Nikolaj Fuchs – Interview mit dem aus Hamburg gebürtigen Bassisten der Salzburger Band Kosmotron

Wir trafen uns beim Jazzbrunch im Schwechtacherhof zum Abschluss des Steyr Jazzfestival 2016. Für den Rahmen am Sonntagvormittag sorgte die Band Kosmotron. Die Band besteht, wenn auch in wechselnder Zusammensetzung, eigentlich aus: Joschi Öttl (tp), Manuel Schönegger (sax), Phillip Harant (sax), Anselm Oberhummer (flute), Johannes Huber (git), Hans Huber (git), Florian Oberhummer (fender rhodes, moog), Nikolaj Fuchs (e-bass), Lukas Kreuzberger (percussion) und Klaus Sauli (drums).

Wie hat sich die Band gefunden und mit welcher Intention?

NF: Oh, 1996 bin ich von Hamburg nach Salzburg gegangen. In Hamburg habe ich eh auch schon viel Musik gemacht, da in der Hamburger Free-Jazz-Szene, wo ich lernen durfte. Das waren ganz spannende Zeiten.
Dann habe ich in Salzburg zwei Wochen Biologie studiert und habe gemerkt, das ist nun gar nicht mein Ding, und habe mehr aus Interesse und Verzweiflung zur Musikwissenschaft gewechselt. Da habe ich ein Zeitfenster in der Wissenschaft erwischt, das war ein Wunder. Da habe ich den Gitarristen Hans Huber und Florian Oberhummer sowie Severin Driesen, unseren damaligen Schlagzeuger, kennengelernt. Wir haben gleich im Quartett angefangen, Musik zu machen. Ich bin mir sicher, dass 50 Jahre vorher und nachher an der Salzburger Musikwissenschaft niemals solche Leute finden werden. Das hat auf Anhieb musikalisch so was von gepasst.
Ja, eigentlich haben wir alle einen recht unterschiedlichen Hintergrund, was musikalisch auch spannend ist.
Unser Keyboarder Florian bezeichnet sich ja gerne als Liszt-Schüler der dritten Generation. Er hat eine musikalische Früherziehung bei seiner Großmutter genossen, die Konzertpianistin war. Florian kann so ziemlich alles, spielt auch Klassik; einer der Wenigen, der das gut kann.
Der Hans kommt als Gitarrist vom Rock und Grunge. Wir haben einfach drauflosgespielt, und dann kamen dabei gleich sehr witzige Sachen heraus. Wir haben uns dann beim Jazz-Rock getroffen, kann man sagen.
Für uns war es von Anfang an klar, dass wir niemanden covern wollen. Für mich muss Musik irgendwie neu und interessant klingen. Ich weiß schon, dass es für andere nicht unbedingt neu klingt. Ich brauche immer irgendwelche neuen Ideen und deshalb entwickele ich auch sehr viele ungerade Taktarten, was nicht Absicht ist. Mir fällt was ein, zähle das durch und denke, schon wieder ein Siebener. Das ist ja jetzt blöd irgendwie. Ja, nee! Ich wollte das öfter schon korrigieren, dass das wieder Achter werden, aber nee … Das Quartett hat damals die Band gegründet. Das war 1997.

Wie seid ihr auf Teilchenbeschleuniger für Protonen als Namen für die Band gekommen?

NF: Wir haben damals nach den Proben bei jedem Bier monatelang über den Bandnamen philosophiert. Wir hatten die abstrusesten Ideen. Neptun und die Spacehottehüs, was weiß ich für ein albernes Zeug. Letzten Endes hatten wir dann so 30 mögliche Namen. Nach einer Strichliste haben wir eine Auswertung gemacht, und dann kam Kosmotron bei rum; auch das mit dem Teilchenbeschleuniger und das Energetische. Das hat uns eh gut gefallen.

Wie kam es zur Instrumentierung der Band? Ihr habt mit zwei Saxofonen, einer Flöte und einer Trompete eine starke Klangfarbe gesetzt. Zufall oder Absicht?

NF: Im Prinzip ist es wirklich über die Vierer-Besetzung hinaus Zufall. Es ist wirklich nicht leicht, Musiker in Salzburg zu finden, die sich auf so ein Projekt einlassen. Wie gesagt, wir haben recht dilettantisch angefangen, Musik zu machen und sind dann, so hoffe ich, immer besser geworden. Nun haben wir inzwischen Bläser wie den Trompeter Joschi Öttl, der auch in der Jedermann-Band spielt. Das sind wirklich Profimusiker. Diese haben uns immer gefehlt. Wir werden auch oft gefragt, warum wir keinen Gesang dabeihaben. Es hat sich einfach noch keine Sängerin angeboten. Wenn wir eine treffen, die gerne dazu singen würde, dann ist das auch okay. Für uns war klar, dass wir für unsere Themen einen Bläsersatz brauchen. Früher haben wir das mit Gitarre und Keyboard orchestriert. Das verschwindet in dem ganzen Brei. Da erkennt keiner irgendwie ein Thema oder einen roten Faden. Jetzt, wenn die Bläser das Thema raushauen, kommt das an.

