Italian Organ Trio - Oh Soul Mio

Italian Organ Trio - Oh Soul Mio

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mochermusic

Es gibt aktuelle Jazzproduktionen wie die vorliegende, die aus der Zeit gefallen zu sein scheinen. Während NU Jazz, Crossover, Noise Music und freie Improvisationen in der „Nische Jazz“ mehr und mehr ihren Platz erobert haben, tritt ein Orgeltrio auf den Plan, das sich in der Jazztradition der 1950er und 1960er Jahre zuhause fühlt. Die Orgel als Instrument des Jazz ist heutzutage aus der Mode gekommen. Ja, Brian Auger ist immer noch auf den Bühnen Europas unterwegs. Auch gibt es Organisten wie Joey DeFrancesco, Alexander Hawkins, Barbara Dennerlein, Anton Krijger und andere, die hier und da zu hören sind, aber die Blütezeit der Hammond B3 ist vorbei. Sie war verknüpft mit Namen wie Jimmy Smith und Jimmy McGriff.

Nun lehnt sich das Trio – es besteht aus dem  Turiner Organisten Alberto Marsico, dem Mailänder Schlagzeuger Tommaso Bradascio und dem in Stuttgart lebenden Lorenzo Petrocca, einem Gitarristen aus Pythagoras‘ Stadt Crotone – nicht nahtlos an Smith und McGriff an, sondern ist sich der eigenen italienischen Wurzeln und des canziones bewusst. Sie ließen unter anderem dem Lied „Tu si na cosa grande“ von Domenico Modugno ihre Interpretation angedeihen. Dabei sind die drei italienischen Musiker wie auch bei anderen Stücken auf der aktuellen CD immer der Melodie verpflichtet. Zu hören sind auch Standards, so Bruno Martinos „Estate“ - längst unsterblich und vielfach interpretiert. Nein, „Volare“ fehlt auf dem Album. Dafür gibt es eine ganz eigenwillige Auffassung von „O sole mio“ zu hören, aktuell verwandelt in „oh soul mio“!

Wes Montgomerys „Full House“ ist ebenso auf dem Album vertreten wie Petroccas „Gatto e topo“ und „Cromatism“. Von Dizzy Gillespie stammt „Ow“ und auch „Parla più piano“ - zu hören in „The Godfather“ („Der Pate“ mit Marlon Brando!) komponiert von N. Rota mit dem Text von Gianni Morandi fand Aufnahme auf dem aktuellen Album: „Sprich leiser und niemand wird hören/unsere Liebe lebt, du und ich niemand weiß die Wahrheit/nicht einmal der Himmel, der uns von oben herab anschaut ...“. Es ist Filmmusik, die sich im Gedächtnis so festgesetzt hat wie das Thema aus „Doktor Schiwago“ beispielsweise. Nein, Gesang gibt es nicht zu hören, wenn Lorenzo Petrocca, Alberto Marsico und Tommaso Bradascio aufspielen. Das Album ist ein reines Instrumentalalbum.

Nicht allein pulsierender Orgelklang ist kennzeichnend für „Jackpot“ (Comp. A. Marsico), sondern auch feiner Saitenklang, den man bei einem Solo genießen kann. Alles ist im Fluss, entwickelt sich, geht voran, ohne Eile und mit Bedacht. Leichtigkeit signalisiert uns das Spiel von Lorenzo Petrocca, der seine Finger mit den Saiten spielen lässt. Seine konstanten Läufe liegen auf einem satten Klangteppich, für den Alberto Marsico sorgt. Beschwingt ist die Note mit der Marsico nachfolgend sein Solo ausgestaltet. Für viel Wirbel sorgt schließlich der Drummer Tommaso Bradascio. Bluesig-soulig ist die Einfärbung des Stücks bis zum letzten Akkord.

