Ein gewisser Mister Clean war auch mit dabei: Klaus Bensen & Christian Fuchs trafen Martin Schulte, Münster-Hiltrup, 7. Juni 2017

Der Bassist Klaus Bensen und der Drummer Christian Fuchs stellten in der Reihe „Jazz in Concert“ das erste Mal einen virtuosen Gitarristen vor: den in Köln beheimateten Martin Schulte! „Er ist einer der gefragtesten Gitarristen der Jazzszene zwischen Rhein und Ruhr. Dabei gilt er als „meisterhafter Instrumentalist“ (Westdeutsche Zeitung), der sich mit Leichtigkeit und Prägnanz in den Schnittstellen verschiedener Jazzstilistiken bewegt.“ So hieß es in der Vorankündigung des Konzerts, das restlos ausverkauft war. Selbst die Empore war bestuhlt und bis auf den letzten Platz gefüllt.


Münster und Jazz

Martin Schulte hat ein Studium an der renommierten Musikhochschule für Jazz in Köln absolviert und wurde zudem von diversen Jazzgrößen wie z. B. John Abercrombie und Peter Bernstein unterrichtet. Er spielt in verschiedenen Formationen, hat ein eigenes Jazzquartett und bereits drei eigene Alben veröffentlicht.

Dass sich Münster und Jazz nicht allein mit dem Internationalen Jazzfestival gleichsetzen lassen, merkte man als aufmerksamer Beobachter der Jazzszene im Münsterland bei diesem Konzertabend im Kulturbahnhof erneut. Es ist eine der Spielstätten der „gepflegten Unterhaltungsmusik“, zu denen das Lackmuseum ebenso zu rechnen ist wie die Black Box im cuba. Gewiss, die Altersmischung hätte eine andere sein können, aber hier und da sah man sie, die Generation Ü25. Na bitte, Jazz schien zumindest an diesem Abend keine reine „Herzensangelegenheit“ der „Good Agers“ zu sein! Das lässt hoffen.


Wie tief ist das Meer?


„How much do I love you? / I'll tell you no lie / How deep is the ocean? /How high is the sky?“ Das sind Zeilen aus der Komposition von Irving Berlin namens „How deep is the ocean“. Mit dieser Frage eröffnete das Trio den Konzertabend. Während das Original noch als schmachtendes Liebeslied daherkommt, wenn Peggy Lee zu hören ist, bot die Instrumentierung mit Bass, Drums und Gitarre ganz andere Hörfarben, die musikalisch gemischt wurden.

Versprochen hatte Klaus Bensen zuvor einen Abend, bei der der Jazz zur Linderung des einen oder anderen Wehwehchens beitragen sollte. Martin Schultes Schulter schmerzte, Klaus Bensen kämpfe mit Schnupfen und Christian Fuchs plagte akuter Schlafmangel. Doch das hielt das Dreigespann nicht davon ab, mitreißende Arrangements zu präsentieren, die die jeweiligen Themen der Originale noch aufblitzen ließen, aber ansonsten der eigenen Spielfreudigkeit ausgeliefert waren. In einem Zusatz betonte Martin Schulte, dass es ja gang und gäbe sei, eigene Kompositionen auf Konzerten zu spielen, auch wenn man sich nur für dieses zusammengefunden habe. Er habe aber für sich den Weg zu den Wurzeln, zum American Songbook, wieder entdeckt, das jeder, der Jazzmusiker werden wolle, während des Studiums in- und auswendig kennenlerne.


