Matthias Schriefl / Tamara Lukasheva: Matria

Matthias Schriefl / Tamara Lukasheva: Matria

M

Unit Records, UTR 4571

Es treffen sich Tamara Lukasheva und Matthias Schriefl. Was ist das Ergebnis dieser Begegnung? Alpenjazz, Jodelfunk, Folklore des Alpenraums und der Ukraine und mehr, oder? Instrumentiert wird das durch Gesang der beiden Musiker, Piano, Melodica, Hammond Organ, Trumpet, Flugelhorn, French Horn, Alphorn, Euphonium und Tuba. In der Pressenotiz des Labels lesen wir dazu: „Ein Weltmeister des Blechs und eine Fee der Stimme - so kann man das Programm von Matthias Schriefl und Tamara Lukasheva überschreiben. Schriefl, aus dem Weiler Maria Rain bei Nesselwang im Allgäu stammend, gehört zu den international gefragtesten Jazztrompetern.“

Ah, das ist also die Wurzel des Jodeljazz, obgleich Schriefls Wohnort nun im Rheinland liegt. Nesselwang, die Heimat Schriefls, trifft auf Odessa am Schwarzen Meer, woher Tamara Lukasheva stammt. Warum sie so stimmsicher und -versiert ist, liegt daran, dass sie als Sopranistin in den Opernhäusern ihrer Heimat sang. Doch nun ist Scat Vocal und Jodelmix das, was sie bewegt. Jazzpuristen werden sich abwenden, wenn sie die ersten Akkorde hören, aber alle die, die für das offene Konzept von Jazz, für die Freiheit im Jazz ein Verständnis entwickelt haben, werden dem „Alpenjazz aus dem Rheinland“ mit all seinen unerwarteten Wendungen ihr Ohr geben.

Beim „Dirndl Jodler“, einer Volksweise, die die beiden Musiker arrangiert haben, paart sich das Alpenhorn, das wie eine Posaune klingt, mit dem typischen Jodler und dessen Variationen. Beide Musiker präsentieren auf dem aktuellen Album Kompositionen, die unmittelbar der Folklore ihrer ursprünglichen Heimatorte entstammen bzw. die sich an derartige Volksweisen anlehnen. Das gilt auch für Schriefls Komposition „Irgendeine Ballade“, in der Scat Vocal mit Jodelmix eine Melange bildet. Dazu gesellt sich eine aufbrausende Trompete.

Insgesamt 15 Titel wurden für das Album eingespielt, ob nun „April“, „In den Bergen“ oder „Von der hohen Alm“. Sie sind schon von der Titelwahl erkennbar an Volksmusik angelehnt oder wie „In den hohen Bergen“ an eine traditionelle Volksweise.

Die Texte, auf die es ja auch ankommt, sind leider auf der Albumhülle nur in englischer Übersetzung auszugsweise abgedruckt worden. Das ist ein wenig schade, denn die beiden Musiker gehen mit diesen in sehr ironisierender Weise um. Man könnte fast von einer Persiflage reden, hört man den beiden zu.

Neben dem Alphorn spielt Schriefl auch Tuba, Euphonium und Waldhorn, Instrumente, die zwar auch in der klassischen Musik ihren Platz haben, aber vorallem in der Volksmusik und in traditioneller Brass-Musik. Mit dem Waldhorn begleitet Schriefl seine Mitmusikerin in „Teche Richen'ka“, einem Lied, in dem sich Verszeilen wie „Der schmale Fluss, der fließt / I werde durch ihn springen, wenn ich es möchte/ Meine Mutter lässt mich denjenigen heiraten, den ich liebe.“ finden. Bisweilen klingt der Gesang so, als würde Marie Boine vor dem Mikrofon stehen und in Sami singen, derweil das Waldhorn sich als Tieftöner zu erkennen gibt und die Basslinie unter die Sopranstimme setzt.

Auf die Alm irgendwo im Allgäu oder anderswo entführt uns das Duo mit ihrem Lied über die hohe Alm. Was tut man auf der Alm außer Kühe zu hüten und Käse zu machen? Man jodelt. Jelelulela, Danelohohe, Jeleleilelo oder so ähnlich klingt's. „Und du kennst ja meine Hütten und du kennst ja meine Küh' „ … ist eine der Verszeilen. Zwischentöne dazu liefert Schriefl mit seiner kräftig gestimmten Tuba, die im Jazzmodus daherkommt. Bei dem Titel „April“ zeigt Tamara Lukasheva, dass sie das Piano zum Jubilieren bringen kann. Matthias Schriefl lässt dazu seine Trompete beinahe im barocken Modus ertönen, so als spiele er eine Motette von Bach. Das Piano übernimmt bei „April“ nach und nach die Bassrolle, während die Trompete die Melodie variantenreich moduliert. Ach ja, gepfiffen wird bei „April“ obendrein.

Ist es das Flügelhorn oder die Tube, die wir bei dem Stück „Sonnenstrahl“ hören? Brass ist es auf jeden Fall. So brummig, wie der Blechbläser gelaunt ist, muss es die Tuba sein, die den Gesang begleitet. Dann jedoch erfolgt ein Wechselspiel zwischen Tuba und Flügelhorn, und beide erscheinen in ihren Klangformen völlig losgelöst. Zum Schluss des Albums hören wir zwei Kompositionen von Tamara Lukasheva, „Unterwegs“ und „Tamariosa“.

So als wolle Tamara Lukasheva ein Gewitter imitieren, mutet ihr „Klaviersturm“ in „Unterwegs“ an, begleitet von der Trompete, die Matthias Schriefl spielt. Beinahe verspürt man da auch ein wenig Balkanova. Dieser Eindruck wird jedoch schnell in den Hintergrund gedrängt. Balkanova scheint vom Fjordsound abgelöst zu werden. Mit „Tamariosa“ schließt das vorliegende Album, das sich zwischen Weltmusik, Alpenjazz, Alpenfolklore und Klassik bewegt. Es ist ein ungewöhnliches Hörerlebnis, aber auch La Brass Banda und die Kerberbrothers Alpenfusion (siehe http://jazzhalo.be/index.php?option=com_content&view=article&id=365&Itemid=322) haben gezeigt, dass und wie die Grenzen zwischen Stilen verschwimmen.

Text © ferdinand dupuis-panther

Informationen

Label

Unit Records
www.unitrecords.com

Musiker

www.tamaralukasheva.com
tamara.lukasheva@gmail.com

http://www.schrieflimhimmel.de/schrieflimhimmel.de/Dahoam.html
M_Schriefl@gmx.de
www.facebook.com/12345Matria

Videos

http://www.youtube.com/watch?v=5EUzgN_UMko
http://www.youtube.com/watch?v=KqN-G4fFpcY
http://www.youtube.com/watch?v=A56LqAFrrp4&feature=relmfu


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