Brussels Jazz Orchestra feat. Bert Joris & Enrico Pieranunzi - The Music of Enrico Pieranunzi (Ferdinand Dupuis-Panther)

Brussels Jazz Orchestra feat. Bert Joris & Enrico Pieranunzi - The Music of Enrico Pieranunzi (Ferdinand Dupuis-Panther)

B

W.E.R.F.

Belgische Pralinen, belgisches Bier, belgische Fritten, beleuchtete belgische Autobahnen – ja, das sind die Bilder, die gemeinhin mit Belgien in Verbindung gebracht werden. Unzweifelhaft ist jedoch auch, dass das Brussels Jazz Orchestra eine ähnlich belgische Erfolgsgeschichte ist wie belgische Biere, ob Leffe blonde oder Mort subite oder Delirium tremens, und wie belgische Pralinen. Der besondere Big-Band-Sound ist es, der das Orchester weltweit bekannt gemacht hat. Insbesondere in New York wurde und wird das Orchester bei Auftritten überschwänglich gefeiert. In Belgien selbst ist diese Big Band überaus bekannt. Dessen Konzerte sind zumeist ausverkauft. Gibt es da noch Zweifel an einer Erfolgsgeschichte?

 

 

Bereits 2002 zum Jahr, als Brügge Europäische Kulturhauptstadt war und erstmals das Festival Jazz Brugge stattfand, erschien bei De W.E.R.F Records eine Einspielung des Orchesters unter der Leitung von Frank Vaganée. Nun liegt auch eine aktuelle Scheibe vor, bei der gleich zwei Solisten ihr besonderes Können zeigen, zum einen der Trompeter und Flügelhornist Bert Joris und zum anderen der italienische Pianist Enrico Pieranunzi, von dem wir acht Kompositionen hören können.

Zum Line-Up: Frank Vaganée (sax), Dieter Limbourg (sax), Kurt Van Herck (sax), Bart Defoort (sax), Bo Van der Werf, (sax), Marc Godfroid (trombone), Lode Mertens (trombone), Serge Plume (trumpet), Nico Schepers (trumpet) Jeroen Van Malderen (trumpet), Bert Joris (trumpet), Jos Machtel (double bass) und schließlich Enrico Pieranunzi (piano).

Wer Big-Band-Sound mag, wer also Count Basie, Duke Ellington oder Tommy Dorsey mit ihren Orchestern schätzt, der wird auch das vorliegende Album mögen. Doch es ist die Frage gestattet, ob diese Art des Jazz noch zeitgemäß ist, wenn man an andere Großformationen wie FES denkt.

Dem Rezensenten klingt der Sound zu sehr nach Nachkriegstanzband à la Kurt Edelhagen. Die meisten staatlichen Rundfunkanstalten in Deutschland unterhalten Orchester wie das BJO und pflegen die Standards des Jazz. Deren musikalische Inszenierungen sind berechenbar und vorhersehbar. Ähnliches gilt auch für das BJO, obgleich diesmal zwei Solisten im Vordergrund stehen und das Orchester stets geschlossen zu hören ist. Das ist ein wenig zu bedauern, denn aus der Reihe der hochklassigen Musiker des BJO hätte man gerne das eine oder andere Solo gehört. Aber angesichts der Fokussierung auf Bert Joris und Enrico Pieranunzi war das wohl ausgeschlossen. Dass Solos von Pieranunzi stets einen wesentlichen Teil der Kompositionen ausmachen, versteht sich von selbst. Wieso sollte sich der Komponist von „Persona“ und „Fellini's Waltz“ auch im Orchester verstecken?

Zumeist sind die Pianosequenzen sehr lyrisch und verspielt. Teilweise gleichen diese Passagen dem Plätschern eines kleinen Baches oder sprudelnden Quellen. Bei „Persona“ steigt Bert Joris alsbald auf das von Pieranunzi vorgegebene Thema ein, derweil die übrigen Musiker verhalten im Hintergrund zu hören sind. Satt sind im weiteren Verlauf die Saxofonsätze, die das BJO zum Besten gibt. Gedämpfte Trompeten und fette Posaunenklänge sind zu vernehmen. Doch wo bleiben die freien Improvisationen? Nein, das BJO bleibt im Schema der klassischen Big Band – und das muss man mögen.

Ein wenig schematisch strukturiert muten die Kompositionen von Pieranunzi an. Wieso muss eigentlich das Klavier die Kompositionen einleiten, so auch bei „Within The House Of Night“? Ist es Zufall oder Absicht? Irgendwie fehlt das Überraschende, was den Jazz ja ausmacht, wenn man nicht durch und durch notiert spielt. Beim BJO scheint jedoch auch die letzte Note notiert zu sein, die gespielt wird.

Das Klangbild des Orchesters ist, das ist keine Frage, ausgereift, aber eben auch ausgereizt. Gewiss, Pieranunzi setzt mit seinem Spiel auf den weißen und schwarzen Tasten hier und da gekonnte Akzente. Dennoch ähneln sich die Hörfarben in den eingespielten Stücken. Solos und Tutti im Wechselspiel – das ist angesagt. Melodien, die durchaus Wiedererkennungswert haben, sind zu hören. Ist das nicht alles ein bisschen zuviel Old School Jazz und das im 21. Jahrhundert?

Dass „Fellini's Waltz“ mal nicht mit einem Klaviersatz aufmacht, ist im Vergleich zu anderen Stücken eine Ausnahme. Doch der italienische Pianist lässt sich auch bei diesem speziellen Tänzchen nicht die Butter vom Brot nehmen. Swing, swing, swing – steht dann im Wechselspiel mit Bert Joris auf dem Programm. Die Verneigung Pieranunzis vor dem erfolgreichen Filmemacher gleicht streckenweise einer Filmmusik, die ein Beziehungsdrama untermalen könnte. Beim Zuhören denkt man vielleicht auch an Klassiker des Films wie „Tod in Venedig“ oder „Wenn die Gondeln Trauer tragen“. Jedenfalls kann man sich durchaus vorstellen, dass diese Komposition gut zu derartigen elegisch inszenierten Filmen passt.
Wie gesagt, dem Rezensenten fehlt es bei den vorliegenden Aufnahmen an allem, woraus ein frischer Jazz der Gegenwart schöpft. Die Musik scheint mehr Frank Sinatra und Broadway im Sinn zu haben als alles andere. Diese Einschätzung soll die Qualität der Kompositionen nicht schmälern und in Abrede stellen. Doch unterdessen sind andere Klangwelten angesagt und ein Cross Over zwischen Rock, Pop, Folk und Jazz die Herausforderung. Nur ein Stück, nämlich „Newsbreak“ scheint beim BJO aus der Rolle zu fallen. Das Spiel ist nervös. Der klassische Big-Band-Sound fehlt, anfänglich. Schräg sind die Töne auch im Tutti. Doch das alles ist nur für wenige Augenblicke zu hören, ehe dann das Big-Band-Schema greift. Abgezirkelt ist dann auch in diesem Werk das Klangspektrum, auch das von Pieranunzi, der sich so bestens und nahtlos ins BJO einfügt.

Der Beifall des Publikums der zu hörenden Live-Aufnahmen unterstreicht jedoch, dass das BJO seine treuen Anhänger hat. Warum auch nicht.

© ferdinand dupuis-panther

Informationen

Label

De W.E.R.F Records
http://www.dewerfrecords.be/nl/

Musiker
BJO
www.brusselsjazzorchestra.com


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