Bedmakers: Tribute to an imaginary Folk Band – Live in Berlin

Bedmakers: Tribute to an imaginary Folk Band – Live in Berlin

B

Jazzdor

Was wir hören, ist ein Konzertmitschnitt von 2018, aufgezeichnet im Kesselhaus Berlin im Rahmen des Jazzdor-Festivals. Das polyglotte musikalische Universum, das wir nunmehr erkunden können, ist den nachstehend genannten Musikern zu verdanken: dem Saxofonisten und Klarinettisten Robin Fincker (Whahay, Vincent Courtois’ Mediums, Surnatural Orchestra) und seinen Partnern im Whahay Trio, dem Drummer Fabien Duscombs, dem Geiger Mathieu Werchowski und dem irischen Kontrabassisten Dave Kane. Über die Band und das Bandprojekt sagt Philippe Ochem (Direktor von Jazzdor): „Their concern of the pulsation is central in this adventure, as if it could allow the soloists to let their voices travel further, deeper, through the hearts of the themes. Those themes are appearing, disappearing, building and unbuilding themselves, mixing the tenor or the clarinette sound with the violin, crossing their fires in a fluid and impetuous discourse. They’re telling us something about this time, about history in movement.“

Der Albumtitel ist m. E. mit einem schelmischen Grinsen und einem Augenzwinkern zu verstehen. Nein, die Musiker tauchen nicht in toto in genuine angelsächsische Folklore ein, wenn auch hier und da Versatzstücke dieser Volksmusik zu hören sind. Es ist eine Musik, die an Abenden in englischen und irischen Pubs gepflegt wird. Und dabei spielt dann auch Reel eine Rolle, aber weniger The Dubliners oder The Chieftains oder andere Bands wie Shirley Collins und Faustus, die auch außerhalb der britischen Inseln zu hören waren. Wenn der eine oder andere Hörer an Songs wie „What shall we do with the drunken sailor“, „Scarborough Fair“ oder „Wild Rover“ denkt, dann mag die Richtung stilistisch stimmen, aber das bedeutet nicht, dass man bei den Bedmakers genau diese Folksongs auch wiederentdecken kann. Dennoch scheint der eine oder andere Melodieeinschub durchaus einen Wiedererkennungswert zu haben.

Der Konzertmitschnitt gliedert sich in vier Teile, die von den Musikern im Rahmen des Mitschnitts offensichtlich nicht durch Ansagen kommentiert wurden. Auf einer anderen Aufnahme von 2017 (Label Mr. Morezon) werden Titel wie „The Gardener“, „Princess Beatrice“, „Smokey River“ oder „Some Summer Day“ aufgelistet. Vielleicht ist es aber ganz gut, sich der musikalischen Präsentation ohne Fingerzeige durch jeweilige Titel zu nähern.

Signallaute vereinen sich mit einer kurz gestrichenen Geige sowie einem Bass im Zweierschlag. Ist da nicht auch eine Klarinette zu hören, mit leichtem Klezmer-Einschlag? So nimmt jedenfalls der erste Teil des Konzertmitschnitts seinen Beginn. Und dann entführen uns die vier Musiker zu einer Balkanreise, für einen Moment. Aus dem Balkanova kristallisiert sich dann ein glockengreller Klarinettenklang heraus, vernimmt man Trommelwirbel und dann geht es zurück  in die Gefilde von Roma-Musik. Und was ist das denn für eine liebliche Musik? Broadway oder Folk? – das ist wahrlich die Frage. Welch einen Bruch erleben wir danach: ein Knarzen und Knarren sowie ein verhaltenes und zugleich sonores Melodiespiel des Klarinettisten. Dabei muss der eine oder andere Zuhörer vielleicht auch an eine Ballade denken. Aufmüpfig agiert der Drummer dazu, wirbelt mit seinen Sticks. Der Violinist streicht derweil lang die Saiten und der Saxofonist lässt seinen Holzbläser schnurren und ein wenig aufschreien. Furioses Getrommel ist steter Begleiter, und der Zuhörer wartet auf einen klanglichen Höhepunkt. Der bleibt jedoch aus. Im Hintergrund wird gefiedelt und der Saxofonist scheint nur geringfügig davon Kenntnis zu nehmen. Er folgt eher eigenen Pfaden. Aufbrausend, zornig, unruhig und ungestüm beschreibt das, was wir zu Gehör bekommen. Der Geiger spielt dabei nur eine Nebenrolle. Tamtam, Tamtam vereint sich mit einem Auf und Ab im Spiel des Holzbläsers, der mit „Siebenmeilenstiefeln“ vorangeht und seine Mitspieler mitreißt. Zwischendurch muss man auch an den Hot Club de France denken, oder? Das ist wahrscheinlich dem sehr nervösen Spiel des Geigers Mathieu Werchowski zu verdanken. Doch stets konterkariert Robin Fincker das allzu Folkloristische, dessen gängiger Melodie der Zuhörer gerne folgt.

