Platzhirsch-Festival in Duisburg: Das Tieftonorchester ließ der Musik freien Lauf

Um es vorwegzunehmen, ohne ehrenamtliche Mitarbeiter wäre ein Auftritt eines Ensembles wie dem Tieftonorchester gar nicht möglich gewesen. Der ständig unterfinanzierte Kulturbetrieb hat einfach nicht die Ressourcen. Zehn ehrenamtliche Mitarbeiter haben ein Festival organisiert, das an 23 „Spielstätten“ rund um den Dellplatz stattfand. Hier zeigte sich Duisburg mal jenseits der gängigen Schlagzeilen des Prekären, des Niedergangs, des sozialen Elends und der Nachwehen der Love-Parade, die bis heute nicht bewältigt und aufgearbeitet ist.

Man muss mit Fug und Recht sagen, dass das Platzhirsch-Festival, in dessen Rahmen in der St.-Joseph-Kirche das Tieftonorchester auftrat, ein positives Zeichen für die Kultur in Duisburg gesetzt hat. Auf dem Dellplatz wurde Musik unterschiedlicher Stilrichtungen ebenso geboten wie in Cafés und Galerien rund um den Platz.

Die Begegnung mit zwölf Musikern aus fünf Städten und mit über 20 verschiedenen Instrumenten in der St. Joseph-Kirche war sicherlich einer der Höhepunkte, wenn man denn neue Musik, Improvisation und Free Jazz mochte. Experimentell ging es in der St.-Joseph-Kirche zu, als ein Subkontrabass-Blockflötist auf einen klassischen Fagottisten und Experimental-Elektroniker traf. Auch die Kirchenorgel ließ ihre tiefgründigen Seiten zum Vorschein kommen. Auf dem Programm standen neben Ornette Coleman und Cream re-arranged, auch Kompositionen des Tubisten und Kontrabassisten Alex Morsey, der die Seele des Ensembles ist!

Dieses bestand aus: Federico Aluffi (Fagott, Kontrafagott), Christoph Berndt (Basssaxofon), Jens Düppe (Schlagzeug, Percussion), Stephan Froleyks (Tuba), Michael Heupel (tiefe Querflöten), Alexander Morsey (Kontrabass, Tuba, Sousafon, Leitung), Joscha Oetz (Kontrabass), Tobias Reisige (Bassklarinette, tiefe Blockflöten), Simon Rummel (Kirchenorgel, Tasteninstrument), Florian Walter (Bassklarinette, Kontrabassklarinette, Baritonsaxofon), Stefan Werni, (Kontrabass) sowie Achim Zepezauer (Electronics, Percussion).

Bevor das Ensemble zu hören war, gab es noch ein öffentliches Symposium, bei dem sich einzelneMusiker im Solo vorstellten und zu Duos und Trios zusammenfanden. Dieses war zwar weniger gut besucht, aber eröffnete die Chance, mit den beteiligten Musikern ins Gespräch zu kommen. Eine solche Veranstaltung scheint dringend geboten, denn nur wer neue Musik, Improvisation und Free Jazz versteht, kann diese Musik auch schätzen. Dabei war die Herangehensweise an das Thema durch den Moderator Alex Morsey sehr gut gewählt.

Ein Blockflötentrio, aber eben kein gewöhnliches, eröffnete den Nachmittag und griff dabei zunächst auf Musik der Renaissance zurück. So gab es unter anderem einige Stücke aus der Feder Henry VIII. zu hören, die man sich auch gut als Untermalung eines Mantel- und Degen-Films vorstellen konnt. Gespielt wurde auf Nachbauten von Bass- und Großbassflöten, aber auch auf sogenannten Paetzoldflöten, die ein wenig wie aus einem IKEA-Bastelkasten ausschauen und die an die Gestalt von Orgelpfeifen erinnern. Das Ensemble „The Kites“ bestehend aus Simone Kipar, Rosemarie Vollmer und Tobias Reisige unterstrich aber auch bei Dave Hollands „Conference of the birds“, dass Jazz auch auf Blockflöten spielbar ist. Das ist sicherlich ungewöhnlich, aber das Schnattern, Trillern und Gezwitscher der bunten Vogelschar wurde sehr nachdrücklich eingefangen, was auch und gerade Tobias Reisige an der Bassblockflöte zu verdanken war.

