Jazz from Down Under #1

Jazz from Down Under #1

Various

Australian Broadcasting Corporation / Wizard Tone Records


Andrea Keller & Miroslav Bukovsky - The Komeda Project


Am Anfang des Projekts stand die Idee, die Musik von Krzysztof Komeda mit einem Oktett in ein neues Gewand zu hüllen. Die Initiatoren, Andrea Keller (Melbourne) und Miroslav Bukovsky (Canberra) haben beide tschechische Wurzeln, die beteiligten Musiker jedoch keine ausgewiesene Affinität zu Jazz aus Polen. Auffallend an Komedas Musik ist vor allem der Bezug zum Film, sei es zu „Rosemary‘s Baby“ oder „Messer im Wasser“ (Roman Polanski). Ohne Peter Rechniewski, dem Mitbegründer der Sydney Improvised Music Association, wäre das Projekt wohl kaum realisiert worden. Seiner Anregung war es zu verdanken, dass neue Arrangements für das Sydney International Women’s Jazz Festival (2014) geschrieben wurden. Dies war eine von vier Live-Vorstellungen der Musik von Komeda, bisher jedenfalls.

Die am Projekt beteiligten Musiker sind Miroslav Bukovsky (trumpet), Erkki Veltheim (violin), Andrew Robson (alto & baritone saxophone), James Greening (trombone), Ben Hauptmann (guitar), Andrea Keller (piano), Jonathan Zwartz (double bass) und Evan Mannell (drums).

Was auf dem aktuellen Album nun zu hören ist, ist eine Art Medley. Dieses beinhaltet, u. a. den Soundtrack aus Polanski 1962 erschienenen Film „Messer im Wasser“, Themen von Jerzy Skolimowskis “Le Depart“ (1967) und von Jerzy Passendorfers Film „Wyrok“(„The Verdict“, 1962).  Zu hören sind des weiteren Arrangements, die Keller und Bukovsky für „Alfred Over Rooftops“ (1967) aus Polanskis „The Fearless Vampire Killers“ verfasst haben. In einer eigenen Interpretation ist außerdem „Svantetic“ in das vorliegende Album aufgenommen worden. Dabei handelt es sich um einen Titel, der auf ‘Astigmatic“ zu hören ist, 1965 vom Krzysztof Komeda Quintett eingespielt. Hinzuweisen ist aber auch auf das Schlaflied „Sleep Safe and Warm“ aus „Rosemary‘s Baby“.

Mit diesem Film begann Polanskis internationale Karriere. Die Interpretation der Filmmusik wird ganz wesentlich von dem einzigen Streicher des Ensembles und den Bläsern bestimmt. Zu Beginn scheinen Regentropfen niederzufallen, wenn Andrea Keller sich im Diskant ihres Instruments bewegt. Dazu gesellt sich der Violinist Erkki Veltheim, anfänglich mit schrillen Bogenstrichen, nach denen man ein Furioso erwartet. Doch was kommt, ist eher lyrisches Spiel. Weiche Luftzüge umfangen uns, dank sei dem Holzbläser, der sich jedoch nach und nach auch durchaus zu entäußern versteht. Ben Hauptmann weiß mit klaren Schmeicheleien zu überzeugen. Jazzgebläse ist präsent, auch im Solo von  James Greening. Die Vorstellung von einem Schlaflied mag sich so recht allerdings nicht einstellen, kein Wunder, wer den „Horrorfilm“ von Polanski kennt!

Beinahe in Free Jazz gleitet „Every Hour“ ab, ein Thema aus Jerzy Skolimowskis “Le Depart“. Spitze und turbulente Phrasen der Trompete treffen auf eine Art Ostinato der Geige. Bläserschleier ziehen vorbei. Das Tutti klingt dann beinahe wie eine Hommage an Ravel. Irgendwie hört man auch den Uhrzeiger vorrücken, Stück für Stück. Solistisch gibt sich James Greening mit brummigen Klangschlieren. Hier und da muss man bei der Musik auch an Kurt Weill denken, oder? Nicht nur, wenn Posaunenwirbel auf Schlagwerkeinsatz trifft. Alles scheint sich frei zu schwimmen, aus der gebundenen Form zu laufen, ehe es am Ende einen „Tusch“ gibt.