Wo liegen die Wurzeln eurer Musik? Es ist ja nicht out of the blue.

NF: Das ist bei den Bandmitgliedern unterschiedlich. Bei mir war es. Ich bin ein Hippiekommunenkind. Mit Acht konnte ich Franz Zappa mitsingen. Damit bin ich groß geworden. Irgendwann ging es dann in den Funk rein. Das ist eigentlich meine Heimat, Parliament und Funkedelic. Über den Funk, Les McCann und Eddie Harris bin ich dann zum Jazz gekommen. Dann war ich völlig Jazz begeistert und mit 18/19 habe ich dann in der Hamburger Free-Jazz-Szene anfangen dürfen. Dann wurde es auch sehr schnell frei bei mir, Sun Ra und wie sie alle heißen. Pharao Sanders und so – das sind meine großen Vorbilder. Auch Musik anderer Kulturen fasziniert mich immens. Es kommt, wenn ich eine Nummer komponiere, eh immer etwas anderes durch die anderen Musiker dabei heraus, die sich einbringen und vielleicht eine klassische Komponente beisteuern. Dann kommt für mich merkwürdigerweise ein sehr typischer Kosmotron-Sound immer heraus.

Könntest Du mal bitte das Klangbild von Kosmotron in Worte fassen?

NF: Energetisch! Wir machen auch gerne Kunstnummer, aber wir wollen schon irgendwie grooven. Ich möchte keine Hintergrundmusik machen und möchte die Leute eigentlich mit der Musik an die Wand schießen. So viel Leute auf der Bühne wie möglich so fetzig und laut.

Ist Jazzrock und Funk eine angemessene Charakterisierung eurer Musik?

NF: Ja, würde ich schon sagen. Ich meine, wir sind natürlich breit gefächert. Sicher haben wir viele rockige Sachen im Programm, aber ein paar klingen dann wieder auch orientalisch. Letzten Endes finde ich, ist Jazzrock eine gute Bezeichnung. Bitte nicht Fusion – das klingt dann gleich so verträumt fusselig. Jazzrock ist mir lieber.

Haben Ramsey Lewis, Les McCann, Maceo Parker oder der späte Miles Davis, um nur einige Namen fallen zu lassen, bei eurer Musik Pate gestanden? Oder sagt ihr, ihr macht eure Musik und die sogenannten Giganten sollten keine Rolle spielen?

NF: Na sicher spielen die eine Rolle. Wir hören alle viel Musik und natürlich macht dies das musikalische Bewusstsein auch aus. Sicher habe ich viele Vorbilder. In der Neuzeit wird es dann schwierig. Alle Namen, die gefallen sind, ne, in den 80er Jahren war dann Schluss. Mats Gustafsson wäre noch ein Vorbild. Der hat ja jetzt eine Riesenband, vom Trio bis zu einer Band mit 30 Leuten, sehr frei, sehr rockig. Fire Orchestra heißt die Band. Das wäre was, was mir gefällt. Musik muss mich interessieren, auch faszinieren. Sie muss auch ein bisschen geheimnisvoll sein.

Lass uns zum Schluss über das Album Hexagon reden. Was hat ein Sechseck mit euch zu tun, wenn ihr doch ein Nonett seid bzw. ein Tentett? Verkappte Naturwissenschaftler, die es in die Musik geschafft haben? Was hat Geometrie mit Musik zu tun?

NF: Die Namensgebung für Nummern haben wir sträflich vernachlässigt. Wir hatten immer Arbeitstitel. Das war der Fünfer, das war der Siebener, das war der neue Siebener – immer auf den Takt bezogen -, Schall 7 – das ist ja auch eine Nummer. Das bezieht sich auch wieder auf die Taktart der Nummer. Ich habe dann gemerkt, dass, wenn du der Band eine Nummer präsentierst, musst du den Namen gleich mitpräsentieren, wenn du nicht willst, dass die Nummer Siebener heißt. Die Bezeichnung „Hexagon“ stammt von mir und bezieht sich leider auch auf die Taktart. Sechser, Sechseck, Hexagon und … Vier gegen Drei haben wir rhythmisch auch in der Nummer drin, ne, deswegen Hexagon,

Von dir stammt die Komposition „Der Tourist“. Was war der Anlass dieses Stück zu verfassen? Welchen Touristen hattest du beim Komponieren im Kopf?

