Paul Estiévenart (trumpet), Nicola Andrioli (grand piano/rhodes) und Cédric Raymond (double bass) Songs aus dem Album „Black Rainbow“ vorzustellen. Lakonisch meinte der Bandleader, dass er hoffe, seine Musik komme besser an als sein Englisch. Mit „No other way“ wurde aufgemacht, ehe dann ein schwarzer Regenbogen auf die akustische Leinwand gemalt wurde. Auffallend waren die kristallinen Klangformen, die es zu hören gab. Man musste unwillkürlich an gefrorene Schneeflocken und feinste Eiskristalle denken, folgte man dem fein ziselierten Gitarrenspiel von di Maio.


Eher pathetisch angelegt war die Sequenzen, die Jean Paul Estiévenart seinem Blechbläser entlockte. Nicht völlig abwegig schien es, eine Nähe zu Singer/Songwriter zu sehen, wenn es denn auch lyrischen Text zu hören gegeben hätte. Durchbrochen wurden diese Vorstellungen in vielen Momenten des Vortrags durch das auf Weite angelegte Spiel von Estiévenart, ohne dass dieser in norwegischen „Fjord-Sound“ abschweifte, schließlich ist er nicht Jan Gabarek oder Matthias Eick. Die teils samtenen Trompetenpassagen vermittelten ein Stück Geborgenheit, sehnsüchtig erwartete Stille. Solistisch durfte sich auch der Bassist  Cédric Raymond zeigen, bei dessen Fingerspiel man an jemanden denken musste, der behäbig durch den Tiefschnee stapft. Sehr zurückhaltend agierte derweil Antoine Pierre an seinen Trommeln und Becken.


Beim nachfolgenden Song „Spirito Santo“ hatte man den Eindruck, man begleite einige der Bandas während der Umzüge der Semana Santa in Sevilla oder anderswo. Stets erwartete man eine weitere Wendung in Richtung Volkslied, auch wenn das gekonnte Basssolo in der ersten Songhälfte diese Vorstellung vollständig durchbrach. Auch Andriolis Spiel an Rhodes und Flügel gaben dem Stück eine überaus nicht-sakrale und nicht-folkloristische Wendung.  Leider schien das Spiel am Rhodes nur ein kurzes Intermezzo, gleichsam der dünne Zuckerguss auf dem Song. Hier und da schienen sehr kurz kirchenmusikalisch angehauchte Passagen eingestrickt worden zu sein. Auffallend war, dass Antoine Pierre zum Schluss völlig aus sich herauskam und wie ein Berserker an seinem Schlagwerk agierte. So stand die Dramatisierung also am Ende der Dramaturgie.


Mit „Back Home“ schloss die Band ihre kurze Vorstellung. Nochmals zeigte di Maio wie auch in den anderen Stücke seine Brillanz an den Saiten. Insgesamt strahlte der Song nicht so sehr eine Wiedersehensfreude beim Nachhausekommen aus, sondern eher Wehmut.



Effekte, Effekte, Effekte


Der Bruch zu der di Maio Group war wohl bewusst gewählt, ließen die Veranstalter doch Jozef Dumoulin mit einer mehr oder minder ausschließlich auf elektronische Präsentation angelegten Vorstellung dem eingängigen Melodiösen der di Maio Group folgen. Seit elf Jahren lebt der gebürtige Belgier in Paris und stellte nun sein Solo Fender Rhodes Project vor. Sehr sphärisch klang es zu Beginn und wenig nach Fender Rhodes. Bilder von außerirdischen Welten stellten sich im Kopf ein. Stichworte wie Raumschiff Enterprise und Star Treck drängten sich auf. Auch die akustische Umsetzung von bizarren Gestalten der Tiefsee für einen entsprechenden Film konnte man sich vorstellen, hörte man eine Weile dem Gebotenen zu.

New Age und New Wave schienen neben Nu Jazz präsent zu sein, gewollt oder ungewollt. Klangschwall über Klangschwall brandete durch den Saal im Theater Marni. Rhodes war weniger im Spiel als das Spiel an den Schaltern und Pedalen der Effektgeräte. Den Fokus auf das Akustische zu lenken, fiel schwer, wurde der Zuhörer doch stets durch das Handling Dumoulins abgelenkt. Hätte man nicht das „elektronische Zauberkästleinensemble“ durch einen Vorhang abhängen können?