„Collage“ ist ein weiteres Thema aus dem oben genannten Werk. Hintergründig agiert der Gitarrist, beinahe im Stil von Country Music und Johnny Cash. Nachdrücklich drängen sich aber in diesem Stück erneut die Bläser auf, stets im „Widerstreit“ mit dem „Gitarrengalopp“. Orchestrales kommt aber auch nicht zu kurz. „Das Messer im Wasser“ zeichnet sich durch eine initiierte Spannung aus, die auch und gerade in den Händen des Violinisten der Band liegt. Zu hören sind allerdings auch Sequenzen, die eher aus einer Broadway Revue stammen könnten. Doch im Laufe des Stücks ändert sich das, und die Bläser sorgen mit ihren redundanten Sequenzen für die Vorstufen des Höhepunkts.

Mit ein wenig Balkanova-Anmutung eröffnet der „Tanz der Vampire“ („The Fearless Vampire Killers“), gänzlich auf die Violine abgestimmt. Und was klingt da so monoton schwirrend als Beiwerk? Nein, ein Didgeridoo ist es nicht, auch wohl keine Maultrommel, obgleich der Klang durchaus daran erinnert. Es könnte der Bass sein, der der entäußerten Geige beigegeben wurde. Und man fragt sich, ob die Vampire schon unterwegs sind und ihre Opfer gefunden haben. Schnarrende Saxofon-Phrasierungen und auch ein durchaus rockiges Arrangement mit jaulendem Gitarrenklang sind zu hören. „Der Tanz der Blutsauger“ scheint im vollem Gange zu sein und sich auf den Höhepunkt hin zu bewegen! Wer werden die Opfer sein?



Tom Noonan - Pas de Deux


Tanz zu zweit

Die Kompositionen auf diesem Album mit dem Namen „Pas de Deux“ tragen alle Vornamen als Titel. Es beginnt mit „Chris“, setzt sich mit „Alex“ und „Nic“ fort. Auch „Mel“ und „George“ sind Titel von Stücken, die wir hören. Allen Kompositionen gemeinsam ist der Umstand, dass mit der Musik das Thema „Liebe und Konflikt“ bearbeitet wird, so konnte es man dem „Waschzettel“ zum Album entnehmen.

Am Projekt waren nachstehend genannte Musiker beteiligt: Angus Mason (Drums), Chloe Elizabeth (Vocals), Jason McMahon (Saxophone), Lauren Henderson (Vocals), Lyndon Gray (Double Bass), Nicholas Pennington (Guitar) und Tom Noonan (Saxophone).

Sind da am Beginn von „Chris“ nicht zwei Saxofone im Zwiegespräch zu hören? Dieses Zwiegespräch setzt sich auch im Weiteren fort. Es scheint, als würden beide Holzbläser eine klangliche Doppelhelix bilden, die sich ab und an aufspaltet, nämlich dann, wenn einer der beiden Saxofonisten zum Solo ansetzt. Weiche Klangflocken lässt Nicolas Pennington rieseln. Doch die durchschlagende Wortgewalt der Holzbläser ist beeindruckend und nicht zu überhören. Dabei scheinen außerdem klangliche Himmelsleitern erklommen zu werden. Im Verlauf vernehmen wir zudem eher lyrisch ausgerichtete Sequenzen. Gegen Ende umgarnen sich die beiden Saxofonisten in ihrem Spiel. Pas de Deux? Nur wer Chris ist und was er mit dem Höhepunkt jeder Ballettaufführung, dem Pas de Deux zu tun hat, erfahren wir nicht. Ähnliches gilt auch für die anderen Kompositionen, die Aufnahme auf dem Album gefunden haben.

