Christoph Irniger Pilgrim: Big Wheel Live

Christoph Irniger Pilgrim: Big Wheel Live

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Intakt Records CD 271

Pilgrim - das sind der Bandleader Christoph Irniger am Tenorsaxofon, der Gitarrist Dave Gisler, der Pianist Stefan Aeby, der Bassist Raffaele Bossard und der Schlagzeuger Michi Stulz, die auf dem vorliegenden Album mit Live-Konzertmitschnitten aus Berlin, Ratzeburg und Altenburg zu hören sind.

Die Kompositionen, die aufgenommen wurden, entstammen überwiegend aus der Feder von Christoph Irniger, so auch „Acid“ und „Entering The Concert Hall“. Ein Gemeinschaftswerk stellt „Ending At The District“ dar. „Falling II“ ist dem Bassisten der Band zu verdanken, während der Pianist „Lost In Space“ zur Abrundung des Livealbums beigesteuert hat.

Henning Bolte formulierte in den Linernotes: „Pilgrim schafft ein Klangbild voller Tiefenschärfe mit wechselndem Vorder- und Hintergrund, ein Klangbild voller raffinierter Echoeffekte, verblassender Flächen, sich kräuselnder Linien oder Wirbeln wie dem fallender Blätter. Dieser tonale Reichtum genügt sich nie nur einfach selbst. Er ist und bleibt emergent, entsteht fortwährend aus ungewöhnlichen wie überraschenden Umschlägen und dynamischen Öffnungen.“ Eine derartige Charakterisierung kann man, muss man aber nicht teilen. Bisweilen verleiten Linernotes auch dazu, die jeweilige Musik gefiltert aufzunehmen. Auch Titel von Kompositionen verführen ab und an, in eine bestimmte Richtung zu denken. Muss nicht „Lost in Space“, also verloren im Raum, auch wie verhallende Klangformen im leeren Raum klingen? Suggeriert nicht „Acid“ eine gewisse Schärfe und einen „Säuregehalt“ des gereichten Klangmenüs? Mithin leichte Kost mit songhaften Kompositionen dürfen wir wohl eher nicht erwarten, auch wenn Irniger in einem Interview 2014 davon sprach, dass er Bilder und Filmmusik in seinem Kopf habe, wenn er komponiere. Sollten wir dann also doch beim Zuhören Narratives wahrnehmen können?

Bei den Saxofonpassagen zu Beginn von „Entering The Concert Hall“ hat man schon die Vorstellung, hier stolziere geradewegs jemand auf die Bühne. Doch dieses Bild wird schnell aufgelöst. Signalhaftes mit Bassbegleitung ist anschließend zu vernehmen. Der Schlagzeuger scheint, einem Berserker gleich, hintergründig zu agieren und für viel Wirbel zu sorgen. Aus dem Stolzieren wird nach und nach ein Hin- und Hergehen, ein Suchen, eine Entdeckungstour, so suggeriert es Irniger am Saxofon. Sachte rieseln die Töne des schwarzen Musikmöbels auf uns nieder. Vor dem geistigen Auge des Zuhörers bildet sich dabei eine Art Wasserlichtkonzert ab. Auch dieser visuelle und akustische Eindruck vergeht und wird von dem tieftönigen Saitenspiel von Raffaele Bossard abgelöst, gefolgt von nervös anmutenden Gitarrensequenzen – dank sei Dave Gisler. Das nervöse Spiel ist nur eine kurzweilige Episode. Danach meint man eine verfremdete Gitarre zu erleben, die auch bestens in einer modernen Rockband ihren Platz hätte. Jeff Beck und Alvin Lee hätten m. E. an Gisler durchaus ihre Freude. Am Ende dann gibt es ein unerwartetes Crescendo.

