Falk Bonitz Trio im Zig Zag Jazz Club Berlin, 8.6.2016

Die musikalische Welt des Falk Bonitz Trios ist geprägt durch eine Vielfalt von Einflüssen, von klassischen Komponisten der Spätromantik wie Debussy und Brahms bis Latin-Jazz-Pianisten wie Chick Corea und Michel Camilo. Der Pianist Falk Bonitz spielt in seinem Trio mit dem japanischen Bassisten Noriaki Hosoya und dem israelischen Drummer Yatziv Caspi zusammen. Als Gast des Abends im Zig Zag Jazzclub begrüßte der in Rostock als klassischer Pianist ausgebildete Falk Bonitz die aus Haiti stammende, in Kanada aufgewachsene Vokalistin Rachelle Jeanty. In der oben genannten Besetzung war das Konzert im überaus gut besuchten Zig Zag Jazzclub das vorläufige letzte, da Noriaki Hosoya nach Japan zurückkehrt. So wird es, das war die Hoffnung von Falk Bonitz, demnächst eine gemeinsame Japan-Tour und gelegentliche Konzerte in Berlin geben.

Vor der eigentlichen Berichterstattung über das Konzert, in dem das Trio ausschließlich Kompositionen vortrug, die der Feder von Falk Bonitz entsprangen, noch ein paar einleitende Worte zum Zig Zag Jazzclub. Er befindet sich im Berliner Stadtteil Friedenau, wenige Gehminuten von den S- und U-Bahnstationen Innsbrucker Platz entfernt. Dass diese Spielstätte überhaupt existiert, ist auch das Verdienst des aus Athen stammenden Schlagzeugers Dimitris Christides, der unter anderem in dem Quartett des Berliner Jazzgitarristen Andreas Brunn namens For Free Hands zu hören ist, ganz abgesehen von anderen Bandprojekten wie Morgenland oder dem Vladimir Karparov 4tet sowie Romenca.

Christiades begann mit 14 Jahren in Athen Schlagzeug zu spielen. Mit 18 Jahren zog es ihn nach England, wo er Unterricht bei Paul Elliot, Pete Zeldman, Spyros Panagiotopoulos und Jojo Mayer nahm. Außerdem studierte er am London College of Musik populäre Musik. Seit 13 Jahren lebt und arbeitet der Schlagzeuger in Berlin und gibt Unterricht sowie Workshops. Zudem leitet er seit drei Jahren die Drumschool Berlin.

Vor dem Konzert konnte ich mit dem Pianisten und Bandleader Falk Bonitz sprechen, der darauf hinwies, dass das Trio seit vier Jahre bestehe und zwei Alben in Eigenregie veröffentlicht habe. Das letzte Album trägt den Titel „Märzsonne“, bezogen auf die gleichnamige Komposition von Falk Bonitz. Falk Bonitz, so sagte er mir, sei eigentlich klassisch ausgebildeter Pianist, habe aber festgestellt, dass er in diesem Genre nur 80% auf der Bühne zu leisten imstande sei, während er beim Jazz live 120% geben würde. So lag es nahe, sich gänzlich dem Jazz zu verschreiben, zumal für Falk Bonitz, so der O-Ton, das Komponieren für das Trio eine ganz wichtige Angelegenheit sei. Inspiration nehme er für diese Kompositionen aus der Klassik u. a. aus der Spätromantik – dabei fiel der Name Debussy – und aus dem in New York entstandenen Latin-Jazz., aber auch aus dem Modern Jazz. Da die Musik, die er schreibe und spiele, schwer zu fassen sei, habe er den Begriff Lyric Latin Jazz als Genrebegriff gewählt. Das hat nichts mit Bossa und auch nichts mit dem Mädchen aus Ipanema zu tun. Wovon sich die sehr, sehr zahlreich erschienenen Zuhörer, überwiegend der Generation U30 zuzurechnen – welche Seltenheit bei Jazzkonzerten! – überzeugen konnten.

