Spirit of Moondog - zum 100. Geburtstag von Moondog, Black Box Münster 29.5.2016

Spirit of Moondog – das klingt eher nach New Age oder Nu Jazz, oder? Das 2009 gegründete, gleichnamige Ensemble widmet sich ausschließlich dem Œuvre des 1999 verstorbenen und in Münster begrabenen Komponisten Moondog. Doch wer verbirgt sich hinter diesem Namen? Es ist der US-amerikanische Komponist Louis Hardin, der als Jugendlicher erblindete und seither in der Welt der Dunkelheit leben musste. Das hinderte ihn nicht daran, Musik zu studieren und Kompositionen in Brailleschrift zu Papier zu bringen. Die so typischen Beschäftigungen für Blinde wie das Korbflechten lehnte er für sich komplett ab. Lieber stand er drei Jahrzehnte an einer Straßenecke New Yorks und trug seine Musik vor. Für seine Liebe zur Musik, die er am Big Apple zum Besten gab, verließ Hardin Marysville im Bundesstaat Kansas, wo er geboren wurde und aufgewachsen war. Er verließ aber auch ein streng religiöses Elternhaus: Hardins Vater war evangelikaler Wanderprediger, der in den Indianerreservaten missionierte.

Der Kontrapunkt

Johann Sebastian Bach, aber auch andere Komponisten des Barock scheinen ganz wesentlich zur Kompositionsweise von Moondog beigetragen zu haben: Dabei steht das musikalische Prinzip des Kontrapunkts im Mittelpunkt. Zudem bevorzugte Moondog, der sich stets dagegen verwahrte, seine Kompositionen als Jazz zu bezeichnen, sehr häufig ungerade Metren wie ein 5/4- oder 7/4-Takt. In diesen ungeraden Metren zeigt sich dann eher eine Beziehung zum Jazz. Jazz muss ihm im Übrigen nicht fremd gewesen sein, denn sonst hätte er wohl kaum zwei Stücke komponiert, die sich auf Charlie "Bird" Parker und Lester Young beziehen. Ein O-Ton von Hardin in diesem Kontext: "Ich bin irgendwie ein Außenseiter. Die klassische Musik nennt mich einen der ihren. So wie auch der Jazz. Dabei gehöre ich zu keinem von beiden. Aber meine Werke haben Elemente, die in beide Richtungen gehen.”

Moondog?

Der Name Moondog für den Mann mit schlohweißem langen Bart in Wikingerkostümierung – in dieser Aufmachung spielte er seine Musik, sang seine Lieder, trommelte und verkaufte seine Gedichte – ist Hardins Blindenhund geschuldet, der den Mond anzubellen pflegte. Die Hinwendung zu den Wikingern, zu dem alten nordischen Glauben um die Götter Odin und Thor, war aus Sicht Hardins ein Gegenentwurf zum Christentum, das ihm sein Vater von Kindesbeinen wohl auch wortwörtlich eingebläut hatte.

Im Geiste von Moondog

Zum Ensemble Spirit of Moondog, das sich der Musik Moondogs eng verbunden weiß, gehören: Jürgen Bebenroth (Sopran-, Alt-Saxofon), Dietmar Schmahl (Sopran-, Tenor-, Bass-Saxofon), Olivia Alam (Alt-Saxofon), Norbert Geis (Tenor-Saxofon), Andreas Lensing (Bariton-Saxofon) und Stefan Lakatos (Trimba). Letzterer ist in Stockholm wie in Bochum Zuhause und trotz seines ungarisch klingenden Namens ein gebürtiger Schwede. Er ist der Spiritus Rector von Spirit Of Moondog und sorgt an der Trimba für das Timing. Mit diesem Schlagwerkinstrument lenkt er, ohne Handzeichen oder einen Dirigentenstab zu nutzen, den tonalen Fluss des Vortrags, ob bei den Kanons, die Moondog komponierte, oder aber bei Madrigalen. Fünf Saxofone, zeitweilig beim Vortrag auch wie Alt- und Sopran sowie Tenorsaxofone gedoppelt, bilden einen gewaltigen konzertanten Klangkörper. Nur hier und da gibt es, hört man der Musik aufmerksam zu, Anmutungen an die Bläsersätze von Chicago oder Blood, Sweet and Tears. Sakrales ist ebenso Teil des Werks wie auch Orchestrales, zum Beispiel Suiten. Zudem schwingt in einigen Passagen diverser Kompositionen die Musik vom Broadway mit, so hat es den Anschein.

Trimba oder was?

Trimba? Was ist das denn? Das ist ein von Moondog konzipiertes Schlagwerk aus zwei Dreiecksprismen bestehend, auf die mit einem Klangstab und mit Rasseln eingeschlagen wird. Bisweilen sind auch die Finger mit im Spiel, um die Trimba beinahe wie eine Conga klingen zu lassen.

