Manu Hermia Trio - Austerity...and what about rage? (f. dupuis-panther)

Manu Hermia Trio - Austerity...and what about rage? (f. dupuis-panther)

M

Igloo Rec., IGL 261

Es ist ein Trio, das Manuel Hermia (Flute, Saxophone) zusammengestellt hat, um sein Album „Austerity“ - übersetzt „Entbehrung“ zusammenzustellen. Mit ihm gemeinsam musizieren Manolo Cabras (Double Bass) und João Lobo (Drums).

Wer den Begriff „Austerity“ hört, der denkt im politischen Sinne an Sparmaßnahmen, an den staatlichen Rückzug aus vielen Bereichen des Lebens, an die Privatisierung von Kultur, Bildung und Gesundheit, an die fortschreitende Spaltung der Gesellschaft und schließlich auch an „Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer“. Entbehrung trifft dabei nur das untere Drittel der Gesellschaft. Noch!

Eine derartige Politik ist nun flächendeckend in Europa festzustellen. Alles wird dem Profit unterworfen, auch Kunst und Musik. Manu Hermia hat den Albumtitel noch erweitert, und zwar um „Und was ist mit der Empörung, dem Aufruhr und dem Aufschrei“. Ja, dieser belgische Musiker hat durch und durch recht. Aufschreie gibt es kaum, außer dass man den Ruf nach Abschottung vernimmt. Die, die unten sind, treten auf die, die ganz unten sind, ob sie nun „Eigen Volk eerst“ grölen oder „Deutschland den Deutschen“. Dass Musiker sich mit einem musikalischen Opus so dezidiert politisch platzieren, ist schon eine Ausnahme, zumal wenn das im Jazz passiert, der es eh schon schwer hat, als (ernsthafte) Musik wahrgenommen zu werden.

Hermia bezieht sich in seiner Musik im Übrigen auf den Free Jazz, der, so der Musiker, in einem besonderen sozio-kulturellen Kontext entstand. Doch diese Musik habe nach Auffassung von Hermia auch in den Gesellschaften außerhalb der Vereinigten Staaten eine Bedeutung erlangt und spiegele auch die Angst, die Wut und die Ungeduld wider, die uns angesichts der gesellschaftlichen Verhältnisse umtreiben müssten, so führt Hermia weiter aus.

Hermia präsentiert uns seine ganz eigene musikalische Welt und öffnet dabei das Tor in einen „libertären Jazz“. Wie genau Hermia dabei als Chronist zu Werke geht, schlägt sich in Titeln wie „Infobesity“ nieder. Fürwahr, wir haben uns an Informationen, die uns per Suchmaschinen, Twitter, Facebook und anderen Errungenschaften dieses technologisch fortgeschrittenen Zeitalters zur Verfügung stehen, überfressen, nachdem wir zunächst einmal die ersten Worte – so ein weiterer Titel des Albums– gelernt hatten. Das Album endet mit dem Song „Revelation“ („Offenbarung“). Nicht nur bei diesem Stück meint man, dass hier ein religiöser Kontext berührt wird. Auch bei „The Seventh Day“ scheint das der Fall zu sein.

Insgesamt wurden elf Kompositionen von Hermia und Co. eingespielt. Sechs davon sind eigenständige Arbeiten von Manu Hermia; zwei entstanden als Projekt des Trios; zwei steuerte Manolo Cabras bei und „Like A Cat In A Box“ ist Hermia und Lobo zu verdanken. Unter den Kompositionen finden wir auch „Rajazz #3“, wobei Hermia in diesem Stück seine besondere Vorliebe für indische Ragas und Jazz umgesetzt hat. Dass er ein Grenzgänger ist, unterstreicht er nicht nur an dieser Stelle, sondern auch mit der Band Slang und der Zusammenarbeit mit dem indischen Sitarspieler Purbayan Chatterjee.

„Facinus“, aus dem Lateinischen übersetzt als Missetat oder Bösewicht, steht am Anfang des Albums. Dabei hat man gar nicht so sehr den Eindruck von Free Jazz, sondern eher von Modern Jazz in modulierter Gestalt. Warnrufe vernimmt man nicht, was ja angesichts des Titels wohl nahegelegen hätte. Man hat im Gegenteil den Eindruck, dass eher trügerische Ruhe vermittelt wird. Mit sehr viel Fantasie kann man sich beim Hören der Saxofonphrasen vorstellen, man würde in den Kultfilm „Der dritte Mann“ versetzt werden, der auch für die Verfolgungsjagd durch die Wiener Kanalisation bekannt ist. Dabei obliegt es dann Manu Hermia und seinen Mitmusikern, diese Jagd musikalisch umzusetzen, also das Rennen und Innehalten.