Also stand am Anfang besagte Komposition von Irving Berlin. Kein bisschen Revueanmutung oder Swing war zu verspüren, als die ersten Töne zu hören waren. Kenner vermissten dabei auch nicht, dass auf Vocals verzichtet wurde und auch Etta James und Ella Fitzgerald – beide haben den Song interpretiert – nicht zu hören waren. Nein, die sehr spielfreudigen drei Musiker des Abends im Kulturbahnhof ließen sich auch nicht zu einer balladenhaften Interpretation verleiten, wie es Etta James getan hatte. An einem überaus frischen Juniabend, bei dem die Sonne noch lange nicht untergegangen war, wehte musikalisch eine sommerliche Brise durch den Kulturbahnhof.
Martin Schulte ließ dabei den Eindruck entstehen, er fange mit seinem Spiel im Wind tanzende Lenkdrachen ein. Unterfüttert wurde das quirlige Fingerspiel des Gitarristen durch ein dezentes Bassspiel, das sich nie aufdrängte, sondern eher Momente des Dialogs suchte. Gewiss kam dem Berichterstatter auch kurz in den Sinn, das Spiel von Martin Schulte in Beziehung zu den Giganten der Jazzgitarre von Jim Hall bis Atilla Zoller oder Wes Montgomery zu setzen. Doch solche Vergleiche pflegen zu hinken, wenn auch klar ist, dass kein Jazzmusiker von heute ohne diese „Vorväter des Jazz“ denkbar wäre. Das Rad des Jazz wird nicht neu erfunden, aber stets das Wie, sprich die Arrangements, die Variationen, die Improvisationslinien. Beim Bass-Solo hatte man nicht den Eindruck Klaus Bensen würde nur das tieftönig wiederholen, was Martin Schulte vorgegeben hatte. Nein ein eigener musikalischer Faden wurde gesponnen, begleitet von einem Schlagzeuger, der sein Snare und Hi-Hat „zart streichelte“. Wie gesagt Swing und Balladenhaftes gab es nicht zu hören, dafür aber überaus farbige Klangkaskaden, dank auch und besonders an Martin Schulte.


Nach Irving Berlin stand dann Thelonious Monk auf dem Programm, als „In Walked Bud“ erklang und nach den ersten Noten schon klar wurde, dass Monk mit seiner ganz spezifischen Akkordfolge mit im Raum war, auch wenn das Dreigespann eben ganz anders instrumental besetzt war wie bei Monks Einspielung des Titels von 1958 mit einem Quartett: Drummer Roy Haynes, Bassist Ahmed Abdul-Malik und Tenorsaxofonist Johnny Griffin. Den Part des Tenorsaxofons übernahm weitgehend Martin Schulte, der ähnlich wie Johnny Griffin sich losgelöst und in Schwebezustand zeigte, so als lasse er sich von einem lauen Lüftlein einer Sommernacht umwehen. Martin Schulte gehörte ganz klar die melodiöse Linienführung, vergleichbar mit Johnny Griffin in der „historischen Einspielung“ auf dem Album misterioso. Auch in diesem Stück war eine intensive Interaktion der drei Musiker zu bemerken. Blicke wurden getauscht, kaum wahrnehmbar, auch um den Staffelstab weiterzugeben, ein Basssolo einzuleiten oder ein Intermezzo des Schlagwerks.


Alles oder nichts


Mit ein wenig südamerikanischem Flair und Up Tempo kam „All or nothing at all“ daher, obgleich wir mit diesem Song gedanklich in das Jahr 1939 reisten, als Frank Sinatra ihn zu einem Hit machte. Wenn überhaupt, dann orientierte sich der Vortrag von Bensen, Fuchs und Schulte an der Version des Trios von John Coltrane, der am Tenorsaxofon zu hören ist, an seiner Seite der Pianist McCoy Tyner und der Bassist Jimmy Garrison. Dass auf ein ausgiebigeres Schlagzeugsolo an diesem Abend nicht verzichtet werden musste, war dem besonderen Arrangement zu verdanken, das zu hören war. Da flogen die Stöcke über die Toms, schwirrten die Bleche und brummte die Basstrommel. Nach einem Zwischenspiel mit „Darn That Dream“ – dem einen oder anderen vielleicht durch Billy Holiday oder Sarah Vaughan bekannt – betrat in Gedanken nochmals der kauzige Thelonious Monk die Bühne, der bei seiner Bühnenpräsenz immer neue Hüte und Mützen vorzuführen beliebte. Der graue Anzug, weißes Hemd und Schlips waren eh Pflicht bei den Bebopern der 1950er Jahre. Darauf hatten Bensen, Schulte, Fuchs verzichtet, auch wenn Martin Schulte und Klaus Bensen sich ein schwarzes Oberhemd angezogen hatten, während Christian Fuchs Karo in Blau bevorzugte. Das war aber wirklich Nebensache, denn es kam ja auf die Musik an!

Unter anderem „A Go Go“

„Rhythm A Ning“ stand auf dem Programm. Nach drei bzw. vier Noten war klar, der Komponist konnte nur Monk sein. Ja, da war er mit seinem typischen „Plink, Plonk, Monk“, wenn auch nicht am schwarz-weißen Tastenmöbel, sondern auf der Gitarre. Dabei spielte Martin Schulte weitgehend den Part des Tenorsaxofonisten in der Monk'schen Quartettbesetzung. Immer wieder trat das Thema mit wenigen Akkorden auf, dazwischen Paraphrasierungen vom Feinsten. Dabei schien sich das Thema in wilden Klangkaskaden zu verflüchtigen.