„Alex“ wird vom Gitarristen Nicolas Pennington eröffnet, ehe dann samtene Holzbläser zu vernehmen sind. Deren Melodielinien erinnern an Aufbruch, an ein Auf zu neuen Ufern. Rhythmische Zäsuren werden nicht allein durch Pennington, sondern auch durch Angus Mason am Drums gesetzt. Man könnte annehmen, dass das Wechselspiel zwischen Gitarrist sowie Drummer und den beiden Saxofonisten ganz im Sinne eines Pas de Deux zu verstehen ist.

Zu den Instrumentalisten gesellt sich bei „Alex“ als Stimminstrumentalistin noch Lauren Henderson. Sie beschränkt sich auf lautmalerischen Gesang jenseits von Scat Vocals. „Mel“ umfängt uns melodisch so, als würde uns eine frische Brise ins Gesicht blasen, als wären wir mit aufgeblähten Segeln auf dem Meer unterwegs und der Segelstoff würde im Wind schwirren sowie die Wellen an die Bordwand schlagen. Wie in den anderen Stücken auch wird die Klangpalette des Stücks vom Saxofon bestimmt. Auf- und absteigende Linien zeichnet der Holzbläser, in Begleitung die Gitarre, die jedoch nicht die zweite Stimme einnimmt, sondern eher eigenen Konturlinien folgt, ehe dann ein Gitarren-Solo angesagt ist. Beim Solo ist eine fein gedrechselte Paraphrasierung auszumachen, die auf das Saxofon Bezug nimmt.

Bei „George“ handelt es sich um ein rezitiertes Gedicht, bei dem es aber nicht um die Hingabe zu George, sondern um den Klang des Namen Mary geht. Nachfolgend lassen wir uns beim Schlussakkord, dem Stück „Nic“,  auf den klanglichen Fluss der Saxofone einlassen. Wir werden von diesem Klangstrom angezogen und lassen uns ein Stück treiben, dabei für einen Moment auch den „Liebestanz“ vergessend, den Tom Noonan mit seinem Album zu inszenieren gedenkt. Schnelle Schrittfolgen des Klangs überschneiden sich, werden rhythmisch kommentiert. Auch der Bass hält den beinahe grazilen Schritt. Dabei hat man allerdings eher den Eindruck von modernem Ausdruckstanz und nicht von Drehungen auf den Zehenpitzen.



Andrew Dickeson - Is That So


Ist das so?

Aufgemacht wird das Album „Is That so“ mit einer selten gespielten Komposition von Duke Pearson namens „Is That So?“, woher sich auch der Name des Albums ableitet. Darauf folgen „For All We Know“ und „ On The Trail“ . Über „For Alle We Know“ schreibt Dickeson: „I've loved this tune ever since hearing the Nat Cole version - we dance our way through this one.“ Die Nummer „To Love And Be Loved“ zeichnet sich durch eine sehr schöne Melodie aus, die Jimmy Van Heusen zu verdanken ist. Kein Geringerer als Frank Sinatra hat diesen Song mit seinem Timbre unvergessen gemacht. Von George Gershwin stammt „The Man I love“, während der Saxofonist der Band, Eric Alexander, mit „Iron Man“ den Schlussakkord setzt .

Um das Album einzuspielen, hat der Drummer Andrew Dickeson den Saxofonisten Eric Alexander, den Pianisten Wayne Kelly und den Bassisten Ashley Turner um sich geschart.