Anschließend heißt es „Tu si na cosa grande“, beginnend mit einer langsamen Gitarrenpassage, die sich beim Hörer einschmeichelt. Das klingt hier und da nach italienischem Schlager. Im Kern handelt es sich um ein Liebeslied mit Verszeilen in neapolitanischem Italienisch, hier die englische Übersetzung: „You are a great thing for me / that makes me fall in love / if you look at me / I die like this / looking at you ...“, wenn man so will eine andere Spielart von „All The Things You Are“. Auffallend ist bei diesem Stück, dass der sonst pulsierenden Orgel durchaus feinste und beinahe zerbrechliche Melodielinien entlockt werden. Dazu reichert Drummer das musikalische Menü mit einem akzentuierten Besenspiel an. Der Begriff des Inbrünstigen kommt beim Hören des Saitenspiels auf.

Wie, so fragt sich derjenige, der das Album erstmals hört, wird wohl musikalisch das Spiel von „Katz und Maus“ - „Gatto e topo“ - umgesetzt. Wer ist die Maus, wer die Katze? Bisweilen meint man, dass die flinke Maus sich in den flotten Linien der Orgel wiederfindet, während die von Petrocca gesetzten Akkorde die Katze darstellen, die zum Sprung auf die Beute ansetzt. Nicht gar so wieselflink wie die Maus zeigt sich die Katze. Das meint man wenigstens, wenn Petrocca zum Solo ansetzt. Doch irgendwann packt auch die Katze das Jagdfieber. Sie schleicht nicht nur herum, sondern ist mit schnellen Sprüngen unterwegs.

Satter Orgelklang steht am Beginn von „Oh soul mio“. Man meint gar, die Orgel versuche den Bläsersatz eines Orchesters zu ersetzen. Und dann ist die bekannte Melodie von „O sole mio“ auszumachen. Man muss sich das gesangliche Schmettern der Verse denken, derweil sich Petrocca in einem feinsilbigen Gitarrenspiel ergeht, paraphrasierend. Überraschend oder nicht: Die Orgel kann sich auch im „kristallinen Diskant“ ausdrücken, wenn der solistische Fokus auf Alberto Marsico liegt. Anschließend jedoch stimmt der Organist erneut und vollmundig das Kernthema an.

In „Estate“ verführt uns vor allem Lorenzo Petrocca mit „weichen melodischen Schraffuren“. Man meint das Licht des Südens und die warmen Winde des Mittelmeers zu spüren. Azurblaues Wasser verlockt zum Eintauchen. Feinste Sandstrände locken nicht allein zum Sonnenbaden. Von diesem Stück geht ein gewisses „Savoir vivre“ aus, oder?

Das Original von „Full House“ (Wes Montgomery) ist temporeicher angelegt als die Version des Italian Organ Trio. Zudem lebt das Original auch und gerade von den Saxofonsetzungen und natürlich von den fein gewobenen Linien, die Wes Montgomery seinem Sechssaiter entlockt. Sind da nicht auch Jive-Elemente eingearbeitet gewesen – jedenfalls auf der Liveaufnahme aus dem Tsubo im Jahr 1962? Doch nun zum Unterfangen des italienischen Orgeltrios um Lorenzo Petrocca, ein „Full House“ zu spielen: Der Fokus liegt auf dem versierten Gitarrenspiel von Petrocca im Gleichlauf mit der pulsierenden Orgel, die sich auf „klangliche Springfluten“ versteht. Mitreißend ist das allemal. Temporeichtum ist ja nicht alles!

Den Schlussakkord setzt dann das Trio mit Petroccas „Cromatism“. Man fühlt sich dabei wie in einem Schnellzug sitzend, der mit Höchstgeschwindigkeit durch die Landschaft rast, hört man den temporeichen Passagen von Gitarre und Orgel zu. Eine treibende Kraft ist zudem der Drummer, der im Wechsel mit den sich beinahe überschlagenden Klangfolgen der Gitarre zu vernehmen ist. Irgendwie scheint es keine Zeit zu geben, geht die Zeit schnell voran, schneller und schneller bis zur letzten gespielten Note!

Text © ferdinand dupuis-panther – Der Text ist nicht public commons!






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