Von Ding Dong bis Ping Pong und mehr: das Silke Eberhard Trio Being, Black Box, 26. März 2017


Nein, einen Vorhang konnte man nicht öffnen, denn einen klassischen Bühnenraum mit Vorhang gibt es in der Schwarzen Kiste nicht. Musiker und Zuhörer begegnen sich auf einer Ebene. Zahlreich, sehr zahlreich waren sie wieder einmal in die Black Box gekommen, die Freunde der gepflegten zeitgenössischen Musik. Vorgestellt wurde im Rahmen der Reihe Bandleaderinnen das besagte Trio von der aus Heidenheim gebürtigen, aber längst in Berlin heimisch gewordenen Altsaxofonistin und Klarinettistin Silke Eberhard. In die Saiten des Tieftöners griff an diesem Abend Jan Roder und mit Hi-Hat, Toms und Snare befasste sich schlagsicher Kay Lübke.

In der Vorankündigung zum Konzert waren folgende Zeilen zu lesen: „Die Berliner Saxofonistin hat ihr Trio Being mit einer klassischen Rhythmusgruppe besetzt – dennoch schlägt das Ensemble ungewohnte Töne an. Mit leichter Hand skizzieren die drei einen aufgeklärt modernen Jazz, der die Intuition und Intensität kreativer Improvisation in kluge Arrangements einbettet und mit der Finesse eines harmonisch und rhythmisch geerdeten Post-Bebop verwebt.“ (Christoph Wagner) Nun ja, bei der Einordnung dessen, was zu hören war, kann man sich gewiss streiten. Angesichts der Faszination für Eric Dolphy und Charles Mingus, die Silke Eberhards ganz und gar nicht verschweigt, könnte man auch zu anderen Schlüssen kommen.


Der Abend konzentrierte sich auf die Eigenkompositionen der Bandleaderin, die es stets verstand, der Triade ein gemeinsames Klangbild und ihren Musikern Raum der Entfaltung zu verschaffen. Nein, eine Ausnahme gab es als Eric Doplphys „Miss Ann“ vorgetragen wurde. Spätestens dabei wurde klar, dass die Musik Dolphys, die wohl eher im Free Jazz verwurzelt ist, auch wenn es Bebop-Konnotationen gibt, nicht ganz ohne Einfluss auf die des Trios geblieben ist. Auch in der Komposition, die sich mit den beiden Hunden Strelka und Belka befasste, die im Rahmen des Raumfahrtprogramms in das Weltall geschossen wurden, verbarg sich, wie Silke Eberhard im Vorgespräch andeutete ein Dolphy Titel, nämlich „The Prophet“. Übrigens verbrachten die beiden Hunde am 19. August 1960 in Sputnik 5 einen Tag, wobei sie die Erde umkreisten. Nicht nur Silke Eberhard hat mit ihrer Komposition diesen „Raumfahrtpionieren“ ein Denkmal gesetzt, sondern auch der Animationsfilm „Space Dogs“ tut das. Wer glaubte, Sphärenklänge wären essenziell für eine derartige Komposition, der musste sich eines besseren belehren lassen.


Zum Programm gehörten auch Kompositionen wie die „Willisau Suite“, die beinahe 20 Minuten umfasst, aber auch „Versteckter Kitsch“ und „In Drei“. Begonnen wurde jedoch mit „Ding Dong“. Das klingt vom Titel her nach dem Schlag einer alten Standuhr oder einer Kirchturmuhr. Doch zunächst einmal agierte Jan Roder am akustischen, nicht-verstärkten Bass. Dazu gesellten sich einige markante Wirbel, die Kay Lübke zu verdanken waren, ehe dann Silke Eberhard das Wort hatte. Der Bassist ließ sich nicht beirren und folgte seinem Klangschema, das sehr entfernt an einen dumpfen Glockenschlag erinnerte. Silke Eberhard agierte am Saxofon eher so, als debattiere sie, verwerfe Vorschläge, stachele auf, gebe Widerworte, führe Selbstgespräche und zeige schließlich ihre Sprunghaftigkeit. Die Dominanz des Atemrohrs hielt während des gesamten Stücks an. Auf- und abflauend, aber stets präsent war das Altsaxofon, wenn auch nicht marktschreierisch aufdringlich, aber eben unüberhörbar gegenüber dem Bass, der sich eher hintergründig rührte. Für einen Tempowechsel sorgte während des Spiels Kay Lübke. Er ließ die Sticks vornehmlich zwischen Snare und Hi-Hat tanzen. Ingesamt war der Höreindruck eher der von Unruhe und Alarm und weniger von sonorem Glockenschlag.