Ein Konzert zum 100. Geburtstag

Eigentlich begeht man in diesem Jahr schon den 101. Geburttags Moondogs. Dieser sah nämlich den Tag der Geburt bereits als seinen 1. Geburtstag an. So erläuterte es Stefan Lakatos, der beim Konzert auf einem Podium vor der Trimba saß. Derweil hatten sich die fünf Saxofonisten im Halbkreis um ihn geschart. Die Trimba bildet also den Mittelpunkt. Neben dem Klangholz in der Linken hatte sich Lakatos auch einen Glockenkranz ums rechte Handgelenk gebunden, das er hin und wieder auch abnahm, um damit direkt auf die Trimba zu schlagen. In der Rechten hielt er eine Rassel, mit dem er auf das „Fell“ der Trimba schlug. Ab und an dämpfte er die Rassel mit einem übergezogenen Strumpf.

Stefan Lakatos, so verriet es mir der Perkussionist vor dem Konzert, war bereits im Alter von 13 Jahren von der Musik Moondogs „infiziert“ worden. Seither ließ ihn diese Musik nicht los. Er bemühte sich lange Zeit, mit Louis Hardin in Kontakt zu treten. Dabei geholfen hatten zwei Alben, auf denen auch eine Telefonnummer vermerkt war. Schließlich kam es in den 1980er Jahren zur persönlichen Begegnung, als er darum ging, für das schwedische Radio ein Interview mit Moondog zu führen. Vier Stunden dauerte dies, so Stefan Lakatos im Gespräch. Zu jener Zeit lebte Moondog bereits in Deutschland und war als Straßenmusiker in Hamburg ebenso wie in Recklinghausen zu hören. Nach diesem Interview war es nur eine Frage der Zeit, bis Lakatos dann auch mit Moondog auftrat und seither als sein Schüler angesehen wird.

Auf den Kanon kommt es an

Bereits beim ersten Stück, das in der bis zum letzten Platz voll besetzten Black Box zu hören war, war die Struktur des Kanons wahrzunehmen, in diesem Fall ein Zwei-auf-Zwei-Kanon. Kreisend ist vielleicht das geeignete Adjektiv, um den Spielfluss zu beschreiben, in dessen Mittelpunkt der Schlag der Rassel und des Klangholzes stand. Zu hören war ein Wechsel von einem scheinbaren Tutti zu den jeweiligen Saxofonen. Das Baritonsaxofon übergab den Staffelstab an das Tenorsaxofon. Nachfolgend waren dann das Sopran- und das Altsaxofon zu vernehmen, schließlich auch zwei Tenorsaxofone, da Dieter Schmahl im Rahmen des Konzerts neben seinem Basssaxofon auch Tenor- und Sopransaxofon spielte. Dass dabei zeitweilig das Sopransaxofon sich vordergründiger zeigte, war auch nicht zu überhören. Eingestreut wurde obendrein ein Schlagwerksolo von Stefan Lakatos. Insgesamt konnte man den Eindruck eines musikalischen Dialogs ohne Dissonanzen gewinnen. Ob der Titel der Komposition „Dog Trot“, also Hundetrab, so passend war, sei mal dahingestellt.

Anschließend stand dann die „Tout suite 4“ auf dem Programm, die in der Mitte der 1980er Jahre entstanden war und einem vierteiligen Kanon entspricht. Stefan Lakatos verwies bei einer Zwischenansage darauf, dass nach Noten gespielt werde, auch wenn es sich nach Improvisation anhöre. Einige Leute würden, so Lakatos, sagen, es sei Jazz. Nein, es ist es nicht, es ist Moondog.

Einem Weckruf glich das, was das Sopransaxofon gespielt von Jürgen Bebenroth von sich gab. In dessen Spielfluss griff dann Dietmar Schmahl mit seinem Sopransaxofon ein, ehe es dann am Altsaxofon von Olivia Alam war, sich auch lauthals zu äußern. Im weiteren Verlauf des Stücks erinnerten die Harmonieschemen und der Melodiefluss an die Musik der Bandas auf Malta, ohne in eine Art Marschmusik zu verfallen.

Eher höfische Musik meinte man zu hören, als „Seeds of Immortality“ erklang. Man konnte sich einen Reigen tanzende Paare am Hofe Elisabeth von England vorstellen. Auch als Musik für einen Mantel-und-Degen-Film schien mir das Gehörte denkbar. Zwischenzeitlich drängte sich auch hier und da sakrale Musik auf. Doch noch etwas anderes steckt in dieser Komposition: Der Komponist lebt zwar nicht, aber seine musikalische Saat geht immer wieder auf, jedes Mal, wenn seine Musik gespielt wird. So auch an dem Abend in der Black Box.

