Torsten Zwingenberger, ein Gespräch mit dem in Berlin lebenden Schlagzeuger und Bandleader von "Berlin 21".

Anlässlich der CD-Release-Tour hatte ich Gelegenheit mit Torsten Zwingenberger, nicht zu verwechseln mit dem Boogie-Woogie-Pianisten Axel Zwingenberger, ein längeres Gespräch zu führen. Dabei verriet er mir auch, dass seine zweite Leidenschaft eine Jazzband ist, die sich dem New Orleans Jazz, aber auch dem Boogie und Blues verschrieben hat. Der Name der Band ist dann wohl auch Programm: New Orleans Shakers. Übrigens, aufgrund der Leidenschaft für Boogie Woogie spielen die Brüder Torsten und Axel Zwingenberger gelegentlich auch mal zusammen.
Doch Torsten Zwingenberger hat auch schon mit Jazz Granden wie Joe Pass, Buddy Tate oder Jay Mc Shann gejazzt. So sprach ich also mit einem Schlagzeuger, der in seinem Stil durchaus nicht festgefahren, sondern sehr offen ist. Wer ihm genau auf die Füße und Hände schaut, der bemerkt, dass Zwingenberger mit Fußspitze und Ferse spielt und zugleich auch mal drei Sticks zum Einsatz bringt: drumming5point nennt Zwingenberger diese besonders Schlagzeugspielart.

Sie nennen Ihr Projekt ja „Berlin 21“. Ich kenne nur ein anderes Projekt aus der jüngsten Vergangenheit, dass sich „Berlin Calling“ nennt und das Kind des Saxofonisten Daniel Erdmann und des Pianisten Carsten Daerr ist. Wie kam es denn zu „Berlin 21“? Berlin-Kreuzberg und Berlin-Prenzlauer Berg, die sind bekannt, aber Berlin 21?

T. Z.: Das war mal die Postleitzahl für Berlin Moabit-Tiergarten, bevor diese in fünfstellige Zahlen umgearbeitet wurden. Das ist der Stadtteil, in dem ich seit 1980 wohne. Ich habe das sozusagen als kleine Reminiszenz an diesen Stadtteil gedacht. Ich habe ja auch in Moabit seit den 80er Jahren einen Proberaum, wo sehr viele Projekte entstanden sind. Und zu „Berlin Calling“ muss ich sagen, das ist auch ein interessanter Projektname, aber das war mal eine Komposition von Helmut Brandt, dem ehemaligen Arrangeur und Baritonsaxofonisten der RIAS-Big-Band. Ich glaube, das wurde beim Frankfurter Jazzfestival 1957 aufgeführt, als Helmut Brandt mit seiner damaligen Combo den ersten Preis gewann. Das war ein Stück im Genre des damals aktuellen Cool Jazz. Wussten Sie das?
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Nein. Auf dem Cover der CD steht nur, dass man mit dieser Einspielung dem Berliner Jazz ein ultimatives Soundgewand überstreifen wolle. Das ist bestimmt auch ein Marketingplot, oder?

T. Z.: Na, super. Alles, was mit Berlin zu tun hat, ist aktuell angesagt. Jeder DJ, der in Berlin irgendwie einen Wohnsitz hat, kann irgendwo sonst auf der Welt vor großem Publikum auftreten. Das genügt zurzeit. Ich habe eine authentische Geschichte zu diesem Projekt. Ich wohne seit 1980 in Berlin 21. Die Adresse hat sich bei mir auch nicht geändert. Daher kann ich eine Formation, die in Berlin beheimatet ist, so nennen. Es ist auch ein urbaner Jazz, den wir machen.

Sie werden für das Konzert anlässlich der CD-Release mit einer Mischung aus Bebop, Hard Bob, Latin und Afro Jazz angekündigt.

T. Z.: Das entspricht genau dem, was wir machen. Das hat sich keine Promotion-Abteilung ausgedacht außer meiner eigenen Promotion-Abteilung.

