Hugo Lippi - Comfort Zone

Hugo Lippi - Comfort Zone

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Gaya Music Production

Nunmehr legt der in Großbritannien geborene und in Frankreich aufgewachsene Gitarrist sein viertes Album vor, das mit seinem Titel überrascht. Möchte Lippi musikalisch in seiner Komfortzone verbleiben oder sie verlassen, so stellt sich als Frage. Lippi hat in mehreren Interviews darauf verwiesen, dass er seine Komfortzone hinter sich lassen möchte, also aus den gängigen Fahrwassern ausbrechen wolle. Wer allerdings den Aufnahmen des aktuellen Albums lauscht, fühlt sich so, als würde er in weichen Ledersesseln einer Lounge sitzen, an Cocktails nippen und beim Zigarreschmauchen den einen oder anderen Kringel in die Luft blasen. Die klassische Clubatmosphäre früherer Jahrzehnte in Down Town New York scheint sehr nahe, auch wenn Lippis eigene Kompositionen und Jazz von Chick Corea oder Eddie Harris zu hören sind, alles sehr weichgezeichnet und mit pointillistisch aufgetragenen Pastelltönen versehen. Beim Zuhören sind Bop und Swing gegenwärtig. Das ist Balsam für die Seele und fördert die Kontemplation. Lippi gönnt uns mit seinem Vortrag Ruhezonen, Pausen im urbanen Alltag, ganz egal, ob wir in Paris, London oder Berlin zuhause sind.

Mit „Manoir de mes rêves“ von Django Reinhardt eröffnet Lippi sein Album; und das muss sogleich als musikalischer Fingerzeig verstanden werden. Das Melodische, der Swing und auch ein wenig sogenannter Gipsy-Jazz bilden eine gelungene Melange, nicht allein im Eröffnungsstück.

Des weiteren sind auf dem Album eigene Kompositionen Lippis zu hören, so „Letter to J“, „Choices“ und „Clementine“. Das von Chick Corea komponierte „Humpty Dumpty“ interpretiert Lippi ebenso wie Billy Holidays „God Bless the Child“ und „ Freedom Jazz Dance“ (comp. Eddie Harris). Zu hören ist auch „Comfort Zone“ aus der Feder Lippis und zum Schluss eine weitere Komposition des in Paris lebenden Gitarristen namens „12th“.

Nun ist das Album mitnichten ein Soloalbum, auch wenn die Klangfärbungen von Lippi bestimmt werden. Seine Mitmusiker sind der Pianist Fred Nardin, der Bassist Ben Wolfe und der Drummer Donald Edwards.

Die Komposition Reinhardts, die Lippi als Eröffnung wählte, ähnelt „Nuages“,  und spiegelt eher die Seiten des belgo-französischen Gitarristen ab, die sich dem Swing zugehörig fühlen. Zieht man Bilder zur musikalischen Präsentation heran, so muss man von lauwarmem Frühlingswind reden, der durch das zarte Grün der Blätter streift, der sich in Geäst von wilden Rosen fängt und Schäfchenwolken vor sich her schiebt. Nicht nur Lippis Spiel, sondern auch das des Pianisten Fred Nardin fließt gemächlich dahin. Leichtigkeit ist auszumachen bis zum letzten Akkord. Mit „Letter for J“ hören wir die erste Komposition Lippis auf seinem unterdessen vierten Album. Zarte Gitarrenklangkaskaden vernehmen wir beim solistischen Vortrag Lippis. Dabei drängt sich die Vorstellung auf, dass der „Brief an J.“ nicht irgendein Brief, sondern ein Liebesbrief ist. Durchzogen ist diese Komposition von klassischen Attitüden, wie man sie auch in barocken Gitarrenetüden entdecken kann.

Um „Choices“ geht es nachfolgend. Wie zuvor führt Lippi musikalisch Regie, wenn auch unterfüttert von seiner Rhythmusgruppe, insbesondere von der „Zweitstimme“ des Pianisten. Der Klangbogen, den Lippi schafft, gleicht dabei dem Tanz von Papierdrachen am Himmel. Das perlende Klavierspiel Nardins verwässert im Vortrag nicht, sondern überzeugt durch Energieaufladungen. Verwirbelungen sind dem Drummer Donald Edwards zu verdanken, ehe dann Lippi den melodischen Faden weiterspinnt, stets auf der Suche nach der Schönheit der Melodie.

Chick Coreas „Humpty Dumpty“  meistert das Quartett gekonnt, auch wenn keine Trompetern oder ein Holzbläser so wie bei Coreas Original mit im Spiel sind. Den Saxofon-Part füllt Lippi mit flinkem Saitenspiel aus, weniger vorwitzig und umtriebig jedoch  als der Saxofonist Joe Farrell an der Seite Coreas. aber das ist vor allem ja der verschiedenen Klangfarbe von Saxofon und Gitarre geschuldet. „Schnelle Klangrotationen“ vernehmen wir im Weiteren, wenn der Pianist solistisch zu hören ist. Man hat zwischenzeitlich zudem den Eindruck, dass sich klangliche Sturzbäche ergießen.

Souliges und Funk fängt Lippi mit seinen Mitmusikern ein, wenn er sich Eddie Harris‘ „Freedom Jazz Dance“ widmet. Über konstante Klangschemen, die der Pianist spielt, „schwirren“ wilde Saitenfolgen. Im Bass gründet sich der Pianist im Übrigen, wenn er mit seinem Solo an der Reihe ist. Von Swing, wie in anderen Stücken des Albums, ist keine Rede mehr.  Mit „Comfort Zone“ gibt es nicht nur einen Tempowechsel, sondern auch die Rückkehr zu weichgezeichneten Linien. Es scheint, als versinke man in tiefen Polstermöbeln und lasse melodischen Wohlklang aus dem Off über sich rieseln.

Wer auf ein erdiges Basssolo gewartet hat, der wird es in „While We‘re Young“ (Alec Wilder/Morty Politz) erleben können. Doch auch bei diesem Song  wird das Klangzepter überwiegend von Lippi geschwungen. 1943 entstand übrigens diese Komposition, die Don Cherry bekannt gemacht hat.

Wer Lippis Arrangement und Vortrag beispielsweise mit dem mit Streicher angereicherten von Dinah Washington & the Belford Hendricks Orchestra vergleicht, der wird begreifen, dass bisweilen das Wie von entscheidender Bedeutung ist.  Dinah Washington kleidet das Stück in eine Mischung aus Broadway-Revue und Filmmusik. Davon kann bei Lippi nicht die Rede sein – zum Glück.
Den Schlussakkord setzt der französische Gitarrist dann mit einer eigenen Komposition namens „12th“ - ein gelungener Abschluss eines Albums, das sich auch der Geschichte des Jazz nicht verschließt.

Text © ferdinand dupuis-panther


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https://www.facebook.com/Hugo-lippi-music-542538805901821/


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