Andrea Keller - Five Below Live

Andrea Keller - Five Below Live

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https://andreakeller.bandcamp.com/

Vorab ein Blick in die Biografie dieser in Sydney aufgewachsenen Musikerin, die Piano, Flöte und Saxofon an der Sydney Conservatorium High School lernte. Bereits mit 10 Jahren komponierte Keller und mit 14 entdeckte sie Jazz und die Kunst der Improvisation. Ihr weiterer Werdegang war durch den Besuch des Victorian College of the Arts in Melbourne bestimmt. Zu den bisherigen Projekten, die Andrea Keller verfolgte gehörten u. a. The Andrea Keller Quartet, The Bartok Project, The Wayne Shorter Project, The Komeda Project, From Ether, and Three Lanes. Sie war an der Gründung der  Bennetts Lane Big Band (2001-2013) beteiligt. Seit 1996 unterrichtet Keller an der Faculty of the VCA und an der MCM University of Melbourne, an der Monash University und am Melbourne Polytechnic (formerly NMIT).

Zu den Auszeichnungen, die Keller erhielt, gehörten drei  ARIA Awards, sechs Australian Jazz ‘Bell’ Awards und zwei Art Music Awards. Sie erhielt außerdem Stipendien der MCA/Freedman Foundation und des Australia Council.

Five Below ist der Name des Quintetts, das Andrea Keller im Juli 2017 aus der Taufe gehoben hat und nun regelmäßig im Jazzlab  in Brunswick (Melbourne) auftritt. Dieses Quintett besteht aus zwei Bassisten (!), einem Schlagzeuger, einem Gitarristen und einer Pianistin. Was die Fünf zu Gehör bringen ist eine Mischung aus akustischen und elektronischen Klangfarben und -formen. Dabei sind Kunstmusik, Minimalismus und Jazz von heute in die Musik eingeschlossen, wenn Stephen Magnusson (guitar), Sam Anning (double bass), Mick Meagher (electric bass), Andrea Keller (piano) und James McLean (drums) aufspielen.

Dumpfe und klirrende Klangmuster treffen in „Hills of Nectar“ auf schwirrende Saiten einer Gitarre. Stetiges Klickklickklick – kurz und im Stakkato – sind wahrnehmbar. Es klingt so, als werde mit einer Hand auf ein Blech geschlagen, das es zu formen gilt. Zugleich mag man die Assoziation an Kuhglocken haben, ehe dann Andrea Keller energiegeladen in die weißen und schwarzen Tasten greift und man zudem den Eindruck gewinnt, der Bass werde lang gestrichen. Episch erscheint diese Komposition. Wesentlich aufgehellter im Klangbild kommt „Fern Tree“ daher. Man muss bei dem nervös-hektischen Schlagwerkspiel und den perlenden Sequenzen des Pianos an raschelndes Laub denken, an Wind, der durch die Laubkronen der Bäume fährt. An Schritte quer durch das Dickicht wird man beim Zuhören auch erinnert. Kommt da nicht auch der Wind zunehmend auf? Verwirbelte Klangpassagen dringen ans Ohr des Zuhörers. Im Gegensatz zu „Hills of Nectar“ drängt sich Andrea Keller mit ihrem Tastenspiel auf, wild, ungezügelt, frei, ungebunden, losgelöst, voller Elan und Energiefluss. Untergründiges Rauschen und Brummen ist zu vernehmen, wohl erzeugt mittels des elektrischen Basses, so hat es den Anschein. Dazu gesellt sich der akustische Bass, Schritt für Schritt. Muss man bei dessen Klangspiel nicht an dicke Regentropfen denken, die aufs Blätterdach des Waldes niedergehen? Tieftönigkeit setzt sich zwar nicht durch, ist aber im Weiteren präsent, auch und gerade bei den galoppierenden Tastenfolgen, die vom rockig angelegten, fast frei schwebenden Gitarrengezupfe überlagert werden. „Of Winter, Ice & Snow“ ist weniger temporeich als „Fern Tree“ ausgelegt. Eine gewisse Schwere ruht in dieser Komposition, als ginge es darum, Winterstarre und Winterruhe zu evozieren, also die Verlangsamung des Lebens in den Wintermonaten bei klirrender Kälte heraufzubeschwören, die wir allerdings auf diesem Planeten immer seltener erleben.

Trommelwirbel machen sich im Folgenden breit. Der Rand des Bleches wird gestrichen, ehe sich ein „sirenenhafter Saitenklang“ ausbreitet. Dabei könnte man durchaus auch an Windgeheule denken. Weitere Trommelwirbel folgen, so als solle die Dramatik des Winters umgesetzt werden, mit Schneestürmen und dichtem Schneefall, der das Alltagsleben zum Stillstand bringt.

Eher auf elektronische Effekte und auf verstärkte Klangwellen baut „Grand Forfeit“. Das hat dann bisweilen schon Anmutungen von Wagner revisited, Die Klangfarben sind dunkel, erdig, in Umbra und weniger Ocker gehalten. Schwarz und Dunkelgrau überwiegen. Man muss an eine Höllenfahrt denken, an ein Inferno, eine Vulkaneruption, an Lavaströme. Drama und Tragödie scheinen sich dabei zu vereinen; Ausgang ungewiss. Dann in der Mitte des Stücks ein Charakterwechsel: jaulendes und wimmerndes Gitarrenspiel, wiederkehrende Basstasten, Dynamik, die anschwillt. Der Sechssaiter führt die Regie, entäußert sich, kreischt, schreit, rumort und zeugt von Rabatz und Krawall. Das Spiel scheint befreit, hat die Fesseln abgelegt, die Strukturen durchbrochen und gleicht mehr Hard Rock als Improvisation. Zu hören sind nachfolgend die Kompositionen „Warm Voices“ mit sehr dezidiertem Bass, und schließlich „Breathing In“ als Schlussakkord.

Insbesondere die Besetzung des Quintetts mit zwei Bassisten, aber auch die konsequente Durchbrechung von Schemen, das Ausschweifen in Rockmusik, gar Hard Rock, das Melodramatische der Musik, die Dramatisierungen innerhalb der Kompositionen lassen aufhorchen, insbesondere weil diese Musik aus Down Under kommt und ebenso wenig wie der Jazz in Europa gänzlich vom American Way of Jazz aufgesogen wird, geht es doch gegenwärtig um die eigenen Wege im Jazz jenseits von Bop und Modern Jazz. Ob man Andrea Kellers Kompositionen als Fusion bezeichnen kann, sei mal dahingestellt. Eher scheint sich die Musik dem zwanghaften Pressen in Schubladen zu entziehen – welch Glück.

Text © ferdinand dupuis-panther – Der Text ist nicht public commons


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