Von der ersten Note an, die wir hören, ist Straight ahead-Jazz angesagt. Das ist auch und gerade dem Saxofonisten Eric Alexander zu verdanken, der beispielsweise mit Weichklang zu überzeugen weiß und die Klangfärbungen in „Is That So?“ bestimmt, zumeist unaufgeregt und im steten Fluss. Mit einem gewissen Swing ergießen sich die Tastenfolgen, für die Wayne Kelly verantwortlich zeichnet. Und auch an einem Drumming-Solo wird bei diesem Song nicht gespart. Dabei unternehmen wir dann zugleich auch eine historische Zeitreise in die Blütezeit des Jazz, als die Konkurrenz von Rock ´n Roll und Pop noch nicht erstarkt war. Im gleichen Fahrwasser wie der Opener bewegt sich „For All We Know“, hier und da auch ein wenig balladenhaft aufgelegt, folgt man dem wellenförmigen Spiel von Eric Alexander. Das Intermezzo von Wayne Kelly zeichnet sich durch sanft kaskadierendes Tastenspiel aus. Bisweilen werden auch Klangstrudel hörbar, tonale Verwirbelungen erkennbar. Und schließlich kann sich auch der Bassist Ashley Turner ausgiebig zu Wort melden.

Wer sich an den Film „Round Midnight“ erinnert, der wird durchaus Verbindungen zu den eingespielten Songs von Andrew Dickeson und Co. ausmachen können. Das gilt auch für „To Love And Be Loved“: Sehr schmachtend, zumindest sehr lyrisch, kommt der Song daher. Getragen ist das Tempo und beim Hören der dahin schwebenden Saxofon-Linien gewinnt man den Eindruck, hier werden musikalisch verschmähte und erwiderte Liebe, Abschied und Sehnsucht „besungen“. Auch das leichte, enteilende Tastenspiel scheint dazu bestens zu passen. Vergänglichkeit scheint durch den Pianisten zum Ausdruck gebracht zu werden, oder?

Der Song „The Man I Love“ überzeugt mit seiner steten Dynamik, die vorrangig Andrew Dickeson und Eric Alexander zu verdanken ist. Da vereintsich aber auch das nervöse Schlagwerkspiel mit den Klangfontänen, die der Pianist hervorzaubert. Zu vernehmen sind obendrein aufbrausende kleine Turbulenzen, die dem Saxofon entlockt werden.

Mit „Little Boat“ erleben wir einen Bossa Nova, bei dem sich Eric Alexander intensiv um die melodischen Konturierungen kümmert. Dabei dringen kristallin-zerbrechliche Klänge an unser Ohr, ehe dann das sonore Saxofon zu vernehmen ist. Bilder vom azurblauen Meer, tiefblauen Himmel und Zuckerhut stellen sich nach und nach ein. Wayne Kelly lebt sich mehr und mehr im Diskant aus, derweil Andrew Dickeson ein dezenter Begleiter ist. Über weite Strecken bestimmt auch bei „Little Boat“ der Saxofonist die Farbmischungen, dezent und mit feinstem Strich. Zum Schluss noch ein Wort zu „Iron Man“: Gewaltige Trommelwirbel zu Beginn und ein perlendes Tastenspiel – so kommt der „Eisenmann“ daher. Aus den anfänglichen Trommelwirbeln wird in der Folgezeit ein dezentes Spiel auf den Blechen und Hi-Hat. Und dann nimmt uns Eric Alexander mit auf die Klangreise, bestimmt, ausdrucksstark, gelegentlich mit „Schnarren“ und „Schnurren“ untermalt, vor allem ausgestattet mit viel Groove. Auch Andrew Dickeson zeigt in zahlreichen Interventionen sein Können an der „Schießbude“, dabei nie übertrieben und aufgesetzt.

Texte: © ferdinand dupuis-panther – Die Texte sind nicht public commons!


Informationen

The Komeda Project

http://www.andreakellerpiano.com.au/
http://music.cass.anu.edu.au/people/mr-miroslav-bukovsky


Tom Noonan Pas De Deux

https://pasdedeuxalbum.bandcamp.com/

https://www.tomnoonanmusic.com/about


Andrew Dickeson Is That So?

http://www.andrewdickeson.com/


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