Sie stört es also nicht, in bestimmte Kategorien eingeordnet zu werden? Ich frage deshalb, weil in einer Reihe von Gesprächen mit Jazzmusikern häufig nur von improvisierter Musik gesprochen wurde und nicht von Subgenres des Jazz.

T. Z.: Das ist natürlich immer so eine Sache. Das ist auch eine Frage des Verkaufens, zu sagen, man mache improvisierte Musik. Wir machen sowieso eh improvisierte Musik, weil wir unsere Solos immer improvisieren. Das ist stets so beim Jazz. Kategorien werden in erster Linie von den Veranstaltern, von der Presse und vom Publikum verlangt. Die meisten Musiker finden das nicht so toll, weil wir ja gerne vielseitig sein möchten. Diesen Luxus erlaube ich mir auch mit unserer Band 'Berlin 21'. Da machen wir ein sehr vielfältiges Programm, was schon wieder Probleme mit sich bringt. Auf welches Festival passen wir denn? Passen wir auf ein Avantgarde-Jazzfestival? Nein, weil wir nicht den Euro-Jazzklangbrei machen und weil unser Zeug groovt und swingt. Es sind aber alles neue Eigenkompositionen, die wir spielen, somit sehr moderner, neuer, frischer Jazz. Auf ein Mainstream-Oldtime-Festival passen wir auch nicht, weil wir denen zu modern sind. Wir sind da genau zwischen den Stühlen. Spielen wir, freut sich das Publikum extrem. Sie wissen das sehr zu schätzen und dann sind Kategorien auf einmal wie weggeblasen. Das finde ich das Interessante. Ich bekomme häufig von Konzertbesuchern zu hören: 'Ich bin ja eigentlich kein Jazzfan, aber so wie Sie das machen, finden ich das unheimlich toll.

Sie sagen, Sie machen swingenden Jazz. Dazu kommt mir in den Sinn, dass in den 30er und 40er, vielleicht auch noch in den 50er Jahren Jazz Tanzmusik war, sprich Popularmusik.

T. Z.: Als Jazz Swing war, war das eben auch Popmusik. Dazu haben die Leute getanzt. Der Rhythmus vor 70 Jahren hat bei den Leuten im Kopf ausgelöst, dass sie sich dazu bewegen wollen, dass sie sich kennenlernen und das sie danach miteinander ins Bett gehen. Deswegen Popmusik, also von poppen. (Anm.: Ein wenig Ironie schwingt mir bei dieser Bemerkung Zwingenbergers mit, oder?) - Die Entwicklung ist dann in eine andere Richtung gegangen, als es mit dem Bebop losging und Schilder in den einschlägigen Klubs aufgestellt wurden: „Bitte nicht dazu tanzen!“ Die Leute wurden zudem gebeten, zur Musik still zu sein. Damit ging der Charakter des Jazz als Popmusik verloren. Das übernahmen dann Rhythm-and-Blues und Rock 'n Roll. Heute ist es Techno, House oder Rap. Das ist wieder ein ganz anderes Rhythmusgefühl, was die Leute oben im Kopf den Schalter umlegen lässt.

Worin sehen Sie ihre Wurzeln des Jazz, im afro-amerikanischen Jazz mit dem Great American Song oder in der europäischen Variante des Jazz?

T. Z. Im afroamerikanischen Jazz. Ich kann nur nichts dafür, dass ich in Europa zur Welt gekommen bin und sozialisiert wurde. Ich habe aber auch viel in den USA gespielt, auch mit us-amerikanischen Größen des Jazz aus der Zeit gespielt, als Jazz noch Popmusik war. Dazu gehörten Buddy Tate und Joe Pass, Joe Newman … Ich habe eine Konzertreihe mit Jay McShann bestritten, der war immerhin der Entdecker von Charly Parker. Die hatten alle viel Spaß an unserem gemeinsamen Spiel. Und ich habe dabei sehr viel gelernt. Natürlich ist meine emotionale Wurzel, was den Jazz angeht, auf der afro-amerikanischen Seite und nicht im europäischen Raum zu suchen. Das ist halt europäische Musik, und das ist auch gut. Das ist europäischer Jazz, und das ist wunderbar, aber da haben ich und meine Kollegen, mit denen ich zusammenspiele, eine andere Spielauffassung.

