Vertigo Trombone Quartet – The Good Life

Vertigo Trombone Quartet – The Good Life

V

NWOG 22

Die Posaune ist nicht unbedingt die Stimme des Jazz. Eher denkt man wohl an Kirchenmusik oder Klassik, gleichgültig ob es nun auch im Jazz prägende Posaunisten gab, so J.J. Johnson oder Albert Mangelsdorff. Die Rolle, „Sprachrohr des Jazz“ zu sein, hat eindeutig das Saxofon eingenommen, in welcher Stimmlage auch immer. Umso mehr ist es ein Gewinn, auf dem aktuellen Album gleich vier Posaunisten erleben zu können, nämlich Nils Wogram, Andreas Tschopp, Bernhard Bamert und Jan Schreiner! Dabei „bespielen“ sie mit ihren Blasinstrumenten ein weites musikalisches Feld, klassische Anmutungen eingeschlossen.

Mit dem Album „The Good Life“ legt das Vertigo Trombone Quartet eine zweite Veröffentlichung vor, nachdem zuvor 2014 mit „Developing Good Habits“ das Debütalbum veröffentlicht worden war. Dabei kommen, so Nils Wogram, alle mit ihrer Stimme zum Zuge, bisweilen durchaus auch sehr basslastig, eher behäbig und „erdgebunden“.  Im Pressetext lesen wir über das Album u. a. : „Das Markenzeichen auf dem zweiten Album des Quartetts ist die Einheit, Stärke und Stringenz des inneren Zusammenhangs. Diese kohäsive Kraft beruht auf einer großen Dichte, die nicht via Konzept von außen übergestülpt worden ist, sondern sich von innen heraus ergeben hat.“  O-Ton von Nils Wogram: „Auf dem ersten Album ging es viel mehr darum zu zeigen, was wir in dieser Konstellation anbieten können, während wir es diesmal wesentlich entspannter angehen konnten.“

Im Mittelpunkt des Albums steht übrigens eine vierteilige Suite, die von Bernhard Bamert komponierte „The Good Life Suite“, auch Titel des vorliegenden Albums.  

Ein Statement von Wogram ist bezüglich der Instrumentierung gnadenlos direkt: „Eine Posaune ist eine Posaune. Es bringt nichts, anderen Instrumenten nachzueifern. Die Posaune hat ihre Grenzen. Diese gilt es zu akzeptieren. Wir wollen uns vor allem auf die Stärken des Instruments konzentrieren.“ Dass dabei hin und wieder Kammermusikalisches durchscheint und man tatsächlich auch dank eines „Didgeridoo-Klangs“ an die „Traumpfade“ australischer Ureinwohner erinnert wird, zeigt die klangliche Bandbreite des Quartetts mit und ohne Zwischen- und Obertöne. Chorhaftes trifft dabei auf Post-Bop, beinahe Sakrales auf vereintes Jazzgebläse. Bisweilen, so in „Traumpfade“, hat man den Eindruck, man vernehme gar Streicher, die Bass und Cello spielen. Welch Klangtäuschung! Übrigens, da sage noch einmal jemand, die Posaune habe in ihren klanglichen Färbungen Beschränkungen.

Aufgemacht wird das Album mit „Trombone Party“, gefolgt von „Late Blossom“ und „Anabolic Dance“, ehe die vierteilige Suite Raum einnimmt. Des weiteren sind u. a. „Schultze sucht Erleuchtung“ und „Traumpfade“ - letzte Komposition ohne Didgeridoo-Beigaben und Klangholzbeifügungen - Teil des Albums, das mit „Preachin‘“ endet.

