Cuba Black Box: b e r n 3 c h e r t, Münster 13. April 2018

Unterwegs auf Butterfahrten und ...



Bernd Reichert
(Klavier und Komposition) ist seit vielen Jahren in der Jazzszene aktiv und befasst sich unter anderem mit brasilianischer Jazz- und Popularmusik, wie man sich an dem Konzertabend in der Black Box – sie war restlos ausverkauft – überzeugen konnte, wenn auch in seinen vorgetragenen Kompositionen das ausgeprägt Lyrische überwog. Dabei war die Fülle der Songs, die die Anwesenden erlebten, zunächst überraschend, ist Jazz doch genau die „Musik von Zipp und Zapp“, von variantenreichem Spiel, von ausladenden Improvisationen und rotierenden Solos, also eine Musik, die sich nicht in 2:30 Minuten pressen lässt.


Doch all das war nicht die Sache von Bernd Reichert und seinen beiden Begleitern. Dazu gehörte der klassisch ausgebildete Stefan Herkenrath am Kontrabass. Dieser hatte lange Zeit bei Münsters Kult-A-Capella-Gruppe „Scream“ and „Shout“ mitgesungen sowie zuletzt Kontrabass beim „mr. conehead trio“ gespielt. An der „Schießbude“ agierte mit überwiegend zurückhaltendem Besengewische und schlagfertigen Schlägeln Lothar Wantia, dem auch einige Songs des Abends zu verdanken waren. Wantia war als Schlagzeuger u. a. schon mit dem Theo Bleckmann Quartett und Karin Zimny / Herbie Klinger Quartett zu hören.


Grooviges war angekündigt

In der Ankündigung des Abends las man: „Die Musiker des Trios mit westfälisch-schwäbischer Herkunft spielen Jazz auf Klavier, Bass und Schlagzeug. Mit groovigen Stücken, sehr sentimentalen Balladen und Presto-Nummern widmen sich bern3eichert der Kunst des Trio-Spiels in einer zeitgenössischen Form. Bezüge zu noch lebenden Musikern sind dabei weder zufällig noch unbeabsichtigt. Die Kompositionen von Bernd Reichert bilden den Ausgangspunkt für intensives Zusammenspiel und improvisatorische Ausflüge von hoher Dichte – immer im Dienste der Musik.“


Letzteres bewahrheitete sich m. E. nicht. Das vorgegebene musikalische Korsett wurde kaum abgestreift. Selten waren Solopassagen zu vernehmen. Zu kurz schienen mir die Songs, als dass die einzelnen Musiker zur freien Entfaltung hätten kommen können. Bisweilen wartete man auf die Fortsetzung des einen oder anderen Songs, der dann allerdings überraschend zu Ende geführt wurde. Ausschweifungen waren nicht angezeigt. Melodielinien schienen weitgehend vorbestimmt, durchaus auch ins Liedhafte gehend, ab und an auch ins Feld der Popularmusik abschweifend. Mitsummen war in einigen Passagen durchaus möglich, gingen doch einzelne Passage in Richtung eines Ohrwurms. Beim letzten Stück des ersten Sets, genannt „hupf'n“ schien ein Schuss Folklore und Gassenhauer eingewoben worden zu sein.


Auch Harry Pepl war zu hören


Diese wie auch die meisten anderen Kompositionen, die am Freitagabend in der Black Box zu hören waren, entstammten der Feder von Bernd Reichert. Mit „Love, Air & Vitamines“ stand lediglich ein Fremdtitel, in diesem Fall von Harry Pepl geschrieben, auf dem Programmzettel. Harry Pepl war ein österreichischer Gitarrist und Komponist, der mit Benny Goodman, Dave Holland, Dino Saluzzi sowie Michel Portal zusammengearbeitet hatte und zudem ordentlicher Professor an der Grazer Universität für Musik und darstellende Kunst war.