Jazzmusiker in Europa stammen ja teilweise aus der europäischen Klassik, aber für Sie sind die Ideengeber für Jazz, wie Sie ihn machen, doch die afro-amerikanischen Urväter des Jazz, oder?

T. Z.: Auf jeden Fall. Europäische Einflüsse im Jazz hat es immer gegeben. Ohne die moderne klassische Musik würde es den modernen Jazz nicht geben. Das ist bekannt. Das, was mich angeregt hat, diese Musik zu lieben und zu praktizieren, ist eigentlich der afro-amerikanische Hintergrund des Jazz, aber es gab auch jede Menge weiße amerikanische Jazzmusiker, die mit afro-amerikanischen Musikern zusammengearbeitet haben. Sie haben gemeinsam diese Musik recht erfolgreich entwickelt. Ich bin auf alle Fälle gegen jegliche „Rassenschranken“, bin aber wie fast alle Musiker aus meiner Generation, die diese Musik spielen, ausgegrenzt worden, weil ich eben nicht US-Amerikaner war. Vor 30 oder 40 Jahren ist es so gewesen, dass es zum Glück jede Menge amerikanischer Jazzmusiker gab, die auf Tournee hierher kamen. Das hatte aber auch den Effekt, dass wir europäischen Musiker im Jazzbereich zurzeit, als es den Hype um den aktuellen Eurojazz noch nicht gab, das Nachsehen hatten. Die Etats der Veranstalter gingen für das Engagement zumeist für afro-amerikanische Jazzmusiker drauf. Aus damaliger Sicht war Jazz eine „schwarze Musik“. Dazu passte es überhaupt nicht, wenn man aus einem deutschen bürgerlichen Elternhaus in Deutschland stammte. Ich kenne das, was es bedeutet aufgrund von Hautfarbe oder Herkunft, ausgegrenzt zu werden. Ist übrigens nicht schön. Hätte ich damals deutsche Volksmusik gemacht, ich hätte in Amerika und Japan ohne Probleme Konzerte spielen können. Das hat mich nicht so interessiert: Mein Herz schlägt eben für den swingenden, melodiösen Jazz, der aber auch für seine Zeit experimentell daherkommt. Wenn man mal bedenkt, dass die Musik von John Coltrane jetzt so alt ist, wie damals die von Louis Armstrong, für die ich mich in meinen Anfangszeiten sehr begeistert habe. So ist aus heutiger Sicht die Musik von Coltrane Oldtime-Jazz.

Waren Sie irgendwann mal an einer Kreuzung, an der Sie sich für Rock oder Jazz zu entscheiden hatten?Und was war der Auslöser dafür, Jazzmusik zu spielen?

T. Z. Das zu hinterfragen, ist schon interessant. Ich weiß es auch nicht. Das ist wohl in meiner Sozialisation etwas schief gelaufen. (lachend) Ich war sehr einsam und allein. In meinem Umfeld gab es sehr wenige, die sich für Jazz interessierten. Und die, die sich dafür begeistern konnten, habe ich auch sehr viel später kennengelernt. Irgendwie hat mich Jazz mehr angesprochen als der Rock. Ich habe großen Respekt vor Rock, und ich habe als Teenager in Discos auch aufgelegt, aber Led Zeppelin und nicht Sweet. Die Mädchen damals, die normalerweise als Erste auf die Tanzfläche gingen, konnten damit nichts anfangen. Ich habe schon früh mehr zu den komplizierteren Formen des Rock tendiert, ganz im Kontrast zu dem, was von Bravo und der Plattenindustrie empfohlen wurde.