Im zweiten Konzertteil hört man zunächst schrille Beckentöne, die nach und nach anschwellen. Kurz sind die Passagen, die einer Klarinette geschuldet sind. Tief gegründet meldet sich der Bass zu Wort, gleichsam der Gegenspieler zu hochfrequenten Geige, die gleichfalls mit dabei ist, einen Klangbogen zu bauen. Elemente eines Klangmosaiks sehen wir vor uns. Fragmente werden zusammengefügt, ohne direkt zueinanderzupassen. Es scheint, als bewegten sich die vier Musiker in verschiedenen Umlaufbahnen. Nein, der Geiger ist nicht mit irischer Fiddlemusik unterwegs, sondern lässt in seinem Auftritt eher an eine Mischung von wehmütigem Lamento und aufreizendem Free Jazz reviseted denken. Sonor sind die Melodielinien, die Robin Fincker zum Ganzen beisteuert. Er ist eher in einer Art Volkstanz unterwegs. Vor unserem geistigen Augen sehen wir Lord of the Dance, sehen irischen Stepptanz, wenn auch leicht verhalten. Zu der „entfremdeten Form“ des Stepptanzes trägt auch Fincker durch seine Art des schnarrenden, überlauten, aufgedrehten Spiels bei. Das klingt dann mehr nach Ornette Coleman als nach Paraphrasierung eines Reels, oder? Doch schließlich schwenkt der Saxofonist dann doch in Bruchstücken auf zum Mitsummen anregende Melodielinien ein. Und dann sehen wir sie, die Stepptänzer, die in Reih und Glied auf der Bühne stehen und ihre Sohlen auf den Bühnendielen klacken lassen. Gegen Ende hat man dann den Eindruck der Ekstase, des Furiosum.

An das Ende des zweiten Konzertabschnitts knüpft auch der dritte zu Beginn an, ehe dann der Geiger die Klangregie führt und der Saxofonist auch mit Explosivlauten zu überzeugen weiß. The Flock kommt demjenigen in den Sinn, der sich vor Jahrzehnten für Chicago, Blood, Sweat & Tears, Colosseum und eben Flock zu begeistern wusste. Jazz Rock vom Feinsten war das. Die Instrumentierung bei The Flock fiel aus der Reihe: Ein Saxofon traf auf eine E-Geige! Und im Fahrwasser von Jazz Rock ist der dritte Konzertteil gegründet, ohne unmittelbar an die oben  genannten Bands anzuknüpfen. Kommen wir nun zum letzten Teil des Konzerts: Zu Beginn hat der Drummer seinen großen Auftritt mit harten Beats und weichem Beckenrauschen. Melodramatisch ist der Geiger nachfolgend unterwegs. Eingebunden ist in das Stück zudem ein Basssolo, unter das der Drummer Verwirbelungen mischt und Fincker die Sanftheit seines Holzbläsers vorführt. Wäre da nicht die aufgebracht klingende Geige, man könnte sich beim Hören fallen lassen. Doch alles scheint gegen den Strich gebürstet zu werden. Destruktion und Dekonstruktivismus scheinen auf dem Programm zu stehen. Und das hat nun so gar nichts mit schmeichlerischen Volksweisen gemein.

© ferdinand dupuis-panther


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