Hätte man Dumoulin nicht agieren gesehen, hätte man meinen können, der Vortrag wäre vorproduziert worden und liefe nun vom Notebook ab. Die Klangbilder schienen redundant. Irgendwie wartete man auf eine Entladung, eine Explosion, eine Verpuffung. Stattdessen grummelte, zischte, knarrte und knarzte es – teilweise auch aus der Tiefe des Raumes kommend. Zwischendrin fühlte man sich in die Zeiten zurückversetzt, als Lang- und Kurzwelle noch angesagt waren und Frequenzstörgeräusche Teil des schlechten Empfangs waren. Damals musste man sich mit Störgeräuschen arrangieren, nun aber setzte Dumoulin diese gezielt für seine Klangmalereien ein.

Geräusch- und Hörspiel fiel dem Berichterstatter als charakteristische Begrifflichkeit zu derartiger Musik ein. Ist es denn überhaupt Musik oder nicht nur Geräuschmusik? Auf Human Beat Box wurde von Dumoulin verzichtet, aber die modulierte Stimme kam schon noch zum Einsatz, als er ein Kontaktmikrofon an seine Gurgel hielt. Nur selten war die Fender Rhodes zu vernehmen, hier und da mal ein sachte Anlehnung an Orgelklang. Das Elektronische war schon das dominante Element, das m. E. auf Dauer allerdings nicht wirklich trug und überzeugte. Es wäre vielleicht anders gewesen, hätte es zu dem Vortrag eine Performance oder ein Happening im Sinne von Nitsch oder A. R. Penck gegeben. Nun ja, das fehlte und so blieb ein eher schaler Geschmack hängen und zudem die Frage: „Ist das Jazz oder was?“ Vielleicht war es auch nur urbane Kakophonie, mag sein!



Mit Drifter ist alles im Fluss


Schließlich traten Drifter, nicht zu verwechseln mit The Drifters, auf die Bühne des Theaters Marni. Das Quartett besteht aus Teun Verbruggen (drums), Alexi Tuomarila (piano), Nicolas Kummert (saxophone, vocals) und Axel Gilain (vocals, e-bass). Dass ein dominierender Klangkörper wie das Saxofon auch mal aus dem musikalischen Geschehen herausgenommen werden kann, zeigte die Band mehrfach an diesem Abend. So wurde aus dem Quartett ein klassisches Jazz-Trio, sieht man einmal vom Ersetzen des Kontrabasses durch einen E-Bass ab.



Ohne Frage: Das Saxofon ist in seiner Klangbreite und Ausdrucksweise sehr dominierend. Das war auch bei Drifter zu spüren, einer Band, die einige mit dem Begriff Jazz Rock fassen. Allerdings überkamen den Berichterstatter eher Gedanken an Pop, auch hier und da an Melodielinien aus „Local Hero“ von Dire Straits. Das mag der eine teilen, ein anderer jedoch nicht.

Wenn es denn überhaupt rockige Fragmente gab, dann gewiss, weil Teun Verbruggen für sehr viel Fahrt an seinem Schlagwerk sorgte und stets auch das Tempo forcierte oder herausnahm, durchaus auch manchmal konträr zum Spiel von Nicolas Kummert am Tenorsaxofon. Kummert vermied bei seinem Spiel das Lautstarke, das Marktschreierische, das Keifende, das ein Saxofon auch an sich haben kann. Er suchte durchaus weiche und weich gezeichnete Konturen zu spielen, derweil Verbruggen eher das Moment von Krawall und Rabatz auf dem Zettel hatte. Dass aber nicht nur Verbruggen das Rhythmische in den Händen hielt, zeigte streckenweise auch der finnische Pianist Alexi Tuomarila, der auf seine Tasten im wahrsten Sinne des Wortes trommelte. Dabei zeigte er zudem eine starke Basshand.



Neben „Vagabond ( comp. A. Tuomarila) hörten wir an diesem Abend „Nobody ever lasts“ und schließlich „Upside down“ (comp. Alex Gilain). Letztere Kompositionen wurden sehr stark von den stimmlichen Einlagen von Gilain und Kummert geprägt. Für mich war es dann Dancefloor Jazz, was zu hören war.

Der Abend war durch das furiose Spiel Tuomarilas ein wahrer Hörgenuss, auch wenn das eine oder andere musikalische Linienspiel doch schon eher an Pop erinnerte. Da fehlte hin und wieder der Wille zu sehr freiem Spiel, zu Zipp und Zapp. Es schien um die gefälligen Melodien zu gehen, die im Ohr haften bleiben. Mitsummen  schien schon intendiert zu sein, auch wenn die „Dämonen der Vergangenheit“ von Gilain und Kummert gesanglich beschworen wurden.


Text und Fotos: © ferdinand dupuis-panther

Informationen

CD-Besprechungen
http://www.jazzhalo.be/reviews/cdlp-reviews/d/drifter-flow/
http://www.jazzhalo.be/reviews/cdlp-reviews/l/lorenzo-di-maio-black-rainbow-ferdinand-dupuis-panther/
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