Würden Sie mir zustimmen, dass ein Teil der Rockmusik der Vergangenheit, ohne das darüber gesprochen wurde, aufgrund des freieren Spiels eigentlich Jazzmusik war? Dabei denke ich an Gruppen wie Nice, Emerson, Lake and Palmer oder auch an Brian Auger and the Trinity.

T. Z.: Total. Das ist irgendwie ein Vorläufer des Jazzrock gewesen. Gerade vor Kurzem habe ich auf einem sehr traditionell orientierten Festival mit meinen New Orleans Shakers gespielt, auf dem auch Brian Auger aufgetreten ist. Seit fünf Jahren gibt es meine erste von mir gegründete Band, die 'New Orleans Shakers' wieder, und wir spielen Konzerte. Wenn man sich mal vorstellt, dass Leute wie Auger mal Superstars waren und in welchem Umfeld sie sich jetzt tummeln, wo ich auch meine Arbeit suche, dann ist es momentan für Musiker wie mich nicht gerade einfach, Gigs zu bekommen. Und wenn Sie wüssten, unter welchen Bedingungen wir Konzerte spielen. Die Zeiten sind bestimmt nicht einfacher geworden. Aus den Hochschulen werden in jedem Jahr mindestens 500 hoch ausgebildete Musiker im Jazzbereich entlassen, die alle in der Arbeitslosigkeit landen, es sei denn der eine oder andere bekommt eine Orchesterstelle oder unterrichtet.

Sie haben eine besondere Spieltechnik mit fünf Fußpedalen und drei Drumsticks. Was hat es damit auf sich?

T. Z.: Na ja, die drei Drumsticks habe ich mal eine Weile lang benutzt. Ich spiele simultan fünf Fußpedale, aber nur zeitweilig, nicht die ganze Zeit. Das ist eine Sache, die ich mir ausgedacht habe, weil ich auch noch mit den Fersen spiele, so eine Art Steptanz-Technik verkürzt gesagt. Ich spiele meist mit zwei Drumsticks. Aber manchmal halte ich auch vier Dinge gleichzeitig in der Hand und spiele.

Das ist eine Spieltechnik, die wodurch zustande gekommen ist?

T. Z.: Äh, Neugierde und zuviel Zeit wegen zu weniger Gigs (lachend). Ich wollte einfach wissen, was alles aus dem Schlagzeug herauszuholen ist, und zwar ohne elektronische Hilfsmittel.

Gibt es eigentlich Vorbilder für Sie?

T. Z.: Ja, alle, die stilbildend waren. Ich sauge von allen auf. Daher nenne ich auch keine Namen, weil es dann wieder heißt, ach daher kommt dies und daher kommt jenes. Ich habe vor 20 Jahren aufgehört, irgendwelche Patterns von anderen Schlagzeugern herauszuhören und Schlag für Schlag nachzuspielen.

Was sind die Inspirationen für Ihre Kompositionen? Sind es Bilder, Bücher, die Sie lesen …

T. Z.: Die Kompositionen von Berlin 21 haben alle meine Mitmusiker geschrieben. Da müssen die Kollegen Rede und Antwort stehen. Für meine Schlagzeugpartien auf dem Album habe ich nichts notiert. Ich spiele auch nicht immer gleich. Jedes Solo, das ich spiele, entsteht im Moment. Es gibt zwar Sachen, die ich mir zurechtlege, aber es ist eben auch freie Improvisation. Die Stücke von Berlin 21 sind im Kern durchkomponierte Stücke und die Soli sind natürlich Improvisationen über die jeweiligen Themen.

Danke für das Gespräch.

© Interview und Fotos: Ferdinand Dupuis-Panther, 2015

Informationen

Torsten Zwingenberger
http://www.drumming5point.com/
http://www.youtube.com/watch?v=Cnb5EyONfrI

Berlin 21
http://www.berlin21.info

Audio

Berlin 21


Torsten Zwingenberger und D. Gazarov (piano)



Axel und Torsten Zwingenberger


New Orleans Shakers




Buddy Tate


Joe Pass


CD Capital Letters
Order: Blackbird Music: http://www.blackbird-shop.de

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