Tann: Nadel verpflichtet

Tann: Nadel verpflichtet

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Traumton Records, Traumton 4608

Nimmt man dieses Album in die Hand, dessen Cover die drei Mitglieder der Combo, Dirk Haefner (Gitarre), René Bornstein (Bass) und Demian Kappenstein (Schlagzeug) zeigt, dann sieht man nicht nur eines der Bandmitglieder in grüner Jägerkleidung, sondern ein weiteres Mitglied, das eine Trophäe in der Hand hält.

Hm, eine Jägerblaskapelle bilden die Drei gewiss nicht. So muss es schon mit dem ungewöhnlichen Bandnamen zusammenhängen. Wie kam es zu diesem Namen, der abwegig und schon wieder ganz hip zu sein scheint: Es war im Studio irgendwo in der Natur zwischen Berlin und Magdeburg, als dem Trio während der Aufnahmen zum Debütalbum unvermittelt der Name Tann als zukünftiger Bandname einfiel. Von Tann aus war es keine Nadellänge mehr zum Plattentitel "Nadel verpflichtet". Wie feinsinnig kann doch Humor sein, da Adel verpflichtet ja schon längst abgegriffen ist. Doch „Tann“ und „Nadel“ das ist stimmig.
Na dann gehen wir mal auf die Pirsch und schauen, welche Art von Jazz unser Ohr erfreut! Alpenjazz dürfen wir wohl nicht erwarten, auch kein Jägerlatein, oder doch? Titel wie „Waldläufer“, „Pilzsammler“, „Schütze“ und „Halali“ finden wir auf dem Album nicht, stattdessen aber „Kapaun“, „Okapi“ und „Leerlauf“ sowie „Teenage Dirtbag“, ein Titel, der auf den Singer/Songwriter Brendan B. Brown zurückgeht.
Kennengelernt haben sich die drei Musiker beim Studium an der Hochschule Carl Maria von Weber in Dresden, wo sie u.a. bei Günther "Baby" Sommer, Eric Schaefer, Tom Götze und Thomas Zoller studierten. Zusammengearbeitet haben die drei Musiker, die nun ihr Debütalbum vorlegen, u. a. mit dem Klarinettisten Rolf Kühn und dem Trompeter Markus Stockhausen. Als Grenzgänger zwischen New Fusion und Experimental und ohne Berührungsängste zu anderen Genres traten sie u.a. gemeinsam mit Tim Bendzko, Kira, Roger Whittaker und Giora Feidmann auf.
Zehn Titel haben die drei „Naturburschen“ eingespielt, wobei Bornstein und Haefner als Komponisten zeichnen. Frisch, rockig und mit dem Griff in die Zauberkiste für Effekte gestaltete „Tann“ sein Debütprogramm, ohne dass „Leerlauf“ eintritt, auch wenn das einer der Titel auf dem Album suggeriert. Beinahe „rotzig-rockig“ sind dabei Haefners Gitarrenriffs, wozu im Hintergrund das Fell der Trommeln gewischt wird. Gute Laune verbreitet die perlende Melodielinie. Man denkt nicht an gewöhnliches Einerlei und Leerlauf, sondern an eine kleine Entdeckungstour in der Natur, sobald das erste Frühlingsgrün sprießt. Selbst der Bass mit seinem Plumplumplum scheint überaus beschwingt gestimmt, jedenfalls für die Verhältnisse eines Stoikers. Auch dem Bass kann man entnehmen, dass das Leben schön ist. Aber wieso nannte Tann dann das Stück „Leerlauf“, statt „Carpe Diem“?
Auf eine Gartentour durch „Nanuks Garten“ nehmen uns die Drei von „Tann“ außerdem mit. Aufgemacht wird das Stück mit einer schrill-nachhallenden Gitarre zum ständigen Klickklickklick der Schlagzeugsticks und dem Dumdumdumdädumdä des gut aufgelegten Basses. Wer noch die Gruppe „The Ventures“ – einer der wenigen Instrumentalbands, die vor Dekaden die Hitparaden stürmten – kennt, der mag bei „Tann“ an deren Sound erinnert werden. Hört man zu und schließt die Augen, dann vermeint man Schritte auf Kieswegen wahrzunehmen. Auch ein Innehalten, um sich der