Tony Malaby’s Tubacello: De Werf Brugge, 09-02-2016


(c) Willy Schuyten

Ein Dienstagabend in Brügge – Tony Malaby am Tenor- und Sopransaxofon, Bob Stewart an der Tuba und Christopher Hofman am Cello auf der Bühne des gut besuchten Kulturzentrums De Werf. Unter den Besuchern war auch der Berichterstatter, der erstmals ein Konzert in De Werf erleben konnte. Es hatte den Anschein, als hätten diejenigen ihren Weg in dieses seit über drei Jahrzehnten existierende Zentrum für Jazz und Podiumskunst gefunden, denen wirklich an Jazz der Gegenwart gelegen war, schließlich war es ein gewöhnlicher Wochentag. Unter den Gästen war auch der Perkussionist Chris Joris, der vor Jahren mit Bob Stewart für das Label Jazz'halo und De Werf das Album „Rainbow Country“ eingespielt hatte. Auf diese Einspielung verwies Willy Schuyten in der Anmoderation des Konzerts.

Strukturiert und doch frei

In meinem Vorgespräch mit Tony Malaby wies der in New York lebende Musiker darauf hin, dass seine Musik strukturiert sei und eben nicht Free Jazz oder freie Improvisation pur. Das sollte sich beim Konzert durchaus bewahrheiten. Gespielt wurde ein Set, zu dem am Ende noch eine Zugabe hinzukam. Aufgemacht wurde mit „Warblepeck“ und am Ende hörten wir „Beaded Braid“.

Stets war Tony Malaby bemüht, wenigstens ein bis zwei Sätze zu den Kompositionen zu verlieren, auch kleine Geschichten von sich zu geben. Das ist vielfach bei Konzerten eher die Ausnahme. Eine Vielzahl von Jazz-Musikern ist der Meinung, die Musik spreche für sich. Tony Malaby war da anderer Auffassung – und das war auch gut so. Ohne seine Zwischentexte hätten die Anwesenden nie erfahren, dass die ersten drei Stücke gleichsam als eine Art Suite, wenn auch nicht im Wortsinn, präsentiert wurden. Tony Malaby sprach von einem musikalischen Sandwich. Für meine Begriffe war es eher eine Mousetrap – so nennt man in Down Under ein sehr dickes Sandwich, für dessen Verzehr man seinen Mund weit aufsperren muss.

Nicht die Münder, aber die Ohren der Zuhörer waren weit aufgesperrt. Keine Smartphones blitzten auf. Es wurde intensiv zugehört. Die kleine „Suite“ endete mit dem Titel „Trout Shot“, zu dessen Entstehung Tony Malaby auch etwas zu erzählen hatte – dazu aber später mehr. Nach dem „March for Izumi“ sowie „Picacho“ – das klingt beinahe wie Pizzicato – und „Loretto“ folgte dann das letzte Stück des Konzerts. Darin bezog sich Malaby auf ein frühes Drehbuch von Quentin Tarantino, in dem ein Zuhälter mit einem blauen und einem grünen Auge eine Hauptrolle spielt. Dieser besagte Zuhälter hatte sich seine Haare zu einem wulstigen Zopf gebunden, so auch der Titel des Songs.

Annäherungen ans Trillern

Versucht man eine Annäherung an den Songtitel „Warblepeck“, dann kommt man unter anderem auf die Modulation einer Tonfrequenz, aber auch auf das Trillern eines Vogels – das steht für Warble. Der zweite Wortteil dieser Wortcollage – in diesem Fall „peck“ – steht für picken und hacken. Man denke an „Woodpecker“, also Specht. Tony Malaby machte deutlich, dass er diesen Songtitel selbst erfunden habe. Es lag durchaus nahe, ob man denn das Trällern und Picken entdecken konnte oder nicht. Also aufgepasst!

Kinderreime, Hopsespiel – oder was?

Der Berichterstatter räumt an dieser Stelle ein, dass er beim anfänglichen Zuhören eher an die Vertonung von Kinderreimen und an ein Hopsespiel denken musste. Dabei gab das Saxofon den maßgeblichen Ton an, derweil das Cello unter den Fingern von Christopher Hofman zeitweilig wie eine gut aufgelegte Gitarre klang. Ganz rhythmisch orientiert war Bob Stewart mit seiner Tuba. Zugleich vermisste man den in einem Trio sonst üblichen Kontrabass nicht. Tieftönig gefärbt ist die Tuba ja ohnehin.

Kurzzeitig verwandelte sich das Cello auch in eine Bratsche. War das nun ein vertontes Versteckspiel, das wir hörten? Irgendwann konnte man durchaus auch an Kompositionen von Kurt Weill denken. Dazu gab es noch eine Gewürzmischung „Modern Jazz“. Stets stand der Sinn für die Melodie im Vordergrund, ohne nun in jeder Phase dem Lyrischen den Vorrang einzuräumen. Im weiteren Verlauf drängte sich dem Berichterstatter eine Filmsequenz auf. Jeder kennt die Filmszene aus Sergei Michailowitsch Eisensteins Film „Panzerkreuzer Potemkin“ mit der legendären Treppe von Odessa, oder?

