Aki Rissanen - Jussi Lehtonen Quartet with Dave Liebman

Aki Rissanen - Jussi Lehtonen Quartet with Dave Liebman

A

Ozella Music, OZ058CD

Auf dem sogenannten Waschzettel zum vorliegenden Album - es trägt offensichtlich keinen Titel – ist folgende Information zu finden: „ Ein Telefonat zwischen Dave Liebman und Miles Davis, der Liebman 1972 zu den Aufnahmesessions für sein Album „On the Corner“ einlud, inspirierte Jussi Lehntonen beispielsweise fast vier Jahrzehnte später zu seinem eigenen Stück „In the Corner“, einer Tour de Force aus stilistischen Referenzen. Ähnliche Inspirationen aus der Vergangenheit, glückliche Zufälle und sich ergänzende Kontraste finden sich hier in nahezu jedem Stück.“

Es scheint also, dass im Jazz nicht allein Interaktion wesentlich ist, sondern auch das Bewusstsein von den „Wurzeln des Jazz“, von der bewegten Geschichte dieser Musikgattung. Vier Kompositionen steuerte Aki Rissanen zu diesem während Sessions im April 2013 aufgenommenen Albums bei, vier weitere Jussi Lehtonen und eine schließlich David Liebman. Zudem sind zwei Gemeinschaftswerke auf dem Album verewigt worden, unter anderem “The Gong Song“. Mit diesem Stück endet das Album des finnisch-amerikanischen Quartetts.

Zur Band gehören: Dave Liebman (tenor and soprano sax, wooden flute), Aki Rissanen (piano), Jori Huhtala (bass) und schließlich Jussi Lehtonen (drums). Neugierig fragen wir uns, ob denn die Kompositionen von Aki Rissanen und Jussi Lehtonen von Volksmusik und Sibelius beeinflusst sind oder gar vom finnischen Tango. Kann man Schwermütiges erwarten?

Machen wir die Probe aufs Exempel und hören einfach ins Album hinein: Der erste Titel des Albums scheint die Annahme zu bewahrheiten, dass sich die finnischen Musiker der Band der langen europäischen Musiktradition bewusst sind. „Scriabin“ lautet der Titel der Komposition. Sucht man im Netz nach dem Begriff, so stößt man auf den russischen Komponisten Alexander Nikolayevich Scriabin, der im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert lebte. Unabhängig von Schönberg schuf er atonale und dissonante Tonwerke. Gesagt wird außerdem, dass dieser russische Komponist einen nicht unwesentlichen Einfluss auf Igor Stravinsky, Sergei Prokofiev und Nikolai Roslavets nahm. Rasant ist das Spiel Aki Rissanens auf dem Klavier. Es klingt so, als würde man auf einer wilden Zugfahrt unterwegs sein. Eher für Beruhigung sorgt Dave Liebman, der auf Rissanen zunächst eher bedächtig eingeht und dann auch ein wenig außer Fassung zu geraten scheint. Vor dem Auge des Zuhörers öffnen sich die verschneiten finnischen Winter, durch die ein Schlittengespann saust. Die fahle Sonne fängt sich im Eis eines zugefrorenen Sees, an dem ein Holzhäuschen steht. Das ist Ziel der Fahrt.
„Innere Angelegenheiten“ nannte Lehtonen seine Komposition. Diese ist viel verhaltener als das Eingangsstück des Albums. Beinahe ist man geneigt, beim Klavierspiel Rissanens an Chopin zu denken. Dank Dave Liebmans Tenorsaxofonsequenzen scheint obendrein ein kühler Wind vorbeizuwehen. Finnland im Goldenen Herbst – das könnte eine Assoziation sein. Doch was hat das mit „Inneren Angelegenheiten“ zu tun? Nun ja, Kompositionen und Titel gehen manchmal eine nicht nachvollziehbare Beziehung ein.

Die Komposition „Get over it“ von Rissanen wird ganz wesentlich von der Klangwelt des Saxofons (Dave Liebman) bestimmt. Es scheint, dass sich Liebman mit dem Pianisten Aki Rissanen streckenweise ein musikalisches Duell liefert, bei dem Liebman wohl zumeist die Oberhand behält. Energetisch ist das kaskadierende Spiel von Liebman, getrieben auch durch das nervös gestimmte Schlagwerk, an dem Jori Huhtala mit Bedacht agiert. Wild und losgelöst mutet Liebmans Spiel im folgenden Verlauf an. Überaus flink agiert Aki Rissanen, der auf Liebman dialogisch eingeht und dabei durchaus auch Dramatisches durchscheinen lässt. Über den brummenden Bass echauffiert sich Liebman mit seinem Saxofon, ehe dann der Drummer auch seine Bruchteile von Minuten erhält, um sich vordergründig zu zeigen.

Als Gemeinschaftswerk entstand „Free Ballad“, eine Komposition, die mit einer perkussiven Einleitung daherkommt, in der auch der tieftönende Bass seine Stimme lauthals erhebt. Er scheint so etwas wie der Erzähler aus dem Off zu sein. Sehr lyrisch angehaucht ist das Spiel von Rissanen, der vom Bass begleitet wird. Doch dann ist wieder einmal Dave Liebman als „Kommentator“ zu hören. Dave Liebman komponierte eine „Pastorale“, aber gewiss keine Barockmusik, wie man beim Zuhören konstatieren muss. Typisch für diese Art der Barockmusik sind lange Basstöne – diese sind in der Tat zu finden, folgt man dem, was Aki Rissanen seinen weißen und schwarzen Tasten über weite Strecken entlockt. Von „Schäferspiel“ - auch das ist unter Pastorale zu verstehen – ist jedoch nichts zu entdecken. Liebman spielt in diesem Stück Sopransaxofon. Es drängt sich beim aufmerksamen Zuhören der Eindruck auf, man würde in eine ländliche Idylle irgendwo in Finnland entführt.

Wo bleibt der Gong bei „The Gong Song“ fragt sich der Zuhörer. Schwirrendes Blech, das an- und abschwillt, eröffnet das Stück, aber weder ein Gong-, noch ein Paukenschlag, mit dem wir aus allen Träumen gerissen werden. Oh, singt da nicht eine Anden-Flöte? Nein, es ist keine Panflöte, sondern eine Holzflöte, die Dave Liebman spielt.  Doch irgendwie scheinen uns Melodie und Harmonie des Stücks in die Bergwelt Südamerikas zu entführen, jenseits von „El Condor Pasa“ selbstverständlich. Aber bitte, wo ist der Gong? Er fehlt. Nur warum ist die Frage.

Text © ferdinand dupuis-panther

Informationen

Label
Ozella Music
http://www.ozellamusic.com

Musiker
Aki Rissanen
http://akirissanen.com/

Jussi Lehtonen
http://www.jussilehtonen.net/

Dave Liebman
http://davidliebman.com/home/


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