„Erste Worte“ vernehmen wir im Weiteren. Einsilbige und zweisilbige scheinen es zu sein, achtet man auf den Saxofonisten Manu Hermia. Diese ersten einfach strukturierten Worte werden im Verlauf der Komposition moduliert, immer von Pausen unterbrochen, in denen dann Bass und Schlagzeug ihre „Minuten“ haben.

Aufgeregt und erregt klingt das Spiel von Manu Hermia in „Infobesity“. Informationen häufigen sich, auch tonale Informationen. Immer mehr Informationen prasseln auf uns ein. Können wir sie noch verarbeiten oder rauschen die Töne nur an uns vorbei? Irgendwann haben wir uns dann auch an all der Klangfülle überfressen, oder?

Untergründig entwickelt sich hingegen „Austerity“. Dabei hält sich Manu Hermia auffällig zurück. Weich und gehaucht sind die Klänge, die wir vernehmen. Dazu setzt der Bass Zäsur um Zäsur. Nachfolgend vermeint man, so etwas wie Angebot und Nachfrage wahrzunehmen. Das Geschäft scheint zu laufen.

Für alle, die ein Faible für Free Jazz haben, für den anarchistischen Geist, der diesem Genre innewohnt, der greife unbedingt zu diesem Album.

Text © ferdinand dupuis-panther

Press Release by Igloo Rec.
Three years after a first album with the trio and numerous concerts, Manuel Hermia’s trio is continuing its libertarian adventures with a new release: “Austerity... and what about rage?” Just like free jazz in the sixties and seventies, “Austerity… and what about rage?” is a cry of absolute rage against the current politico-economic context. As Manuel points out: "Free jazz was born in the US in a very specific socio-cultural historical context. But essentially, it’s a musical form that can have meaning in any society in any age. It expresses the transformation of the world around us, highlighting the gentleness, fear, chaos or rage that this awakes in us. In that respect, libertarian jazz can take on its full meaning in today’s Europe.”The album features compositions based on what Manuel Hermia calls rajazz, a melodic-harmonic principle inspired by Indian ragas. Other compositions flirt along the banks of jazz with Indian, Arabic, African and almost Contemporary Music sounds. The emotional palette ranges from the most gentle, “Fascinus”, and deepe to the wildest and most enraged such as “Austerity” and “Infobesity”.A trio that is anchored in tradition and open to every influence, lovers of risks but always accessible; the Manuel Hermia Trio always strives to honour the libertarian music that is, at its heart, jazz. Jazz? Of course. But more than that, gripping short stories.

Informationen

Label
http://www.igloorecords.be

Musiker
Manuel Hermia
http://www.manuel-hermia.com/

Weitere CD Besprechungen
http://www.jazzhalo.be/reviews/cd-reviews/s/slang-purbayan-chatterjee-pace-of-mind-claude-loxhay/
http://www.jazzhalo.be/reviews/cd-reviews/s/slang-purbayan-chatterjee-pace-of-mind-ferdinand-dupuis-panther/


our partners:

Clemens Communications


Silvère Mansis
(10.9.1944 - 22.4.2018)
foto © Dirck Brysse


Rik Bevernage
(19.4.1954 - 6.3.2018)
foto © Stefe Jiroflée

 

Special thanks to our photographers:

Annie Boedt
Klaas Boelen
Henning Bolte

Serge Braem
Cedric Craps
Christian Deblanc
Cindy De Kuyper

Koen Deleu
Ferdinand Dupuis-Panther
Anne Fishburn
Robert Hansenne
Stefe Jiroflée
Herman Klaassen
Philippe Klein

Jos L. Knaepen
Tom Leentjes
Hugo Lefèvre

Jacky Lepage
Olivier Lestoquoit
Eric Malfait
Nina Contini Melis
Arnold Reyngoudt
Jean Schoubs
Willy Schuyten

Frank Tafuri
Jean-Pierre Tillaert
Tom Vanbesien
Jef Vandebroek
Geert Vandepoele
Guy Van de Poel
Cees van de Ven
Donata van de Ven
Harry van Kesteren
Geert Vanoverschelde
Roger Vantilt
Patrick Van Vlerken
Marie-Anne Ver Eecke
Karine Vergauwen
Frank Verlinden

Jan Vernieuwe
Anders Vranken


and to our writers:

Robin Arends
Marleen Arnouts
Henning Bolte
Danny De Bock
Ferdinand Dupuis-Panther
Paul Godderis
Jean-Pierre Goffin
Bernard Lefèvre
Mathilde Löffler
Claude Loxhay
Etienne Payen
Herman te Loo
Georges Tonla Briquet
Iwein Van Malderen
Olivier Verhelst