Wie stark die Klassik in den Jazz des Trios hineinspielt, unterstreichen schon Titel wie „Rondo“ und „Präludium“. Gespielt wurden zwei Sets, wobei jeweils am Ende jeden Sets die aus Haiti gebürtige Sängerin Rachelle Jeanty als Gast hinzukam und unter anderen in Französisch „Autumn Leaves“ sang. Am Ende des zweiten Sets gab es dann von ihr mit sehr abwechslungsreichem Scat Vocal gewürzt noch „How insensitive“ zu hören Dabei handelt es sich um einen Titel von Antônio Carlos Jobim mit starkem Bossa Nova-Einschlag. Doch dies war nur hier und da wahrzunehmen. Vielmehr bekam der Song von Rachelle Jeanty eine eher soulige Nuance beigemischt. „What was I to say? What can you say / When a love affair is over?” – mit diesen Worten endet der Song. Er war, um es vorwegzunehmen, der Schlussakkord eines sehr mitreißenden, energiegeladenen Konzertabends.

An eine Klanggaloppade erinnerte die Komposition „Rondo“, eigentlich eine idealtypische Form, die zum Beispiel mit dem Schema ABAAABAB Jazzsetzungen sehr nahekommt. Auffallend war die Spielweise von Falk Bonitz, der sich sehr körperorientiert zeigte, als er sich seinem schwarzen Tastenmöbel widmete. Dies war auch bei anderen Stücken des Abends zu beobachten. Zeitweilig drängte sich der Eindruck auf, der Pianist müsste nach dem jeweiligen Vortrag auch erst einmal zu Atem kommen, also wieder Energie für das nächste Stück schöpfen, was im zweiten Set Rachelle Jeanty in einer ihrer Ansagen aufgriff.

„Morgenland“ entwickelte sich musikalisch jenseits eines Klischees orientalischer Musik mit Ud und Saz sowie Rahmentrommel. Eher drängte sich dem Berichterstatter der Vergleich mit der Musik von Oscar Peterson und Erroll Garner auf. Falk Bonitz wechselte zwischen perlendem Klangspiel und akzentuierten Sequenzen, die vollen Körpereinsatz von ihm forderten. „Sprungelemente“ waren hier und da eingestreut.

Weniger in diesem Duktus war das Bass-Solo von Noriaki Hosoya angelegt. Er spielte nicht Kontra-, sondern E-Bass. Dabei zeigte er sich nicht nur tieftönig, sondern hochtönig und melodiös-lyrisch. Quicklebendig schien der sonst in Jazzformationen eher behäbig agierende Bass. Dezent war die Begleitung des Drummers Yatziv Caspi, der ein sehr minimalistisch ausgestattetes Schlagwerk bediente. Die Bass-Trommel war eher klein. Nicht etwa sechs Toms waren von ihm ins Schwingen zu bringen, sondern, wenn mein Eindruck nicht täuschte, nur drei. Zwei Bleche und ein Hi-Hat kamen dazu – das reichte gänzlich, wenn auch Yatziv Caspi anderes gewohnt sein dürfte, kommt er doch vom Fusion. So aber entwickelte er viel Wirbel auf den Fellen und Blechen, die vorhanden waren. Nur selten waren Stativ, Trommelrand und Trommelkörper Ziel der Sticks.

Das wichtigste Stück des Trios und so etwas wie die DNA des Dreigestrins an Bass, Grand Piano und Drums sei, so Falk Bonitz, der Song „Märzsonne“: Das Spiel im Diskant erinnerte den Berichterstatter an Schneeschmelze und das klirrende Brechen der vereisten Bäche. Tauwetter wurde musikalisch eingeläutet. Auch der Drummer stimmte in den Frühlingsaufbruch ein, als er die beiden Becken mit beiden und mit einem Stick zum Klingen brachten. Weltendonner schienen die weiteren Klangpassagen zu vermitteln. Die Dramatik wurde im Verlauf des Zuhörens immer greifbarer. Der März hat es nach Auffassung des Komponisten Falk Bonitz also in sich, beinahe wie der wechselhafte April, so konnte man beim Zuhören meinen.