Nachfolgend trat dann Alex Morsey auf, nicht am Kontrabass, nicht an der Tuba, nicht am Sousafon, sondern mit der Guembri. Dieses Instrument aus Nordafrika hat in der sogenannten Gnawa-Musik, einer religiös-rituellen Musik aus dem Ghana-Reich, eine besondere Bedeutung. Wer schon einmal von Mahjid Bekkas gehört hat, der hat Gnawa-Musik mit Jazzanklängen auf der Guembri erlebt. Bei dem Instrument handelt es sich um einen mit Ziegenleder bespannten, rechteckigen Korpus mit kurzschwingenden Darmsaiten, die nur am oberen Hals gespielt werden können. Alex Morsey präsentierte nun keine Gnawa-Musik, aber ließ seinen Fingern freien Lauf und die Saitenklänge bildeten mit seiner Stimme eine Einheit. Dabei griff er auch auf sogenanntes Obertonsingen zurück, was nicht in Nordafrika, sondern in der Mongolei seine Wiege hat. Cross-over war also angesagt. Dass man aber auch einen Mingus-Titel auf der Guembri umsetzen kann, unterstrich Alex Morsey ebenso. Doch das gelang erst, als der Kontrabassist aus Essen sich auch stimmlich auf „Better get it in your soul“ einstellte. Limits, so Morsey, hat eine Guembri, denn sie beruht auf Oktav-Pentatonik. Doch als exotischer Klangtupfer war dieses Instrument durchaus eine Bereicherung der versammelten Tieftöner.

Wie das Zusammengehen von Bass- und Kontrabassklarinette und Kontrabass funktioniert und welche Klangelemente sich daraus entwickeln, stellten Florian Walter und Stefan Werni dem Publikum vor. Florian Walter spielte dabei seine Instrumente so, als würde er ein Didgeridoo zum Schwirren, Krächzen, Schreien, Klagen, Wimmern und Grunzen bekommen. Tonfolgen schwellten an und wieder ab. Es gab außerdem ein Trällern und einige schrille „Obertöne“ zu hören. Bisweilen vermeinte man, Bärrbärr und Häschrähschrä zu vernehmen. Inspiriert durch Kurzgeschichten von Phillip K. Dicks war dann das gemeinsam mit Stefan Werni vorgetragene Stück „The Wob“. Dabei geht es in dieser philosophisch angehauchten Science-Fiction-Kurzgeschichte um ein Weltraumschwein, das sich nicht von einer Weltraumbesatzung fangen und aufessen lassen wollte.

Premiere hatte das E-Kontraschaf, das zum Klingen zu bringen war, indem man sein Fell streichelte. Unter diesem befinden sich Sensoren, die wiederum über eine Steuerungsprogrammierung „Roboter“ aktivierten, die die auf der Orgel befindlichen Tasten und Pedale spielten, abhängig davon, welche Fellteile gestreichelt wurden. So wurde dann Musik auch eine Frage von Kuscheln und Anfassen.

Im weiteren Verlauf der Veranstaltungen stellten die am Tieftonorchester beteiligten Musiker ihre unterschiedlich ausgeformten Tieftöner vor, so Alex Morsey das von Jean P. Sousa für berittene Musikkapellen entwickelte, über der Schulter zu tragende Sousafon und das sogenannte Tubulum, ein Musikinstrument aus Plastikrohren aus dem Baumarkt, das im Rahmen des Unterrichts an einer örtlichen Gesamtschule konzipiert und nun erstmals öffentlich zum Klingen gebracht wurde.

Christoph Berndt, der mit seinem mächtigen Basssaxofon durch die Kirche schritt, während er, tieftönig und viel Tröttröttrött sowie markanten Schnalzlauten spielte, entführte die Zuhörer kurz in die Biografie von Adolphe Sax, dem aus Dinant stammenden Erfinder des Saxofons. Bevor Berndt jedoch nachfolgend spielte, füllte er ein wenig Wasser in sein Instrument ein. Das diente nicht dem verbesserten Spiel, sondern zum Erzeugen von erwünschten Klangfarben.

Ein besonderer Hingucker war dann der Auftritt von Stephan Froleyks, der an die Ventile seiner Tube drei riesige Metalltrichter unterschiedlicher Größe anbaute und dann loslegte. Man hörte ein Seufzen, ein Röcheln, ein Röhren, ein Tututut, ein Rhmrhmrhm und ein Dödödödö sowie Pffpff. Die Zeit der kurzen Kostproben des musikalischen Könnens der beteiligten Musiker und deren musikalischer Konzepte verging wie im Flug.

