Daniel Erdmann's Velvet Revolution: A Short Moment of Zero G (f. dupuis-panther)

Daniel Erdmann's Velvet Revolution: A Short Moment of Zero G (f. dupuis-panther)

D

BMC

Das Cover des Albums zeigt uns einen Froschreiter, wie ihn auch Peter Rosegger in „Die Waldbauern“ anführt, vielleicht aber nicht ganz in der Art. Der Froschreiter bei Daniel Erdmanns Album scheint in der Galaxie unterwegs zu sein, die Lanze zur Verteidigung frontal gehalten. Einen Froschreiter findet man auch im bildhauerischen Werk des Kitzinger Künstlers Richard Rother. Woher allerdings die Idee fürs Cover des aktuellen Albums stammt, bleibt ein wenig rätselhaft. Das gilt auch für den Albumtitel. Bezieht sich der Titel auf einen Flug mit der Erfahrung von simulierter Schwerelosigkeit, wie er vom Unternehmen Zero G angeboten wird? Doch was hat das mit den Kompositionen von Daniel Erdmann zu tun, die doch eher geerdet, jedenfalls nicht schwerelos erscheinen?

Daniel Erdmann, Tenorsaxofonist, in Frankreich beheimatet, aber lange in der Berliner Jazzszene aktiv, hat zehn Jahre nach Erdmann 3000 eine neue Band geformt, die musikalisch seinen Stempel trägt. Er setzt mit Théo Ceccaldi (violin/viola) und Jim Hart (vibraphone) musikalische Ideen um, die mit Freiheit zu tun haben, mit der der Improvisation vor allem.

Es ist kein gewöhnliches Jazztrio, was wir hören, denn das bestünde ja aus einem Bassisten, einem Pianisten und einem Drummer. Das Trio Erdmanns ist schlagwerk- und basslos, ohne dass das der Musik abträglich wäre. Man hat vielmehr den Eindruck, das Dreigespann würde vor uns ein reich bebildertes Buch mit kurzweiligen Erzählungen aufschlagen, immer dabei auch die Fantasie der Zuhörer herausfordernd und auf die besonderen Klangbilder von Vibrafon und Violine vertrauend. Man könnte sogar von Fantasygeschichte in musikalischer Verpackung sprechen.

Das beginnt mit „A Pair of Lost Kites Hurrying Towards Heaven“, findet die Fortsetzung in „Infinity Kicks In“ und „Velvet Revolution“ und schreckt auch vor einem Literaturzitat nicht zurück, wenn es heißt: „Quand j´étais petit je rêvais d´être pauvre“. Dabei wird der afrikanische Schriftsteller André Ze Jam Afane zitiert. Das Trio schöpft nicht nur bei den genannten Titeln, sondern auch bei „See a Strange Light“, „Swing für Europa“ oder „A short moment of Zero gG“ aus dem reichen Schatz an Jazz, Blues, Swing, Rhythm'n Blues, Rock, Pop und Punk. Mit „Still a Rat“ wird das vorliegende Album abgerundet, das ein Booklet mit Liner Notes in Deutsch, Englisch und Französisch enthält. Alle Kompositionen entspringen dem Ideen-Pool von Daniel Erdmann.

Wenn auch der Bandname an die sanfte Revolution denken lässt, wie sie in der Tschecheslowakei scheiterte, so ist wohl Erdmanns Intention für das Album jenseits dieses Kontextes anzusiedeln. Vielleicht muss man eher an den sanften Wandel in der Musik denken, an Grenzgänge und Grenzüberschreitungen, an die Sinnhaftigkeit der Musik und deren gesellschaftlichen Einfluss. Das ist aber nur möglich, wenn Musik auch eine Erzählstruktur besitzt, der der Zuhörer folgen kann. Dazu gehört sicherlich eine gewisse Fokussierung auf das Melodische, was auf das aktuelle Album voll und ganz zutrifft.

