Pago Libre - Mountain Songlines

Pago Libre - Mountain Songlines

P

Leo Records

Die Bandgeschichte reicht Jahrzehnte zurück, auch wenn unterdessen von der Originalbesetzung nur Arkady Shilkloper (Alp- und Waldhorn) und der Pianist und Komponist John Wolf Brennan übrig geblieben sind. Zum Quartett gehören zudem der Bassist Tom Götze und der Geiger Florian Mayer. Brennan ist gewiss in kompositorischer Hinsicht die treibende Kraft des Quartetts.

Das jüngste Album, das man durchaus als Konzeptalbum bezeichnen kann, weist einen Bezug zur alpinen Landschaft und der Bergwelt mit majestätischer Größe auf. Es wurde durch zwei Texte beeinflusst, die der irisch-schweizer Pianist als wesentlich erachtet: Zum einen ist das Alfred Leonz Gassmanns „Zur Tonpsychologie des Schweizer Volksliedes“, in dem er die sogenannten Urmusikmotive sezierte, die er mit Holdio Uri beschreibt. Der achte Track des Albums setzt sich durchaus mit Sinn für Humor und Komik mit diesen Motiven auseinander. Und auch der Zusammenhang zwischen Landschafts- und Klangbild hat in dem Album seinen Niederschlag gefunden. Der zweite Text bezieht sich auf Bruce Chatwin und sein Buch „The Songlines“. In diesem Buch stellt Chatwin nach einem Aufenthalt bei den First Nation Australiens aus Sicht eines Nicht-Aborigines die mythischen Erzählungen der australischen Ureinwohner dar. Wenn man so will, sind dies Schöpfungsmythen im weitesten Sinne und zugleich innere Reisen zu den Ahnen, die Außenstehenden eigentlich ein Rätsel bleiben. Um Brennan zu diesem Komplex zu zitieren,  Nachstehendes: “In my mind, the two books became one. Whenever I look at the mountain skylines — and I live in a place surrounded by them — I not only see them, I hear them.” Brennans Vater, so berichtet er, nahm ihn in die Berge mit und machte an jeder außergewöhnlichen Felsformation Halt. Dann legte er sein Ohr auf den Fels und sprach: „Hör mal den Gesang des Berges, er singt und wispert für dich". Kurzum: Nach zehn zuvor veröffentlichten Alben ist es soweit, Brennan und seine Mitmusiker veröffentlichten nun als Studioalbum ihre Songlines der Schweizer Alpen.

Das Album wird mit „Hornborn Hymn“ eröffnet. Wiener Kaffeehausmusik, Kurkonzert oder was? Das fragt man sich bei den ersten Takten. Doch dann erhebt Arkady Shilkloper seine Waldhornstimme und entführt uns in eher klassische Gefilde. Im Weiteren jedoch hat man durchaus den Eindruck von Volksmusik, auch und gerade bezogen auf den Duktus, den der Geiger pflegt. Auch ein Stück Romantik schwingt mit, so mag der eine oder andere Zuhörer finden. Mensch und Natur werden als Thema mit Sinn für Beschwingtheit eingefangen. Dass manch Stimme in den Bergen weit trägt, scheint der Hornist des Quartetts zum Ausdruck zu bringen. Nachfolgend hören wie „GTE“, ein Stück, das sich auf einen 60 km langen Trekkingpfad auf Elba bezieht. Ist der Flügel präpariert, den John Wolf Brennan bespielt? Der Eindruck stellt sich ein. Gedämpfte Tastenschläge kommen hinzu, so als würden Trittspuren in ein Klangbild gegossen. Dumpf klingen die nachfolgenden Tastenschläge, ehe sie sich in einem Klangfluss über uns ergießen. Dabei ist die Basshand nicht zu überhören, über die sich eine „stolzierende Linie“ legt. Melancholisch gestimmt scheint der Geiger, der sich jedoch aus der Schwermut befreit und im weiteren Spiel eher an ungarische Tänze, sprich „Csárdás“, denken lässt. Doch dann von einem Moment zum nächsten scheint der Pianist in einen redundanten Rhythmus zu verfallen, und Arkady Shilkloper lässt sein Horn Pirouetten tanzen. Vor allem der Stimmungswechsel ist es, der bei diesem Stück aufhorchen lässt.