Endlich ein Trillern, aber auch urbanes Chaos

Dann endlich vernahm man das lange erwartete Trillern und eine brummige Tuba, die kommentierend wirkte. Das Cello verwandelte sich nachfolgend in einen Bass. Über all dem schwebte die Stimme des Saxofons, der menschlichen Stimme sehr verwandt.
Urbane Dramatik entwickelte sich Zug um Zug. Man schien quietschende Reifen, Hupen, Stop and Go, Menschen in Aufzügen und auf Rolltreppen vor Augen zu haben. Die Klappen des Saxofons waren deutlich hörbar, ehe man dann bei den nächsten Tönen an Schiffssirenen erinnert wurde. Ein ganz bizarrer Kosmos schien sich musikalisch aufzutun.

Fragmentiert tauchte das Anfangsthema wieder auf. Wurde da eine Schiffsstrandung musikalisch eingefangen oder eine dramatische Krimiszene? Hm, war da nicht auch das Schreien von Wildgänsen im Formationsflug zu vernehmen? Unterdessen ließ Bob Stewart Wolken aufziehen und den Wind aufbrausen. Zum Schluss schienen dann alle Instrumente in einem großen musikalischem Palaver vereint.


(c) Willy Schuyten

Im Nachgang erzählte Tony Malaby, dass der erste Teil des dreiteiligen Stücks, die Gefährlichkeit von Vögeln musikalisch umgesetzt habe. Irgendwie musste man automatisch an „Die Vögel“ von Alfred Hitchcock denken. Der letzte Teil der „Suite“ bezog sich auf einen Besuch einer sehr mehrwürdigen Bar in North New Jersey. Hier habe er Hinweisschilder gefunden, auf denen u. a. vor dem Verzehr von Bierdeckeln gewarnt wurde. Man habe ihm dort auch eine gefrorene Regenbogenforelle angeboten, die mit Whiskey gefüllt wurde, daher rührt „Trout Shot“ als Titel der Komposition Malabys.

March for Izumi

Beim „March for Izumi“ klang das Saxofon anfänglich so wie eine japanische Bambusflöte. Mit Hall unterlegt war das Cello, das zu einer Art Lamento ansetzte. Im Verlauf des Stücks änderte sich dessen Charakter und erhielt fröhlich-beschwingte Einfärbungen. Dazu konnte man sich tanzende Kinder auf einer Blumenwiese vorstellen, die Jagen und Fangen spielen. Dass sich das Cello in der Art, wie es von Christopher Hofman gezupft wurde, auch in die Nähe einer chinesischen Wölbzither bewegte, war wohl beabsichtigt. Ein besonderer Hinhörer war auch das, was Bob Stewart an der Tuba solistisch präsentierte. Dabei schien der kirchliche Posaunenchor durchaus beim Konzert anwesend zu sein, oder?


(c) Willy Schuyten

Wahre Liebe und mehr

Zum Schluss, nein nicht ganz, denn es gab ja eine Zugabe, hörten wir dann die Geschichte einer „wahren Liebe“, so der Filmtitel, der auf einem Drehbuch Tarantinos basiert: Der Film handelt von einem frisch verheirateten jungen Paar (Clarence und Alabama), das per Zufall einen Koffer mit Kokain erbeutet und es verkaufen möchte. Dabei werden sie sowohl von der Polizei als auch von der Mafia verfolgt.

Der Klang des Sopransaxofons, dem Tony Malaby den Vorzug vor dem Tenorsaxofon gegeben hatte, mischte sich mit dem des Cellos, das ein wenig den Sound eines Synthesizer zu imitieren versuchte. Die Tuba verwandelte sich derweil in den Händen von Bob Stewart zu einem Lautrohr mit ins Mundstück gesprochenen Wortfragmenten. Dramatische Passagen gingen in lyrische Sequenzen über. Regen tropfte hernieder – dank sei dem Cello – und Nebelschwaden zogen auf – dank an Bob Stewart. Tony Malaby seinerseits sorgte für einen kurzen Wolkenbruch. Und dann gab es den Schlusspunkt für dieses denkwürdige Konzert bei Aprilwetter in Brügge.

Text: © ferdinand dupuis-panther
Photos: © ferdinand dupuis-panther & Willy Schuyten

Informationen

Tony Malaby
http://www.tonymalaby.net
Audio
https://play.spotify.com/track/2i03pHjRfT6Vjqgfhee2hz?play=true&utm_source=open.spotify.com&utm_medium=open

Bob Stewart
http://www.bobstewartuba.com/#home

Christopher Hofman
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Venue
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