Solea: New to Old

Solea: New to Old

S

Laika Records 3510323.2

Wer sein Trio nach einer Komposition von Bill Evans benennt, der scheint die Latte schon sehr hoch zu legen. Diese Komposition findet man auf dem berühmten Album von Miles Davis mit dem Titel „Sketches of Spain“. Aufgenommen wurde das Album im November 1959 und im März 1960 im  Columbia 30th Street Studio in New York City. Teil des Albums ist eine Version von Joaquin Rodrigos „Concierto de Aranjuez“ (1939). Wenn man sich diesen Kontext vor Augen führt, dann wird die Latte ja noch ein wenig höher gehängt, oder?

Solea besteht aus einem Dreigestirn: Markus Horn (piano), Lars Hansen (bass) und Heinz Lichius (drums). Hm, schon wieder ein Jazztrio wird der eine oder andere denken. Ist denn mit Thelonious Monk, Erroll Garner, Oscar Peterson oder Keith Jarrett in Sachen Klaviertrio nicht schon alles gesagt worden? Zudem stellt sich die Frage nach dem musikalischen Konzept, sprich verfolgt man heute eher die amerikanische oder die europäische Spielauffassung. Das ist auch für Solea sicherlich eine wichtige Entscheidung gewesen. Zudem haben sich die drei Musiker sicherlich auch gefragt, wie sie sich von den Giganten des Jazz lösen können.

Hören wir doch mal im O-Ton die Positionierungen, die die Band vorgenommen hat. Die Rolle des Basses innerhalb des Trios beschreibt der Bandleader Horn, der für alle Kompositionen verantwortlich zeichnet, mit nachstehenden Worten: „Lars setzt ihn häufig als Melodieinstrument ein, was uns völlig neue Möglichkeiten beschert – spielerisch wie kompositorisch. Lars hat völlig freie Hand, was er mit den Harmonien macht, die ich mitbringe. Meist entwickelt sich daraus ein Dialog, ein musikalisches Gespräch, das wir mal miteinander, mal gegeneinander führen.“ Und noch ein weiterer O-Ton sei an dieser Stelle zitiert, wobei der Schlagzeuger Heinz Lichius wie folgt zu Wort kommt: „Auch wenn die Kompositionen schon fertig sind, bleibt der Freiraum, sie umzudeuten. Dann eröffnen sich Wege, die die Musik noch viel größer machen können.“

Mit „Pandora“, aber nicht mit der Büchse der Pandora wird das Album aufgemacht. Wir hören dann den Pulsschlag des Trios, wenn „Pulsar“ angestimmt wird. Wir lesen „Solaris“ auf dem Backcover und fragen uns, ob der gleichnamige Science-Fiction-Roman von Stanisław Lem Anregung für die Komposition oder den Titel war. Nachdem wir uns „North by Northwest“ haben treiben lassen, müssen wir uns noch mit Teilchenphysik auseinandersetzen. „Quarks“ stehen auf dem Programm, ehe das Album mit „Flow Channel“ ausklingt.

Narrativ und lyrisch mutet „Pandora“ an. Dabei übernimmt der Pianist Markus Horn nicht nur die Vorgabe des Themas, sondern auch die rhythmische Linie, während sich Lars Hansen mit seinem Bass den Linienspielen anzupassen weiß, durchaus auch hochgestimmt und ein wenig an eine Jazzgitarre erinnernd, was wohl an der Spieltechnik liegt.

Spontan fiel mir beim Hören der Begriff Singer/Songwriter ein. Fürwahr irgendwie wartet man auf eine Erzählstimme, auch Sprechgesang, wenn nicht Gesang. Doch diese Erwartung erfüllt sich nicht. An Bedrohliches, das mit dem Namen Pandora verbunden ist, muss man beim weiteren Zuhören nicht denken, sondern eher an Frühlingsgrün, an Liebespaare, an Ausgelassenheit und Unbeschwertheit. Markus Horn trägt dazu ganz wesentlich bei. Dabei pflegt er keinen verwaschenen Duktus, aber auch kein Monk'sches Pling, Plang, Plong. Er lässt die gespielten Sequenzen als kleine Kaskaden erscheinen. Hier und da überlässt er Heinz Lichius die Regie und setzt kurze Tastenakzente zu den Verwirbelungen, für die der Schlagzeuger die Verantwortung trägt. Ja und dann hören wir sie wieder, die Gitarre, nein den Bass, der vorgibt, eine Gitarre zu sein. In den Passagen des gemeinsamen Spiels mit Markus Horn am Piano ist auch ein Teelöffelchen Jazzrock mit im Spiel.

Bei „Pulsar“ scheint es gleich zwei Pulsschläge zu geben, die Basshand des Pianisten ist für den einen, der Bassist für den anderen zuständig. Im Gegensatz zu „Pandora“ ist der Duktus viel energetischer, auch wenn es Abschnitte gibt, in denen Markus Horn perlende Klangformen zutage fördert. Doch anschließend finden sich dann auch wieder Tastenrausch und -unwetter. Pulsrate 140 oder was?