Abends dann bespielte das gesamte Ensemble von zwölf Musikern den Kirchenraum. Auch die Orgel kam dabei zum Einsatz, wenn auch Roboter diesmal nicht ihre Hände mit ihm Spiel hatten, sondern Simon Rummel. Das Kontraschaf „bewegte“ nicht die Manuale und Pedale der Kirchenorgel aus den 1950er Jahren, sondern ein „Hybrid“ aus E-Piano und Synthesizer. Von der Empore wehten Orgelklänge zu den Hörern im Kirchenraum hinüber. Wurden da die Register für Flöten oder Dolce gezogen? Während dessen war es im Zuschauerraum mucksmäuschenstill. Anschließend schien ein Inferno den Kirchenraum akustisch lodern zu lassen. Es zirpte, quietschte, trötete, trällerte, brummte …; es folgte ein Moment der Stille.

Waren da Anleihen an Marschrhythmen vorhanden, die Florian Walter nachfolgend auf der Bassklarinette verbreitete? Ja, das überraschte die aufmerksamen Zuhörer. Das Tubulum durfte sich zu Wort melden und wurde von Alex Morsey auch als Schlagwerk benutzt, ehe dann noch Tonales aus dem „elektronischen Wunderkasten“ von Achim Zepezauer beigesteuert wurde. Missgelaunt klang derweil der Bass in den Händen von Joscha Oetz.

Oh, nun gab es auch noch sakrale Klanganmutungen, als Christoph Berndt und Florian Walter nebst Michael Heupel die musikalische Regie führten. Konzertant wurde es, als Federico Aluffi seinem Fagott beinah zerbrechliche Töne entlockte.

Irgendwie schien an diesem Abend die Musik im Fluss von Cantus zu Cantus, von Solo zum Duett sowie zum Tutti. Zwischenzeitlich war auch scheinbar Tanzbares im Kirchenraum präsent, oder?

Ein Dramaturgiewechsel fand zudem statt: Christoph Berndt blies auf seinem Basssaxofon zum Sturm. Andere Tieftöner, wie die drei Bässe, bildeten für eine Weile eine Einheit, ehe dann Alex Morsey sein Sousafon schulterte und zum Eingang der Kirche wechselte. Unerwartet erschallte das Crescendo des Sousafons, das den Kirchenraum in seiner Gänze beschallte.

Beim Stück von Florian Walter – Arbeitstitel „Zebra“– ging es um Interferenzen und Interaktionen, die allerdings nicht sehr offensichtlich waren. In Erinnerung geblieben ist allerdings ein sehr schönes Solo von Tobias Riesige auf der mannsgroßen Paetzoldflöte. Dieses Solo leitete in ein Duett mit Michael Heupel über, der auf seiner Querflöte Töne hervorzauberte, die ab und an so klangen, als würde eine Putara von einem Maori gespielt werden.

Nach der Pause wurde Adriano Celentano gehuldigt, dank sei einer Komposition von Alex Morsey, der auch für den „Falschen Mops“ und den Auftritt von Flaschenorgelspielern verantwortlich war. Spätestens da hatte man den Eindruck, dass neue und freie Musik auch einen zirzensischen Charakter besitzt. Bei „Peace“ befasste sich das Ensemble mit Ornette Coleman, ehe dann mit „Politican“, auch die legendäre Band Cream ein Revival feierte, allerdings ohne Jack Bruce, Ginger Baker und Eric Clapton.

Man darf den Machern wünschen, dass auch im nächsten Jahr ein Platzhirschfestival stattfinden kann. Allerdings sollten die Beteiligten sich überlegen, nun nicht gerade Rockmusik auf dem Dellplatz zu präsentieren, wenn in der Kirche nebenan unplugged gespielt wird, wie dies beim Konzert des Tieftonorchesters der Fall war. Denn die Schallwellen vom Dellplatz überlagerten die improvisierten Klänge im Kircheninneren doch teilweise sehr störend.

Text und Fotos © ferdinand dupuis-panther

Informationen

Platzhirsch Festival
http://platzhirsch-duisburg.de/

Erfinder des Kontraschafs und Co-Moderator der Veranstaltung

Wolfram Lakaszus
http://www.strange-things.org

Musiker

Jens Düppe
http://www.jensdueppe.de

Florian Walter
http://www.florianwalter.yolasite.com/cds.php

Alex Morsey
http://www.jazzhalo.be/interviews/alex-morsey-interview-mit-dem-bassisten/

Stephan Froleyks
http://www.stephan-froleyks.de/

Michael Heupel


Joscha Oetz
http://www.joschaoetz.com/tourdaten-und-gigs/

Tobias Reisige
http://www.tobiasreisige.de/




Simon Rummel
http://www.simonrummel.de/

Stefan Werni
https://www.reverbnation.com/stefanwernibassist
http://www.skweed.de/tag/stefan-werni/


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