Isabelle Bodenseh & Lorenzo Petrocca - The Good Life

Isabelle Bodenseh & Lorenzo Petrocca - The Good Life

I

Jazz à la Flute

Die Querflöte wird zumeist mit der Musik des Barock in Verbindung gebracht. Aus dem Jazz ist sie beinahe verschwunden. Herbie Mann, Jeremy Steig sowie Chris Hinze hatten ihr vor Jahrzehnten einen ihr zustehenden Platz im Jazz, teilweise zwischen Fusion und Funk, erobert. Doch das ist längst ein Teil der Jazzgeschichte. Allmählich gibt es wieder Flötisten, die sich durchaus mit Erfolg im Jazz durchsetzen. Genannt werden müssen dabei die Band Jin Jim und Magnus Lindgren.

Es scheint ein Glücksfall zu sein, dass sich diese in Süddeutschland beheimatete Formation gebildet hat. Dass es keine klassische Rhythmusgruppe gibt, ist voll und ganz zu verschmerzen. Im Gegenteil, beide Musiker zeigen in ihrem Zusammenspiel, dass es auch ohne Rhythmusgruppe geht und sich dennoch Rollen herausbilden lassen, die eher auf die Melodie bzw. den Rhythmus ausgerichtet sind. Vor allem das Melodische hat bei Bodenseh-Petrocca einen ganz wichtigen Stellenwert. Bei den Einspielungen handelt es sich um zufällige Live-Mitschnitte, die ursprünglich nicht für die Veröffentlichung bestimmt waren.

Eröffnet wird das Album mit Turrentines „Sugar“, einem Standard, den auch Gitarristen sehr gerne arrangieren und spielen. Am Schluss steht dann Montgomerys „Road Song“, auch wieder ein für Gitarre komponiertes Stück. Richard Rogers „If I should lose you“ ist ebenso zu hören wie Bruno Martinos „Estate“. Außerdem stehen auf dem musikalischen Menüplan „Meglio stasera“ von Henry Mancini, „Mr. PC“ von John Coltrane, „Maurizio“ von Lorenzo Petrocca und „Batida diferente“ von Durval Ferreira. Man mag es bedauern, dass so wenig Eigenkompositionen eingespielt wurden, und man sich doch stark auf Standards fokussiert hat. Doch ist nicht das Wie viel entscheidender als das Was?


Stanley Turrentine hat „Sugar“ mit seinem Sextet eingespielt, zu dem auch Freddie Hubbard gehörte, sprich Turrentine hat einen durchaus beeindruckenden Bläserklang arrangiert. In einem Duo muss eine derartige Klanggewalt heruntergebrochen werden, zumal ja die Querflöte in ihrem Ausdrucksvolumen der Form und Größe des Atemrohrs Rechnung tragen muss. Mit Trompete und Saxofon kann sie eh nicht mithalten. Sie ist gleichsam „nur“ ein Stimmchen. Samten kommen die Flötenpassagen begleitet von Petroccas Gitarre daher. Da flirrt es, da vermeint man sommerliche Hitze zu spüren. Sehr gelungen ist das Wechselspiel zwischen den beiden Melodieinstrumenten, wenn Petrocca an seinem Saiteninstrument in die Phrasierungen einsteigt und Bodenseh sich auf gehauchte Klangpassagen beschränkt. Das ist wie gesagt nicht so stimmgewaltig wie die Trompete Hubbards oder Turrentines Saxofon, aber auch der dezente Klang hat etwas, und „Sugar“ wirkt in einigen Passagen beinahe meditativ.

Im Kern ist „Batida diferente“ ein brasilianischer Bossa Nova. Hören wir mal, was Bodenseh-Petrocca aus diesem Original machen: Der Grundidee folgt das Duo, wobei Bodenseh zunächst das Thema auf der Querflöte anstimmt und Petrocca für das rhythmische Bossa-Nova-Element sorgt. Wer beim Zuhören nicht das Bedürfnis verspürt, tanzend durch den Raum zu schweben, dem ist nicht mehr zu helfen. Sehr fein-verspielt gehen die Musiker übrigens ans Werk, dabei sich jeweils den notwendigen Raum der eigenen Entfaltung einräumend.

Es ist an Petrocca „Estate“ zu eröffnen, solistisch ohne Begleitung durch Bodenseh. Isabelle Bodenseh kommt dann jedoch mit der Melodielinie des Songs daher. Es ist ein Song, der von heißen Küssen spricht, auf die man nun verzichten muss. Es ist zudem ein Song über den Sommer. In der Übersetzung der italienischen Lyrik heißt es in Englisch unter anderem: „... The summer, that created our love/ To let me now die of pain ...“, sprich es ist auch ein Song der vergangenen Liebe. So passt es auch, dass die vorliegende Interpretation hier und da ein wenig schmachtend daherkommt.

Eine Verneigung vor dem Bassisten und Weggefährten Coltranes Paul Chambers ist Coltranes „Mr. PC“, das sehr bewegt und flott arrangiert und auf dem Album „Giant Steps“ erschienen ist. Bei Coltranes Einspielung fällt der helle, glasklare Klang seines Saxofons auf. Zudem nimmt man die verdichteten Rhythmen wahr. Es scheint dabei so, als sei Coltrane ein ewig Getriebener. Und wie gehen Bodenseh-Petrocca mit dem Material aus dem Jahr 1959 um, sprich mit einem 12-taktigen Blues? Petrocca greift das Tempo und die Verdichtung der Rhythmik durchaus auf. Wie gesagt im Kontrast zu Coltranes Saxofon ist die Querflöte doch stimmlich eher zurückhaltend angelegt, sodass Petrocca mit seinem Saitenspiel Coltranes Part weitgehend übernimmt. Doch auch das schafft nicht das Klangvolumen eines Coltranes in allen Phasen des Spiels. Beeindruckend ist Petroccas sprunghaftes Fingerspiel aber dennoch. Und auch Isabelle Bodenseh versucht, in ihrem Spiel dem in nichts nachzustehen. Zudem hören wir die Flötistin auch noch kurzzeitig singend, teilweise gar Scat singend.

Einzige Eigenkomposition auf dem Album ist „Maurizio“, ein Stück, das sehr lyrisch ausgerichtet ist und sich bestens in den Kanon der ausgewählten Standards einfügt. Wer sich entspannen möchte und mal keine Kopflast bewältigen möchte, der greife unbedingt zu dieser CD!

Text: © fdp

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https://www.isabellebodenseh.de/
http://www.lorenzopetrocca.de


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