Euphorium Freakestra feat. Baby Sommer & Barry Guy - Grande Casino

Euphorium Freakestra feat. Baby Sommer & Barry Guy - Grande Casino

E

Euphorium Records EUPH 064

(Paris Zürich Dresden, Hamburg Leipzig Berlin)

Gleich eine Dreier-CD präsentiert das EUPHORIUM_freakestra. Zu diesem Orchester, nein es muss ja Freakestra heißen, gehören: Pierre-Antoine Badaroux (as), Bertrand Denzler (ts), Patrick Schanze (tp), Oliver Schwerdt (gp, perc, little instruments), Daniel Beilschmidt (e-org), Friedrich Kettlitz (eg, perc), John Eckhardt (db) und Burkhard Beins (perc). Als Gäste des Freakestras treten der Bassist Barry Guy und der Drummer Baby Sommer, einer der Urgesteine der freien Improvisation und des Free Jazz, auf.

O-Töne von Bandmitgliedern klingen bezüglich des Albums so: „Eine große Freude!“ oder „In einer anderen musikalischen Welt wäre das ein Hit-Album!“ (Friedrich Kettlitz). Und was lesen wir im Begleittext zum Dreifachalbum? „... Oliver Schwerdt hat ein delikates Ensemble zusammengestellt. Musikhistorisch frappant wirkt eine grandiose Premiere: nach jahrzehntelangen Passagen auf den Bühnen im Kern der Internationalen ereignet sich die Begegnung Barry Guy & Baby Sommer. Sie bilden eine Art Dream Team des Drum’n’Bass im Free Jazz Europas. ...“.

Rollt im Grande Casino die Roulettekugel? Wird auf Rouge oder Noir gesetzt? Ist Pokern angesagt oder Backgammon? Vom Albumtitel her sind wir zwar im Großen Kasino, aber Glücksspiel ist nicht angesagt. Beim Lesen der einzelnen Kompositionstitel hat man eher den Eindruck, zwischen absurdem Theater und Surrealem gefangen zu sein. Jandl trifft auf Arno Schmidt, Eugène Ionesco auf Samuel Beckett, so der Eindruck. Wir warten  zwar nicht auf Godot, aber auf „Maik Muezzin & Euklid im Westparka (Was sind das für Geschöpfe, die da beten?)“. „DDR-Nostalgie“ bündelt sich in „Interflug/Intershop“, denkt man vorschnell, oder? Auf der Geisterbahn sind wir nicht unterwegs, da ein Schloss lockt: „Das Gruselschloß II: Geh da nicht lang!, ich hab’s Dir doch gesagt... ‒ Disembowelment III“.

Schon der erste Teil des musikalischen Casino-Besuchs ist ein Eintauchen in einen Wort-, Satz und Begriffsdschungel. Sinnfrei scheint vieles zu sein. Das ändert sich beim zweiten Teil des dreiteiligen Albums in keinster Weise, wenn wir z. B. von Kompositionen mit Titeln wie „Serielle Schwanenattacke“ und „Fraktaler Tracht“ lesen. Wie wohl das musikalische Rezept für„Oma Eierschecke“ ausfällt? Schließlich machen wir uns auch noch auf einen klanglichen „Wandertag in Leipzig“ auf. Man fragt sich, ohne einen einzigen Ton gehört zu haben, ob man sich nicht in einer Alchemistenklangküche befindet, in der zehn Meister an neuen Rezepturen arbeiten. Diese haben dann so wenig merkbare Namen wie „soujhmar #5“, „Beinwell-Krk“ und „ Ein kleines Marsmännchen macht Sauerkraut nach Rezept, dann Jazz für einen Kalender“ - alle diese Titel sind auf dem dritten Teil des Albums zu finden.

Ein lang haltender Dauerton, Klimpern, Blechklang, knarzende Basssaiten, Geräuschmusik aus dem Spektrum von Kurz- und Langwelle mit Störfeuer, quietschender Saitenfluss, Klangschwall, auch ins Off verschoben, Plingplingpling zu schmerzenden Saiten-Schwingen – das und noch viel mehr macht „The Cream Of The Heaviest Invite“ aus.

Nein ein Muezzin ruft nicht, wenn „Maik Muezzin & Euklid im Westparka (Was sind das für Geschöpfe, die da beten?)“ beginnt. Sind da nicht schwirrende Bläser zu hören? Vergleichbar dem Pochen, Zischen, Hämmern in Hammer- und in Walzwerken scheint das ausgelegt, was wir nachfolgend erleben. Wiederkehrendes aus dem linken und dem rechten Kanal ist gegenwärtig. Das Altsaxofon äußert sich im „Stakkato-Modus“ und das Tenorsaxofon setzt dazu einen Dauerton, mit dem dann auch das Altsaxofon in Konkurrenz tritt. Vielleicht könnte man auch von Dialog reden.

„Gänseschnattern“ drängt sich im Weiteren auf oder hören wir eine Entenflöte, mit der man das Wildbret anlockt? Von wem wird musikalisch eigentlich Euklid verkörpert? Diese Frage darf man wohl stellen. Zwischendrin muss man beim Zuhören auch an „Schwirrhölzer“ und deren Klang denken. Es ist ein stetes klangliches Aufflackern und Vergehen, das uns umfängt.

