Nachlese #1: Jasper van t'Hof - 70 Jahre und kein bisschen leise

Im Sommer war Jasper van't Hof mit Pili Pili in Detmold zu hören, nun im Herbst in St. Wendel mit Tony Lakatos. Allerdings war die Bühneninszenierung etwas unglücklich, denn der Aufbau für die hr-Big Band verstellte durch Saal- und andere Bühnentechnik bisweilen den Blick auf das kongeniale Duo, das den zweiten Tag der Jazztage eröffnete.

Anlässlich des runden Geburtstags und des 50-jährigen Bühnenjubiläums van't Hofs wurde von Jaro-Medien eine Box mit vier CDs auf den Markt gebracht, in limitierter Auflage und mit einer umfänglichen Biografie als Begleitbuch. Über diese Veröffentlichung schrieb der Berichterstatter u. a. : „Nunmehr kann man dank einer Box mit vier CDs und einem Booklet mit der Biografie Jasper Van't Hofs der einzigartigen Karriere des Pianisten und Organisten aus Enschede folgen. Was hier vorliegt, ist zugleich ein Stück europäischer Jazzgeschichte, obgleich sich van't Hof stets auch in der amerikanischen Jazztradition sah. Schon allein wegen der umfänglichen Biografie, die der Box mit vier CDs beiliegt, lohnt es sich diese „Jubiläumsbox“ zu erwerben. Angesichts der geringen Auflage ist diese Box zugleich auch ein begehrtes Sammlerobjekt!“


Vor ausverkauftem Haus spielten Jasper van't Hof und Tony Lakatos zu Beginn „As well“ und „Drei vor“. Bei den Ansagen zu den Stücken konnte sich der gut aufgelegte, mit einer Portion Humor gesegnete Pianist van't Hof, der aus Enschede stammt und nun in Deventer beheimatet ist, einen Seitenhieb auf die anwesenden Journalisten nicht verkneifen. Die Titel seien für ihn und auch das Publikum eigentlich nicht so interessant. Das interessiere eigentlich nur die Journalisten. Einige Lacher aus dem Publikum waren Jasper van't Hof gewiss.

Zum Programm gehörten aber auch Kompositionen wie „Caresses“ - entstanden anlässlich der Geburt eines Enkels - und „Quiet American“, zurückgehend auf die Lektüre eines Buches von Graham Greene. Was es allerdings für eine Bewandtnis mit „Nude“ hat, das wurde jedoch nicht verraten. Dass es sich bei „The way she looks“ um ein Liebeslied handelt, ließ van't Hof durchblicken und erinnerte daran, dass wohl jeder mal der großen Liebe nachgetrauert habe. Nach dem „Tanz auf dem Wasser“ war das Konzert eigentlich vorüber, aber die beiden Musiker kamen nach lang anhaltendem Applaus auf die Bühne zurück und servierten ein musikalisches „Dinner for two“, eine gelungene Abrundung des musikalischen Duetts.


Faszinierend war es, den beiden Musikern zuzuhören, die sich stets die Bälle zuspielten, sich gegenseitig Raum zur Entfaltung einräumten, aber auch eng harmonierten. Teilweise war das Spiel auf den Tasten furios, entfesselt, explodierend, aufgeheizt und aufgeladen. Man vernahm Klangkaskaden und Klangstrudel, kristalline Formen, rinnende Bäche und tosende Wasserfälle. Fließendes vereinte sich mit Sprunghaftem. Rollende Bassformen trafen auf spitzen Diskant. Zwiegespräche entwickelten sich organisch-spielerisch. Dabei schien Jasper van't Hof auch provozierend zu agieren, forderte Tony Lakatos heraus, stachelte ihn an, wartete auf Resonanz.

