Ack van Rooyen - 90

Ack van Rooyen - 90

A

Jazzline/Delta Music Media

90 Jahre und kein bisschen leise – das ist der niederländische Flügelhornist Ack van Rooyen, der seit Jahren musikalisch und freundschaftlich mit dem Tenorsaxofonisten der WDR Big Band Paul Heller verbunden ist. Ihm sind auch die Arrangements der überwiegenden Zahl der Stücke des aktuellen Albums zu verdanken. Für das „Geburtstagsständchen“ haben sich neben Paul Heller und dem „Geburtstagskind“ Ack van Rooyen außerdem der Gitarrist Peter Tiehuis, der Pianist Hubert Nuss, der Bassist Ingmar Heller, der u. a. in der NDR Big Band spielt, und der Drummer Hans Dekker eingefunden. Der musikalische Bogen spannt sich von „Canter No.1“, komponiert von van Rooyens langjährigem Freund Kenny Wheeler, über „Papa Can You Hear Me“ (Michel Legrand) und „The Things We Did last Summer“ sowie „The Hague Shuffle“ (Paul Heller) zu „All Of A Sudden My Heart Sings“.

Bei Ack van Rooyen, der unter anderem auch zum legendären United Jazz & Rock Ensemble gehörte und zudem in der Band von Peter Herbolzheimer zu hören war, kann man gewiss sagen: „Spiel mir einen Ton und ich sag dir, dass es Ack van Rooyen“ ist. Sein Ansatz des Spiels, sanft und samten ist sehr charakteristisch. Wärme verbindet sich dabei auch mit einer gewissen Melancholie jenseits eines pathologisch zu nennenden Schwermuts. Ack van Rooyen hat einen besonderen und unverwechselbaren Stil des Flügelhornspiels geschaffen. Er ist im Übrigen nicht mit eigenen Kompositionen in Erscheinung getreten, sodass es nicht wundert, auf der vorliegenden Veröffentlichung auch keine zu finden. Die Arbeit mit Großformationen war und ist van Rooyens Sache, und damit hat er etwas mit seinem verstorbenen Bruder Jerry gemeinsam, der ein Jahrzehnt lang die Geschicke der WDR Big Band bestimmte, in der heute Paul Heller zu hören ist. Mit seinen 90 Jahren bündelt der niederländische Flügelhornist sein musikalisches Leben in folgenden Worten: „Ich habe von all den Leuten, mit denen ich gespielt habe, und spiele, so viel gelernt. Nicht nur über die Musik, auch über das Leben. Ein schöner Lehrgang. Ich habe Glück gehabt.“ Nachzulesen ist dies im Booklet-Text von Karsten Mützelfeldt, der in seinem Text außerdem kurz die Beziehungen van Rooyens zu Wolfgang Dauner, Aimé Barelli oder J. J. Johnson beleuchtet.

Ein sacht gezupfter Bass und ein lyrisch gestimmtes Piano vereinen sich mit der samtenen Stimme des Flügelhorns bei Wheelers Komposition, die am Beginn der Veröffentlichung steht: „Canter No.1“. Sehr gelungen ist das Wechselspiel zwischen Paul Heller und Ack Van Rooyen, die nicht zum ersten Mal ein gemeinsames Album verantworten. Auffallend sind die „Charakterzüge“ von Tenorsaxofon und Flügelhorn. Heller spielt eher den Part des Widersprechenden, Rechthaberischen und des Aufbrausenden, derweil Van Rooyen eher zu besänftigen versucht. Sehr überzeugend agiert auch der Gitarrist Peter Tiehuis in seinen eingewobenen Solos. Dabei ist er mit dem Pianisten in Zweisamkeit verwoben, ehe dann gegen Ende des Stücks Ack Van Rooyen glockenhell und gedämpft seine Stimme erneut erhebt. „D'r Lange Jan“ hat alles, was man von einem Big-Band-Sound erwartet. Dabei strahlt dieses Stück durchaus südamerikanisches Flair aus, allerdings ohne Shakers und Bongos. Beim Hören fühlt man sich hier und da in die 50er und frühen 60er Jahre zurückversetzt, als Tanzkapellen ihre Blütezeit hatten. Nachfolgend steht „Papa Can You Hear Me“ auf dem Programm. Getragen eröffnet der Pianist das Stück, lässt uns perlende Klänge erleben und dann erhebt sich Van Rooyens Samtstimme. In diese fällt dann Paul Heller mit seinem Tenorsaxofon ein. Beide verbleiben in einem gewissen Largo, wenn dieses Stück mit sakralen Anmutungen erklingt. Geschrieben hat es Michel Legrand für Barbara Streisand in der Rolle von „Yentl“. Übrigens, Nina Simone hat diesen Song für ihr Album „A Single Woman“ auch aufgenommen. Auch sie interpretiert den Song als Lamento.