An das Pfeifen eines Wasserkessel sollte man sich bei „Mother's Whistler“ denken, so Stefan Lakatos. Doch Kunstinteressierte konnten den Titel auch als Anspielung auf das Porträt der Mutter verstehen, das der englische Künstler James McNeill Whistler im Jahr 1871 gemalt hat. Doch dank der vorherigen Ansage wartete wohl jeder auf den pfeifenden Kessel und hörte weniger auf Ostinato und 5/4 Takte; ganz zu schweigen davon, dass man kein klassisches Porträt in Öl im Kopf hatte. Ein wenig gesetzt kam das Stück daher und am Ende „lieferte“ dann Jürgen Bebenroth auf dem Sopransaxofon auch den erwarteten Pfiff. Dieser war zugleich der „Schlussakkord“ des dargebotenen Stücks.

Wichtig an diesem Konzert waren die eingestreuten Kommentare von Stefan Lakatos, der stets auf den Punkt brachte, was an Moondogs Musik so außergewöhnlich ist. Ungerade Takte, die man eher aus orientalischer als europäischer Musik kennt, hatten es Moondog angetan, so auch 5/4 oder 7/4. Selbst bei Vokalkompositionen komponierte Moondog erst die Melodie, anschließen überlegte er sich dann die Verse. Schätzungsweise so an die 500 bis 600 Songs stammen aus der Feder Moondogs. Vielleicht seien es, so Lakatos, noch mehr, denn das gesamte in Braille geschriebene Werk sei noch längst nicht entdeckt worden.

Den Bezug den Moondog zur nordischen Mythologie besaß, erlebten die sehr zahlreich Erschienenen auch noch vor der Pause. „Thor“ wurde von Stefan Lakatos besungen. Dabei zeigte sich in der Lyrik auch die spezifische Vorstellung vom Kosmos aus nordischer Sicht. Am Ende des ersten Sets demonstrierte Stefan Lakatos in einem Solo die Vielfalt der Klangstrukturen, die man einer Trimba entlocken kann.

Eröffnet wurde der zweite Teil des Konzerts mit einer Suite, von der allerdings der dritte Satz bisher nicht aufgespürt werden konnte. Vielleicht hatte Moondog diesen Satz aber auch noch gar nicht komponiert. So bediente sich das Ensemble bei einer weiteren Suite und fügte deren sehr passenden 3.Satz hinzu. Wer die Augen schloss, der vernahm Hüpfen und Springen, flotte Schritte, ausgelassen tobende Kinder.

Zwei Kompositionen im zweiten Konzertteil befassten sich Jazz respektive mit den Jazzmusikern Lester Young, nämlich „Present for the Prez“, und Charlie „Bird“ Parker, für den „Bird's Lament“ geschrieben wurde. Parker hatte Hardin in den 1940er Jahren ebenso getroffen wie Benny Goodman. Wer denn aber nun meinte, Hardin hätte Swing und Bop in seine Kompositionen eingewebt, der musste sich eines Besseren belehren lassen. Um das Kontrapunktische kamen auch diese Kompositionen nicht herum.

Was bleibt als Höreindruck: Es bleibt der Eindruck von Frische, von fließenden, beinahe kaskadieren Klangfolgen. Es bleibt der Kanon als Grundmuster und die Stimmgewalt der Saxofone, für mich eh Instrumente, die der menschlichen Stimme nahekommen und diese durch den gebogenen Trichter nur verstärken.

Zum Hören für alle, die dieses hochklassige Konzert verpasst haben: Spirit of Moondog: Seeds Of Immortality, Eigenproduktion und über die unten genannte Homepage von Spirit for Moondog zu beziehen.

Text und Fotos: © ferdinand dupuis-panther

Informationen

Spirit Of Moondog
http://spiritofmoondog.de/
http://spiritofmoondog.de/moondog/

Moondog
http://www.moondogscorner.de
https://de.wikipedia.org/wiki/Moondog

Weitere Konzerttipps

Sa. 30.07.16-20:00 h
SUDDEN CRICKET
Para Dise (D) & Shane Latimer (IRL) / Julius Gabriel – Saxophon & Elektronik und Shane Latimer – E-Gitarre
Informationen
http://www.juliusgabriel.yolasite.com

Fr. 30.09.16-20:00 h
JazzToday
Maas-Kracht-Hengst+Renken
Oliver Maas – Fender
Hartmut Kracht – Bassgitarre
Patrick Hengst – Schlagzeug
John Dennis Renken – Trompete
Informationen
http://www.olivermaas-musik.de

Do. 13.10.16-20:00 h
JazzToday
Manuel Mengis – Le Pot
Manuel Mengis, – Tompete, Elektronik
Hans-Peter Pfammatter –Synthesizer, Klavier
Manuel Troller – Gitarre
Lionel Friedli – Schlagzeug
Informationen
http://www.le-pot.com

Sa. 19.11.16-20:00 h
JazzToday
Andreas Willers 7tett
Benjamin Weidekamp – Altsaxophon
Matthias Schubert – Tenorsaxophon
Tom Arthurs –Trompete
Jörg Huke – Posaune
Andreas Willers – Gitarre, Komposition
Meinrad Kneer – Kontrabass
Christian Marien – Schlagzeug
Informationen
http://www.andreaswillers.de


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