Mit „Urwuchs“ stellt sich Florian Mayer als Komponist vor. Auch diese Komposition geht auf eine Erfahrung zurück, wenn auch nicht eine Wandererfahrung. Während eines Bandaufenthalts in einem alten Gasthaus in Neftenbach bei Winterthur erzählte der Geiger, dass er nicht habe schlafen können, weil er merkwürdige Geräusche gehört habe, die aus einem knochigen alten Baum vor seinem Fenster kamen. Dieser „sprechende Baum“ war Inspiration für das Stück. Und wahrhaftig im Stück hört man das Knarzen und Knarren, derweil die Pianoseiten kurz angerissen werden. Beim Knarzen muss man unwillkürlich an alte Dielenböden oder eine verzogene Holztür denken. Oha, schellt da nicht auch ein Glöckchen, ganz unerwartet. Schritte meint man zu vernehmen, derweil ein alter Baum im Wind ächzt. „...von der armenischen Prinzessin - Armenian Princess“ entstammt der Feder von Tom Götze und befasst sich mit dem Berg Ararat, den die Armenier für sich reklamieren, auch wenn er auf türkischem Territorium liegt. Getragen ist die Weise, in der sich anfänglich Waldhorn und Piano im Dialog vereinen. Dabei liegt die Melodielinie in den Händen des Hornisten. An einen Trauermarsch mag so mancher Zuhörer denken. Beim Spiel von Florian Mayer verstärkt sich dieser Eindruck. Wenn man nicht Anlehnungen an Requiem ausmachen kann, dann doch Bezüge zu einem Lamento, oder? Nordische Schwere im Sinne von Grieg und Sibelius vermittelt das Stück ohne Frage. „Cümbüs“ ist gleichfalls ein Werk von Tom Götze. Mit dem Begriff wird im Kurdischen eine Arme-Leute-Ud bezeichnet, halb Banjo und halb Laute. Wie trippelnde Schritte klingt das, was der Bassist seinem Tieftöner entlockt, ehe man auch an kurze Sprünge denkt, wenn die Saiten angeschlagen werden. Und dann scheint Tom Götze tatsächlich eine arabische Laute zu imitieren. Perlend ist dazu das Spiel des Pianisten, ehe dann „orientalisch anmutende Geigenklänge“ ertönen. Der Rhythmus wird im Verlauf flotter, und der Basskorpus muss fürs Perkussive herhalten. Melodisch wird ein Rinnsal mit Strudeln und Gegenwasser gezeichnet. Hm, ist bei den perkussiven Teilen nicht doch eine Rahmentrommel mit im Spiel?

Nein, klassische Jodelmusik verbirgt sich hinter „Hol-di-o-u-ri“ nicht, wenn auch nicht nur einmal gesanglich „Hol-di-o-u-ri“ angestimmt wird. Und dann vernehmen wir ein Alphorn, ehe erneut ein wenig gejodelt wird. Dazu gibt es Arpeggios auf der Geige zu genießen. Anschließend meint man, Wirtshausmusik zu hören, nicht Humpdahumpda, sondern eher Heurigenmusik. Kurz sist die Intervention von Arkady Shilkloper, der den Klangfluss der Geige unterbricht. Das klingt wie eingeworfene Kommentierung. Doch dann reiht sich der Hornist in den „volkstümlichen Klangreigen“ ein. Der Ruf der Berge ertönt, und dem Alphorn gehört das Solo, ehe wie zu Beginn gejodelt wird. Mit einem jauchzenden „Jahohoho“ endet das Stück. „Tü-da-do“ bezieht sich auf das distinkt klingende Dreiklangsignal der Schweizer Postautos. Ja, Arkady Shilkloper inszeniert den Klang des Postautos und nimmt uns auf eine Überlandfahrt mit, zunächst solistisch. Und dann ist glockenhelles Jodeln zu vernehmen. Im Arrangement sind im Übrigen starke Anlehnungen an „Hol-di-o-u-ri“ zu konstatieren.

Schließlich: „Melody of the Earth“ (comp A. Shilkloper) eröffnet der Pianist, ehe der Geiger Florian Mayer die melodischen Schraffuren zeichnet. Lauscht man dieser, so scheinen sich Sehnsucht und Fernweh in Wogen zu verbinden. Man sieht Nebelschwaden dahinziehen, Wellen toben und anschwellen, Cirruswolken sich abzuzeichnen, warme Winde über die Landschaft streichen. Dieses Stück ist das Einzige auf der Einspielung mit einem lyrischen Gesangsteil. Wer die Sängerin ist, die auch bei den Jodeleinlagen zu vernehmen ist, ist weder den Liner-Notes noch dem Plattencover zu entnehmen! Doch eine Suche im Netz löst das „Rätsel“: Sonja Morgenegg ist der Name der Sängerin.

© fdp


Informationen

http://www.leorecords.com
https://www.tomgoetze.de
https://www.brennan.ch/news
https://de.wikipedia.org/wiki/Arkadi_Fimowitsch_Schilkloper
http://www.flomay.de/index.html


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