Uptempo kommt „Brush It Up“ daher. Hinzuweisen ist bei diesem Stück auf einen sehr umtriebigen Gitarristen, der uns mit seinen Gitarrenläufen mitreißt. Ebenso bewegt sind in diesem Stück die Tastenkaskaden, die Hubert Nuss zu verdanken sind. Selbst der Bassist erscheint im weiteren Fortgang des Stücks „aufgekratzt“. Bereits diese Hinweise machen deutlich, dass sich Ack van Rooyen nicht als Denkmal begreift, sondern als Teamplayer, der seinen Mitmusikern Freiräume zur Entfaltung gibt. Von einem eher schmerzvollen Abschied kündet Edu Lobos „Pra Dizer Adeus“. Das schlägt sich unter anderem in dem sehr getragenen Spiel Van Rooyens nieder. Im Englischen lauten die Verszeilen u. a.: „Goodbye It's all over now. You been gone before. But this time it´s over. There´s no much to say ...“. Dabei ist die „romantische Note“ des Stücks nicht von der Hand zu weisen, muss man beim Hören an die Poetisierung des Lebens denken, wofür u. a. Novalis und Brentano stehen. Und auch das nachstehende Stück „The Things We Did Last Summer“ ist nicht frei von lyrischer Konnotation, insbesondere wenn man sich der nachstehenden Textzeilen erinnert: „The boatrides we would take / The moonlight on the lake / The way we danced and hummed our favorite song / The things we did last summer ...“. Auf diesen Text müssen wir bei der vorgestellten Instrumentalversion verzichten, aber dafür erleben wir einen beschwingt aufgelegten Ack van Rooyen, der von einem dezent agierenden Drummer und Paul Heller am Tenorsaxofon unterstützt wird. Heller und van Rooyen scheinen dabei wie „Gegensätze“, lässt man den jeweiligen Duktus Revue passieren: Leise und zurückgenommen trifft auf vorwitzig und lautstark. Letztes ist wahrzunehmen, obwohl Heller durchaus um einen sonoren Klangfluss bemüht ist, aber so zurückgenommen wie van Rooyen spielt er eben nicht. Das Saxofon wurde ja eigentlich für Militärkapellen entwickelt und muss sich halt stets Gehör verschaffen, oder? Mit dem Pianisten schwimmen wir in einem abwechslungsreichen perlenden Strom des Klangs. Untermalt wird dies von Hans Dekker mit weich gezeichnetem Blech- und Trommelspiel. Abschließend noch ein Wort zu Paul Hellers „The Hague Shuffle“, mit der wir auch ein wenig in die Welt von New Orleans Jazz abtauchen, oder? Aufgenommen hatten Heller und Van Rooyen diesen Titel bereits für ihre Veröffentlichung „Live & In Studio“. Alle, die Mainstream Jazz schätzen – dabei ist der Begriff nicht diskreditierend gemeint –, sollten sich dieses Album zulegen und ein wenig mitswingen und mit der Fußspitze wippen!

© ferdinand dupuis-panther





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