Wir hatten ja schon im Vorspann gefragt, wie denn „Acid“ klingen müsse. Nein, Free Jazz pur oder Rabatz, Rabatz steht nicht auf der Tagesordnung. Es scheinen eher Saxofonweckrufe, die wir wahrnehmen können. Klangsprünge im Raum sind dem Pianisten Stefan Aeby zu verdanken, der im weiteren Verlauf des Stücks weitgehend die Fäden in der Hand hält, treibend, fordernd, vorwärtsschreitend, bisweilen auch in perlenden Klangfolgen sich beinahe verlierend. Irgendwie stellt sich beim Zuhören das Bild einer steten Klangwalze ein. Interventionistisch agiert ab und an Christoph Irniger mit seinem Saxofon. Dabei ist auch dessen Spiel etwas Sprunghaftes anzumerken. Das besonders Schräge und die tonale Schärfen fehlen m. E. über weite Strecken. Eher hat man den Eindruck, die Musik versuche Bewegung nuanciert einzufangen, so wie es zu Beginn des 20. Jahrhunderts die italienischen Futuristen in ihren Bildwerken taten. Beinahe ins Sphärische gepaart mit rockigen Riffs driftet die Komposition zum Ende hin ab, wenn die elektronisch modulierte Gitarre zu vernehmen ist. Dann hat man den Eindruck von Fusion und Jazz Rock, bei dem die Giganten der E-Gitarre aus der Welt des Rocks sehr nahe sind.

Noch ein Wort zu „Lost in Space“: Mit eher klassischer Attitüde agiert Stefan Aeby. Man hat dabei den Eindruck, als würde er alleine in einem riesigen hallenden Raum wie einer gotischen Kathedrale oder einer Tropfsteinhöhle aufspielen. Eine gewisse Melancholie und Schwere wohnt dem Stück inne. Derartige Musik bringt der Rezensent unter anderem mit Totensonntag in Verbindung. Setzt Irniger mit seinem Saxofon zum getragenen Spiel an, so ziehen klangliche Nebelschwaden durch den Raum. Sobald jedoch die musikalische Linie von Stefan Aeby bestimmt wird, perlen die Tastenklänge dahin, sieht man Kaskaden vor sich, über die sich ein Klangfluss ergießt.

„The Kraken“ scheint ein Wortspiel. Doch das Bild eines Kraken stellte sich beim Rezensenten nicht ein. Was ist bloß mit dem Bass los? Oder ist es die Gitarre, die da kurzatmig quietscht? Folgt man dem Fluss der Tastenklänge, so würde man weniger an einen Kraken, sondern eher an einen Mantarochen denken, der mit leichtem Auf und Ab seines Dreieckskörpers dahingleitet. Bilder, die von Musik hervorgerufen werden, können recht unterschiedlich sein. Man hätte hier und da in den Linernotes auch erfahren wollen, was denn Christoph Irniger bei der Kompositionsarbeit so durch den Kopf gegangen ist. Doch das unterblieb, sodass man sich seine eigene Bilderwelt zur Musik zusammenstellen muss. Warum auch nicht!

Am Rad der Jazzgeschichte haben Irniger und seine Mannen beim vorliegenden Album wirklich gedreht und sich dabei sehr wandlungsfähig gezeigt. Überraschendes war zu hören, auch in Richtung Fusion; zudem waren Anmutungen klassischer Musik nicht völlig ausgeblendet, ganz in europäischer Auffassung von Jazz.

© ferdinand dupuis-panther


Press release in English

The quintet Pilgrim, founded by Zurich based tenor saxophonist Christoph Irniger, has become over the years one of the most exciting ensembles in young European Jazz. After the highly praised group’s latest studio recording 'Italian Circus Story', Pilgrim – driven by enthusiasm and inventiveness – presents the vibrant live album 'Big Wheel'. Recorded during acclaimed concerts in Ratzeburg, Berlin and Altenburg, Pilgrim plays full of verve, with plenty of room for spontaneity and improvisation and demonstrates impressively their pulsating music. Henning Bolte writes in the liner notes: „Pilgrim creates a deep field of sound with alternating foreground and background, full of echo effects, fading surfaces, frizzing lines, and swirls like falling leaves. This tonal richness is no self-sufficient affair, but time after time it emerges from unusual, surprising turning points and dynamic openings.“

 

 

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