Ein altes Volkslied namens „Es ist ein Schnitter, heißt der Tod“ feierte im Zig Zag Jazzclub Berlin eine Art Premiere, so Falk Bonitz in seiner Ansage ans Publikum. Es handele sich dabei um ein Lied, bei dem der Tod auf der Jagd nach den Seelen sei. Wer das Lied in seinen Harmonien und Melodielinien kannte, konnte es in den lang gedehnten Klaviersequenzen wiederentdecken. Kurz waren bisweilen die Wirbel mit den Besen durch Yatziv Caspi, so als sollte zum Ausdruck gebracht werden, das letzte Stündlein habe geschlagen. Die lang gezogene Grundlinie des Schnitter-Liedes wurde im weiteren Verlauf gekonnt umspielt, beinahe versteckt. Wer aufmerksam lauschte, musste an den plötzlichen Tod denken, der sich nicht ankündigt, sondern leise daherkommt.

Mit klassischer Attitüde eröffnete Falk Bonitz den zweiten Konzertteil und spielte ein „Präludium“. Man nahm wahr, dass musikalische Fackeln entzündet wurden. Im Fortgang des Vortrags änderte sich das Tempo. Forciert ging es zur Sache, und das Stichwort „Stampede“ hätte hier vielleicht seine Berechtigung. Der Berichterstatter dachte beim Zuhören an Galoppaden über Stock und Stein, an Treibjagden und an Parforceritte. Sprünge von Trittstein zu Trittstein bei der Flussüberquerung war ein anderes Bild, das dem Berichterstatter zu den präsentierten Klangbildern in den Sinn kam. Ja und dann waren sie auch im Spiel, die Latin-Moves abseits von Salsa oder Bossa und Samba.

Eine Weltpremiere gab es an diesem sehr unterhaltsamen Abend jenseits eines stark verkopften Jazz zu erleben: Die Komposition „Saturn“ stand auf dem Programm. Dabei blieb Falk Bonitz seinem sehr akzentuierten Spielduktus treu und vermittelte den Anwesenden einen feurigen Hörgenuss. Gänzlich anders war dann der Charakter von „Orphalese“: Ob sich Falk Bonitz dabei auf das Buch „Der Prophet“ von Kahlil Gibran bezieht, konnte der Berichterstatter nicht verifizieren. Jedenfalls ist in diesem Buch von der Stadt „Orphalese“ die Rede. Das Stück strahlte Ruhe aus und war eher meditativ ausgerichtet. Wären noch Klangschalen im Spiel gewesen, dann wäre das Meditative noch mehr zum Ausdruck gekommen. Wer schon einmal die Gelegenheit hatte, den Flug des Albatross zu beobachten, der vermeinte beim Zuhören, das Schweben dieses Vogels in der Thermik vor Augen zu haben.

Nein in der Romantik schwelgte das Trio nicht, auch wenn mit „Blaue Blume“ auf den Klassiker der Romantik, nämlich Novalis, im Titel Bezug genommen wurde. Falk Bonitz hatte das Stück so konzipiert, das er tonale Schicht auf tonale Schicht legte, um immer mehr Klangwalzen zu konzipieren. „Licht und Schatten“ war ebenfalls eine Komposition von Falk Bonitz, die das Trio spielte. Mit „How insensitive“ fand das Konzert einen gelungenen Abschluss, der zugleich der Abschied des Bassisten Noriaki Hosoya aus Berlin bedeutete. Viel Erfolg beim „Neustart“ in Japan, Noriaki Hosoya! Dem Trio ist ein Weitermachen zu wünschen, vielleicht mit einem neuen Bassisten.

Photos und text: © ferdinand dupuis-panther

 

Informationen

ZigZag Jazz Club Berlin
http://www.zigzag-jazzclub.berlin/

 

Musiker
https://www.facebook.com/falkbonitztrio/
http://www.falkbonitztrio.com/

Audio
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