Flora in Nahsicht widmen zu können, könnte man sich denken. Sehr schroff unterbricht die Gitarre diesen Moment der Kontemplation und treibt uns voran. Irgendwie scheint die Gartentour unter Zeitdruck zu stehen. Ob es wohl beim nächsten Stück, namens „Kapaun“, dem Federvieh an den Kragen gehen wird? Oder wird uns gar der kastrierte Masthahn zum Nachtmahl serviert? Bei den „Naturburschen“ von „Tann“ muss man auf alles gefasst sein. Beste Fusion Music kommt zumindest auf den Teller – keine Frage. Doch an Kochen mit Lichter und Lafer erinnert das Stück gar nicht. Man nehme … steht auch nicht auf dem Programm. Im Gegenteil, schließt man seine Augen, dann kann man sich auch eine U-Bahnfahrt durch Berlin vorstellen, unerbetene Livemusik und die heruntergeleierte Ansprache eines Straßenzeitungsverkäufers inbegriffen. Tann scheint uns auf eine wilde Fahrt mitzunehmen, ohne Zwischenpausen. Nervös gestrichen ist dabei der Bass, Klickklick gibt das Schlagzeug von sich und nur ab und an lauschen wir einem flauschigen „Tonvorhang“, dank sei der Gitarre.
Hören wir anschließend den betörenden Gesang der Sirenen? Nein, „Okapi“ nannte Tann ihr Stück. Also machen wir uns auf, die afrikanische Waldgiraffe im Dickicht zu beobachten: Die Gitarre vermittelt uns nicht das Gefühl von Dschungel. Sie kommt in ihren Klangbildern eher so daher, als solle ein ausgiebiger Strandspaziergang akustisch umgesetzt werden. „Sphärenklänge“ vernehmen wir und denken an Aurea borealis, aber nicht an einen zentralafrikanischen Dschungel. „Nordic for Nature“ kommt uns spontan in den Sinn.
Mit Tann begegnen wir „Mandys Dandy“, ehe es um eine Beziehung geht: „Von Mir zu Dir“ – man achte auf die Schreibweise! Ein wenig schmalzig scheint die Melodie, die uns den Umgang von mir mit dir verständlich zu machen versucht. Worum geht es? Seitensprünge, Liebesaffären, Geständnisse, Sehnsüchte? Tann möge es mir nachsehen, aber ich fühlte mich beim Zuhören auch an „Heißer Sand und ein verlorenes Land“ (Conny Francis) erinnert. Vom Bassisten stammt das Stück „Dreh Dich nicht um“. Ob er, der eher im Hintergrund Wirkende, nun mal zur Rampensau wird und mit seinem Tieftöner das Zepter schwingt? Nein, Schlagzeug und Gitarre bestimmen die Hörfarben. Verzerrt sind die Gitarrenklänge, und dazu gibt es ein kurzes Klickklickklick des Schlagzeugs zu hören. Verfällt die Gitarre nicht anschließend ins Ostinato? Wo aber bleibt der Tieftöner? Ach ja, da ist er endlich und wagt sich hervor, allerdings kann er sich kaum gegen die „dissonanten“ Gitarrensprünge behaupten.
„Teenage Dirtbag“ stammt nicht aus der Feder der Drei von Tann, sondern aus der Welt des Singing und Songwritings, ist also schlicht ein Pop-Titel. Wären da nicht die verzerrten Intermezzos der Gitarre, dann wäre diese Bearbeitung von Tann wirklich eine eingängige Popnummer über einen Außenseiter, der gerne Iron Maiden hört und für ein Mädel schwärmt, das ihn erst gar nicht beachtet: „She does give a damn about me … She doesn’t know where I am … cause I’m just a teenage dirtbag baby listen to Iron Maiden …“ – so lauten einige der Verszeilen des Originals.
Tann versteht zu überzeugen, auch durch die Grenzgänge, die das Trio in Richtung aktueller Popmusik unternimmt. Das ist Fusion der Gegenwart, was uns zu Ohren kommt, wirklich ein Genuss und man darf auf weitere Alben hoffen.

© ferdinand dupuis-panther

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