Beschauliche Butterfahrten und mehr

Mit „Dan – Dan – Dao“ wurde der Konzertabend eröffnet, ehe dann musikalisch sehr beschauliche „Butterfahrten“ unternommen wurden. Behutsam agierte Lothar Wantia mit seinen Besen auf den Blechen und Fellen. „Hopsende Flügelpassagen“ waren im ersten Stück eingebunden, vor allem aber schien das Lyrische im Fokus zu stehen. Es gab zudem Momente des Vortrags, in denen man an ausgelassene Kinder denken musste, die Treppenstufen springend überwinden. Ansätze von tonalen Kaskaden drangen außerdem ans Ohr der Zuhörer. Folgte man den Linien und Konturen der „Butterfahrten“, so meinte man, man würde einen im Flachwasser dümpelnden Angelkahn vor sich sehen. So richtig in Eile schien niemand zu sein. Eher musste man musikalisch an einen Schlingerkurs eines langsam dahingleitenden Schiffes denken, das vielfach die Richtung wechselt. Mal ging es nach links, mal nach rechts, so suggerierte es zumindest das Tastenspiel von Bernd Reichert.


Hi-Hat und großes Becken schwirrten und flirrten zu Beginn des nachfolgenden Stücks aus der Feder von Lothar Wantia. Dieser tätschelte die Bleche auch während der perlenden Passagen, die Bernd Reichert zu verdanken waren. Im Duktus unterschied sich Wantias Komposition nicht von den vorherigen Stücken. Das sehr verhaltene Drumming traf auf stufige Bassfolgen und dahinschwebende Sequenzen auf den weißen und schwarzen Tasten. Hier und da war das nicht frei von „tänzelnden Anmutungen“.

Melancholisch gestimmt, jedenfalls hier und da, war der Song „gegen 40“, der so Reichert unterdessen „gegen 60“ heißen müsste. Diese Komposition war nämlich bereits vor 20 Jahren entstanden. Auffällig war nicht nur bei diesem Song, dass der Bassist sehr, sehr hintergründig agierte. Man hatte nicht den Eindruck, dass der Tieftöner auch mal eine tragende Rolle einnehmen könnte. Dass in dieser Komposition auch Liedguthaftes aufzuspüren war, sei an dieser Stelle noch angemerkt.


Bei der Interpretation von Harry Pepls Komposition übernahm der Bassist wenigstens in Ansätzen die Initiative, verließ dessen Linke auch mal den Basshals und wagte sich in die „Niederungen“ des Bauches seines Tieftöners. Folgte man der Melodielinie, so überkam den Zuhörer der Eindruck, dass ein Singer/Songwriter das Stück geschrieben haben könnte.


Ein Flug mit „Tante Ju“

Weiter ging es mit einem Flug in der „Tante Ju“. War da nicht ein stotternder Motor zu vernehmen? Schritt für Schritt schien dieser Oldtimer in Fahrt zu kommen, so suggerierte es das Schlagwerk. Aber das Röhren des Rotors vernahm man nicht.


Wie im ersten Set so schienen die Titel der Songs des zweiten Sets nicht wirklich Bilder zur Musik entstehen zu lassen. Das galt m. E. vor allem für „Pressluft“. Bei „Bags of Time“ konnte man den Uhrschlag erahnen, also eine Brücke zwischen Songtitel und Melodielinie sowie Duktus schlagen. Auch mit südamerikanischen Rhythmen wurden die Anwesenden im zweiten Set konfrontiert, ehe es auf die zweiten Butterfahrten hinaus auf die Ostsee ging – bildlich gesprochen. Mit „tanzenden Badelatschen“ – der Song hieß „Flip-Flop“ - endete der Konzertabend. Die, die gekommen waren, spendeten lang anhaltenden herzlichen Applaus. Reichert und Co. hatten den Geschmack des Publikums getroffen, so hatte es den Eindruck.


Text und Fotos. © ferdinand dupuis-panther / text und Fotos are not public commons or public domains!


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