Andrew Rathbun - Character Study

Andrew Rathbun - Character Study

A

Steeplechase Records

Der aus Toronto (Kanada) stammende Saxofonist Andrew Rathbun weiß durch seine überaus große Kreativität zu überzeugen. Am Tenorsaxofon fällt er durch das eher lyrische Spiel auf. Dabei hat er in der Vergangenheit mit Jazzgrößen wie Kenny Wheeler, Billy Hart, George Garzone, Phil Markowitz und Bill Stewart zusammengespielt. “Rathbun’s lines dance and glide“,so schrieb  David Whiteis in JazzTimes, und weiter heißt es: „ … reflecting both childlike wonder and well-honed artistry.”

Lassen wir den Bandleader, Komponisten und Saxofonisten selbst zu Wort kommen und seine Ideen zum Album darlegen: „Almost always, when I compose a new book of music, there is a story or idea simmering somewhere in my mind. That inspirational impulse gives the record coherence and suggests vibes, feelings, structures, moods and shapes for me to explore. Since Tuesday, November 8, 2016, I have been increasingly interested in the idea of character. The more I was shocked by the news I read (and continue to read), the more I tried to understand what it means to be a person of character, why it matters and what would happen if it no longer did.“ Zusammengefasst es geht nicht um Typen, auch eine Übersetzung von „character“, sondern um eine Person, die sich durch  Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Courage auszeichnet oder eben nicht.

Fürwahr im Alltag und vor allem im politischen Umfeld sind Charakterlosigkeit und Populismus gegenwärtig an der Tagesordnung. Der aktuelle Präsident der USA verkörpert dies in ganz erheblichem Maße, aber auch die politischen Meinungsführer in Mittel- und Osteuropa überzeugen nicht durch Sachkunde, sondern durch Floskeln, billige Propaganda und Ignoranz.

Bis auf eine Komposition des Albums – es handelt sich um „Etcetera“ (comp. Wayne Shorter)  – stammen alle anderen aus Rathbuns Feder, angefangen bei „The Golden Fool“ über „Team Of Rivals“ und  „Alphabet Deaf and Forever Blind“ sowie „His Quiet Determination“  bis hin zu „Character Study“ und „Turmoil“.

Zunächst werden wir mit „The Golden Fool“ vertraut gemacht: Der Beginn gleicht einem Fanfarenchor; geballte Klangmacht von Trompete und Saxofon ist angesagt. Dabei scheinen mir durchaus Anlehnungen an Cannonball Adderley aufspürbar. Explosiv und feurig gestaltet Tim Hagans sein Trompetensolo, durchaus temporeich. Im Hintergrund brummelt der Bass von Jay Anderson, sorgt Bill Stewart für Blechgerassel und Gary Versace für kleine Klangtropfen. Nach diesen solistischen Interventionen melden sich dann die Bläser zu Wort, entwickelt Andrew Rathbun sein Solo mit einem Ansatz, der durchaus zu Bebop und Modern Jazz passt.

Angesichts des Titels „Team of Rivals“ könnte man auch musikalisch an Kontroverse und Kompromiss denken. Zunächst jedoch steht nur das Piano im Fokus, ehe dann die Klangschlieren der Trompete den Raum füllen. Gleichsam als zweite Stimme mischt sich dann Andrew Rathbun am Saxofon ein, derweil Gary Versace redundante Strukturen aus weißen und schwarzen Tasten formt. Jay Anderson tritt zeitweise mit seinem Bass aus dem musikalischen Geschehen hervor. Dann ist es am Pianisten klirrende  Klangkaskaden zum Besten zu geben. Erhebt sich anschließend das Saxofon spitz und angesäuert zu einem Kommentar? Im Fokus steht der Bandleader auf alle Fälle, beharrlich in seinen musikalischen Linien.

In „His Quiet Determination“ unterstreicht der Saxofonist, dass ein Saxofon durchaus besonders lyrisch gestimmt sein kann. Gewählt wird ein eher weicher Ansatz, bei dem man an einen lauen Abend im Hochsommer denken muss. Die Wellen laufen sanft am Strand aus. Die letzten Wellenreiter suchen nach der ultimativen Welle. In der Strandbar hört man Gelächter. Alle scheinen entspannt zu sein. Das könnten Bilder jenseits des Titels sein, wenn man nur dem musikalischen Fluss nachgeht. Dieses Bild einer scheinbaren Idylle wird zudem vom Basssolo unterstrichen, in das sich aus der Ferne diskanter Tastenklang mischt.

Vom Saxofonisten Wayne Shorter stammt „Etcetera“, im Original 1965 bei Blue Note eingespielt und erschienen. Die damals daran beteiligten Musiker waren außer Shorter Herbie Hancock (p), Cecil McBee (b) und Joe Chambers (d). Nun also hat sich Andrew Rathbun an dieses Stück „gewagt“. Dabei scheint es, als habe das Quintett um Rathbun einen weniger „diabolischen“ und aggressiven Spielansatz gewählt als Shorter. Rathbun und Co. lassen die Linien zu klanglichen Schraffuren und Schummerungen werden, während die Mannen um Shorter die Brüche, Aufbrüche und das Gebrochene suchten. Am ehesten scheint Gary Versace in Teilen seines Vortrags die „Fragmentierungen“ aufzunehmen, die im Original vorhanden sind.

Schließlich noch eine Notiz zu „Character Study“: Dieses Stück bringt uns vom Spielansatz in die 1950er und 1960er Jahre zurück. Rathbun zieht dabei alle Register in seinem Spiel, das eben nicht wie sonst bei Saxofonisten derb und rotzig daherkommt. Tim Hagans lässt sich darauf ein, seine Trompete wie ein Windgesäusel klingen zu lassen. Nur hier und da frischt die Brise auf. Perlend ist das Tastenspiel, das wir vernehmen, durchaus einer Exkursion zu Thelonious Monk gleichend.
 
Text © ferdinand dupuis-panther – Der Text ist nicht public commons!


Information

Besetzung

Andrew Rathbun, tenorsax
Tim Hagans, trumpet
Gary Versace, Piano
Jay Anderson, Bass
Bill Stewart Drums

http://andrewrathbun.com/


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