Wohin reisen wir mit „Trombone Party“? Nach Down Under? So wirkt jedenfalls der Beginn dieser Komposition, in der man an traditionelle Songs der australischen Ureinwohner denken muss, auch und besonders an den Klang des Didgeridoo, auch wenn nachhaltig Posaunen vielstimmig zu vernehmen sind. Was ist da eigentlich im Hintergrund zu hören? Ein Schwirrholz? Eine Vogelpfeife? Etwa nach einem Drittel löst sich allerdings das anfängliche Klangfundament auf. Die Posaunen scheinen sich dann auf eine klangliche Parforce-Jagd zu begeben, begleitet von Percussion. Auf Parallelen scheinen sich die einzelnen Bläser zu bewegen, dabei auch die Basslinie bedienend.

„Anabolic Dance“ scheint weniger ausgelassen, als der Titel es andeutet. Doch losgelöst agieren die tieftönigen, brummenden Bläser schon, die sich gegenseitig anzutreiben scheinen. Redundanzen sind Teil des Spiels, gleichsam die Basis, über die sich Klangstreifen langsam bewegen. Ein bisschen Jazz aus New Orleans und ein wenig Blues scheint auch zum Klangmenü zu gehören. Bisweilen wird man auch hier und da an Humpda-Humpda erinnert, ohne gänzlich in bajuwarische Volksweisen eingewickelt zu werden.

Danach folgt die vierteilige Suite mit dem Titel „The Good Life“. Dabei drängt sich beim Hören schon der Eindruck des Kammermusikalischen auf. „Kontrapunktisches“ nehmen wir wahr, allerdings ohne direkten Bach-Bezug. Die Dramatik ist hautnah zu erleben. Wie ein ewiger Gezeitenstrom entwickelt sich die Musik, die wir hören. Springfluten sind dabei nicht eingebunden worden, aber hier und da ein temporärer Malstrom. Wilde Wasser scheinen die Klangfolgen in dem zweiten Teil der Suite einzufangen. Kleine Stromschnellen sehen wir beim Hören vor unserem geistigen Auge. Zum Ende zu scheint auch Free Jazz in den Vortrag eingebunden worden zu sein. Melancholie und Tragik sind aus dem dritten Teil der Suite herauszulesen, oder? Ein wenig Big-Band-Anmutung umfängt uns schließlich beim vierten Teil.

Ausgesprochen rhythmisch-akzentuiert kommt „Opinion Leaders“ daher. Das ist anfänglich auch der beigemischten Percussion geschuldet. Im weiteren Verlauf gleicht die Struktur und  Liniengebung klanglichen Schwebstoffen. Dabei gibt sich der eine oder andere der Posaunisten so, als wäre er ein Bassist. Zugleich hört man metallisches Schaben, über das ein Klanggewölbe errichtet wird. Ist da doch noch eine Melodica mit im kurzzeitigen Spiel, die ein Akkordeon nachäfft? Im Gegeneinander von Ober- und Unterstimme könnte man meinen, eine Debatte unter Wortführern werde ausgefochten, mit Nachdruck. Und am Ende scheint man sich dann einig!

Tieftönig und in Umbra gehalten, so ist der Beginn von „Preachin‘“. Dabei drängt sich dem Zuhörer das Bild, einer monotonen tiefen Vorbeterstimme auf. Man kann sich auch in einer Medresa wähnen, in der Koransuren laut und vielstimmig vorgelesen werden oder den Besuch der Klagemauer mit all den dort mit sonoren Stimmen Betenden. „Am Anfang war das Wort“ scheint bei „Preachin‘“ nicht zuzutreffen. Es muss wohl heißen: Am Anfang war der Klang, die Phrasierung, die Paraphrasierung, das Tutti und das Solo, die „Wortgewalt“ von Brass! Auch in diesem Stück unterstreicht das Quartett, dass es ein Klangchamäleon ist. In der zweiten Hälfte des Stücks scheint man nach New Orleans zu reisen. Und Mardi Gras ist wohl auch nicht fern!

Text © ferdinand dupuis-panther – Der Text ist nicht public commons!

Informationen

http://nilswogram.com
http://nilswogram.com/media/bands/vertigo-trombone-quartet
https://www.jazzhalo.be/interviews/nils-wogram-interview-with-the-trombone-player/


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