Nein, die Bandleaderin komponierte nicht eine Miniature, sondern eine „Miniatür“. Dabei traf anfänglich die gewischte Snare auf den gemächlich agierenden Bass. Doch mit dieser „Idylle“ war spätestens dann Schluss, als Silke Eberhard ihr Reed zum Klingen brachte. Insgesamt schien die Komposition im Vergleich mit „Ding Dong“ aber weniger aufgeregt ausgerichtet. Doch von den Formen gab es schon Ähnlichkeit, sprich geschlossene und offene Strukturen waren ineinander verwoben. Sprunghaftigkeit gehörte zu dieser Struktur. Jan Roder verharrte nicht am Hals seines Tieftöners, sondern ließ seine Linke auch über die Saitenabschnitte des Kontrabassbauchs gleiten. Auffällig war der sehr energetische Spielansatz, bei dem die Saiten schwirrten, schwangen und surrten. Bei solistischen Einlagen summte der Bassist mit, begleitete also seine eigenen Spielbewegungen, sodass noch ein weiteres Klangelement im Raum zu hören war. Derweil wischte der Schlagzeuger Kay Lübke die Felle, teilweise klanglich kaum wahrnehmbar. Doch spätestens mit dem Einsatz des Saxofons war es mit der scheinbaren Beschaulichkeit vorbei. Fanfarenklang und Fanale wurden gesetzt. Die „Altstimme“ überschlug sich beinahe, war im „Stakkato“ präsent. Nach einer kurzen Auswallung folgte ein „Crescendo“´beinahe am Schluss der Komposition.

Überaus temporeich ging es bei „Miss Ann“ zu. Zugleich spürten die Zuhörer die Aufgeladenheit, beinahe auch eine gewisse Nervosität. Dazu passte das Bild eines außer Kontrolle geratenen LKW, der sich ohne Tempoverlust auf einer Serpentine talwärts bewegt. Zugleich aber konnte man sich auch eine Windhose vorstellen, die sich mit hoher Geschwindigkeit nähert. Getümmel, Aufruhr und Tumult evozierte die Musik im Kopf der Zuhörer obendrein. Nicht ohne Einfluss auf dieses Hörbild war das Schlagzeugsolo von Kay Lübke.


Wenn auch beim Stück „Strelka und Belka“ kein elektronischer Sphärenklang einbettet war, so verfolgten wir dennoch eine Reise ins All. Anfänglich klang das Stück nach Turbulenzen. Doch die All-Exkursion gelangte auch in ruhigere Fahrwasser. Schlegel pochten auf Felle und Bleche. Dazu vermeinte man gar, dass das Saxofon sich in einen balladenhaften Modus begab. Gestrichen wurde der Bass, teilweise auch dessen Steg. Schließlich wurde noch ein wenig Wehklage beigemischt, ehe dann „Kanon“ erklang und Silke Eberhard zu ihrer Klarinette griff.

Abschließend noch ein paar Zeilen zu „Ping Pong“. Wer da nicht an das Spiel mit dem kleinen, 2,7 g schweren Zelluloidball dachte, der war wohl nicht ganz aufmerksam bei der Sache. Insbesondere der Dialog von Saxofon und Bass klang wie ein Schmetterball, der abgewehrt und mit einem weiteren derartigen Schlag beantwortet wurde. Jeder Aufprall auf der Platte wurde eingefangen, welcher Schlag auch immer zum Ansatz kam, ob Kantenball oder hoher Loop. Zwischenzeitlich dramatisierte sich das Spiel. Stets hatte man, um im Bild zu bleiben, das Gefühl, dass die drei Musiker auf der Höhe des Balles waren, ohne dass ein schematisches Pling-Plong entstand. Was aber der knarzende und knurrende Bass bei diesem Spiel eigentlich ausdrücken wollte, blieb im Verborgenen. Irgendwann war das Match gespielt und damit auch das musikalische Klangerlebnis, das uns Being bescherte, zu Ende.


Einen weiteren sehr gelungenen Abend im Rahmen der Reihe Bandleaderinnen erlebten diejenigen, die gekommen waren. Für die, die den Weg in die Black Box nicht gefunden hatten, sei an dieser Stelle vermerkt, dass im Juni beim Schweizer Label Intakt das neue Album des Trios erscheinen wird. Solange muss man sich allerdings dann gedulden. Doch die Reihe Bandleaderinnen hat noch weitere Musikerinnen im Programm, die es zu hören lohnt, angefangen beim Ute Völker-Udo Schindler-Duo bis hin zu Superimpose & Sofia Jernberg.

Text und photos: © ferdinand dupuis-panther


Informationen


Silke Eberhard
https://silkeeberhard.com/





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