Bei „A Pair of Lost Kites Hurrying Towards Heaven“ trifft zu Beginn ein gehauchtes Saxofon auf das Plink-Plink der gezupften Geigensaiten und das Schwirren metallener Klangstäbe. Nach und nach verflüssigt sich die Musik, schält sich ein Thema heraus, das ein wenig soulige Anmutungen hat. Zum Klang des Vibrafons denken wir uns kleine Papierdrachen, die im Wind tanzen. Die größeren thematischen Drachen lässt Daniel Erdmann durch die Lüfte schweben, auch mal mit einem Triller versehen. Oh, da ein Brummen – da scheint ein Drache der Erde zu nahegekommen zu sein, oder? Nach wie vor lässt Jim Hart eine Vielzahl von gespenstisch wirkenden Drachen auf- und absteigen. Auch Théo Ceccaldi lenkt mit seiner Geige papierne Monster am Himmel, sehr zum Vergnügen der Zuhörer.

Konzertant wird „Velvet Revolution“ eröffnet. Das ist gewiss dem Geiger Theo Ceccaldi geschuldet, der sein Instrument durchaus auch traurig gestimmt erklingen lässt. Nach Aufbruch hört sich hingegen an, was uns Daniel Erdmann auf seinem Tenorsaxofon vorstellt. Das ist manchmal auch von einer gewissen Schroffheit. Sanft-beruhigend agiert hingegen der Vibrafonist Jim Hart, der die Klangstäbe durchaus auch nachhallen lässt. Derweil scheint das Saxofon Luftsprünge zu imitieren. Nach und nach entwickelt sich ein Gespräch zwischen den drei Musikern, die ihr eigenes Temperament zur Schau stellen, nicht immer sanft, wie der Titel der Komposition eigentlich nahelegt.

„Quand j´étais petit je rêvais d´être pauvre“ erscheint in die Farben des Blues gehüllt, hört man auf Daniel Erdmann und das Atemrohr als die Verlängerung der menschlichen Stimme. Théo Ceccaldi hat wohl den Part übernommen, der in einer Rhythm-'n- Blues-Band dem E-Gitarristen zufällt. Dabei lässt sich Jim Hart auch nicht lumpen und zeigt, dass auch ein Vibrafon Ambitionen hat, dem Blues nahe zu sein.

Spielt Théo Ceccaldi bei „I See a Strange Light“ die Viola zu dem brummigen sowie säuselnden Saxofon? Treffen da klassische String-Eskapaden auf ein Saxofon in Rocklaune? Im Schlepptau des Saxofons bewegt sich das Vibrafon, während das Saiteninstrument hartnäckig eigene Klangwege sucht. Im Verlauf des Stücks lässt Jim Hart mit seinem springenden Spiel auf den Klangstäben Irrlicht erscheinen, das vor unseren Augen hin- und hertanzt. „Swing für Europa“ nimmt tatsächlich die Tradition des Swings auf und man kann sich vorstellen, dazu auch Lindy Hop aufs Parkett hinzulegen. Swing ist ja mehr als Benny Goodman. Das Stück hat dank Théo Ceccaldi eher den Beigeschmack von Stéphane Grappelli und Konsorten, auch wenn Djangos Gitarre fehlt.

Zum Schluss scheinen die drei Musiker eine wieselflinke Ratte im Visier zu haben, die sich als Überlebenskünstler im urbanen Dschungel erweist: „Still a Rat“. Aufgrund der eher unkonventionellen Trio-Besetzung ist dieses Album wahrhaft eine Entdeckung und lädt zu entsprechenden Klangerkundungen ein. Nichts scheint schematisch. Improvisationen sind nicht verkopft, denn die Suche nach der Melodie ist das Anliegen der drei Musiker. Das ist ihnen durch und durch überzeugend gelungen.

Text © ferdinand dupuis-panther

Informationen

Label
BMC
http://www.bmcrecords.hu

Musiker
Daniel Erdmann
http://www.daniel-erdmann.com

http://www.jazzhalo.be/interviews/daniel-erdmann-im-gespraech-mit-saxofonist-und-gruender-der-jazzband-das-kapital/


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