Widmen wir uns nachfolgend mal „Interflug/Intershop“: Tastenklänge stehen im Vordergrund, dabei sich wie eine Walze langsam drehend und in Schwung kommend. Diskante Überwürfe spielen eine Rolle. Hektisch gestaltet ist das Schlagwerkspiel, das dem Walzenklang untergemischt ist. Turbulenzen in der Luft?

Schabendes Blech gleichsam wie zwei aneinander schabende Mühlsteine dringt bei „Zwei von dort (Telegraphenamt II)“ ans Ohr. Wer mal unter einer Überlandleitung verharrt hat, der wird Parallelen zu dem feststellen, was im Verlauf zu hören ist. Werden da etwa Basssaiten jenseits des Stegs gezupft? Ein Bogen tanzt obendrein unablässig auf den Saiten hin und her. Nicht geölte Schwungräder scheinen in Betrieb gesetzt worden zu sein. Schleifende Transmissionsriemen arbeiten – so der Eindruck; die Assoziation an die vergangenen Zeiten von Stahl und Kohle nimmt sich Raum, wenn man dem Stück folgt.

Ein gebrochener Trompetenschrei steht am Anfang von „Serielle Schwanenattacke“, oder? Pausen und Stille zwischen dem scheinbaren „Klangkontinuum“ sind vorhanden. Atemstrom ist Teil der klanglichen Inszenierung. Und da, da ist sie wieder die Attacke, begleitet von einem Vibrieren eines der Saxofone, das Bestandteil des Freakestras ist. Attacke, Attacke, Attacke heißt es nun fortlaufend. Nachhaltiges „Schwanentrompeten“ ist zu vernehmen oder das, was wir dafür halten.

Nein, eine Sächsische Kaffeetafel mit Kaffeehausmusik darf man nicht erwarten, wenn das „Hohelied“ auf „Oma Eierschecke (Bei der Feuerwehr wird der Kaffee kalt)“ angestimmt wird. Zumindest aber sind die Strukturen nicht so fragmentiert wie in anderen Kompositionen des Albums. Das Schlagwerk befeuert die Tastenäußerungen des Flügels. Beide scheinen angesäuert, nervös, unentspannt, aufgeregt, bis in die Fingerspitzen gespannt. Na ja, die Eierschecke scheint dann vielleicht doch nicht im Fokus zu stehen, sondern ein dringender Feuerwehreinsatz mit Nutzung von Drehleiter und Sprungtuch.

Auf geht es dann zum „Wandertag in Leipzig (Die Flugschanze)“. Mehr Halali als Entspannung im Grünen scheint der Fokus zu sein, hört man mal intensiv auf die Lautäußerungen der Bläser hin.

Für eine „Skizze“ der vorliegenden Dreifach-CD wird nun das Spotlight auf „Ein kleines Marsmännchen macht Sauerkraut nach Rezept, dann Jazz für einen Kalender“ gerichtet. Tonales Crescendo, sphärische Wellenstörungen, klares Trompetengebläse, das hin zum Melodischen drängt und sich dann doch überschlägt – das ist eine Melange, die das zehnköpfige Ensemble serviert. Lang- und Kurzwellen aus dem Weltempfänger mischen sich mit dem Klang eines Bläsers. Schlagwerk-Geraschel breitet sich aus. Bodennahe klangliche Windhosen tun sich auf, so der Höreindruck. Und dann ist sogar eine ansprechende Melodielinie im Klangangebot – dank an den Trompeter. Fragmentierung, Sezession, Sektion, Bruch, Rabatz und Krawall sind für kurze Momente mal Nebensache.

Zum Schluss scheint auch amerikanische Malerei von Belang, wenn „Marc Rothko Goes To Bath (Remembering Das Schild)“ gespielt wird. Aber vielleicht geht es auch gar nicht um den us-amerikanischen Maler der geschichteten Farbflächen, denn dessen Vorname ist Mark mit „k“. Tippfehler oder bewusste Abweichung im gewählten Titel? Doch: Geboren wurde Mark Rothko allerdings als Marcus Rothkowitz in Russland, das er mit zehn Jahren verließ.

Wenn also Rothko in irgendeiner Referenz zum Stück steht, dann müsste man flächiges Spiel ausmachen können, analog zur Flächenmalerei von Rothko, oder?  Hallend schwirrt Blech dahin. Ein Stick fährt quer übers Blech. „Schiffshornklang“ scheint imitiert zu werden. Jault da nicht eine Gitarre? Schnarren hört man hier und da. Gehemmter Saxofon-Schwall trifft auf Gezirpe. Was wir hören, lässt eher an Action Painting oder an konkrete Kunst mit schmalen Farbstreifen denken. Flächiges, Großflächiges ist nicht auszumachen. Also: Quo vadis Marc Rothko?

Text: © ferdinand dupuis-panther – Der Text ist nicht Public Commons.


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