Zumindest in den vorderen Reihen konnte man hören, dass van't Hof sein Tastenspiel stimmlich begleitete. Eigentlich kennt man das nur von Bassisten, die beinahe selbstvergessen ihre Finger über die vier Saiten ihres bauchigen Tieftöners gleiten lassen und dazu mitsummen, mitbrummen, bisweilen auch ein gehemmtes Scat Vocal vernehmen lassen. Nun aber erlebten die Anwesenden das bei einem Pianisten, der gelegentlich auch mal von seinem Stuhl aufsprang und zum Teil wie ein Berserker auf die Tasten des Grand Pianos einschlug. Jazz wurde zur Körperarbeit. Entäußerungen als Teil von Jazz waren nicht zu übersehen und zu überhören. Dynamik war im Spiel.


Neben hochenergetischen Klangsequenzen gab das Duo auch eher romantische Passagen zum Besten, verstieg sich hier und da ins Lyrische. Dahinfließen und Schweben wurden wie in „Drei vor“ musikalisch zelebriert. Beim Zuhören hatte man das Bild von Ballerinas vor Augen, die Pirouetten aufs Parkett hinlegten. Lyrisches wurde allerdings im Verlauf durch Dramatik abgelöst, ehe dann Tony Lakatos sanfte lineare Strukturen und weich geschwungene Bögen auf dem Saxofon zum Besten gab. Alles schien da im Fluss, bis zu dem Punkt, an dem das Saxofon zur reinen Windmaschine wurde. Und das war kurz vor Ende des Stücks.

Bei „Caresses“ überkam den Zuhörer der Eindruck, es tue sich eine unendliche Weite auf, ehe dramatische Wellen den Saalbau von St. Wendel erfüllten. Losgelöst und beschwingt erschien „Nude“ und man musste an Rik Wouters Tänzerin denken, die völlig enthemmt und beinahe schwerelos durchs Leben springt. Zu sehen ist diese Skulptur des bekannten belgischen Künstlers im Antwerpener Park Middelheim. Ob Jasper van't Hof ein solches Bild beim Komponieren von „Nude“ vor Augen hatte, müsste man ihn fragen.


Assoziationen an die Schlager der 50er Jahre und an eine Fahrt im Kettenkarussell konnten bei „Nude“ auch aufkommen. Pure Lebensfreude schien in diese Komposition ohne Frage eingeflossen zu sein.

Bisweilen übernahm Jasper van't Hof die rhythmische Strukturierung, derweil Tony Lakatos eine weiche Melodielinie zeichnete. Doch diese Rollenzuschreibungen blieben temporär, waren im Fluss, wie das gesamte Spiel des Duos.


Mitreißend und ein wenig rockig kam „Dance on Water“ daher. Eigentlich wartete man nur auf jaulende Gitarren von Eric Clapton oder Alvin Lee. Stattdessen sorgte das Tenorsaxofon, das Tony Lakatos brillant spielte, für erdige Grooves. Balladenhaftes war außerdem zu hören und auch der Geist von „West Side Story“schien durch den Saalbau zu streichen. Erahnen konnte man angesichts dieser Komposition obendrein, wo die Wurzeln des Rock'n Roll liegen, oder?

Übrigens, kurz vor Weihnachten wird Japser van't Hof mit dem belgischen Gitarristen Philip Catherine in Krefeld zu hören sein. Sicherlich ein erlebnisreicher Ohrenschmaus.


Text und Fotos: © ferdinand dupuis-panther, 09/2017


Informationen

Jasper van‘t Hof und Tony Lakatos
http://www.jaspervanthof.com
http://www.tonylakatos.com


CD reviews

http://www.jazzhalo.be/reviews/cdlp-reviews/j/jasper-vant-hof-on-the-move-live-at-theater-guetersloh/
http://www.jazzhalo.be/reviews/cdlp-reviews/j/jasper-vant-hof-jazz-because/
http://www.jazzhalo.be/reviews/cdlp-reviews/a/andreas-hertel-trio-keepin-the-spirit/
http://www.jazzhalo.be/reviews/cdlp-reviews/j/jasper-van-t-hoftony-lakatos-go-with-the-wind/
http://www.jazzhalo.be/reviews/cdlp-reviews/t/tony-lakatos-standard-time/


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