Dass Jazz auch ein sehr modernes Gesicht besitzt, unterstrichen das Dreigespann des Abends unter anderem mit John Scofields „A Go Go“ und Freddy Hubbards „Mr. Clean“, auf Deutsch „Meister Proper“, wie Klaus Bensen bei der Songvorstellung ein wenig launig anmerkte.


Lauschte man mit geschlossenen Augen „A Go Go“, so konnte sich der eine oder andere in der Fantasie den Flug der Kraniche vorstellen oder dachte an den weichen, schwebenden Klang von „Albatros“ (Fleetwood Mac). Wellenförmig entwickelte sich der Song. Tatsächlich vermeinte man, das Hin und Her von Wellen zu vernehmen, eine stete Bewegung, auch zwischen Bass und Gitarre. Das Bild von kreisenden Seevögeln über den Wellenkämmen war dann nur noch eine Frage der losgelösten Vorstellungskraft.

Der Trompeter und Flügelhornist Hubbard hatte „Herr Saubermann“ 1970 eingespielt. Auf dem Album „Straight Life“ sind unter anderem Joe Henderson (sax), George Benson (guitar), Herbie Hancock (keys), Ron Carter (bass), Jack DeJohnette (drums) und Richard "Pablo" Landrum (percussion) zu hören. Da groovt es gewaltig. Soul und Funk sind auch mit im Spiel. Angesichts der genannten Besetzung hatten sich Bensen, Fuchs und Schulte schon etwas vorgenommen. Wie sollten sie vor allem die herausragenden Solos von Hubbard an der Trompete und Henderson am Saxofon einfangen, bei sehr reduzierter Instrumentierung? Vielleicht mit Samplings und Effekten? Auf beides wurde verzichtet – und das war eine Wohltat.


Mit Meister Proper in die Dämmerung


In der nun einsetzenden Dämmerung rockte es im Kulturbahnhof ganz gewaltig. Dazu trug auch Klaus Bensen bei, der statt des akustischen den elektrischen Bass bediente. Bevor er das tat, verwies er darauf, dass auch Marcus Miller den Song interpretiert habe. „Auch kein schlechter Bassist“, so der schelmische Nachsatz. Lauschte man der E-Gitarre von Martin Schulte, der sich dem Themenfluss und der wesentlichen Klanglinien verschrieb, dabei gleichsam die Rolle von Hubbard und auch Hancock, vor allem aber Benson einnehmend, so meinte man, dass Jazz-Rock-Formationen wie Spyra Gyra oder Rockbands wie Deep Purple ihm dabei über die Schulter schauten. Klaus Bensen ließ die Saiten schnurren, schnalzen und schwingen, ähnlich wie Marcus Miller bei seinem „Meister Proper“! Das war wirklich großes Kino und zeigte auch die Berührungspunkte von Jazz und Rock in den 1970er Jahren, als Miles Davis die Nähe zu Jimi Hendrix suchte! Eine Fußnote der Jazzgeschichte und Gegenwart zugleich. Davon konnte sich jeder im Kulturbahnhof überzeugen.



Nicht „A Love Supreme“, aber ...

Einer weiteren Legende in der Geschichte des Jazz und einem Vertreter des Modern Jazz, dem Saxofonisten John Coltrane, ist nicht nur das sehr bekannte „A Love Supreme“ zu verdanken, sondern auch das eher lyrisch gesetzte „Naima“, das an diesem Abend im Kulturbahnhof ebenso zu hören war wie „The Jody Grind“, 1966 vom Horace Silver 5tet eingespielt, sehr groovy und schon mit Funkanmutungen, aber damals sehr wenig von der Fachwelt geschätzt. Mit „Hottentot“ gab sich im übertragenen Sinne nochmals John Scofield die Ehre, ehe der Abend dann mit „I will be there“ ausklang.


Fotos und Text: © ferdinand dupuis-panther

Informationen

Venue
https://www.kulturbahnhof-hiltrup.de

Musiker
Martin Schulte
http://www.martinschulte.com

CD-Review
http://www.jazzhalo.be/reviews/cd-reviews/m/martin-schulte-4tet-feat-frederik-koester-walking-distance/

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