Xavi Torres - Curiosity

Xavi Torres - Curiosity

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Just Listen Records

In „de Volkskrant“ vom 10. Oktober 2019 war folgende Schlagzeile zu lesen: „Spaanse pianist Xavi Torres treedt met soloalbum in de voetsporen van Keith Jarrett“. Nun ja, das sind ja gewaltige Fußspuren, in die es da zu treten gilt.

Auf dem Soloalbum sind neun eigene Kompositionen des spanischen Pianisten zu hören, der in Amsterdam lebt. Zudem wurden noch vier kurze Improvisationen aufgenommen und den Eigenkompositionen hinzugefügt. Über den Arbeitsprozess an dem Album lesen wir in nrc.nl vom 20.9.2019 als Teil eines längeren Interviews: „Zes maanden werkte hij aan Curiosity. Maar wat kwam hij zichzelf tegen. „Dit album was een groot mentaal gevecht”, zegt hij. „Het instrument heeft alle grootsheid in zich. Maar had ik wel genoeg te vertellen? Een maand voor de opnames voelde ik ronduit paniek en was ik nog nauwelijks aanspreekbaar. Het repeteren werd bijna meditatief. Ik werd compleet naar mijzelf teruggevoerd.”

Übrigens, das Cover des Albums zeigt die Fingerbewegung des Pianisten. Es schaut so aus, als habe Xavi Torres so viele Finger wie der Flügel Tasten hat. Ist also auf „Curiosity“ ein Tastenfurioso zu erwarten?
 
Dann gehen wir mal in medias res: Aufmacher des Albums ist „Resistance“, gefolgt von „Ignorances Discovery“ und „Space 1“. Wir begegnen musikalisch „The Lion“, ehe es uns musikalisch auf den „Table Mountain“ treibt. Wir verlieren uns nochmals im Raum, „Space 2“, ehe weitere musikalische Raum-Exkursionen folgen, so „Space 3“ und Space 4“. Mit „Inner Cry“ wird das Soloalbum abgerundet.

Es mag ja sein, dass ein Soloalbum als Meisterstück angesehen wird, aber ist es dem Jazz nicht inne, interaktiv zu sein? Wie also gelingt dies einem Solisten, der kein Gegenüber hat? Lässt er die Linke mit der Rechten in einen Dialog und einen Widerstreit treten? Also, mal Ohren gespitzt für „Resistance“:

Bereits bei den ersten Klängen wird deutlich, dass Xavi Torres ein auch in der Klassik ausgebildeter und beheimateter Musiker ist. Er entlockt dem Flügel eine sprudelnde Klangfolge, so als würde er ein Quellgebiet in Klangformen binden. Im Fortgang setzt sich das Rinnende als Charakteristikum der Musik fort. Hier und da fühlt man sich außerdem an gurgelndes Wasser in einer engen Schlucht erinnert. Von „Widerstand“ ist hingegen nichts zu vernehmen. Der Klangfluss ist ungebremst, auch wenn die Linke mal Basslinien erfasst und die Färbung des Stücks sich ins Anthrazit verschiebt. Bisweilen fühlt man sich ans Bild der Fischtreppe erinnert, folgt man den melodischen Linien. Dabei sieht man dann bildlich aus dem Wasser springende Fische. Zum Ende des Stücks zu schlägt dann Xavi Torres auch leise Töne an, verabschiedet sich von dem energetischen Duktus.

Zwischen kristallenen Strukturen und bildhaft einem brodelndem Gewässer changiert „Ignorances Discovery“. Dabei scheint auch ein Hauch von Neo-Romantik mit in der musikalischen Darbietung. Zugleich aber erlebt man auch  Dramatik pur, ohne gleich in Wagner‘sches Fahrwasser zu verfallen. Feinste Klang-Kristalle werden von Torres außerdem erschaffen. Folgen wir dem Pianisten im Anschluss an seine „Erkundung der Ignoranz“ in einen Raum mit der Nummer 1 - „Space 1“ ist zu hören –, dann werden wir mit anfänglich sprunghaften Sequenzen konfrontiert. Doch diese verflüssigen sich gleichsam. Stark ist die Basshand des Pianisten, die gegen die diskanten Verperlungen gesetzt wird und mehr und mehr die musikalische Regie übernimmt. Temporeich entwickelt sich das Stück, so als ob wir uns rasant im Raum bewegen. Beim Hören kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass der Duktus sich nicht wesentlich von den zuvor gehörten Stücken unterscheidet.

Ganz mit Bedacht setzt Xavi Torres bei „The Lion“ Klang für Klang, so als wollte er den schleichenden Gang der Raubkatze und das Abducken im Steppengras einfangen. Eine gewisse Schwerfälligkeit ist auch auszumachen. Nur für Momente ist Wendigkeit in den Sequenzen durchscheinend. Hier und da meint man, eine schnellere Gangart vermittelt zu erhalten. Dann muss man eher an einen Gepard auf der Jagd denken als an einen Antilopen nachstellenden Löwen. Und da ist dann der ultimative Sprung auf das Beutetier, oder? Von seinem Harem wird der Steppenkönig schließlich umkreist, so jedenfalls ein Bild, das die musikalische Linie suggeriert.

Eher düster und symbolistisch aufgeladen erscheint  „Space 2“.  Da fehlt die Leichtigkeit, mit der man die Schwerelosigkeit im All verbindet. Übersieht man dabei vielleicht, dass „space“ auch Raum bedeutet und wir uns womöglich gar nicht auf einer Reise durchs All der Erdanziehung entziehen?

„Calmness“, also übersetzt als Entspannung, Friede, Abwesenheit von Aufgeregtheit, vermittelt uns Xavi Torres mit auslaufenden Sequenzen, die an Standards im Jazz erinnern. Insbesondere das Ruhen im Bass verfeinert Torres in diesem Stück ganz besonders. Danach heißt es „Space 3“: Wiederkehrende Sequenzen durchziehen den Raum. Grundmuster werden zementiert und nur durch einzelnes Abgleiten in den Diskant kurz verändert. Dabei erscheint das Stück gleichsam als „Zwischenspiel“ wie auch „Space 2“, nicht allein wegen der Kürze des Stücks. Wie die „Raumimpressionen“ zuvor ist auch „Space 4“ eher als „Fingerübung“ und Kurzimprovisation anzusehen.

Kommen wir zum Schluss mit „Inner Cry“: Dieses Stück beschert dem Hörer eine elegische Note gepaart mit Getragenheit. Da scheinen sich Chopin und Grieg musikalisch vereint zu haben, oder?

Text: © ferdinand dupuis-panther


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