Mit „Miniature No. 2“ und „Miniature No. 1“ finden sich auf dem Album zwei Zwischenspiele, die teilweise Harmoniestrukturen aufgreifen, die auch zuvor schon eine Rolle gespielt haben. Warum aber No. 2 vor No. 1 auf das Album abgelegt wurden, bleibt eher rätselhaft.

Ab in die Science-Fiction-Welt geht es mit „Solaris“. Dabei ist eine wiederkehrende Basslinie, die Markus Horn seinem Tastenmöbel entlockt, anfänglich sehr auffällig. Schon nach einer kurzen Einführung erleben wir den ersten Höhepunkt. Beinahe abrupt geht es dann mit einem überaus lyrischen Spiel auf den schwarzen und weißen Tasten weiter. Nun müsste man den Roman von Lem kennen, um Parallelen zwischen Romananlage und musikalischer Struktur ausmachen zu können.  Lässt man das mal außen vor, dann stelle man sich zur Musik eine muntere Rafting-Tour vor. Wasser spritzt auf, der Fluss gurgelt, rumort und schreit, kommt zur Ruhe, wenn der Fluss breiter wird. Dann, genau dann, hören wir den kontemplativen Bass, der hier und da erneut nach Jazz-Gitarre, aber zumindest nach E-Bass und nicht nach Kontrabass klingt. In ruhigem Fahrwasser geht es dann musikalisch dem Ende zu, denkt man, aber man hat nicht mit den nächsten tonalen Stromschnellen gerechnet.

In ähnlichem Fahrwasser wie zuvor bewegen wir uns musikalisch auch bei „North by Northwest“. Es scheint, als seien alle Kompositionen doch nach einer vorherrschenden Harmoniestruktur ausgelegt.

Mit „Quarks“ sind wir bei der Teilchenphysik. Die elementaren Bestandteile präsentiert uns der zu sprunghaftem Bassspiel neigende Pianist Markus Horn. Irgendwie klingt es auch ein wenig nach Rotationen, nach Bewegung, nach Beschleunigung, was uns das Dreigestirn präsentiert. Zum Schluss bewegen wir uns noch im „Flow Channel“, in einer Gewässerrinne, und lassen uns vom melodischen Spiel des Trios mitreißen. Dabei gibt es keine Strudel und keinen Malstrom, den wir meistern müssen. Panta rei – alles fließt.

© ferdinand dupuis-panther

Informationen

Label
http://www.laika-records.com

Musiker
Markus Horn
http://www.markus-horn.net/piano/

Solea
http://www.solea-trio.com


In case you LIKE us, please click here:


Check out Jazz'halo radio: click on this logo please



our partners:

Clemens Communications


Silvère Mansis
(10.9.1944 - 22.4.2018)
foto © Dirck Brysse


Rik Bevernage
(19.4.1954 - 6.3.2018)
foto © Stefe Jiroflée


Philippe Schoonbrood
(24.5.1957-30.5.2020)
foto © Dominique Houcmant

 

Special thanks to our photographers:

Petra Beckers
Ron Beenen
Annie Boedt
Klaas Boelen
Henning Bolte

Serge Braem
Cedric Craps
Christian Deblanc
Paul De Cloedt
Cindy De Kuyper

Koen Deleu
Ferdinand Dupuis-Panther
Anne Fishburn
Federico Garcia
Robert Hansenne
Dominique Houcmant
Stefe Jiroflée
Herman Klaassen
Philippe Klein

Jos L. Knaepen
Tom Leentjes
Hugo Lefèvre

Jacky Lepage
Olivier Lestoquoit
Eric Malfait
Nina Contini Melis
Arnold Reyngoudt
Jean Schoubs
Willy Schuyten

Frank Tafuri
Jean-Pierre Tillaert
Tom Vanbesien
Jef Vandebroek
Geert Vandepoele
Guy Van de Poel
Cees van de Ven
Donata van de Ven
Harry van Kesteren
Geert Vanoverschelde
Roger Vantilt
Patrick Van Vlerken
Marie-Anne Ver Eecke
Karine Vergauwen
Frank Verlinden

Jan Vernieuwe
Anders Vranken


and to our writers:

Mischa Andriessen
Robin Arends
Marleen Arnouts
José Bedeur
Henning Bolte
Danny De Bock
Ferdinand Dupuis-Panther
Federico Garcia
Paul Godderis
Jean-Pierre Goffin
Bernard Lefèvre
Mathilde Löffler
Claude Loxhay
Etienne Payen
Herman te Loo
Georges Tonla Briquet
Henri Vandenberghe
Iwein Van Malderen
Jan Van Stichel
Olivier Verhelst