NF: Die Nummer war schon fertig, und ich wollte, dass das Kind einen anständigen Namen bekommt (Lachen). Es ist natürlich absurd, als Salzburger Band zu meinen, man macht original persisch-arabische Musik oder so etwas. Das ist natürlich als Europäer fast unmöglich und deswegen heißt die Nummer „Der Tourist“, weil es für mich ein touristischer Ausflug in ein anderes Musikgenre ist, in dem wir uns bewegen.

Ihr habt ja auf Tablas, Oud, Daburka etc. dabei verzichtet. Das war eine bewusste Entscheidung, sich als Fremde dieser Musik zu nähern?

NF: So ähnlich. Natürlich gibt es das globale Dorf. Es gibt ja zum Beispiel ein Mega-Reggae-Revival in Salzburg. Auf einmal gab es ganz viele neue Reggae-Bands, die aber klingen wie Bob Marley. Es ist natürlich absurd zu denken, als Salzburger Band kann man einen astreinen Jamaikareggae spielen. Es ist immer die eigene Form, die eigene Version. Ich möchte nichts kopieren. Ich versuche dann schon vorbildfrei, falls das möglich ist, zu komponieren. Ich nehme mir jetzt nicht Bob Marley vor, höre ihn mir an und denke dann, wie kann ich auch so eine Nummer machen. Das macht heutzutage keinen Sinn mehr. Was kann man eigentlich heute noch spielen? Es ist schön und gut, aber Bob Marley war Bob Marley. Den kann ich mir fast nicht mehr anhören, so gern ich den mal mochte, auch Hendrix. Es ist vorbei. Wahrscheinlich hat es auch mit meinem Alter zu tun. Hendrix gut, mit 18 an der Tankstelle trampt man los und hört Hendrix. Superklasse, aber jetzt ist das auch mit so vielen Sachen so belastet. Es muss weitergehen.

Es gibt aber doch eine Reihe von Jazzmusikern, die sich mit ihren Erfahrungen mit Rock und Beatmusik der Beatles oder Janis Joplin beschäftigen. Ich kenne Jazzer, die schwärmen für Radiohead und Björk. Wie siehst du das, diese Rückkehr zu den 1960er bis 1980er Jahren von Bill Frisell und Al di Meola?

NF: Generell ist jedem überlassen, was er machen will. Ich bin weit davon entfernt, darüber urteilen zu wollen. Ich kann es mir überhaupt nicht vorstellen. Ich komme vom Funk. Wenn man eine Parliament-Nummer wie „Flash Light“ nimmt, möchte ich die nicht mit der Band covern, weil ich genau weiß, Parliament haben das zehntausend Mal besser gespielt, mit Maceo Parker und den beiden Brecker-Brüdern auf der Bühne. Warum sollte ich diese Nummer covern? Natürlich wird gecovert, weil es natürlich einfach ist. Man hat eine konkrete Vorlage, hat eine Schablone. Jeder weiß, was er zu tun hat, kann sich das Original anhören. Dann bereitet man sich vor und geht in die Probe. Für die meisten Konzerte, die so ablaufen, proben die Musiker nicht einmal vorher, weil jeder die Nummer kann. Live würde ich nie eine Nummer covern wollen. Einmal haben wie eine Nummer von Fela Kuti gecovert. (Lachen) Die einzigen Nummern, die wir sonst gecovert haben, waren drei Nummern, die ich von Freunden aus Hamburg mitgebracht hatte.

Lass uns zum Schluss über den Song „Interflug“ reden. Habt ihr da eine Hymne für die mit der DDR untergegangene Fluggesellschaft verfasst?

NF: Die Nummer haben ja Florian und ich komponiert. Der Titel hieß vorher „Space Express“. Als die CD dann Formen angenommen hat und wir die Titel konkretisieren mussten, hat Florian sich umentschieden und hat gesagt, er möchte das Stück „Interflug“ nennen. Er hat eh so etwas DDR-Affines. Ich weiß nicht, woher das genau kommt. So war dann „Interflug“ am Start.

Wie setzt sich der Titel in Melodie und Harmonien um?

NF: Wir haben ja ein langes Outro am Ende der Nummer, wo wir in elektronische Sphären abdriften. Eigentlich müsstest du Florian mal fragen, aber ich verstehe es so, dass dieser Interflug auch wortwörtlich eine Vertonung findet, sodass wir durch die Sphären fliegen, ne, trotzdem eingeschlossen im Osten, so ungefähr. (Lachen).
Ich danke dir für das Gespräch.

Interview und Fotos: © ferdinand dupuis-panther

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